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Hochgefühle in Londons Norden: Hampstead

Im Amtsgebrauch nüchtern „NW3“ genannt, gilt Hampstead als eine der besten Adressen Londons. Nur 15 Minuten von der City entfernt, verbindet das „Village“ dörfliche Atmosphäre mit dem Luxusleben der Metropole, kombiniert Kontraste lebendiger Kultur mit nahezu unverfälschter Natur.

Rings um den höchsten Berg der Hauptstadt – dem 150 Meter hohen Whitestone Pond – reihen sich die Residenzen gut betuchter Bürger, von Liberalen, Intellektuellen und zahlreichen Politikern. Bevorzugte Tageszeitung ist der Guardian. Etwas zerlesen, aber sorgfältig zusammen gefaltet, hängt er am Garderobenhaken von Louis Patisserie. Wer etwas auf sich hält, frühstückt hier –­ im kleinen Innenraum oder an den wenigen Tischen.

Die Fensterfront der Traditionscafés, 1963 von Emigranten aus Ungarn gegründet, ist eine einzige Verführung: Zentimeter hohe Tortenträume mit Mandeln und Marzipan, Früchtebrote, Obstkuchen, Petit Fours und Pralinen, perfekt präsentiert zwischen Bergen von Brezeln und Bagels, Croissants und Cornish Pasties, salzig gefüllten Teigtaschen.

Kalorien, die ein Klassiker lässig vernichtet: der Spaziergang über Hampstead Heath. Bergauf- und bergab winden sich ausgewaschene Sandwege über die 325 Hektar große Heide-, Wald- und Wiesenfläche. Knorrige alte Eichen säumen den Wege, dann wieder bilden Buchen eine Allee. Einsame Wege wechseln sich ab mit belebten Hängen und Hügeln.

Bei allen, die gerne abheben, heißt Parliament Hill kurz Kite Hill: Er bietet ideale Bedingungen zum Drachen steigen. Am Primrose Hill strickt eine ältere Dame auf einer Bank. Ab und an blickt sie von ihren Nadeln hoch und lässt den Blick schweifen. London liegt ihr zu Füßen – von den Bürotürmen der Canary Wharf im Osten, vorbei an der Kuppel von St. Paul’s Cathedral, dem spitzen Turm von St. Martin’s-in-the-Fields, weiter gen Westminster, hin zum Big Ben und der Themse-Brücke bei Putney, die im Dunst entschwindet.

Gedämpft hört sie den Rhythmus der Stadt, unterbrochen vom Krächzen der Krähen. Und Kinderlachen: Sie baden. 28 natürliche Teiche säumen im Osten die Heath, sammeln das Wasser der verlorenen Flüsse Londons: Tyburn, Westbourne und Fleet. Drei Teiche laden im Sommer von Sonnenaufgang bis -untergang zum Baden ein. Einer für alle, zwei streng getrennt nach Geschlecht. Entsprechend eindeutig gibt sich die jeweilige Szene.

Kenwood House

Gen Norden dominiert ein strahlend weißes Anwesen mit weitläufigen Anlagen die Parklandschaft: Kenwood House. Der neoklassizistische Prunkbau, um 1765 von Robert Adams für Lord Mansfield umgebaut, wurde 1927 der Nation vermacht. In der Konzertmuschel am kleinen See werden des Sommers abends Konzerte geboten: Jazz, Klassik und Opern unter freiem Himmel.

Wer wissen möchte, wie einst Admiral Nelsons Geliebte aussah, kann seine Neugier bei der Besichtigung der Gemäldegalerie Iveagh Bequest im Kenwood House stillen. Umgeben von Rembrandt und Vermeer, Gainsborough und Guardi blickt Lady Hamilton die Besucher an – als Nonne.

John Keats, der mit seinen Dichterkollegen Coleridge und Wordsworth über die Heath wanderte, fand seine Geliebte im Nachbarhaus. Der romantische Poet, von 1818 bis 1820 in Hampstead heimisch, verliebte sich in die Mieterin von nebenan, Fanny Brawne.

Im gemeinsamen Garten entstand sein wohl berühmtestes Liebesgedicht: die “Ode To A Nightingale“. Ein nachträglich gepflanzter Pflaumenbaum ersetzt heute den Baum, unter dem Keats einst die Verse geschaffen hat. Noch original erhalten sind sämtliche Möbel von Keats – Wohn-, Schafzimmer und Küche bilden heute eine kleines, feines Museum.

Sie ist eine der angesehensten Modedesignerinnen von London: Nicole Farhi, Ehefrau von David Hare

Ebenfalls sehr sehenswert ist das einstige Wohnhaus von Sigmund Freud, der 1938 vor den Nationalsozialisten aus Wien nach London geflohen war. In der Villa 20 Maresfield Gardens verbrachte der Psychoanalytiker sein letztes Lebensjahr. Hier vollendete Freud sein Spätwerk „Moses und Monotheismus“, empfing Besucher wie H. G. Wells und Salvador Dalí und saß stundenlang in der Loggia im Garten, die sein Sohn Ernst dem krebskranken Vater erbaut hatte. Die Ausstellung im Erdgeschoss zeigt auch die berühmte Analyse-Couch, kunstvoll drapiert mit türkischen Teppichen, sowie ausgewählte Einzelstücke aus Freuds umfangreicher Antiquitätensammlung.

