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Paradepisten zwischen Alpen und Arktis

Lust auf die besten Skigebiete – und kleine, idyllische Destinationen ohne Massenbetrieb? Gabriella Le Breton und Hilke Maunder haben zwischen der Arktis und den Alpen gleich ein Dutzend dieser Perlen mit Paradepisten, Puderhängen und feinster Küche entdeckt.

Weltweit bauen die Skigebiete ihr Liftangebot aus und vernetzen sich mit umliegenden Dörfern und Regionen. Dennoch sind es noch immer die großen Namen, die locken: Verbier, Courchevel und St. Anton. Wintersport bedeutet für sie big business. Mit Massenandrang, hohen Preise und verlorenem Charme. Gemütlicher, authentischer und preiswerter geht es bei ihren kleinen Nachbarn zu. Ob Nendaz, Morzine oder Stuben – hier ist das Schneevergnügen so sterneverdächtig wie die Küche. 

Kirchberg, Österreich

Wer Lust auf Szene und Jet-Set hat, fährt ins nur sechs Kilometer entfernte Kitzbühel. Alle anderen freuen sich, dass Kirchberg idyllisch und familienfreundlich geblieben – und mit 51 Liften dennoch direkt an einen Skigroßraum angeschlossen ist, der mit Abfahrten wie der „Streif“ zur Legende wurde. 168 km Paradepisten warten auf Sie. Ein kostenloser Skibus verbindet zudem Kirchberg mit der SkiWelt Wilder Kaiser-Brixental, Österreichs größtem zusammenhängenden Skigebiet.  279 km Piste, 90 Liften und 84 urige Hütten und Après-Ski-Lokalen warten dort auf Sie!

Und während in Kitzbühel die besten Tische schon Tage im voraus reserviert werden müssen, stapft man in Kirchberg durch den Schnee hin zu Simon Taxacher, der nach zwei Sternen von Michelin jetzt von Gault-Millau die vierte Haube und 19 Punkte erhalten hat – der 35-Jährige ist damit der beste Koch Tirols. Aus Tiroler Traditionsküche und mediterranen Einflüssen zaubert er kulinarische Kunstwerke, die scheinbare Gegensätze verschmelzen. Minimalistische Feuerwerke für den Gaumen und das Auge am Abend. Und kunstvoll verpackte Gourmethappen auf dem Frühstücks-Butler am Morgen, der neben das Bett gerollt wird. Wie gut, dass rund um Kirchberg die Pisten genauso verführerisch sind. Und donnerstags wie freitags nach dem Schlemmen noch spätabends den Gaisberg hinab gewedelt werden darf.

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Eine Nacht im Relais-Châteaux-Haus Hotel Rosengarten mit seinen nur 26 Zimmern und Suiten beginnt ab ca. 115 Euro/DZ, die „Skispaßpauschale“ inkl. Skipass für eine Woche ab 1.141 Euro/DZ. Der Sechstageskipass für den Skigroßraum Kitzbühel-Kirchberg kostet je nach Saison 193 – 241 Euro.

Nendaz

412 km Piste, Snowparks, Tiefschnee total und danach Partyspaß in Luxuschalets: Mit diesem Mix hat sich Verbier, das vorher eher ein älteres Publikum mit Klassik und Gourmetküche lockte, zur Kultdestination der Jeunesse Dorée entwickelt. Im ersten Alpendomizil der US-Kette W Hotel chillen sie hinter dem Flammenvorhang am Eingang in eiförmigen Hängesesseln, genießen Tapas von Sternekoch Sergi Arola und blicken aus stylischen Doppelzimmer auf die Lifte, die sich Mont-Fort emporschwingen – mit 3.330 Metern die höchste Spitze des Skigroßraums 4 Vallées.

