2011DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Wildes Mecklenburg: Was für eine Natur!

„As uns´ Herrgott de Welt erschaffen ded, fung hei bi Meckelnborg an, un tworsten von de Ostseesid her, un makte dat eigenhändig fahrig, up de ein Sid bet Ratzeborg un Swerin, up de anner Sid bet Stemhagen un Bramborg, un wis´te sine heilige Engel, wo´t makt warden müßt, un redte tau ehr un säd,
sei süllen´t so wider maken.“

Fritz Reuter, De Urgeschicht´ von Meckelnborg, erstes Kapitel; um 1860

„Wenn die Welt untergeht, zieh ich nach Mecklenburg“, hat Reichskanzler Otto von Bismarck einmal gesagt. Im nordöstlichsten Bundesland zeigt sich die Natur zwischen Priwall und Peene vielerorts noch ungezähmt, weit und wild.

Hinter der 1.900 km langen Ostseeküste ist fast jeder dritte deutsche See daheim. Insgesamt mehr als 2000 blaue Oasen mit bester Wasserqualität verstecken sich dort. Einige große, unzählige flache wie der nur zwei Meter m tiefe Schwarze See bei Schlemmin, zwei Dutzend unergründliche wie der Tiefe See bei Neu Gaarz, mit 62 m zweittiefster nach dem Schaalsee im Grenzgebiet zu Schleswig-Holstein.

Sanft gewellt mit vielen Seen: die Mecklenburgische Schweiz bei Neuhof. Foto: Hilke Maunder

Flüsse, Bäche und Kanäle verbinden die Seen zu einer in Europa einzigartigen amphibischen Landschaft, in der östlich von Teterow die Minihügel der Mecklenburgischen Schweiz aufragen. Gelassenheit liegt über den großen, unzerschnittenen Landschaften, die von der höchsten Sonnenscheindauer Deutschlands verwöhnt werden.

„Das Land wie flach aus, ab und zu liegt zwischen den reifenden Feldern ein dunkler Waldstreif. Wer es nicht weiß, kann nicht ahnen, dass dieser dunkler Waldstreifen einen tief ins Land eingeschnittenen langen See bedeutet, Seen mit dem tiefsten klaren Wasser von einem bezaubernden Türkisgrün oder Azurblau.“

Hans Fallada über seine Heimat Mecklenburg in „Damals bei uns daheim“ (1942)

Bereits während der Wende wurde durch einen Beschluss der letzten DDR-Regierung vom 12. September 1990 die urzeitliche Wildnis im nordöstlichen Küstenland unter Schutz gestellt. Allein drei der 14 deutschen Nationalparke liegen in Mecklenburg-Vorpommern. Hinzu kommen sieben Naturparke, drei Biospärenreservate und ein Geopark als Großschutzgebiete sowie 288 Natur- und 144 Landschaftsschutzgebiete.

Wildes Mecklenburg: Was für eine Küste!

Der Formenreichtum Mecklenburg-Vorpommerns ist ein Werk der letzten Eiszeit. Das schönste Denkmal der Erdgeschichte erhebt sich im Nationalpark Jasmund: Rügens strahlend weiße Steilküste. Mit unvorstellbarer Kraft stemmten die Gletscher der Eiszeit dort einige Kalkplatten vom Grund des Urmeeres hoch und türmten sie auf kilometerlang auf.

Ihr Wahrzeichen machte ein romantischer Maler weltbekannt: In Erinnerung an seine Hochzeitsreise bannte Caspar David Friedrich 1818 den imposanten Königsstuhl an der Großen Stubbenkammer auf die Leinwand.

Heute helfen 11 Interpretationstafeln dabei, die Dramaturgie des Gemäldes und die Bildbotschaften zu entschlüsseln. Wer mag, kann im Sommer beim „Meisterklassen“-Projekt des Nationalparkzentrums sein eigenes Gemälde vom 118 m hohen Königsstuhl gestalten.

Wie sehr Erosion und eiszeitliche Druckverhältnisse im Erdinnern die Kreideküste bis heute formen, zeigte sich besonders eindrucksvoll im Februar 2005: Gesprengt vom aufgetautem Frostwasser, das in die Kreide eingedrungen war, rutschten die Hauptzinnen der Wissower Klinken ab und rissen 50.000 Kubikmeter Kreide mit ins Meer.