Ein Cembalo, auf dem Georg Friedrich Händel gespielt hat, bildet ein Highlight der Benton-Fletcher Collection. Die Sammlung früher Tasteninstrumente ist im Fenton House ausgestellt – und im Sommer auch zu hören. Alle zwei Wochen werden Clavichord und Clavicimbel, Spinett oder Tafelklavier bei Barockkonzerten vorgestellt. Das Anwesen, 1693 als eines der größten und schönsten Häuser Hampsteads erbaut, wird heute vom National Trust verwaltet. Seine vier Dachzimmer beeindrucken doppelt: mit dem sehr lebendig wirkenden Flair des 17. Jahrhunderts und dem atemberaubenden Fernblick – weit reicht der Blick über London.

Bunte Türen in der Willow Road

Als der National Trust auch das Anwesen 2 Willow Road erwarb, hielten es viele für eine mutige Tat: Die Architektur, die der gebürtige Ungar Ernö Goldfinger in seinem Wohnhaus beispielhaft umsetzte, war beispielsweise 007-Autor Ian Fleming so verhasst, das er einen seiner Bond-Verbrecher nach ihm benannte. Heute gilt der Pionierbau der Moderne als bestes Beispiel für Goldfingers Philosophie des „structural rationalism“. Einstündige Führungen verraten, wie im gesamten Gebäude Platz äußerst ökonomisch genutzt wurde – von den Betten bis zum Bad.

Ganz und gar nicht modern, sondern bestes Bilderbuch-Britannien bieten die stillen Straßen und steilen Gassen, die Hampstead zwischen den beiden geschäftigen Lebensadern Heath Street und Hill Street durchziehen. Church Row, eine hohen Häuserzeile mit reichem Fassadenschmuck und schmiedeeisernen Gittern, gilt als bestes Londoner Beispiel einer georgianischen Straße.

Auch The Mount, eine flach abfallende Straße zur Heath Street, hat sich kaum verändert, seit der Prä-Raphaelit Ford Madox Brown sie vor rund hundert Jahren malte. Lauter feine, kleine Shops mit Tand und Trödel, Lifestyle und Lebensart säumen den Flask Walk, der sich am gleichnamigen populären Pub öffnet zum Well Walk.

Wells Walk

Einzig ein Springbrunnen erinnert hier daran, dass Hampstead im 18. Jahrhundert eine kurze Hochzeit als Heilbad erlebte. Pope und Gay labten sich an den Heilwassern – während im sumpfigen Vale of Health, dem Tal der Gesundheit, Malaria die Menschen dahin raffte. Thackeray und Dickens hingegen schworen auf süffigen Gerstensaft. Wie Shelley, Byron, Keats und andere Künstler zechten sie in Spaniard’s Inn, dessen Bar in Teilen noch von 1585 erhalten ist. Uriger und urtümlicher als dessen Konkurrent Jack‘s Straw Castle, dessen „historische“ Einrichtung aus den 1960-er Jahren stammt, ist der Pub Holly Bush.

GB/London/Hampstead: Holly Bush Pub

Eine steile Seitenstraße führt dorthin. Das fahle Licht einer Gaslaterne beleuchtet den Eingang. Fünf Stuben, dunkel und niedrig, gruppieren um sich eine altertümliche Bar aus Holz. Ebenso der Zeit entrückt scheint so mancher Zeitgenosse, der an im Schein der Lampen an schlichten Holztischen und tiefen Balken bestes Bier genießt: Benskins, Burton’s und Tetley’s. Wie in allen britischen Pubs, sind Gespräche über Religion und Politik am Tresen tabu. Die Macht der Liebe machte den Magdala Pub berühmt. Draußen vor der Tür erschoss Ruth Ellis ihren früheren Lebenspartner. Die Einschusslöcher von 1955 sind bis heute erhalten. Wie auch ihr zweifelhafter Ruhm, längst verewigt im Buch und auf der Bühne: Sie war die letzte Frau, die in England gehängt wurde.

Hampstead: Info

Ansehen

Ern-Goldfinger House

2 Willow Road, Tel. 020 74 35 61 66, www.nationaltrust.org.uk

Fenton House

Hampstead Grove, Tel. 020 74 35 34 71, www.nationaltrust.org.uk

Freud Museum

20 Maresfield Gardens, Tel. 020 74 35 20 02 / 51 67, www.freud.org.uk

Keats House

Wentworth Place, Keats Grove, Tel. 020 74 35 20 62, www.cityoflondon.gov.uk

Kenwood House

Hampstead Lane, Tel. 020 83 48 12 86, www.english-heritage.org.uk

Essen und Trinken

The Louis Patisserie

32 Heath Street, Tel. 020 74 35 99 08

Dome Bar & Restaurant

58 Hampstead High Street, Tel. 020 74 31 03 99

Al Casbah

42 Hampstead High Street, Tel. 020 74 35 76 32

Arabische Küche mit Ambiente

Le Cellier du Midi

28 Church Row, Tel. 020 74 35 99 98

Französische Küche

Giraffe

46 Rosslyn Hill, Tel. 020 74 35 03 43

Rosslyn Delicatessen

56 Rosslyn Hill, Tel. 020 77 94 92 10, Fax 020 77 94 68 28, www.rosslyndeli.net

Superbe Delikatessen für das Dinner daheim

Pubs

Holly Bush

22 Holly Mount, Tel. 020 74 35 28 92

The Flask

14 Flask Walk, Tel. 020 74 35 45 80

Jack‘s Straw Castle

North End Way, Tel. 020 74 35 88 85

Old Bull & Bush

North End Road, Tel. 020 74 55 36 85

Spaniard‘s Inn

Spaniards Road, Tel. 020 74 55 32 76

Dieser Beitrag ist am am 21. März 2001 auf Spiegel Online, erweitert und verändert am 15./16. Juni 2001 im Handelsblatt erschienen.

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