Ein letzter Blick auf Matterhorn, Grand Combin und Mont Blanc im Blick, und dann wird durch den stobenden Tiefschnee nach Nendaz gewedelt, wo Loris Lathion 1998 gerade mal 21 Jahre jung den Herd des Mont-Rouge übernahm und seitdem mit kreativer Jahreszeitenküche Kritiker und Gäste begeistert. 2014 gab’s dafür 14 von 20 Punkten von Gault-Millau. Das sommerliche Seezungenfilet auf einem Spiegel von Mangold und Artischocken hat jetzt, im Herbst, längst dem Wild Platz gemacht, das sein Vater im Hochgebirge erlegt. Und unterwegs mit seinen Freunden ins Chalet des Alpes in Balavaud einkehrt, wo Heinz Rohr ehrliche Bergküche in 1820 Meter Höhe serviert: Walliser Gerstensuppe, Eglifilet, Kalbsbäckchen und Käsefondue.

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Warmes Holz, Schweizerrot auf Textilien und Tapeten, Boxspringbetten in allen acht Zimmern und die Bergbahnen vor der Tür: ski in, ski out im gemütlichen Hôtel des Étagnes (DZ ab ca. 120 Euro; lesetagnes.com). Der 2.200 qm große Spa-Bereich des Hôtel Nendaz 4 Vallées, das Ende 2013 mit 62 Zimmern eröffnete, ist die schönste und größte Wellnessoase der vier Täler (DZ ab ca. 200 Euro, hotelnendaz4vallees.ch). Den Sechstageskipass gibt es ab 300 Euro (4vallees.ch).

Morzine, Frankreich

Brettern, bis die Muskeln brennen, oder genussvoll schwingen: Mit 650 Pistenkilometern zwischen Mont-Blanc und Genfer See bilden die „Tore zur Sonne“, die Portes du Soleil, den größten Skigroßraum Europas und Nummer vier der Welt. Zu seinen zwölf Skiorten gehören Sci-Fi-Stationen wie Avoriaz, das Anfang der 1960er-Jahre auf ein Hochplateau in 1800 m Höhe gesetzt wurde, und uralte, Hochsavoyer Bergdörfer wie Morgins. Und Morzine, das in Holzchalet mit Schieferschindeln urgemütliche Unterkünfte, lebendigen Après-Ski und leckere Küche bietet – vom Blaubeerkuchen von „La Terrasse“ (+33 4 50 74 16 17, kein www.) in Les Lindarets über Räucherfleisch und Käsefondue auf der Alp Lapisa bis zum zarten Ferkel, das Alexandre Baud-Pachon mit dunkler Schokolade und karibischer Vanille aromatisiert.

L’Atelier, Werkstatt, nennt der gebürtige Morziner sein Gourmetrestaurant im Hôtel du Samoyède. Hummer-Ravioli mit Ingwer und Petersilien-Lamm aus Sisteron verführen dort die Sinne. Wie auch der Wein mit mehr als 10.000 Tropfen von 200 Winzern, unter denen auch heimischen Gewächse zu finden sind: der rote Amariva (2006) von G & B Bouvet, der Mondeuse d’Arbin (2010) von Trosset sowie Weiße aus der autochtonen „Ginget“-Traube, die der Biowinzer Dominique Belluard perfekt vinifiziert.

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Im gemütlichen Luxus-Chalet La Bergerie besitzt jedes der 27 geräumigen Zimmern eine kleine Küche (DZ ab ca. 210 Euro; hotel-bergerie.com). Der Sechstagesskipass für Portes du Soleil kostet ab 242,50 Euro (de.portesdusoleil.com).

La Villa, Italien

Wenn Mitte Dezember auf der rasanten Grand Risa-Piste der Riesentorlauf der Herren ausgetragen wird, herrscht Trubel im sonst so ruhigen und beschaulichen Dorf des Gadertals. Eingebettet zwischen den mächtigen Felswänden des Heiligkreuzkofels, der Lavarella und der Conturines, hat es seinen Südtiroler Charme bewahrt – und doch Anschluss gefunden an einen Skizirkus der Superlative: Mit 130 Pistenkilometer gehört das weitläufige Areal von Alto Badia zu Dolomiti Superski, einem riesigen Verbund von zwölf Skiorten mit 1200 km Piste.