Steile Klippe: die Kreideküste von Rügen. Foto: Hilke Maunder

Bekrönt werden die schneeweißen Kreidefelsen, die ihren Gegenspieler am dänischen Møns Klint haben, von einem Rotbuchenwald, der seit dem 12. Jahrhundert mit schlanken, hohen Stämmen auf der nur wenige Zentimeter dicken Humusschicht wächst und mit seinen Kronen im Sommer ein so dichtesten Blätterdach bildet, das kaum Unterholz gedeiht.

Bis zu 400 Jahre haben manche Buchen auf der Borke – und sogar den 30-Jährigen Krieg erlebt, der Mecklenburg ab 1618 immer wieder heimsuchte. . Die Buchen“hallen“ der Stubnitz gehören damit zu den ältesten der Erde – und zu den insgesamt fünf Standorten, die sich gemeinsam um Anerkennung als UNESCO-Welterbe „Deutsche Buchenwälder beworben haben.

Typisch für die Stubnitz sind auch die kleinen gurgelnden Bäche, die sich immer wieder durch die Baumreihen schlängeln, sich in einen Tümpel ergießen oder nach der Schneeschmelze oder starken Regenfällen geradezu wild über die Kippen stürzen.

Abseits der Wege verstecken sich Hünengräber und Opfersteine von Slawen und Germanen im lichten Grün. Dort, wo der Buchenwald in Trockenrasen übergeht, blüht im Mai eine der schönsten Orchideen Rügens: der Frauenschuh – insgesamt wachsen 26 verschiedene Orchideenarten auf der größten deutschen Insel.

Inselträume für Naturfans

Im Westen liegt Hiddensee wie ein Wellenbrecher vor Rügen. Auch das länglich, schmale Eiland ist ein Werk der Eiszeit. Sie verband die drei Inselkerne – Dornbusch, bei der Fährinsel und im Gellen – durch Schwemmmaterial miteinander.

Bereits 1792 lobte der stadtmüde Pastor und Dichter Kosegarten die Einsamkeit und Ursprünglichkeit seines „söten Länneken“. Wilhelm von Humboldt ließ sich nach Hiddensee rudern, und auch Goethe erwähnte die Insel in seinen Maximen und Reflexionen. Hiddensee avancierte zum Geheimtipp von Literaten, Malern und Schauspielern.

Ende August an der Ostsee bei Rerik. Foto: Hilke Maunder

Wie der Mensch auf die Natur einwirkt, untersuchen Forschungsprojekte im Biosphärenreservat Südost-Rügen. Hier zeigt die Natur ihre beiden Gesichter: mal stürmisch-wild mit steil aufragenden Geschiebemergelkliffs, an denen stetig die Brandung nagt, und stillen, flachen Bodden, auf deren sandigen Böden Seegraswiesen wachsen. Sie bilden das größte Laichgebiet der Ostseeheringe.

Aus allen Teilen der Ostsee und der angrenzenden Nordsee ziehen sie im Frühjahr in den Greifswalder Bodden. Im Frühjahr und Herbst suchen Tausende Grau-, Saat- und Blässgänse auf den Äckern nach Nahrung und übernachten in den Buchten rund um die Insel Vilm.

Das nur einen Quadratkilometer große Eiland, das schon die Slawen als heiligen Ort verehrten und später im Mittelalter Ziel von Wallfahrern und Heimat von Einsiedlern wurde, gehört zu den Kernzonen des Biosphärenreservates und darf nur bei öffentlichen Führungen betreten war.

Feinster Sand und großes „Geschiebe“, Findlingen aus skandinavischem Gneis und Granit, mitgeschleift von den Gletschern der letzten Eiszeit, prägen den Strand. Im Inselinnern wurde bereits 1521 der letzte Baum geschlagen – fast 500 Jahre lang konnte sich seitdem der Wald ungehindert entfalten. Der Urwald gibt den Forschern Rätsel auf: Wie kommt es, fragen sie sich, das zwischen den alten Buchen und mächtigen Eichen allerorts jung der Bergahorn wächst?

„Faszinierend: eine Insel voller Windungen und Kurven, mit kleinen Inlandmeeren, Bodden genannt. Vor den Küsten kleinere Inseln, wie hingetupft zahllose Buchten und ein riesiger Wald, der an manchen Stellen bis zum Meer hinabreicht, an anderen hinaufsteigt bis zu den Kalkfelsen.“

Elizabeth von Arnim, „Elizabth auf Rügen“ (1901)

Wie ungeheuer dynamisch die Küste bis heute sich verändert, lässt sich eindrucksvoll im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft erleben: Jeden Tag entsteht hier ein neues Stück Deutschland. Stetig nagen Wind und Wellen an der Küste von Fischland und Darß. Den Sand, den sich die See hier einverleibt, spuckt sie nordöstlich am Darßer Ort wieder aus. In den letzten 300 Jahren ist das Land dort bereits 2,5 km in das Meer hinein gewachsen….

