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Wien: Servus bei Sisi

Servus bei Sisi! Wien und die zauberhafte Umgebung in Niederösterreich – Begegnungen zwischen kaiserlicher Tradition und kreativer Gegenwart.

“Wie wünschen gnä‘ Frau den Kaffee? Schwarzer oder Brauner, Einspänner oder Kapuziner? Verlängerter? Verkehrter?” Ratlos blicke ich den Ober an. Schwarz livriert steht er vor mir. Streng, unbeteiligt. Kein Gesichtszug verrät, was er denkt, als ich eine “Melange” bestelle. Die Schale mit dem Kaffee-Milch-Mix ist längst leer, das Wasserglas ausgetrunken, doch kein Ober schaut missmutig. Die Wiener machten den Kaffeegenuss zur Weltanschauung. Ob im Prückel, Sperl oder Gerstner: In den 1.800 Kaffeehäusern der Stadt darf man stundenlang sitzen, darf alle Illustrierten durchblättern, schauen, träumen, die Zeit vergessen.

Sisi wusste stets, was sie bestellte. Milchkaffee und Katzenzungen, Weichselgranité, gemischte Busserl und zartblaues Veilcheneis ließ die Kaiserin allmorgendlich vom Demel liefern. Mit seinen Kunstwerken aus Zuckerguss und Marzipan ist das Schaufenster der Hofkonditorei am Kohlmarkt seit 200 Jahren eine einzige Einladung zur Sünde.

Kaiserliches Wien. Fast 700 Jahre lang hat die Hofburg Aufstieg und Fall der Habsburger miterlebt. Gigantische Gemächer, verschwenderische Pracht. Gebaut von der Gotik bis zur Gründerzeit, und doch voller Harmonie. In den Kaiserappartements hängen die Turngeräte von Sisi an der Wand. In der Winterreitschule tanzte 1815 der Wiener Kongress. Die Show der Spanischen Hofreitschule dauert 90 Minuten.  34 Lipizzaner zeigen die Hohe Schule der Reitkunst: Passagen, Pirouetten, Piaffen; Seitsprünge und Sprungwechsel. Die Stallungen gleichen feudalen Salons: Jeder Hof-Hengst hat eine eigene Marmorkrippe für Heu und Hafer.

Die Hofburg, maßlos majestätisch. Ein kleiner Hase, minutiös der Natur nachempfunden. Andächtig betende Hände. Zwei Werke Dürers, zwei Schätze der Million Druckgrafiken und 40.000 Zeichnungen der Albertina, der größten Grafiksammlung der Welt.  Gleich daneben: Bücher in Gold und Leder. Dicht an dicht zwischen Säulen und Statuen, Reih‘ um Reih‘ bis unter barocke Kuppeln mit faszinierenden Fresken: Die Nationalbibliothek, schönster Lesesaal des Barock.

145 Habsburger fanden in der Kapuzinergruft ihre letzte Ruhestätte. Barocker Pomp in Gusseisen und Bronze, 1990 zuletzt für Kaiserin Zita. Noch morbider, majestätischer: der Zentralfriedhof. Mehr Menschen, als heute in Wien leben, ruhen hier in Prunk und Pracht: zwei Millionen Tote. Beethoven und Brahms, Strauß und Schnitzler, Theo Lingen, Curd Jürgens, Hans Moser. Mozarts Grab: nur ein Gedenkstein. Er selbst ruht in einem Armengrab auf dem Sankt Marxer Friedhof. “Sag zum Abschied leise Servus”…

Wien. Jeder Zentimeter Geschichte. Aufregend. Anstrengend. Gäbe es nicht die Tram. Laut ratternd ruckelt die Straßenbahn über den Ring. Linie 2, Fensterplatz: Sightseeing im Konzentrat. Von der Staatsoper sagte Karajan einmal, 1,6 Millionen Mitdirektoren belehrten ihn, wie das Haus zu führen sei. Bravo und Buhs machten die Burg berühmt”, Pluhar und Peymann prägten das Burgtheater.

Rathaus, Uni, zwei Museen gleiten vorbei. Dann ein Tempel der Hellenen: das Parlament, errichtet als Hommage an die Väter der Demokratie Rechts, links, rechts, wohin man sieht, Prachtbauten der Ringstraße. Völlig geschafft bin ich von der Viertelstunde Fahrt durch ein Freilichtmuseum Wiederholen? Erholen… Jetzt einen “Einspänner”!”

Wie der schlanke Turm des Stephansdoms ziert ein Berg aus Schlagobers den Koffeinkick im Glas. Und dann lass ich richtig einspannen: “Küss die Hand, gnä‘ Frau!” Schnauzbart, und “Stößer” (Hut), Pepita-Wams und schwarze Hose. Im Mund halb vergessen eine Zigarre. Schmus und Schmäh gehören zum Fiaker wie das symbolische Schwingen der Peitsche. “Hühott!”.

Rhythmisch klappern die Pferdehufen über das Kopfsteinpflaster. Wir biegen von der Ringstraße ab, ziehen durch enge Altstadtgassen. Gelegentlich schnalzt der Kutscher, zieht seinen halbrunden Hut noch tiefer in die Stirn. Ich lege den Kopf in den Nacken, blick‘ in das Blau des Himmels, atme “Wiener Luft”. weich lichtdurchzogen, rätselhaft.

