2001EstlandEuropa

Estland: das Reich der 1521 Inseln

Wacholderbüsche und Windmühlen, Steinwälle und sandige Dünen, Moore und immer wieder das Meer: Estlands Inselwelt verzaubert mit ihrem spröden, eigenwilligen Charme. Nach Jahren der Abgeschiedenheit entdecken heute immer mehr Besucher die stillen Schönheiten der Inseln. Um das natürliche und kulturelle Erbe zu schützen, setzen Estland und EU daher auf naturverträglichen Tourismus im Einklang mit Agenda 21.

August Loopman hat sie erstmals gezählt: die Inseln vor Estlands Küste. 1.521 Eilande mit einer Gesamtfläche von 4.120 Quadratkilometern katalogisierte der Geograf 1996 im Auftrag des Estnischen Umweltministeriums für seine „Liste der estnischen Meeres-Inseln”. Sprachlich wird die Inselvielfalt schon lange genau unterschieden. „Saar“ bezeichnet besiedelte, größere Inseln; „Laid“, „Kari“ oder „Rahu“ dagegen kleine, nicht bewaldete Eilande.

95 Prozent der Fläche nehmen drei Inseln ein, die unterschiedlicher nicht sein können: Saaremaa (Ösel), Hiiumaa (Dagö) und Muhu (Moon). Allesamt an der Westküste gelegen, stehen sie seit der Unabhängigkeit unter staatlichem Schutz. Insgesamt umfasst das Biosphärenreservat „Westestnische Inseln“ 1.560.000 Hektar.

Der Strand von Saaremaa

Wie ein Riegel schiebt sich Estlands größte Insel vor die Rigaer Bucht: Saaremaa. Lange militärisches Sperrgebiet, durften selbst Esten die Insel nur mit Genehmigung besuchen. Das hat der Natur gut getan. Dünen, Strände, Steilküsten, Heideflächen, Wiesen, Moore und Wacholderwälder sind intakt und ziehen jährlich Hunderttausende Besucher an.

Staunend stehen sie vor den sieben Kraterseen von Karli, vor rund 2.700 Jahren durch Meteoriteneinschläge entstanden, besuchen die älteste Kirche Estlands in Valjala, oder beobachten in Vilsandi, Estlands ältestem Naturschutzgebiet, Zehntausende Seevögel beim Brüten. Im Süden umgeben erst Strand, Sand und Badebuchten, dann Plattenbauten und Gewerbegebiete das kleine Kuressaare, mit gut 16.000 Einwohnern Kreisstadt, Kurbad und kulturelles Zentrum der Insel.

Die Burg von Kuressare auf Saaremaa

Hinter den hohen Bäumen der Wallanlagen erhebt sich unverändert trutzig die älteste Burg Estlands mit 20 Meter hohen Mauern, Zinnen, Türmchen – und Freilichtbühne für Sängerfeste. Auf dem Gemüsemarkt hat der beginnende Tourismus seine ersten Spuren hinterlassen. Zwischen Obst und Gemüse, Fleisch und Eiern liegen landestypische Souvenirs: Holzbrettchen aus Wacholder, die bei Wärme zu duften beginnen; luftig-leichte Wollschals, farbige Kerzenständer, Muschelmännchen und manch anderer Kitsch.

Moderne Hotels, ein Sterne-Resort samt Spa und ein Jachthafen nach internationalen Standard, 1999 eingeweiht, zeigen, welche Hoffnungen die Insel mit dem Ausbau des nachhaltigen, sanften Tourismus im Einklang mit der Agenda 21 verbindet – einem Ziel, das längst auch die Europäische Union mit finanziellen Mitteln und fachlichen Hilfe unterstützt.

