Australien

Busfahren in Australien: Die Tyrannei der Distanz

Stress an der Küste, Zen im Outback: Je dichter das Land besiedelt ist, umso nerviger wird der Job. Doch am stärksten setzt beim Busfahren in Australien die Entfernung zu.

Australien ist das Land der riesigen Distanzen: Mehr als 4.000 Kilometer trennt Sydney vom tropischen Cairns. Zwischen Adelaide und Darwin liegt auf 3.000 Kilometern als einzige bedeutende Siedlung das Outback-Städtchen Alice Springs. In ländlichen Regionen leben die Menschen oft hunderte Kilometer vom nächsten Pub oder Supermarkt entfernt. Australier klagen daher gerne über die Tyrannei der Distanz.

„Je weiter man sich von der Küste entfernt, desto stärker ist sie zu spüren“, sagt Gordon Smith, nimmt einen Schluck Wasser und späht im Dämmerlicht nach Kängurus, die jetzt aktiv werden und über die Fahrbahn hüpfen. Im Gang flimmert ein Hollywood-Blockbuster über den aufgehängten Monitor. Decken oder Schlafsäcke umhüllen die Passagiere, die ihren Sitz nach hinten gelegt haben und versuchen, unter dem engen Gurt eine bequeme Position zu finden.

Mit Tempo 90 steuert Brian seinen nagelneuen Volvo B13R-Reisebus durch die frühe Nacht. Kurvig ist die Straße, eine wahre Achterbahn zwischen den Klippen der Ostküste. Ganz anders ist sein Kollege Brian unterwegs: In der Nullarbor Plain geht es zwischen Süd- und Westaustralien 146,6 Kilometer immer nur schnurgerade geradeaus – das ist australischer Rekord!

Offroad im Reisebus

Asphaltiert ist nicht einmal die Hälfte des 810.000 Kilometer umfassenden öffentlichen Straßennetzes. Versiegelt sind nur 326.000 Kilometer. Diese geteerten Hauptstrecken verlaufen zumeist in den dicht besiedelten Küstenregionen und stellen die wichtigsten Überlandverbindungen dar. Besonders im Osten und in den Ballungsräumen sind sie dicht befahren und staugefährdet.

484.000 Kilometer indes verlaufen auf Pisten, wie der Alltag und die Natur sie schufen – als Schotterstrecke, Sandweg oder Strand, von jeder Flut nicht nur auf Fraser Island neu geschaffen. Die einsamen Routen im Landesinnern werden mehr oder minder regelmäßig planiert. Nach einem solchen „grading“ sind sie gut zu befahren. Solange es nicht geregnet hat… Dann verwandeln sich der „dirt track“ in ein Schlammbad – oder eine Wellblechpiste. Über den jeweiligen Straßenzustand informieren im Outback riesige Schilder entlang dieser Überlandstrecken.

Kontaktbörsen im Nirgendwo

Bis heute die einzige Direktverbindung vom Zentrum zum Nordwesten des Kontinents ist der Tanami (sprich: Tänamei)-Track. Mit durchschnittlich 20 Fahrzeugen pro Tage gehört die Wüstenroute zu den befahrensten Offroadpisten Australiens. Eine rote Staubwolke im Schlepptau, brettert ein „road train“ über den hart gefahrenen Sand, ein 48 m langer Megatruck mit 800 PS, 18 Achsen und 93.000 Liter Treibstoff als Ladung.

Einmal in Fahrt, hält er nur ungern – Kängurus, die über die Fahrbahn hüpfen, prallen gnadenlos gegen die riesigen Stoßfänger. Immer wieder liegt solch ein „road kill“ zwischen verbeulten Schrottautos, Bierdosen und bis zu drei Meter hohen Termitenhügeln, die den Fahrbahnrand säumen. Dahinter erstreckt sich grenzenlos die Einsamkeit des Outback: tiefrote Erde, harte grüne Büsche und Spinifex-Gras, das im Sonnenlicht silbrig leuchtet.

Erster Tankstopps entlang der Strecke ist nach 220 Kilometern das Tilmouth Wells Roadhouse, dessen Galerie die Kunst der örtlichen Warlpiri-Aborigines präsentiert. Besonders stolz sind Rae und Reg Paterson auf die Speisekarte ihres Rasthauses. Nicht nur Steaks und Burger, sondern auch bush tucker, Bushessen, von den Ureinwohnern der nahen Aborigines-Gemeinde gesammelt, kommt dort aus der Küche. Auf allen australischen Karten zu finden ist auch das Rabbit Flat Roadhouse. Der Bretterverschlag hinter hohen Büschen ist die einzige Versorgungsstation im Umkreis von 300 Kilometern.

