2010EuropaItalien

Die kleine Welt von Don Camillo und Peppone

Ein streitbarer Pfarrer und ein kommunistischer Bürgermeister haben die norditalienische Bassa weltberühmt gemacht. Besonders in Brescello begegnen Touristen auf Schritt und Tritt den Helden des Satirikers Giovannino Guareschi.

Im Winter legt sich der Nebel in dicken Schwaden auf die Bassa, auf das platte Tiefland, das der Po zwischen die Alpen und den Apennin geschnitten hatten. Endlos folgen Pappelalleen dem Lauf des träge dahin fließenden Flusses, der nach der Schneeschmelze im Frühjahr an den Deichkronen nagt. Im Sommer lähmt eine heiße Schwüle das Land, das Leben wird träge, einzig Heerscharen von Mücken tanzen im Licht.

Der Po bei Polesine Parmense

Hier, im äußersten Nordwesten der Emilia-Romagna, liegt die „Mondo Piccolo“, die kleine, aber durchaus nicht immer heile Welt von Don Camillo und Peppone. Ihre Geschichte erscheint erstmals Weihnachten 1946 in der satirischen Wochenzeitschrift „Candido“.

Ihr Chefredakteur war zugleich der geistige Vater der Figuren: der Satiriker, Journalist und Karikaturist Giovanni Guareschi (1908 – 1968). „Ich will mich nicht anmaßen, ihr Schöpfer zu sein; ich habe sie nicht geschaffen, ich haben ihnen nur eine Stimme gegeben, geschaffen wurden sie von der Bassa“, schickte er seinem Romandebüt voran.

Das Guareschi-Denkmal von Brescello

Die beiden Kampfhähne, die trotz aller Differenzen stets dasselbe Ziel verfolgten – soziale Gerechtigkeit – wurden Lieblinge der Leser. Insgesamt 346 Erzählungen folgten. 1948 brachte sie Rizzoli als erstmals als Roman heraus, bis 1985 begeistern fünf weitere Schelmenromane über den Clinch zwischen Kirche und Kommunismus die Leser.

Einen angemessenen Schauplatz für die Verfilmung fanden Guareschi und sein Regisseur Julien Duvivier (1896 – 1967) nach monatelanger Suche in Brescello. Zuvor hatte Duvivier die Bitte Guareschis, doch seinen rund 40 km entfernten Geburtsort Fontanelle di Roccobianco zu wählen, kategorisch abgelehnt.

Das Don Camillo und Peppone-Museum von Brescello

So pilgern die bis heute jährlich mehr als 50.000 Film-Fans in das 5.000 Einwohner-Städtchen Brescello, das die Erinnerung an die charismatischen Antipoden heute mit einem Rundweg zu den wichtigsten Don Camillo & Peppone-Stätten hochhält. Erste Station ist das Don Camillo & Peppone-Museum mit Erinnerungsstücken aus dem Leben des Schriftstellers, vielen Fotos aus der Zeit der Filmaufnahmen und der Moto Guzzi des Bürgermeisters, deren Farbe dessen Gesinnung zeigte: rot.

Auch die Moto Guzzi fehlt nicht im Don Camillo und Peppone-Museum.

Eingerichtet wurde es 1989 in einem ehemaligen Benediktinerkloster, das heute als Kulturzentrum auch eine Bibliothek und das Archäologische Museum der Region birgt. An der Piazza Matteoti zeigt sich, warum Brescello wie kein zweiter Ort für die Dreharbeiten geschaffen war: Der zentrale Stadtplatz ist durch eine Straße zweigeteilt in eine „rechte“ kirchliche und „linke“ weltliche Macht, die sich nicht frontal, sondern schräg gegenüber stehen – so, wie sich auch die beiden Schlitzohren im Film stets ansehen.

Der Christus  aus den Filmen – ihr findet ihn in der Pfarrkirche von Brescello

Im Süden erhebt sich die Pfarrkirche Santa Maria Nascente mit dem ihrem Uhrturm, dem für den Film erbauten Säulenportal und dem Jesus-Kruzifix in der Seitenkapelle, das im Film mehrfach mit Don Camillo Zweisprache hielt, im Osten das Municipio, das Rathaus. Über den weitläufigen Platz grüßen sich seit 2001 die beiden Kontrahenten.

Die Statue von Don Camillo in Brescello

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des ersten Films goss der Bildhauer Andrea Zangani die beiden Protagonisten in Bronze: Don Camillo hält ein Gebetsbuch in der Hand, aus Peppones Jacke lugt die Kommunisten-Postille „Unità“. Ihre Gesichter tragen die Züge der Filmstars: Don Camillo besitzt das „Pferdegesicht“ des französischen Komikers Fernandel (1903 – 1971), der während der Dreharbeiten zum sechsten Streich an Lungenkrebs verstarb, Peppone den markanten Schnauzbart des damals populären Volksschauspielers Gino Cervi (1901 – 1974), der Guareschi überraschend ähnlich sieht – seine Büste ziert einen kleinen Platz neben dem Museum.