Bei allem Ausbau und Aufschwung das Erbe des alten Estlands zu bewahren, ist auch Anliegen des Loodi-Hofs. In dem Anwesen aus dem 19. Jahrhundert können Urlauber die alte Zeit noch recht authentisch erleben. Das Wasser wird aus Ziehbrunnen geschöpft; als Abort dienen Trockentoiletten. Zum Schwitzen geht es in die alte Rauchsauna, zum Nächtigen in 200 Jahre alte Schlafkammern. Das einzige Zugeständnis an die Moderne: Dusche und Telefon.

Alte Hofstelle in Koguva auf Muhu

Ein Damm führt von Saaremaa hinüber nach Muhu. Wettergegerbte Erdwälle, zerzauste Krüppelkiefern und säulengerade Wacholderwälder geben der drittgrößten Insel ein fast mediterranes Gepräge.  Im Westen liegt denkmalgeschützt Koguva. In dem mehr als 450 Jahre alten Dorf fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt. In einem dieser alten Museumhöfe, die heute noch bewirtschaftet werden, wurde 1921 der estnische Nationalschriftsteller Juhan Smuul geboren. In einer kargen Kammer mit schmaler Liege und klapprigem Holztisch verfasste er seinen Roman „Kihnu Jonn“ („Wilder John“).

Alte Bockwindmühle in Koguva auf Muhu

So heißt auch die Fähre, die im Sommer nach Kihnu fährt. Im Winter ist die 17 Quadratkilometer große Insel manchmal über Monate isoliert, sind die 518 Menschen auf sich gestellt. Meist sind es Frauen, das die Männer zur See fahren. Ihre Einsamkeit erhält die traditionelle Lebensart. Auch im Alltag werden noch die bunten Trachten tragen, wird gesungen und getanzt. Während der langen Winterabende entsteht Kihnus berühmte Handwerkskunst  – kunstvoll gewebte Schals, Strümpfe, Pullover und Decken.

Nahezu menschenleer im Innern ist auch Hiiumaa, mit rund 1000 Quadratkilometern kaum größer als Rügen. „Insula deserta“ – leere  Insel, nannten alte Schriften Estlands zweitgrößtes Eiland im 18. Jahrhundert, und noch heute siedeln die Menschen vorwiegend entlang der Küste – im Hauptort Kärdla an der Nordküste oder der Gartensiedlung Kaina im Süden.

Die Üügi-Pank-Küste von Muhu

Die zerklüftete Küste bei Korgessare mit ihren untermeerischen Riffs und Untiefen wurde vielen Schiffen zum Verhängnis. Schuld daran waren die „falschen Leuchttürme“ des Grafen Ludwig von Ungern-Sternberg: Helle Lichter, auf einen Felsen gestellt. Ihr Strahl schien durch eine Waldschneise direkt auf das Meer und wies den Seeleuten den Weg – mitten ins Unglück.

Denn nach altem Recht gehörten Wrack und Ware eines gestrandeten oder auf Riff gelaufenen Schiffs dem Besitzer des Landstrichs. Auf der Halbinsel Kopu erhebt sich auf dem Hügel Tornimägi, mit 63 Meter der höchste Punkt auf den estnischen Inseln, der älteste Leuchtturm der Ostseeländer. Von 1501 bis 1538 erbaut, gehört er auch zu den ältesten Leuchtfeuern Europas..

Wer von Hiiumaa ein wenig enttäuscht ist, wird von Kassari begeistert sein: Auf nur 19 Quadratkilometer überbietet sich die Insel an landschaftlicher und kultureller Vielfalt. Wacholderhecken säumen die Straßen der Insel, Apfelplantagen, Kartoffel- und Rapsfelder wechseln sich ab mit Wiesen, Wäldern und reetgedeckten Bauernhöfen aus flach gestapelten Glint-Platten, goldgelb verputzt. Vor dem Hintergrund der buchten- und inselreichen Küste erstreckt sich eine Landschaft mit eigentümlichem Reiz: tiefgrüne Krüppelkiefern auf grauem Geröll. Einzig die gellenden Schreie der Möwen stören die Stille.

Dieser Beitrag ist am 14. Juni 2001 auf Spiegel Online erschienen.

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