An der Wohlenberger Wiek. Foto: Hilke Maunder

Erste Bewohner dieses Neulandes sind Salz liebende Pflanzen wie Queller, der inzwischen auch in der Küche als „Spargel der Küste“ Einzug gehalten hat. Mit ihren Wurzeln befestigen sie den sandigen Boden für ihre Nachfolger: den Dünenheiden mit ihren Zwergsträuchern, dann dem Wacholder, später Kiefern und Birken – am Darßer Ort sind alle Stadien dieser Neulandbildung auf engstem Raum verein.

So rasch wie nirgendwo auf der Welt wechselt hier die Küste ihr Gesicht im Rhythmus von Abtragung und Anlandung. Einzig der Wind bestimmt, was Land ist, was Meer, was bleibt und was vergeht – Ebbe und Flut wirken sich in der flachen Ostsee kaum aus. Nicht der Mond, sondern das Wetter regelt den Wasserstand im größten Brackwassermeer der Welt.

Auf der Rückseite der Ausgleichsküste von Fischland bis zum Naturpark Usedom liegen die Bodden, seichte Lagunen ohne Seegang. Salzwiesen umgeben die flachen Küstengewässer. Erdbeerklee, Meersenf und Strand-Wegerich, der wilde Vorfahre des Küchenselleries, stillen der gefiederten Gäste, die hier leben – oder einen Zwischenstopp einlegen.

Allein 70.000 Kraniche unterbrechen hier ihre langen Flüge zwischen den Winterquartieren in Südeuropa und Nordafrika und den Sommersitzen in Skandinavien und Sibirien und treffen sich hier zur Balz. Umhüllt vom kühlen Dunst des Morgens stehen die Kraniche nebeneinander und recken ihre langen Hälse senkrecht in die Höhe. Ihre roten Stirnflecken leuchten in der fahlen Frühlingssonne.

Gelb bis an den Horizont: ein Raptsfeld bei Rogeez. Foto: Hilke Maunder

„Krüi-krro“ trompeten die ersten Paare im Duett. Im Parademarsch stelzen sie umher und stoßen ihre Fanfaren aus – ein Ohren betäubendes Konzert. Dann verneigt sich das Männchen, das zehn Zentimeter kleinere Weibchen schwenkt den Hals.

Der Kranich-Tanz kann beginnen. Mehrere Tage hintereinander springen und hüpfen die Vögel, spreizen ihre mehr als zwei Meter breiten Flügel aus, machen gewaltige Luftsprünge, bis die Dame sich demutsvoll duckt. Kurz vor der Eiablage „befliegt“ sich das Paar – und bleibt sich dann ein ganzes Leben lang treu.

Bevor Mecklenburg-Vorpommerns an der polnischen Grenze endet, präsentiert der Naturpark Insel Usedom seit 1999 auf 632 Quadratkilometern noch einmal geballt die landschaftliche Vielfalt der Ostseeküste: Sandstrände und Steilküsten, Moore und Trockenrasen, Buchenwälder und Dünenkiefern.

Zu den einzigartigen Naturlandschaften, die Deutschlands östlichste Insel mit 280 Arten zu einem der vogelreichsten Gebiete Deutschlands machen, gehören auch die riesigen Sandbänke am Peenemünder Haken – Windwatts, die nur bei Südwind wenige Zentimeter aus den Fluten ragen.

Dahinter taucht die kleine Insel Ruden auf. Dies ist die Heimat der drittgrößten Kormoran-Kolonie Europas. Bis zu 30.000 Tiere des schwarzen Fischjägers, Vogel des Jahres 2010, leben rings um das Eiland – und können vom kleinen Aussichtsturm beobachtet werden.

Warnemünde: Leuchtturm am Alten Strom. Foto: Hilke Maunder

Stilles Wasserland

„Ich habe vor, die Berliner Sommerfrischler auf dieses prächtige Stückchen Erde aufmerksam zu machen. Die Müritz ist nämlich was wie ein Meer, wie der Tanganjika-See. Die Luft ist wundervoll, je nachdem der Wind steht: feuchte Seebrise oder Fichtenduft.“

Theodor Fontane in einem Brief, 1896

Die Spuren der letzten Eiszeit prägen auch das Landesinnere, die dort eine amphibische Landschaft aus mehr als 1000 Seen hinterlassen hat, gespeist von Bächen, Flüssen und Kanälen – oder nur vom Regen oder Grundwasser.