Am 6. August 1975 verdoppelte sich schlagartig die Bevölkerung des Fleckens, als Jacqueline Farrands, die Frau des Betreibers, Zwillinge bekam. Heute betreibt das Quartett gemeinsam vier Tage pro Woche – Freitag bis Montag von 7 bis 19 Uhr – den wohl isoliertesten Outback-Pub Australiens. Über schlechte Geschäfte kann er dennoch nicht klagen. Nach einer Woche harter Arbeit setzt sich bis heute das Gros der Landbevölkerung in ihren Wagen und fährt, manchmal Hunderte von Kilometer, zu nächsten Pinte, um einmal unter Menschen zu sein und sich den Staub aus der Kehle zu spülen.

Luxusbusse zu Low-Cost-Tarifen

Geld in die Kassen spülen auch die Überlandlinien der Busse, die den fünften Kontinent überziehen. Neben dem Platzhirsch Greyhound Australia mit 213 Scania- und Volvo-Bussen, die auf dem fünften Kontinent mehr als 1.100 Ziele anfahren, gibt es unzählige regionale Anbieter, die sich vor allem an der dicht urbanisierten Ost- und Südostküste einen harten Konkurrenzkampf liefern – mit unverschämt niedrigen Tarifen und hohem Niveau bei Ausstattung und Angebot. Neu und blitzblank muss jeder Bus im Einsatz sein, mit höchst komfortablen Sitzen, WLAN am Platz, Fernsehen für alle und kostenfreiem kühlen Wasser.

Gefahren wird rund um die Uhr, alles zwei Stunden wird ein Toilettenstopp eingelegt, alle vier Stunden eine Kaffeepause, alle acht Stunden der Fahrer gewechselt. Für die Fahrer ist es selbstverständlich, in der Transport Workers Union of Australia (TWU) organisiert zu sein – in keinem anderen Land der Welt ist die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft so intensiv und akzeptiert wie in Down Under. Wurde einst meist für höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten gekämpft, sind heute auch „safety“ und „security“ ein Thema: die Sicherheit der Fahrer.

Wachsende Gewalt

Besonders in Queensland, wo täglich 9.000 Busse im Regionalverkehr im Einsatz sind, ist die wachsende Gewalt ein Thema – besonders im Urlaubsparadies Gold Coast, wo mit dem Palazzo Versace Australiens einziges Sechssternehaus zu finden ist. Fast 2500 Überfälle und Angriffe halten offizielle Zahlen für 2013 fest. Doch die Dunkelziffer ist mindestens zehn Prozent höher, sagt Queenslands TWU-Sprecher Peter Biagini und fordert ein neues Gesetz zum Schutz von Bus- und Taxifahrer. Unterstützt wird sein Anliegen von Brisbanes Oberbürgermeister Graham Quirk und einer Petition, auf der bereits 4000 Unterschriften stehen.

Mit der Kampagne „Better Buses“ ist die TWU ins Jahr 2014 gestartet. Auf Streiks wird dabei verzichtet. Der Hebel setzt anders an: Die Busfahrer fahren, arbeiten gegen Lohn, kassieren aber vom Fahrgast kein Fahrgeld – und produzieren so bei den betroffenen Unternehmen gleich doppelt einen wirtschaftlichen Schaden. Kampagnenschwerpunkt war der öffentliche Nahverkehr. Im Überlandverkehr sind die Fronten noch ruhig…

Schuld daran, meinte der Fahrer, mit dem ich mit Premier Motor Service (PMS) nachts von Cairns nach Mackay unterwegs war, sei wieder einmal die Tyrannei der Distanz. „Wenn Du stundenlang gerade aus fährst, immer die gleiche monotone Strecke, ist das fast schon Meditation. Deine Gedanken ordnen sich und Du wirst ruhiger. In den Städten ist Dauerstress auf der Straße. Da knallt dann auch mal jemand durch. Meist ist es ein Fahrgast. Manchmal liegen aber auch beim Fahrer die Nerven blank…….“

Dieser Beitrag ist im Jahr 2014 in der Fachzeitschrift „Der Busfahrer“ erschienen.

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