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Wien: Zurück in die Zukunft

Das Wien der Gegenwart liebt die Gegensätze: In alten Gemäuern ist neues Leben erwacht.

Servus bei Sisi! Na ja, das auch. Doch Wien ist mehr als Sachertorte, Schlösser, Shopping. Wien ist Widerspruch. Kaiserliche Tradition, kreative Gegenwart. Nostalgie und Avantgarde. Blick zurück und Schritt in die Zukunft. Wien lebt – und liebt – das Spiel der Gegensätze.

Wie sehr, zeigt das MuseumsQuartierWien (MQ). Zwischen kaiserlicher Hofburg, der sanierten Shoppingmeile Mariahilfer Straße und dem malerischen Szeneviertel Spittelberg gelegen, verbindet das neue Kulturareal Tradition und Moderne. Nach allen Seiten offen, präsentiert sich das MQ als architektonisch faszinierende Verbindung restaurierter Barockbauten – den ehemaligen Hofstallungen des Kaiserhauses – mit zukunftsweisender Baukunst der Architekten Laurids und Manfred Ortner. Auch inhaltlich schlägt das MQ Brücken: darstellende und bildende Kunst, Musik und Theater, Happenings und Historie, Kultur für Kinder und Experimentierflächen für Initiativen finden hier Raum. 60.000 m2 Nutzfläche auf bis zu acht Ebenen machen das MQ zu einem der zehn größten Kulturzentren der Welt.

Das MuMoK (Museum moderner Kunst  Stiftung Ludwig Wien) präsentiert als Block aus schwarzem Basalt 450 Exponate seiner Sammlung: Warhol, Klee, Picasso & Co. Die weltgrößte Sammlung an Gemälden Egon Schieles und weiterer Maler der Moderne wie Klimt, Kokoschka und Gerstl zeigt seit 22. September ein lichter Kubus aus hellem Muschelkalk – Heimat der Sammlung Leopold.

Ein Rechteck aus rotem Backstein verbindet beide Neubauten: Hier residiert die Kunsthalle Wien. Davor liegt die einstige Winterreithalle mit den Hallen E+G, den neuen Spielstätten der Wiener Festwochen, der Internationalen Tanzwochen Wien und des Filmfests Viennale. Zwischen alt und neu liegt der größte „Freiluftfestsaal“ der Stadt – der riesige Innenhof des MQ mit Bänken und Bäumen und Freiraum für alle Formen der Kunst.

Als kultureller Aktionsraum des 19. und 20. Jahrhunderts und Seismograph für künftige Entwicklungen versteht sich das MQ als „Kristallisationspunkt im globalen Netzwerk der Kunst und Kulturen“. Ateliers für „artists-in-residence“ oder Produktionsstudios für neue Medien sind dabei ebenso in den Komplex integriert wie das Kindermuseum ZOOM oder das Architekturzentrum Wien.

Durchgänge und Passagen integrierten das neue Viertel in die Geschichte der Stadt. Aus den flachen Fenstern des MuMoK fällt der Blick auf die nahe Hofburg. Fast 700 Jahre lang hat der monumentale Komplex aus Burgen, Schlössern, Höfen, Gärten und Gängen Aufstieg und Fall der Habsburger miterlebt. Gebaut von der Gotik bis zur Gründerzeit, maßlos majestätisch und doch voller Harmonie. In den Kaiserappartements hängen noch Sisis Turngeräte an der Wand. In der Winterreitschule tanzte 1815 der Wiener Kongress. Die Show der Spanischen Hofreitschule dauert 90 Minuten. 34 Lipizzaner zeigen die Hohe Schule der Reitkunst: Passagen, Pirouetten, Piaffen; Seitsprünge und Sprungwechsel. Die Stallungen gleichen feudalen Salons. Jeder Hof-Hengst hat eine eigene Marmorkrippe für Heu und Hafer.

Ein kleiner Hase, minutiös auf Papier festgehalten. Andächtig betende Hände. Zwei Werke Dürers, zwei Schätze der Million Druckgrafiken und 40.000 Zeichnungen der Albertina, der größten Grafiksammlung der Welt. Im Herbst 2002 öffnet sie wieder ihre Pforten. Gleich daneben: Bücher in Gold und Leder. Dicht an dicht zwischen Säulen und Statuen, Reih‘ um Reih‘ bis unter barocke Kuppeln mit faszinierenden Fresken: die Nationalbibliothek, schönster Lesesaal des Barocks.

In der nahen Kapuzinergruft fanden 145 Habsburger ihre letzte Ruhestätte. Barocker Pomp in Gusseisen und Bronze, 1990 zuletzt für Kaiserin Zita. Noch morbider, majestätischer: der Zentralfriedhof. Mehr Menschen, als heute in Wien leben, ruhen hier in Prunk und Pracht: zwei Millionen Tote. Beethoven und Brahms, Strauß und Schnitzler, Theo Lingen, Curd Jürgens, Hans Moser. Mozarts „Grab“ ist hier nur ein Gedenkstein. Er selbst ruht vermutlich in einem Armengrab auf dem Sankt Marxer Friedhof.