Doch da wird nicht gebrettert, sondern Dolce Vita zelebriert. Skifahren ist hier einfach nur der bequemste Weg zwischen den vielen Bars, Cafés und Restaurants im Schnee. Wie dem Ospizio Santa Croce, 1718 in 2.045 Meter Höhe als Schutzhütte samt kleiner Kapelle für Pilger errichtet, das heute mit leckerem Kaiserschmarrn lockt. Oder die Utia L’ Tamà (Tel.+39 33 34 91 81 90, kein www.), wo Familie Pitschneider deftige ladinische Hausmannskost wie „stinco di maiale“ (Schweinehaxe) mit Sauerkraut und „canederli“-Klößen serviert. Und verpassen Sie auf keinen Fall auch nicht das Rifugio Nagler (Tel. +39 335 693 21 18, kein www.), wo „föies da soni“, köstliche Kartoffelaufläufe, aus der Küche kommen. Zurück im Tal, verwöhnt Fabio Groppi im La Gana mit Schlemmermenüs, komponiert aus den Gaben der Wälder ringsum.

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Alpencharme trifft Trenddesign in den 32 Zimmern des Boutiquehotels La Majun (DZ ab ca. 124 Euro; lamajun.it), vor dessen Haustür die Pisten beginnen. Der Sechstageskipass für Alta Badia kostet ab 221 Euro (altabadia.org), für Dolomiti Superski ab 270 Euro. (dolomitisuperski.com)

Stuben/Österreich

Das gemütliche Skidorf bietet alles, was dem Arlberg einzigartig macht: knackige Pisten, traumhaften Tiefschnee und Schneesicherheit. Nur die internationale High Society fehlt – sie tummelt sich auf der teuren Seite in Lech, Zürs, St. Anton und St. Christoph. Wer sportliches Skifahren schätzt, ist in dem bodenständigen Bergdorf mit seinen 30 Häusern, die sich an den Hang schmiegen, jedoch bestens aufgehoben. Drei Sesselbahnen schwingen sich zum 2.400 m hohen Hausberg „Albona“ hinauf. Von dort wedelt man auf baumfreien Pisten zur Alpe Rauz (1.629 m), Tor zu 440 km Schneevergnügen mit 260 km Piste und 180 km Tiefschnee.

Ebenfalls hier starten die Gratiskibusse nach Zürs und Lech, wo legendäre Abfahrten vom Madloch und Ochsenhörnle locken. Und der Après-Ski-Tanz im Hotel Krone mit seiner Schneebar am Liftplatz. Zurück in Stuben, regiert der „Bocuse vom Arlberg“: Werner Walch, Seniorchef vom Mondschein-Hotel. Unter Schwiegersohn Markus Kegele wurde „Slow Food“ zur Maxime, und erdverwurzelte, authentische Austria-Küche zum Markenzeichen: mit luftgetrocknetem Jungrinderschinken, knuspriger Bauernente, in Butterschmalz gebratenem Kalbswienerschnitzel, hausgemachten Bauernbroten und Zirbelar-Eis. Regie im urigen Weinkeller aus dem 17. Jahrhundert führt Eva-Maria Kegele-Walch. Mehr als 70 Rieslinge von Top-Winzern wie Mittelbach, Jamek, Knoll, Schmelz oder Schloss Gobelsburg lagern dort – jede Woche lädt die Sommelière zur Weinverkostung.

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„Green Lifestyle“ prägt nicht nur die Küche, auch die Zimmern des Skihotels Mondschein (DZ ab ca. 126 Euro; mondschein.com). „Soulfood“ kommt im Arlberg Stuben auf den Tisch: gekochtes Hüferschwanzel vom Rind, Wildragout und Backendl. Danach geht’s in den Outdoor-Jacuzzi zum Blubberbad unter dem Sternenhimmel (arlberg-stuben.at). Der Skipass kostet für sechs Tage ab 245 Euro; skiarlberg.at).

