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Valle de Viñales: die Heimat der Havanna

Valle de Viñales: Wohnen und ackern im Schatten der Mogotes

Für Christopher Kolumbus war Kuba ein „Land der wandelnden Schornsteine“; der Priester Bartolomé de las Casas dort „Männer mit Fackeln, deren Rauch sie wie Weihrauch einsogen“ – Zigarren. Hernán Cortes ließ sie als sittenlos und unchristlich verbrennen, Alejandro Robaina begründete mit ihnen den Weltruhm der kubanischen Zigarre. Ihre Heimat ist das Valle de Viñales – eine eigentümliche Landschaft, in der zwischen Karstkegeln der beste Tabak der Welt gedeiht.

Hier züchtete Alejandro Robaina bis zu seinem Tod 2010 den besten Tabak der Welt – und der mundet dem Maximo Líder bis heute so gut, das erstmals unter Castro eine Zigarrenmarke nach einem Tabakpflanzer benannt wurde: die Vegas Robaina von Alejandro Robaina. Am 20. März 2009 feierte der Tabakkönig von Kuba seinen 90. Geburtstag – und Castro kam als Privatier. Ein Jahr später rauchte er seine letzte Puros. Doch sein Erbe lebt weiter: Bereits seit  Anfang 2004 leitet Robainas Enkel Hiroshi den Tabakanbau.

Mein Busfahrplan ins Tal

Das legendäre Tabak-Tal liegt rund 200 km südwestlich von Havanna, in der Provinz Pinar del Rio. Wie Finger einer riesigen Faust krallen sich die steil aufragenden Felskegel der Mogotes im Valle de Viñales. an die gewaltigen Regenwolken, die sich vor den kahlen Spitzen der Cordillera de Guaniguanico stauen. Dann verwandeln kurze, heftige Schauer das Tal in eine Waschküche. Als die Sonne sich durchsetzt, dampfen Felder und Berge in der Hitze. Vor einer kleinen „bohios“, einer mit Palmwedeln gedeckten Bauernhütte, spannt ein „Guajiro“ seinen Ochsen in den Pflug und lockert die rote, schwere Erde auf. Im Mundwinkel hängt eine „Puros“ – diese Zigarre rauchen hier alle Bauern.

Im Valle de Viñales gepflanzt, in Havanna gerollt

Auf den Feldern wird neben Mais, Bohnen und den kartoffelähnlichen Malangas der angeblich beste Tabak der Welt angebaut. 80 Prozent des kubanischen Tabaks kommen aus dem Tal von Viñales. „Havanna“ heißen die Zigarren nur, weil sie in der Hauptstadt gerollt werden.
Ab Mitte Oktober werden die selbst gezogenen Setzlinge gepflanzt und die sechs bis sieben Wochen lang heranwachsenden Pflanzen in intensiver Handarbeit gepflegt. Im Dezember beginnt die Ernte – im Abstand von mehreren Tagen wird dabei immer nur eine Blattebene von unten nach oben abgezupft, immer bei abnehmendem Mond.

Frauenarbeit: das Drehen der Zigarren

Geduld, Geduld!

Noch mehr Sorgfalt erfordern die „Capas“, die später als Deckblätter dienen sollen. Mit einem feuchten Tuch bedeckt, werden die Tabakblätter in die „casas de tabaco“ getragen, fensterlose Trockenschuppen aus Holz, wo sie sich allmählich vom sattem Grün in dunkles Braun färben. Tagsüber kochen die Tabakblätter, die Frauen paarweise mit einer Nadel an der dicksten Stelle der Mittelrippe paarweise aufziehen, in ihrem eigenen Dunst; in der Kühle der Nacht entweicht die freigesetzte Feuchtigkeit aus dem Schuppen.

Je mehr Wasser die Blätter verloren haben, desto höher werden sie in den Schuppen gehängt. Tag für Tag wiederholt sich der Vorgang, bis nach rund zwei Monaten die Blätter fast brüchig sind. Dann werden die Blätter befeuchtet und drei Mal fermentiert, um eine gleichmäßige Qualität und Färbung zu erhalten – bis zu drei Jahren kann dies bei einigen Sorten dauern.

