2001AsienIndien

Rajasthan: Farbenrausch in der Wüste

Prächtige Paläste und wuchtige Festungen, Tempel aus Marmor und Hütten aus Lehm, Berge mit Palmen und steinige Steppen – Rajasthan, der bis heute exotischste Bundesstaat Indiens. In der Kargheit der Wüste explodieren die Farben. Jaipur, Jodhpur und Udaipur – die rosafarbene, die blaue und die weiße Stadt. Impressionen aus dem „Land der Könige“.

Neun Meter misst der rote Seidenschal, den der Mann mit dem imposanten Schnauzbart in geschickten Bewegungen zum Turban bindet. Ohren, Oberarme, Fuß- und Handgelenk der Frau sind mit schwerem Silberschmuck bedeckt. Auf ihrem Hemd blinkende Tausende Pailletten, kleine Spiegel, die böse Geister “zurückwerfen”.

Das Pfauentor des Stadtpalast von Jaipur

Die Rajasthani sind ein stolzes Volk, als Helden der Volksepen Ramayana und Mahabharata, gezeugt von Sonne und Mond, geboren im Feuer. Als Dämonen das Land bedrohten, gingen Brahmanen zum Berg Mount Abu und vollzogen den Feuerkult. Aus der Grube des heiligen Feuers “agnikunda” entstiegen die Feuerclans, die 36 Kriegerfamilien der Rajputen.

Die „Königssöhne“ (Raja=König, putra=Sohn) besiegten die Dämonen und legitimierten so ihren Herrschaftsanspruch in “Rajputana“ für Jahrhunderte. Macht und Reichtum garantierte die geografische Lage: An den wichtigsten Handels- und Karawanenrouten nach China und Zentralasien gelegen, sorgten hohe Steuern und Zölle, Opium- und Waffenhandel für einträgliches Einkommen.

Straßenmusikanten, gesehen in Jodhpur

Als 1956 mit der Unabhängigkeit der Indischen Union die 23 Fürstentümer zum Bundesstaat Rajasthan vereint wurden, erhielten die Rajas fürstliche Apanagen, Abfindungen und Privilegien. Erst Indira Gandhi setzte in den 70-er Jahren einen Schlussstrich unter die staatlichen Subventionen. Legenden und Geschichten, Bilder wie aus 1001 Nacht: Rajasthan ist reich davon. Der Bundesstaat im Nordwesten ist das exotischste, was Indien zu bieten hat.

Selbst nachts schimmert die Hauptstadt als Symphonie in Rosa: Jaipur, the Pink City. Inmitten einer beige-braunen Hügellandschaft hat Jai Singh II. im 18. Jahrhundert diese Stadt ganz aus rötlichem Sandstein erbaut: Tore, Mauern, Paläste. Der einflussreichste der Rajputen-Maharajas muss von den Sternen besonders fasziniert gewesen sein: Fünf Observeratorien baute er in seinem Reich.

Der Palast der Winde von Jaipur

Fremd und bis heute futuristisch: sein Jantar Mantar. Berühmt ist Jaipur jedoch für eine Fassade: den „Palast der Winde“. Hinter dieser fünf Stockwerke hohen Wand, durchbrochen von Fenstern und Erkern, konnten die Damen des Königs das Volk beobachten, ohne selbst gesehen zu werden.

Elf Kilometer außerhalb liegt die alte Residenz: Amber. Genüsslich fressen Elefanten Zuckerrohr, während Besucher vorsichtig die Sitze in schwindelnder Höhe besteigen. Schaukelnd geht es die steile Treppenstraße zum majestätischen Fort Jaigarh hinauf. Der Palast ist ein einziger Sinnesrausch. Hier blinken Millionen Spiegel von der Decke, dort sind Wände und Säulen mit feinsten Intarsien aus weißem und schwarzen Marmor geschmückt.

FoAmber: Palast und Fort von der Hauptstraße

Das wuchtigste, eindrucksvollste Fort steht in Jodphur. Vom Kanonenplatz der Festung Mehrangarh öffnet sich der Blick auf lauter Kuben: ein Häusermeer bis an den Horizont. Die Fassaden kennen nur eine Farbe. Blau, blau und wieder blau – denn hier leben Brahmanen.