Levi, Finnland

Bis weit in den Mai ist in Levi Saison. Das kleine Dorf im Norden Lapplands ist mit 43 Pisten, die 27 Lifte erschließen, Finnlands Alpinmekka. Zum Gipfel saust Finnlands einzige Gondel. Zurück zur Talstation führt am Westhang eine knackig schwarze Weltcup-Piste: 52 Prozent Gefälle sind selbst in den kanadischen Rockies nicht zu finden. Seichte, geschützte Familienabfahrten säumen den Südhang; lang gezogene Tempoabfahrten den Osthang. Die Pisten am Nordhang enden am Partytempel der Hullu Poro-Arena, wo Live-Bands bis in den frühen Morgen einheizen.

Langlauf ist hier Zen im Schnee. 230 Kilometer Loipe, 4,5 bis 35 Kilometer lang überziehen das Levi-Fjäll und den Immeljärv-See, verlaufen über offene Ebenen, gefrorene Sümpfe, mäandrierende Flüsse, dichte Fichtenwälder und verbinden sich den Loipennetzen von Muonio, Äkäslompolo und Hetta. Dick vermummt in Thermoanzügen, geschützt mit Helm und Handschuhen, geht es auf Motorschlitten durch den Schnee. Mittags taucht in im weiten Weiß eine „kota“ auf, ein Zelt der Samen. Im Kessel köchelt Rentiersuppe, in Holztassen mit Grifflöchern für zwei Finger dampft Kaffee. Schneewinter, nordisch.

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Mit Ski in, ski out lockt direkt an der Express-Gondel das Panorama-Hotel. Top: die Sauna mit Weitblick auf dem Dach. Oder gleich mit dabei in der Junior-Suite! (DZ ab ca. 130 €; levipanorama.fi). Halb unter der Erde versteckt sich eines der wenigen samischen Restaurants von Finnland. Auf der Karte: Elch, Rentier und Lachs in vielen Variationen (samirestaurant.com). Der Sechstageskipass kostet ab 151,50 Euro (levi.fi).

Valtournenche / Cervinia, Italien

Pudriges Weiß gibt es hier genug: Die Höhenlage – mehr als 2.000 Meter – und mehrere Gletscher machen Cervinia zum Schneeloch. Selbst im Sommer ist auf der Sonnenseite des Matterhorns Skisaison! 160 km allein umfasst allein das italienische Pistennetz von Cervinia/Valtournenche, 200 Pistenkilometer kommen auf Schweizer Seite hinzu – allerdings lässt sich Zermatt das erweiterte Angebot mit einem Tages- Aufschlag beim Skipass bezahlen. Mit Fellen – oder, ganz bequem, per Heli  – geht’s zu unberührten Tiefschnee an den Flanken von Breithorn und Schwarztor.

Von dort wedeln Sie durch einen Gletscher-Canyon – einfach unbeschreiblich! Das Muss danach: die Einkehr Chez Vrony, wo warme Wolldecken ebenso für Wohlbehagen sorgt wie das, was Bergwirtin Vrony Julen-Cotting aus der Küche bringt: Burger vom Simmentaler Rind, Rösti, Alpkäse und Apfelkuchen – alles bio und so sehr Kult, das auch Popstar Robbie Williams und Geigerin Vanessa Mae zu den Stammgästen zählen.

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Lassen Sie sich nicht vom Chalet-Look der Siebziger täuschen: Drinnen präsentieren sich Les Neiges d’Antan als Wohlfühlherberge mit viel Holz, kuscheligem Kaminfeuer und Teleskop zum Sternegucken. In der Lounge darf in Ludos Plattensammlung gestöbert werden (DZ ab ca. 280 Euro; lesneigesdantan.it). Der Sechstageskipass für Breuil-Cervinia-Tournenche kostet ab 280 Euro, der Tages-Aufschlag für Zermatt 33 Euro.

Der Beitrag mit den besten Paradebisten Europas ist in der Ausgabe Dezember 2014/Januar 2015  von Food and Travel erschienen. 

 

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