Star der Mecklenburgischen Seenplatte ist die Müritz, mit 117 qkm Deutschlands zweitgrößtes Binnenmeer nach dem Bodensee. Gemeinsam mit 107 Seen, die größer als ein Hektar sind, bildet sie den 322 qkm großen Müritz-Nationalpark.

Dort hat sich ein  Mosaik naturnaher Lebensräume erhalten.  Auf karge Wacholderheiden folgen lichte Kiefernhaine, düstere Waldsümpfe und verwunschene Erlenbrüche wechseln mit ausgedehnten Mooren, Auwäldern und Buchenurwäldern wie Serrahn.

Im Frühling leuchten dort Buschwindröschen, Goldsterne, Scharbockskraut und Leberblümchen im Laub, ehe ihnen im Mai das frische Buchengrün das Licht zum Leben nimmt. Im Herbst liegt ein süßlich-modriger Geruch der Luft; Moose, Pilze und Schwämme wuchern auf dem Totholz.

Auf den drei Quellseen der Havel blühen zu Tausenden weiße Seerosen, aus dem Schilfgürtel tönt der dumpfe Ruf der Großen Rohrdommel. Schmale, zugewachsene Wasserarme schaffen einen undurchdringlichen Dschungel.

Aus Spinnweben und Pflanzenfaser baut die Beutelmeise hier ihr kugeliges Nest. Stock-, Schell-, Reiher- und Tafelenten tauchen hier nach Nahrung, Sumpfschildkröten und Haubentaucher haben hier ihr Revier. In der Stille abgelegener Gewässer führt auch der Fischotter sein verborgenes Leben. Noch vor hundert Jahren war er in nahezu allen Gewässern in Europa heimisch.

 

Mirower See: Sonnenuntergang am Bootssteg. Foto: Hilke Maunder

Heute ist der Fischotter in unseren Breiten vom Aussterben bedroht. Die größte Gefahr geht dabei vom Straßenverkehr aus. Im Müritz-Nationalpark wurden daher für die acht dort lebenden Raubtiere, die bei der Nahrungssuche weitere Wanderungen unternehmen, Otterdurchlässe unter den Straßen angelegt.

Berühmt ist der Nationalpark nicht zuletzt für seine Greifvögel. Bussarde jagen auf den weiten Wiesen, Habichte und Wanderfalken kreisen hoch in der Luft. Jeder zweite deutsche Adler lebt in Mecklenburg-Vorpommern, mehr als 20 See- und Fisch-, allein im Gebiet der Müritz.

Ein Fischadler-Pärchen lässt sich sogar in die Kinderstube schauen – eine Kamera auf einem nahe gelegenen Hochspannungsmast macht die Live-Übertragung vom Adlerhorst zur Nationalpark-Information Federow möglich.

Wer am Ostufer der Müritz von Boek nach Schwarzenhof radelt, kommt am Specker Horst vorbei. Vor Gründung des Nationalparks stand hier das Jagdhaus des ehemaligen DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph – bis 1989 war ein großer Teil des heutigen Nationalparks sein persönliches Jagdgebiet gewesen.

Durch den Rückbau der Entwässerungen, die einst für die Staatsjagd angelegt worden waren, zeigt sich die Natur heute am Specker Horst wieder als weite, bizarre Moorlandschaft, wie sie sonst nur selten im Nationalpark zu finden ist.

Schwerin-Mueß: Bootshaus am Großen Schweriner See. Foto: Hilke Maunder

Auch die Moorfrösche sind zurückgekehrt. Zu Tausenden erfüllt in den ersten Frühlingstagen ihre eigentümliches „Blubbern“ die Luft, und die Männchen legen zur Balz ihr Prachtgewand an – sie färben sich zur Paarungszeit blau!

Alljährlich zur Osterzeit zieht Schäfer Hubertus Roloff mit seiner Herde scheuer Pommerscher Rauhwoller an die Ufer des Feisnecksees. Bis in den Oktober hinein sorgen seine 30 Tiere als „tierische Rasenmäher“ dafür, dass Gras und Schilf nicht seltenen Pflanzen wie dem rot-violetten Sumpfsitter den Platz zum Leben streitig machen.

Im Herbst erfüllt das Röhren der brunftenden Hirsche die Luft. Dann ruft der Rothirsch sein Rudel zusammen und kämpft in der Dämmerung sein Rudel lautstark gegen seinen Nebenbuhler. Jetzt ist es auch Zeit für den Fischadler, in wärmere Gefilde abzureisen. Das Wappentier des Nationalparks kehrt erst mit den ersten warmen Frühlingsstrahlen wieder zurück.