Die „Glücksglocke“ von Brescello

Schritt auf Schritt folgen beim Rundgang durch das Städtchen Infoschilder zu berühmten Requisiten, die mitunter Überraschendes mitteilen: So sei die riesige „Glocke des Volkes“, die im Film „Hochwürden Don Camillo“ von Peppone angeschafft wurde, um dem Glockenmonopol der Kirche ein Ende zu bereiten und heute in den Arkaden der Via Gigloli hängt, nicht aus Bronze, sondern nur aus Pappmaché gefertigt.

20 Jahre lang war Brescello Drehort, von der Nachkriegszeit bis zu den Flower-Power-Tagen. Der Kalte Krieg drang in die Geschichten aus der Bassa ein wie die langsame Öffnung der Welt: Im fünften Film fährt Don Camillo nach Moskau. Als Roter Platz dient die Piazza von Brescello. Dick vermummt schwitzen die Bewohner der Kleinstadt als Komparsen im fiktiven russischen Winter, während die italienische Sommerhitze auf die Köpfe niederbrennt.

Die Kinder des Autors: Carlotta und Alberto Guareschi

Alberto und Carlotta, die längst mehr als 70-jährigen Kinder Guareschis, schmunzeln, als sie von den Dreharbeiten erzählen. Ihr gemeinsames Heim in Roncole Verdi haben die Geschwister in eine Wallfahrtsstätte für Guareschi-Fans verwandelt – mit der Dauerausstellung Tutto il mondo di Guareschi und einem schier unglaublichen Guareschi-Archiv: 200.0000 Dokumente, Bücher und Bilder.

Mit Akribie und Inbrunst hält das Duo die Erinnerung an den berühmten Vater lebendig, bringt alle vier Monate die dazu die Zeitschrift „Il Fogliaccio“ heraus und veranstaltet alljährlich einen Literaturwettbewerb in seinem Andenken. Auch die Kneipe, die sich Guareschi von seinen Tantiemen in Roncole gekauft und bis zu seinem Tod betrieben hat, wollen die Geschwister wieder zum Leben erwecken.

Was dort ausgeschenkt wird, haben sie bereits in Brescello entdeckt: eine spezielle Lambrusco-Abfüllung, die genauso gut sein soll wie der „Versöhnungswein“, den die beiden Titelhelden einst immer wieder genossen hatten. So trägt auch das Etikett des halbtrockenen Perlweins das Konterfei von Don Camillo und Peppone.

Auf einer Holzplatte servieren sie dazu die traditionellen Antipasti der Bassa: die würzig-feinen Schinken Prosciutto di Parma und Culatello di Zibollo und einen großes Stück Parmigiano Reggiano. Mit einem kurzen, mandelförmigen Messer ritzt Carlotta den nussigen Hartkäse an und bricht einen Brocken heraus. Darauf noch ein paar Tropfen Aceto Balsamico. Che gustoso!

Seine letzte Ruhestätte fand Guareschi auf dem kleinen Friedhof des Ortes. In der dazu gehörigen San Michele-Kirche wurde der zweite berühmte Mann der Bassa getauft, der 1813 nur wenige Schritte vom heutigen Guareschi-Museum das Licht der Welt erblickte: Giuseppe Verdi. Sein Geburtshaus, ein zum nationalen Monument hinrenoviertes Bauernhaus mit Büste und Lorbeerkranz vor der Tür, wirkt wie eine Filmkulisse.

Roncole Verdi: das Grab von Giovannino Guareschi

Don Camillo und Peppone: Info

Hinkommen

Flug bis Mailand oder Bologna, z. B. mit Lufthansa (ab 99 Euro), weiter per Leihwagen

Lesen

Giovanni Guareschi, Don Camillo & Peppone, Rowohlt Tb (2002), 6.90 Euro

Ansehen

Museo Don Camillo e Peppone

Via De Amicis 2, I – 42041 Brescello, Tel. 05 22 96 21 58, Mo. – Fr. 10.00 – 12.00, 14.30 – 18.00, Sa./So. 9.30 – 12.00, 14.00 –19.00 Uhr)

Schlafen & schlemmen

Antica Corte Pallavicina Relais

Strada del Palazzo Due Torri  34, I – 43010 Polesine Parmense (Parma), Tel. +39 5 24 93 65 39, Fax +39 5 24 93 65 55, www.acpallavicina.com

Herrschaftlicher Gutshof mit exquisit eingerichteten Zimmern und Culatello-Produktion; Kochkurse. DZ ab 200 Euro.

Informieren

Italienische Zentrale für Tourismus (ENIT)

Neue Mainzer Strasse, 26, D – 60311 Frankfurt/Main, Tel. (069) 23 70 69, Fax (069) 23 28 94 , www.enit.it, www.original-italienisch.de

Municipio di Brescello

Uff. turistico Sig. Carpi, I – 42041 Brescello, Tel. +39 5 22 48 25 23, Fax +39 5 22 68 44 22, www.mondoguareschi.com (deutsche Seiten)

Weide in Polesine Parmense

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