Das Valle de Viñales – der Blick aus meinem Zimmer

Während die bäuerliche Szene im Tal eine Zeitreise in die Vergangenheit bedeutet, kündet an einer Felswand des Mogotes de Dos Hermanas das „Mural de la Prehistoria“ als grell-buntes Wandbild vom Sieg des Sozialismus. Fidel Castro soll es in den 1960er-Jahren einst persönlich beim Diego Rivera-Schüler González Morillo in Auftrag gegeben haben: Stolz erhebt sich der Mensch über die Natur. Die Bauern haben dafür nur ein Schulterzucken übrig – seit ihr Tal 1999 zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt wurde, ist selbst elektrischer Strom für ihre Hütten tabu, um die Idylle nicht zu stören.

Valle de Viñales: Die Hütte eines Tabakfarmers

Die Weiterverarbeitung des Tabaks – seit dem 18. Jahrhundert werden auf Kuba Zigarren in Fabriken hergestellt – findet daher bei den nahen Nachbarn statt. In der Vuelta Abajo rund um das Tal von Viñales haben sich einige Hundert Tabakbauern als private Produzenten etabliert. Das liegt nicht zuletzt an Alejandro Robaina, der vor mehr als 40 Jahren an der Spitze einer Bauerndelegation den Zigarrenliebhaber Fidel Castro überzeugen konnte, den lukrativen Wirtschaftszweig nicht zu verstaatlichen.

„Bei einer Zusammenkunft mit dem Comandante Fidel habe ich dargelegt, dass wir die Tabakproduktion gerne selbst weiter betreiben wollten. Er hat das wohl eingesehen, denn unmittelbar danach hat er das Land hier unter uns aufgeteilt. Diese Initiative beruht auf meiner Überzeugung, dass die Tabakproduktion nur im Familienbetrieb gut funktioniert.“[

Valle de Viñales: Tabakmillionen in der Trockenscheune

Seit 1845 haben die Vorfahren von Don Robaino auf ihren Vegas (Feldern) in Cuchillas de Barbacoa in der Nähe von San Luis Tabak angebaut und stetig verbessert – heute zählt der Familienbetrieb zu den bekanntesten Tabakproduzenten der Welt. Doch wer ihn be-sucht, steht jedoch nicht vor einer modernen Fabrik, sondern einem Ensemble alter Holzhüt-ten, in denen der Tabak wie einst verarbeitet wird. Wie, zeigen werktägliche Führungen.

Vor Nino, seit mehr als 30 Jahren „Torcedor“, liegen Füll- und Deckblätter neben der Tabla, einem Holzbrett. Mit flinken Fingern faltet er die ganzen Füllblätter der Länge nach und schlägt sie in zwei, drei Umblätter ein. Die Kunst dabei: der Rohzigarre auf Anhieb gleich die richtige Dicke und Dichte zu verpassen. In einer Holzpresse wird die Robaina auf die gewünschte Länge geschnitten – fünf Formate sind erhältlich.

Mit der Puros in die Unterwelt

Nach rund 30 Minuten Ruhezeit erhält die Zigarre ihr Deckblatt; aus den Resten der „Capa“ das Mundstück und den Kopf. Nach Farbe und Qualität sortiert, warten die „Vegas Robaina“ in handgezimmerten Holzkästchen auf Käufer. Doch auch in anderen legendäre Meisterstücke steckt Robainas Tabak – so auch in der “Cohiba Esplendidos“, der Lieblingszigarre des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Die Zigarrenkiste im Kofferraum, locken nun unterirdischen Attraktionen der 160 Millionen Jahre alten Karstlandschaft.

Feucht und rutschig führt ein Kalksteintunnel in der Cueva del Indio zu einem Höhlenfluss, dessen Fluten im Licht der Scheinwerfer wie Sterne funkeln. Zu Füßen einiger Steinstufen ist eine Barkasse vertäut, die Besucher in fünf Minuten wieder ins Freie bringt. Doch noch fehlen einige Gäste. Gelassen zündet der Bootsmann eine Puros an.

Dieser Beitrag ist im Weserkurier und in der Frankfurther Rundschau erschienen.

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