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Lettland: An den Ufern der Gauja

Mal fließt sie trägt dahin, dann schießt sie wieder weiß und wild über Felsbrocken und Kiesel und bringt mit ihren Stromschnellen jeden Kanuten ins Strudeln: die Gauja. Die ausgedehnten Wälder am Mittellauf des zweitlängsten Flusses von Lettland bilden seit 1973 den Gauja-Nationalpark.

Die Einzigartigkeit der Landschaft entlang der einstigen „Kurländischen Aa“ und ihrer Seitenarme wurde bereits in den 1930-er Jahren erkannt, Fauna und Flora erstmals unter staatlichen Schutz gestellt. Doch erst am 14. September 1973 wurde das 920 Quadratkilometer große Areal offiziell zum Nationalpark erklärt.

Das bis zu 100 Kilometer lange und zehn Kilometer breite Gebiet wird in sieben Zonen mit unterschiedlichen Schutzgraden unterteilt. Streng geschützt – und für Besucher gesperrt – ist ein 4.000 Hektar großes Areal am linken Flussufer rings um die Amata-Mündung. Der Großteil des Urstromtals zwischen den Städtchen Sigulda (Segewold) und Cēsis (Wenden) ist jedoch für die Besucher geöffnet.

Seinen Beinamen Livländische Schweiz verdankt die Region ihrer Geografie: Tief eingeschnitten, schlängelt sich die Gauja durch das satte Grün der Hänge und Hügel, vorbei an Steilufern und Überhängen. Goldgelbe und rotbraune Sandsteinfelsen hat das Wasser auf seinem Weg aus dem Felsen heraus geschnitten, Höhlen und Grotten ausgewaschen, Sandinseln im Flusslauf geschaffen. Schotterpisten und unbefestigte, sandige Sommerwege führen zu fünf großen und 33 kleinen Seen, zu 16 Rast- und Lagerplätzen am Flusslauf, zu einsamen Gehöften und kleinen Dörfern.

Touristisches Zentrum im Gauja-Nationalpark ist Sigulda. Rund 10.000 Einwohner groß, zählt die grüne Gartenstadt als Sommerfrische und Wintersportort jährlich mehr als eine Million Besucher. Schon von weitem ist der Stolz der Stadt zu sehen: die Bobbahn „Sarajevo“. Entworfen von den lettischen Architekten Purgailis und Jostins, führen zwei Bahnen in steilen Kehren hinab zum Fluss.

Die Bobbahn von Sigulda in Lettland

Bahn S1, 1200 Meter lang, erlaubt Höchstgeschwindigkeiten von 120 Stundenkilometer; auf der 988 Meter langen Bahn S2 sausen die Schlitten mit maximal Tempo 105 zu Tale. Oben im Startgebäude erzählt eine kleine Ausstellung die Geschichte des Bobsport – und bietet überraschende Begegnungen: Schwarzweiß lächelt in der Sportlergalerie „Schorsch“ die Besucher an – Georg Hacker, der deutsche Olympiasieger von 1992.

Für weniger Sportbegeisterte bietet der Ausblick auf die ausgedehnten Wälder im Gauja-Nationalpark den Ansporn zum Aufstieg. Nicht minder imposant ist der Blick aus der Seilbahn, die nach Krimulda (Cremon) schwebt: In 80 Meter Höhe überquert die Gondel die Gauja. Noch atemberaubender fanden lettische Plein-air-Maler wie Jūlijs Feders, Janis Rozentals und Vilhelms Purvitis um 1900 die Aussicht vom Gleznotāju kalns. Mit Staffel und Leinwand zogen sie zum 93 Meter hohen „Künstlerberg“ und hielten den zwölf Kilometer weiten Panoramablick in Aquarellen, Zeichnungen und Ölbildern fest.

Plastik auf dem Dainas-Kalns

Ganz der Kunst und Kultur hat sich der Ortsteil Turaida (Treyden) verpflichtet. 1988 begann hier die Anlage des Turaidas Muzejsreservats, einer großzügigen Parkanlage über vier Hügel – jeder für sich eine in sich geschlossene Attraktion. Den Baznicka Kalns (Kirchberg) schmückt eine kleine Holzkirche von 1750. Doch die Besucher interessieren sich kaum für den ältesten Holzbau der Region Vidzeme.