Gewohnt hat der „Woiferl“ in der Domgasse 5. In der Wohnung gleich hinter dem Stephansdom schuf er von 1784 bis 1787 seine erfolgreichsten Werke. Neben Klavierkonzerten komponierte er in dem Stiegenhaus auch die Oper „Die Hochzeit des Figaro“ – heute ist das „Figaro-Haus“ mit Arbeitszimmer, Salon und Schlafzimmer, Partituren und persönlichen Gegenständen eine Pilgerstätte für Musikliebhaber weltweit. Das Haus der Musik setzt auf modernste High-Tech und multimediale Erlebniswelten, um das Phänomen „Musik“ darzustellen: Klänge werden sichtbar, Orgelpfeifen begehbar, Besucher zu virtuellen Dirigenten oder Komponisten.

Die Stars der klassischen Musik werden auf der MusikMeileWien, dem Donau-Pendant zu Hollywoods Boulevard der Sterne, verewigt. Rund 80 Persönlichkeiten, darunter W. A. Mozart, Johann Strauß, Franz Schubert, Ludwig van Beethoven und Gustav Mahler erhalten auf der Route vom Stephansplatz zum Theater an der Wien ihren Fixstern. Mehrsprachige Audioguides mit Soundeffekten begleiten den Besuchern beim Bummeln über den Wiener Walk of Fame.

Die Rückseite des MQ lehnt sich an den Spittelberg. Einst berüchtigt für Bordelle und Spelunken, sind heute Maler und Musiker, Kinos, Kneipen und Cafés in die kleinen Biedermeier-Häuser zwischen Burggasse und Siebensterngasse gezogen. Hier beweist das „Shultz“, dass es nicht immer die berühmte Loos-Bar im Kärntner Durchgang sein muss, um einen Martini oder Daiquiri zu trinken. Mit „Subzero“ und „Schikaneder“ sind die jüngsten und coolsten Clubs  nur wenige Schritte entfernt.

In dem schlauchförmigen Keller, in dem einst Qualtinger & Co. ihr Publikum mit Wiener Schmäh unterhielten, spielen Live-Bands im „Porgy & Bess“ Jazz, Funk oder Soul. Jeden Sonnabend zieht die Szene auf die Straße: zum Kunstmarkt – Freiluftatelier, Fundgrube und Forum für Begegnungen. Im Sommer stellen die Cafés die Stühle auf den Gehsteig; im Winter bummeln die Besucher mit warmem Glühwein von Stand zu Stand.

Revitalisierung statt Abriss: Dieses Konzept, anfangs gegen enormen Widerstand durchgesetzt, ist inzwischen ein Wiener Erfolgsmodell. Idyllisch wie einst präsentiert sich so heute auch ein weiteres Areal, das nur knapp der Abrissbirne entging: das Blutgassenviertel. Wo im frühen Mittelalter die Tempelritter niedergemetzelt wurden, säumen heute Kunstgewerbeläden und Galerien das Gewirr der Kopfsteingassen.

Kein Auto stört die Stille. Hinter Rundbögen und schmalen Stiegen öffnet sich der Blick auf lauschige Innenhöfe mit begrünten Balkonen, Erkern und rankendem Efeu. Im Burggarten lockt das einst kaiserliche Palmenhaus (1907), 1998 generalsaniert als Brasserie und Bar, mit trendiger Bistroküche; im renovierten Museum für Angewandte Kunst das MAK Café. Vom Wiener Star-Architekt Hermann Czech gestaltet, hat das kulinarische Kleinod mit seiner feinen Küche, dem opulenten Speisesaal und kleinem Garten Europas ältestes Kunstgewerbemuseum in der  Publikumsgunst längst überholt.

Auf der anderen Straßenseite beweist ein alteingesessenes Kaffeehaus am Ring, wie Tradition und topaktueller Trend sich vereinen: Das Café Prückel, vor wenigen Jahren noch in der Krise, ist seit dem Rückbau in den ursprünglichen Stil der 50er Jahre Kult. Die Gründung des ersten Wiener Kaffeehauses geht auf eine Legende zurück: Nach der zweiten Türkenbelagerung erhielt der Türkisch-Dolmetscher G. Kolschitzky für seine Verdienste zum Dank 500 Säcke Kaffee-Beute und die Bewilligung, das erste Kaffeehaus der Stadt zu eröffnen.

Kolschitzky passte den türkischen Kaffee durch Zugabe von Milch dem Geschmack der Wiener an – die Wiener Melange war geboren. Bereits Mitte des 18. Jahrhundert gab es im Kaffeehaus alles, was auch heute noch zur Tradition gehört: Zeitungen, Billardtische, Kartenspiele und das obligatorische Glas Wasser zum Kaffee. Andy Warhol und H.C. Artmann genossen ihren Schwarzen, Braunen oder Einspänner am liebten im Hawelka, und noch heute werden allabendlich um zehn die berühmten heißen Buchteln von der Wirtin Josefine serviert.

