2010EuropaFrankreichSiebter Himmel

Hin & weg: Île d’Yeu

Das Glück hat neue Koordinaten: 46° 43′N, 2° 21’W. Zehn Kilometer lang und maximal 3,7 Kilometer breit, versteckt es sich im Atlantik. Sein Name: Île d’Yeu – ein Eiland 18 km weit von der Küste des Vendée entfernt, und Lichtjahre von der Hektik des Alltags. Statt Hochhäusern, Betonbauten und architektonischer Experimente dominieren weiß gestrichene Häuser mit bunten, meist blauen Fensterläden und rot gedeckten, niedrigen Dächern, deren Ziegel mit Zement befestigt sind, um den winterlichen Stürmen zu trotzen.

In der Bocage und den kleinen Wäldern der Insel verstecken sich die Häuser reicher Pariser, die mit dem Helikopter oder Kleinflugzeug aus der Hauptstadt anreisen. Die Tagesbesucher kommen per Fähre aus Fromentine oder St-Gilles-Croix-de-Vie, ziehen die Wanderschuhe an, steigen aufs Rad oder beobachten in einem der vielen Bistros und Cafés von Port Joinville das bunte Treiben am Hafen. Heimliche Inselhauptstadt ist indes Saint-Sauveur.

Île d’Yeu… Île Dieu

Rund um die älteste Kirche der Insel ist in der Saison täglich Markt; man tauscht Neuigkeiten und noch mehr Klatsch aus, kauft weißen Tunfisch als Tartar, Boudin Blanc, weiße Blutwurst mit Pflaumen, oder aschegerollten Ziegenkäse, dazu noch ein Baguette, und hockt sich in eine Café-Bar für einen Petit Noir oder das erste Glas Wein. Der Nachmittag gehört dem Strand. Als langer weiß- bis goldgelber Streifen säumt er die Ostküste, als versteckte idyllische Buchten mit Name wie Plage des Soux oder Plage des Vieilles die wilde Südwestküste – die Côte Sauvage.

Dort versteckt sich auch der Port de la Meule, ein kleiner Naturhafen, eingeklemmt zwischen hohen verwitterten Felsen, bewacht von der Kapelle Notre-Dame de Bonne Nouvelle. Die Insel der Tunfischfischer lebt heute vorwiegend vom Tourismus, und das wilde Korn und Windmühlen erinnern heute noch daran, dass einst auch Hafen und Weizen angebaut wurden. Während des Zweiten Weltkriegs war die Insel in der Hand der Deutschen Wehrmacht, die Bunkeranlagen und Beobachtungsposten errichtete – heute sind sie, wie das majestätische Vieux Château an der Ostküste, Ruinen inmitten einer malerischen Natur mit Dünen, Heideflächen und Tausenden von Seevögeln, die hier rasten und brüten.

Ende im Exil

Auf der Insel gibt es zudem eine  Zitadelle aus dem 19. Jahrhundert, die ein gezielt angelegter Wald tarnt. 1940 waren dort 125 Kommunisten interniert; später dient der Bau als Gefängnis. Zum Gefängnis auf Lebenszeit wurde die Insel auch für einen Mann, der während des Zweiten Weltkriegs mit den Deutschen kollaboriert hat: Marschall Philippe Pétain. 1951 starb der Chef des Vichy-Régimes in der Verbannung. Auf dem Friedhof hoch über Port-Joinville fand er seine letzte Ruhestätte.

Heute ist die Insel ein Domizil von Künstlern und Kunsthandwerkern. Marie de l’Île, die mit den Farben der Trikolore den Inselsommer auf Stoffe und Leinwände bannt, hat in der Altstadt von Port-Joinville ihr Atelier geöffnet, Henri Rouberol seine Werke in das Fenster seines Wohnzimmers gestellt. Und die ganze Insel atmet eine Ruhe und zufriedene Behaglichkeit, die sich wie ein warmer Mantel um den stressgeplagten Städter legt.

Dieser Beitrag ist im Rheinischen Merkur erschienen.

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