Fiaker-Fahren: ein himmlisches Vergnügen zu etwas abgehobenen Preisen. Herrlich herrschaftlich. Als 20 Minuten vorbei sind, erhöhe ich auf eine Stunde Falle wieder in die Polster, staune über die Stadt. Jeder Geschmack hat seinen Stil. Jugendstil. Ein Gebäude wurde zum Symbol: die Secession. Auf dem streng weißen Kubus leuchtet eine Kuppel in der Sonne. 3.000 Lorbeerblätter, filigran verflochten – Glamour in Gold.

Schlicht, kühl, funktional: der Karl-Marx-Hof, 1930 von den Sozialdemokraten erbaut. Ihre Vision: Volkswohnpaläste für 10.000 Menschen. 1,2 Kilometer Sand und Ocker um zehn Torbögen, heute Denkmal der Moderne Ebenso mutig: das Hundertwasserhaus. Ohne Ecken und Kanten, dafür Kuppeln und Kacheln, mit Gras und Birken bewachsen. Kunterbunt und kitschig. Die Fantasien des Friedensreich Hundertwasser sprengen den Stein, scheinen zu schweben…

Zum Prater! Die Hektik der Großstadt eintauschen gegen Momente der Stille und Ruhe. Am Konstantinhügel plätschert ein Wasserfall. Kleine Brücken, dann wieder schattige Wege, weite Wiesen, verträumte Orte. Lustwandeln unter Kastanien. Am Wurstlprater hat das pulsierende Leben mich wieder, will ich Abschied nehmen wie Orson Welles im Dritten Mann: 64 Meter hoch, bei einer Fahrt im Riesenrad. Ganz allein in der Gondel, liegt mir Wien zu Füßen. Dahinter: das Silberband der Donau.

Wie ein grüner Gürtel legt sich der Wienerwald um die Millionen-Metropole. 6000 Kilometer Wanderland. Lieblich sanft im Norden, überzogen von lichten Buchenwäldern und Eichenhainen. Im Süden zeigt der Wald sein zweites Gesicht: steile Schluchten, Kalkklippen, Schwarzkiefern. 1840 wurde hier der letzte Wolf erlegt.

Mit der Südbahn wurde der Wald für Wien erschlossen, wurde Mödling zur Sommerfrische für Künstler. Beethoven genoss 1818 bis 1820 friedvolle Sommer, Arnold Schönberg kam gut hundert Jahre später. In der Seegrotte lädt Europas größter unterirdischer See zur Ruderpartie.

Südlich liegt Gumpoldskirchen. Promi-Weindorf mit wunderschönen Renaissancehöfen und herrlichem Heurigen aus Rotgipfler und Zienfandler-Trauben. Arkadien am Anningerberg. Nur leider völlig überlaufen, besonders am Wochenende.

So zieht es mich lieber ins Weinviertel nördlich von Wien. In der alten Grenzregion ist das Leben noch alltäglicher, einfacher. Eng sind Straßen und Gassen, geduckt die Häuser. Prall gelb und grün bedecken Kürbisse die Felder. Dahinter, in Wellen, Rebhängen, so weit das Auge reicht. Geliebt werden Weißweine, Burgunder, Welschriesling, … nur jeder achte Schoppen ist rot.

Tausende Weinkeller, Presshäuser und Kellereien bilden hier das größte Weinbaugebiet Niederösterreichs. In den 800 Kellergassen zwischen Korneuburg und Retz stecken Föhrenbüsche vor dem Haus. “Ausg‘steckt is”. Nur wenige Wochen im Jahr darf der Winzer seinen eigenen Wein kredenzen. Im September ist es soweit. Am Thekenbuffet stehen Schweinsbraten, Blutwurst und Kraut zur Selbstbedienung; der Wirt bringt den Wein. Ein “Doppler” fasst zwei Liter. Grüner Veltliner fließt goldklar ins Glas, kühl und pfeffrig durch die Kehle.

In Retz sprudelt der Wein sogar aus dem Dorfbrunnen, erzählt ein Gast. Später kommen junge Männer, spielen Schrammelmusik, ziehen weiter. Abend legt sich über das Land. Eine kleine Lichterkette erleuchtet die Buschenschänke Jeder Platz ist besetzt. Einheimische, Fremde, alle reden miteinander, lachen, trinken, feiern. Wenn wundert’s dass der Weinkrug noch ein paar Mal ausgewechselt wurde….

Das Wein von Sisi: Drei Extra-Tipps

• Schloss Schönbrunn: Sisi’s Paradies. Ansehen: größtes Palmenhaus Europas, ältester Tierpark der Welt, atemberaubende Aussicht (Gloriette), Café Kronprinzengarten (Kaffee bei 25° C, Schmetterlinge).

• Warme Buchteln probieren! Tradition im Café “Hawelka”, täglich 22.15 Uhr.

• “Weinherbst”: Bei 600 Festen Küche, Keller & Kunst des Weinviertels entdecken.

Hörtipp

“Wiener Blut”, Operette von Walzer-König Johann Strauß (1825 – 1899).

Reise-Infos

Wien-Tourismus, Kärntnerstraße 38, 1010 Wien: Telefon: 0043 1 5 13 88 92, täglich 9-19 Uhr.

Dieser Beitrag ist am 22. September 2000 unter dem Titel „Süße Sünden im Schatten des Doms“  in tv Hören und Sehen erschienen.

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