Auch das Gerstner, Landtmann, der einstige Hoflieferant Demel oder der Bräunerhof gehören zu den alteingesessen Institutionen. Im krassen Kontrast zur klassischen Kaffeehauskultur steht das Café Museum, schlicht und schön bereits vor mehr als 100 Jahren vom Architekten Alfred Loos entworfen. Im Café „Das Möbel wechselt alle sechs Wochen das Mobiliar: Nur Theke, Küche und Toiletten sind fest installiert: Der restliche Raum dient als neutrales Forum für die neuesten Trends in Inneneinrichtung und Design. Das Ecklokal in der Burggasse ist Café und Verkaufsraum zugleich. Ob Prototyp, limitierte Auflage Café oder Einzelstück, können sie von den Gästen genutzt – und bei Gefallen gleich gekauft werden: An jedem Gegenstand baumelt ein Preisschild.

Neues Leben in alten Gemäuern: Dieses Konzept lockt die Szene auch an weniger zentrale Orte der Stadt. Besonders der „Gürtel“, die 13 Kilometer lange Autostraße mit der Stadtbahn zwischen den Fahrbahnen, ist ins Blickfeld von Stadtsanierung und Szene geraten. Die bis vor kurzem brachliegenden Stadtbahnbögen, einst von Otto Wagner auf dem Gürtel als Viadukt für die innerstädtische Bahnlinie konzipiert, wurden zur Heimat von angesagten Zeitgeist-Tempeln wie dem rhiz, der Internet-Bar für E-Musik, oder dem Pub B 72, über dessen massiver Niro-Bar sich ein riesiges Speichenrad dreht – das Spirituosenregal.

Wien: Info

Shopping

In der Altstadt (1. Bezirk) lockt die Fußgängerzone Kärntner Straße – Graben – Kohlmarkt zum Einkaufsbummel. Antiquitäten finden sich in den Gassen rund um das Dorotheum, dem Wiener Auktionshaus; Elegantes und Stilvolles in der Ferstel-Passage. Kaufhäuser und Boutiquen säumen die Mariahilfer Straße. Wiens größte Einkaufsstraße wurde in den letzten Jahren einem umfangreichen Facelift unterzogen. Berühmtester Markt der Stadt ist der Naschmarkt an der Wienzeile mit seinen kulinarischen Köstlichkeiten aus aller Welt. Jeden Sonnabend Vormittag beginnt dort, wo der Naschmarkt an der U-Bahn Kettenbrückengasse endet,  ein beliebter Flohmarkt.

Aussichtspunkte

Türmerstube im Stephansdom (343 Stufen oder 72 Meter), Riesenrad im Prater (67 Meter), Oberer Belvedere, Aussichtsterrasse im „Steffl“ (Kärntner Straße 19), Donauturm (252 Meter), Kahlenberg (483 Meter).

Kaffeehäuser

Die Wiener Kaffeehäuser von heute haben so gut wie nichts – und dann doch wieder alles – mit ihren Vorgängern gemeinsam. Die schönsten Wiener Kaffeehäuser – eine Entdeckungsreise von Tradition bis Trend:

Bräunerhof

1., Stallburggasse 2

Café Museum

1., Friedrichstraße 6

Das Möbel

7., Burggasse 10

Gerstner

1., Kärntner Straße 11-115

Hawelka

1., Dorotheergasse 6

Kleines Café

1., Franziskanerplatz 3

Landtmann

1., Dr. Karl-Lueger-Ring 4

MAK Café

1., Stubenring 3-5

Prückel

1., Stubenring 24

Sperl

6., Gumpendorfer Straße 11

Theatercafé

6., Linke Wienzeile 6

Bars

Loos Bar

1., Kärntner Durchgang

Shultz

7., Siebensterngasse 31

Guess Club

1., Kärntner Straße 44

Sky Bar (im „Steffl“)

1., Kärtner Straße 19

Barfly’s Club

6., Esterházygasse 33

First Floor

1., Seitenstettengasse/Rabensteig

rhiz electronic bar

8., Gürtel Stadtbahnbögen 37 & 38

B 72

8., Gürtel Stadtbahnbögen 72 & 73

Clubs

Schikaneder

4., Margaretenstraße 22-24

Subzero

7., Siebensterngasse 27

Blue Box

7., Richtergasse 8

Donau

7., Karl-Scheighofer-Gasse 10

Hinkommen

Der Flughafen Wien-Schwechat liegt 19 Kilometer südöstlich der Innenstadt.

Unterkunft

Der Wien-Tourismus berät und bucht Zimmer in jedem Wiener Hotel.

E-Mail: rooms@info.wien.at

Wien-Karte

Die Netzkarte bietet 72 Stunden lang freie Fahrt im öffentlichen Nahverkehr, Preisnachlässe beim Shopping sowie günstigere Eintritte in Museen.

Touristen-Information

Wien Tourismus

Albertinaplatz

A-1025 Wien

Tel. +43/1/21114 – 0

Fax +43/1/2168492

 Dieser Beitrag ist am 21. Dezember 2001 im Handelsblatt erschienen sowie als Kurzform auf Spiegel Online.

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