Sie lockt das letzte Grab des einstigen Friedhofs: eine blumengeschmückte Schiefertafel unter hohen Bäumen. Sie erinnert an Maja, die „Rose von Treyden“ (1601 bis 1620), ein junges Mädchen, geliebt vom Gärtner Viktor, erstochen vom polnische Offizier Jakubowsky – aus verschmähter Leidenschaft.

Die Burg von Turaida 

Die Ruinen einer Bischofsburg aus rotem Backstein bekrönen den Pils Kalns (Schlossberg). Seit 1985, dem 150. Geburtstages des lettischen Volksliedsammlers Kris Barons, erschließt ein Rundweg den Skulpturengarten auf den Dainu Kalns (Liederberg). Er zeigt 15 Großplastiken von Indulis Ranka, je nach Jahreszeit natürlich geschmückt von blühenden Apfelbäumen, buntem Herbstlauf, meterhohem Schnee. Auf dem vierten Hügel, dem Janu Kalns, liefert ein kleiner Obstgarten im Spätsommer süße Äpfel.

Wanderwege erschließen die Höhlen und Quellen der nahen Umgebung. Im Wasser der Gudrības avotiņš (Weisheitsquelle) badeten früher die Mütter ihre Babies – sie glaubten fest, das Wasser besäße übernatürliche Kräfte, um die Kleinen klug und glücklich werden zu lassen. Nahe der Brücke nach Turaida liegt die größte Höhle Lettlands, die fast 19 Meter tiefe Gutmana Ala (Gutmanishöhle).

Der weiche rote Sandstein der Grotte ist mit Inschriften übersät. Besucher haben sich mit Namen und Wappen verewigt, Liebende ihre ewige Treue geschworen. Einige Gravuren stammen aus dem 17. Jahrhundert. Mitten in der Höhle entspringt eine kleine Quelle, die winters wie sommers beständig fünf Grad Celsius warm ist. Ihr kristallklares Wasser soll heilbringende Kräfte besitzen.

Ligatne, auf halbem Wege zwischen Sigulda und Cesis gelegen, bildet das Zentrum der „Bildungs- und Erholungszone“ im Gauja-Nationalpark. Sie wurde 1975 angelegt mit dem Ziel, Geographie, Flora und Fauna im Gebiet den Besuchern näher zu bringen. Hochstände und Beobachtungsplätze bieten entlang der zahlreichen Wanderwege Gelegenheit, Elche, Wildschweine, Biber oder Bären in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben – zu Fuß, per Fahrrad, hoch zu Roß, im Kajak oder auf dem Floß.

Am nordöstlichen Ausgang des Nationalparks liegt Cēsis, der „Geburtsort“ der lettischen Nationalflagge. Ein lettischer König, einst im Kampf gegen fremde Eindringlinge verwundet, hatte sich hier auf die weiße Flagge der Kapitulation gelegt. Während der alte König starb, färbte sein Blut die Fahne auf beiden Seiten in tiefem Rot. Wo der Körper des Königs gelegen hatte, blieb der Banner weiß. So die Legende. 1270 wurde das rot-weiß-rote Tuch erstmals als offizielle lettische Flagge gehisst – als einer der ersten Landesbanner Europas.

In Cēsis flattert er auf den Ruinen der wehrhaften Wendenburg im Wind. Die Ordensburg auf dem Schlossberg, 1209/10 vom Schwertbrüderorden errichtet, stieg später zum Haupthaus des deutschen Ordens in Livland auf. Heute tafeln hier nur noch zahlende Gäste beim mittelalterlichen Gelage. Kellner in klassischer Zunft servieren deftige Hausmannskost, Schauspieler stellen Szenen von damals nach. Und aus den alten Fässern fließt gelber Gerstensaft, seit 1590 produziert in der ältesten Brauerei des Landes: Lager, Pils oder dunkles Bier aus Cēsis.

Die Beitrag ist am 28. Juni 2001 auf Spiegel Online erschienen. 

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