Sobald der erste Schnee fällt, legt sich Stille über das Land. Auf das Farbenspiel des Herbstes folgt das winterliche Weiß mit ruhigen, einsamen Landschaften, deren Eiskristalle im Sonnenlicht funkeln. Jetzt führen Fährten, Federn und Fraßspuren zu den Tieren im Nationalpark.

Bei Friedrichsmoor: Feld an der Lewitz. Foto: Hilke Maunder

Amazonas des Nordens

Nördlich des Müritz-Nationalpark hat der „Amazonas des Nordens“ sein Quellgebiet: die Peene. Auf 156 km Länge windet sie sich äußerst gemächlich durch das Land – und überwindet dabei nur 30 cm Gefälle. Einzig in Demmin sorgen zwei Zuflüsse für Trubel: Im Flusskreuz mit Trebel und Tollense leben 35 Fischarten. So konzentriert ballt sich nirgendwo sonst in Deutschland das Fischleben.

Auch das seltene Flussneunauge fühlt sich hier wohl – kein Fisch, sondern ein aalförmiges Wirbeltier, dessen Vorfahren schon vor über 500 Millionen Jahren die mecklenburgischen Flüsse und die Ostsee bewohnten.

Zwischen dem Kummerower See und ihrer Mündung hinter Anklam durchstreift die Peene 90 km lang das größte zusammenhängende Niedermoorgebiet Europas. 20.000 Hektar des Peene-Niedermoors stehen bereits unter Naturschutz, die Vision heißt Nationalpark.

Wo einst Torf gestochen, später Saatgut gezüchtet wurde, leuchten inzwischen wieder die weißen Püschel des Wollgrases. Zarte Orchideen wie das Sumpf-Glanzkraut haben das Terrain erobert, und in den klebrigen Tentakeln des Sonnentaus verfangen sich wieder Insekten.

Mit der Renaissance der Moore kehrten auch andere Tiere zurück: Moorfrösche und Moorjungfern – zierliche, nur Zentimeter große Libellen, die auf der Roten Liste einen Spitzenplatz einnehmen. Neben 750 Farn- und Blütenpflanzen registrierten die Biologen, die das Renaturierungs-Projekt begleiten, ganz erstaunt auch die vielen Biber.

200 Jahre lang war Europas größter Nager im Nordosten Deutschland ausgerottet gewesen. 1970 wurden 23 Biber bei Gützkow an der Peene ausgesetzt. Inzwischen haben sie sich so zahlreich vermehrt, dass 300 dieser Nager wieder an der Peene leben – und bei einer Paddeltour neugierig vor dem Kajak auftauchen.

Ivenack: eine der uralten Eichen. Foto: Hilke Maunder

Und dann wieder Weite, Stille, Einsamkeit. So dünn besiedelt wie Mecklenburg ist kein anderes deutsches Bundesland. Was passieren kann, wenn man aus lauter Einsamkeiten einen Pakt mit dem Teufel schließt, zeigen die Tausenjährigen Eichen von Ivenack.

Im dortigen Kloster lebten einst sieben junge Nonnen abgeschnitten von der Welt – und daher todunglücklich. In ihrer Not schlossen sie einen Pakt mit dem Teufel. Satan versprach, sie um Mitternacht zu befreien. Seine einzige Bedingung: Sie durften sich auf ihrer Flucht nicht nach hinten zu ihm umsehen.

Doch die Neugier der Nonnen war zu groß: Kaum hatten sie die Klostermauern hinter sich gelassen, blickte sich die erste um, dann riskierten es die anderen. Die Strafe für den Blick zurück folgte prompt: Der Teufel verwandelte die Nonnen zu Eichen, an deren Füße fortan das Vieh weidete. Erst nach 1000 Jahren sollen sie mit dem Absterben der einzelnen Eichen alle 100 Jahre nacheinander erlöst werden.

Alles nur Legende? Von den einst sieben mächtigen Stieleichen, deren schönste und stärkste in Brusthöhe einen Stammumfang von elf Metern hat, stehen jetzt nur noch sechs im Tiergarten von Ivenack.

Dieser Beitrag ist als Einleitung zum Bildband „Wildes Mecklenburg-Vorpommern“ von Norbert Rosing erschienen, den National Geographic 2011 veröffentlicht hat.

Der Band zeigt die schönsten Naturlandschaften des östlichen Bundeslands in Übersichts- und Detailaufnahmen,

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Ahrenshoop: abends am Bodden. Foto: Hilke Maunder

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