2000AustralienVictoria

Mikrokosmos Melbourne: Grenzenlose Lebenslust

Der Einwohnerzahl nach steht Melbourne nach Sydney nur an zweiter Stelle, doch deren Struktur verleiht der Stadt eine weltweite Spitzenstellung: Das bunte Völkergemisch der Menschen aus mehr als 140 Nationen macht die 3,6 Millionen-Metropole am Yarra-Fluss zur lebenswertesten Stadt des Globus.

Der Duft der großen, weiten Welt weht in The World’s Most Liveable City, so das Urteil des Population Crisis Committee Washington Ende der Neunziger Jahre, schon seit 1852. Bereits 17 Jahre nach Stadtgründung bringt der Goldrausch wöchentlich fast 2,000 Einwohner ins Land, darunter 10.000 Amerikaner und 40.000 Chinesen. 31 Prozent der Immigranten kommen aus dem Vereinigten Königreich, die meisten aus den ärmeren Regionen Schottland und Irland. 64 Tage braucht der Clipper für die Seestrecke von London nach Melbourne.

In den Docklands – am Yarra River wurde das alte Hafen- und Werftgebiet neben dem CBD erfolgreich saniert.

Von 1901 bis 1958 kontrolliert der berüchtigte Diktattest den Zustrom der Immigranten. Die Neuankömmlinge müssen fünfzig Wörtern in einer europäischen Sprache schreiben. Welche Sprache gewählt wird, entscheidet die Einwanderungsbehörde nach Belieben. Ist der Fremde unerwünscht, wird der Test weder in der Muttersprache des Immigranten noch auf Englisch abgehalten. Dies belegt eine geheime Anweisung an die Einbürgerungsbeamten, ausgestellt im Immigration Museum, Mitte 1999 eröffnet im imposanten Old Customs House, Flinders Street.

Von 1947 bis 1953 erhalten 171.000 Heimatvertriebe, darunter zahlreiche Balten, Polen und Jugoslawen, eine freie Schiffspassage nach Australien. Die Einwanderung aus Malta wird subventioniert, ebenso von Niederländern, Österreichern, Belgiern, Griechen, Spaniern, Westdeutschen und Italienern.

In den Docklands gibt es viel Kunst im öffentlichen Raum – so auch John Kelly, ‚Cow in a Tree‘.

Für Melbourne bedeutet ihre Ankunft den Aufbruch in eine andere Kultur. Australiens erste Espressomaschine im Gepäck, erobern die Italiener die Stadt mit ihrer Kaffee-Kultur. Lygon Street im Stadtteil Carlton wird zur Via Veneto der Antipoden. Sizilien, Kalabrien, Apulien tragen seitdem ihre Konkurrenz im Kochtopf aus, belegen Tisch an Tisch die Bürgersteige, verwandeln die Straße in einen Corso zwischen Kommerz, Kitsch und Kulinarik.

Auch, wenn langsam das studentische Flair der nahen Melbourne University das italienische Ambiente verdrängt, bricht es doch Ende Oktober umso unbändiger aus: bei der zweitägigen Lygon Festa. Im Folgemonat folgt Folkloristisches der Spanier – bei der Fiesta entlang ihrer Esplanada Espana: Johnston Street. Tapas und Tango, Flamenco und Fado, wer nimmt solche Unterschiede fern der Heimat schon genau?

Pub beim Queen Victoria Market

Im Süden der südlichen Hemisphäre herrscht iberische Harmonie. Auf nur einer Meile vereint Brunswick Street die Küchen der Welt: Hinter Fassaden in Himmelblau, Knallorange, Sonnengelb, Lila und Schwarz sitzt die Cyber-Generation gemütlich mit den letzten Fans von Flower  Power bei Caffè Latte, Mojito oder schlicht V.B., Victoria Bitter. “Better”, korrigieren Melburnians scherzhaft.

Szene-Straße: Gertrude Street

Weder Sirtaki noch Souvlaki prägen den Greek Precinct an der Lonsdale Street, auch in Richmond fehlen gängige Hellas-Klischees. Und doch beherbergt Melbourne nach Athen und Thessaloniki die drittgrößte griechische Gemeinde der Welt. Im Osten der Innenstadt markiert ein bunter Torbogen an der Little Bourke Street den Beginn von Chinatown.

Chinesischer Imbiss an der Swanston Street

Wo vor mehr als hundert Jahren Opiumhöhlen, Bordelle und Kramläden für Exotik sorgten, erstreckt sich heute ein endloses Einerlei von rot gebeizten Enten, unterbrochen von spirituellem Zeitgeist: Feng Shui, Qi Gong, Tai Chi. Tarot, Massage, Tantra: im ersten, zweiten, dritten Stock, im Nachbarhaus und gegenüber.

Austauschbare Quantität, beliebig wie die verblichenen Bildchen mit Kreditkartensymbolen. Ehrlichere Einblicke vermittelt das Chinese Museum. In einer Seitengasse hält das Hofbräuhaus mit  Kassler und Kraut deutsches Volksgut hoch.

Fassade an der Gertrude Street

Melbourne, der Melting Pot: Als Premier John Gordon 1971 die multikulturelle Gesellschaft für Australien forderte, wurde sie hier gelebt. Multikulturell, das bedeutet die Gleichberechtigung aller Kulturen bei Achtung der australischen Werte, Rechte und Systeme. Jede der mehr als 140 ethischen Gruppen hält diese Städte-Stadt am Leben, setzt kosmopolitische Duftmarken. Die Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, leben nicht abgeschottet in Ghettos, sondern im offenen Dialog, in lebendigen Vierteln.

St. Kilda

Wer Lust verspürt, aus der eigenen Welt auszubrechen, setzt sich nicht in den Flieger und verlässt das Land, sondern fährt Tram, ruckelt auf alten Schienen in eine andere Welt. Zum Beispiel nach St. Kilda. In den viktorianischen Villen des Strandbads an der Port Phillip Bay haben zahlreiche Juden eine neue Heimat gefunden.

Melbourne: St. Kilda

Ihre Torten-Traditionen aus Wien, Warschau, Budapest und Prag stellen sie in der Acland Street zur Schau: Sahne und Schokolade, Nougat und Nuss, Krem und Karamel, vielerlei Früchte und sonstige Zutaten kreieren Gesamtkunstwerke, die sich die Fensterfront hoch stapeln.  An den schmalen Tischen auf dem Trottoir sitzen junge Juden, Schlabber-Shirt und züchtige Locken.

In benachbarten Stadtteil Balaclava sind die Sitten strenger: schwarze Mäntel, gesenkte Blicke, eilen die Männer, getrennt von Kind und Frau, die Straße entlang. Hohe Mauern umgeben die Anwesen. Leichteren Zugang zur zionistischen Kultur vermittelt das Jewish Museum of Australia in der Alma Road 26.

Southbank mit Eureka Tower und Nadel vom Victoria Arts Centre sowie CBD (r.)

1976 erreichen die ersten Boat People Melbourne. Die Flüchtige aus Vietnam schaffen in der Victoria Street von Richmond ihr Little Saigon: Asien in Australien. Ungleich westlicher  tritt seit 1991 Daimaru auf, der riesige japanische Kaufhauskomplex im Melbourne Central, dem größten Einkaufsparadies der Stadt.

Jason Tamiru bei der Räucherzeromonie

1977 definiert ein offizieller Report als multikulturelle Gesellschaft. Erstmals werden ausdrücklich auch den Ureinwohnern umfassende Rechte zugestanden, ihre eigene Kultur, Sprache, Tradition und Kunst zu leben und zu bewahren. Melbourne entdeckt seine Wurzeln. Im Botanischen Garten berichtet ein Ureinwohner beim Aboriginal Heritage Walk über Geschichte und zeigt, welche Pflanzen für Zeremonien verwendet wurden.

Auch, wer auf den Stadtplan blickt, findet Spuren – Namen für Viertel wie Toorak oder den Fluss Yarra gehen auf einheimische Aborigines zurück. Im Kings Domain Park und am Victoria Market erinnern Reste von Begräbnisstätten an die Koorie.

Die Bunjilaka-Galerie des Melbourne Museum

Ihre Kultur, Geschichte und Gegenwart hält künftig Bunjilaka lebendig, die Aborgines-Sammlung im neuen Melbourne Museum. Mehr als 300 Millionen Mark investierte die Stadt in ihre  neue Mega-Schau, deren Architektur spannungsreich das gegenüber liegende erste Ausstellungsgebäude Exhibition Building (1880) zitiert und kontrastiert. Im Oktober 2000 ist  Eröffnung.

Dieser Beitrag ist am 31. Juli 2000 auf Spiegel Online erschienen. 

Lesepause am Yarra River mit Blick Southbank.

Mein Australien zum Lesen und Hören

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Australien Westaustralien 50 Highlights abseitsAuf unbekannten Wegen bin ich immer wieder gerne in Australien unterwegs, und in letzter Zeit besonders in Westaustralien. Dort habe ich vor Ort zwei Jahre lang Ziele off the beaten track recherchiert: 50 einzigartige Highlights für alle, die den größten australischen Bundesstaat abseits des Mainstreams entdecken möchten.

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Kunth: die schönsten Reiseziele Australien / NeuseelandModerne Metropolen wie Sydney und Melbourne, Wildnis und Weite wie das legendäre Outback, Naturwunder wie Uluru und Great Barrier Reef, das größte lebende Korallenriff der Erde: Die Vielfalt der faszinierenden Reisemöglichkeiten zeigt mein Bildlexikon Die schönsten Reiseziele Australien / Neuseeland / Ozeanien* aus dem Kunth-Verlag.

In geografischer Reihenfolge stellt es ausführlich die wichtigsten Reisegebiete vor. Mehr als 1.000 Farbfotos und doppelseitigen Panoramen präsentieren die Höhepunkte des fünften Kontinents. Stadtportraits mit Cityplänen, Nationalpark-Karten, ein 40-seitiger Atlas und  Internetadressen geben dem Leser zusätzliche Orientierung und helfen bei der Vorbereitung und Planung der Urlaubsreise. Wer mag, kann den Band hier * direkt bestellen.

Unterwegs in Australien„Unterwegs in“ nennt der Kunth-Verlag seine Reihe, deren Werke Bildband, Reiseführer und Atlas vereinen. Australien ist mein Werk. Es eine opulente Reiseenzyklopädie, die umfassende Orientierung und kompaktes Wissen bietet.

Der bilderreiche und informative Hauptteil ist nach Regionen bzw. nach Reiserouten gegliedert und beschreibt die schönsten Plätze, die ihr gesehen haben müsst. Von mir stammt der Band Unterwegs in Australien*. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

 

Im Hamburger Silberfuchs-Verlag erschien meine klingende Zeitreise durch die Kulturgeschichte Australiens. Beim Zuhören folgt ihr den Legenden der Ureinwohner und den Spuren der weißen Siedler. Ihr entdeckt unter den Felsen von Kakadu eine Freiluftgalerie der Vorzeit, erlebt in Port Arthur als Strafgefangene die Hölle auf Erden, grabt in Victoria nach Gold und begegnet in den australischen Alpen dem Wegelagerer und Volkshelden Ned Kelly.

Andreas Fröhlich  von den Drei ??? erzählt die Kulturgeschichte Australiens spannend wie einen Krimi. 2010 wurde er als  „Bester Interpret“ mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet.

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