Zehn Kilometer misst die 125 Meter hohe Festungsmauer. Acht trutzige Tore müssen passiert werden, erst dann zeigt der Maharaja, wie er bis heute in seinem Palast voller Prunk und Pomp lebt. Selbst der Blick nach draußen ist verschönt: Die Fenster aus feinstem Gitterwerk ziert buntes Glas.

Der komplette Stammbaum der Herrscher von Jodhpur ist im Jaswant Thada verewigt. Strahlend weiß erhebt sich das Mausoleum für den Maharaja Jaswant Singh auf einem schwarzen Basaltfelsen – starke Kontraste, kombiniert mit dem schönsten Blick auf die Stadt.

Der Patwon Ki Havelian in Jaisalmer: Was für ein stattliches Haus für einen Kaufmann!

Abends geht es zum Bahnhof. Träger bringen Decken und Kissen. Heißer Tee in Tonschalen macht die Runde. Dann beendet ein ohrenbetäubendes Pfeifen jegliches Treiben: Der Zug nach Jaisalmer fährt ein. Die Stadt in der Steinwüste, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, beflügelt die Fantasie. 1001 Nacht, nur noch eine Nacht entfernt.

Wie Gold leuchtet die Stadt aus hellem Sandstein in der Morgensonne: auf dem Tafelberg die Festung mit ihren 99 Bastionen, zu ihren Füßen die Häuser des alten Handelsplatzes. „Haveli“ heißen die schönsten – die palastartigen Herrenhäuser, mit deren Fassadenschmuck sich die reichen Kaufleute gegenseitig zu übertrumpfen versuchten.

Ganz im Gegensatz dazu steht das „Venedig des Osten“, „die Perle Rajasthans“, die „weiße Stadt“: Udaipur. Idyllisch zwischen bewaldeten Hügel und drei tiefblauen Seen gelegen, ist die Stadt die Erfindung eines Herrschers. Sie wurde 1569 von Maharana Udai Singh gegründet. Filme wie „Der Tiger von Eschnapur“ machten einen Bau besonders berühmt: den Lake Palace. Pavillons, Terrassen, Innenhöfe und hängende Gärten erheben sich mitten im aufgestauten Pichola-See. Der Wohnsitz auf dem Wasser ist heute ein Luxushotel.

Ein See, ein Tempel: Rajasthan…

Infos: Rajasthan

Reiseziel

Mit 342.000 Quadratkilometern etwa so groß wie Deutschland, bildet Rajasthan flächenmäßig den zweitgrößten Bundesstaat der Indischen Union. Im Nordwesten des Subkontinents gelegen, teilt ihn ein Mittelgebirge in zwei sehr unterschiedliche Regionen.

Nördlich der 700 Kilometer langen Aravelli-Kette erstrecken sich sandige Wüstendünen und trockene Dornbuschsteppe, südlich und südöstlich ermöglicht der regenbringende Sommer-Monsun Ackerbau mit Hirse, Mais, Weizen, Sesam und Erdnüssen.

Reisezeit

Mai und Juni sind die heißesten Monate in Rajasthan mit extrem hohen Temperaturen bis über 40 Grad Celsius. Im Juli und August zieht der Sommermonsun mit heftigen, aber zeitlich begrenzte Schauern über das Land. Im Winter sind besonders in der Wüste Nachtfröste möglich. Die Tagestemperaturen steigen dann auf milde 20 bis 25 Grad Celsius.

Das Schlosshotel Umaid Bhawan Palace

Unterkunft: Wohnen wie ein Maharaja

Lake Palace Hotel, Udaipur

Der Tiger von Eschnapur machte den blütenweißen Palast im Pichola-See weltberühmt, später flirtete Sean Connery als 007 mit einer Gespielin auf dem schwimmenden Palast.
• Lake Pichola, 
P.O. BOX NO. 5, 
Udaipur, Rajasthan, 
India, 313001,
Tel. 91 294 252 88 00,
Fax 91 294 252, www.lhw.com

Umaid Bhawan Palace, Jodhpur

Das rötliche Sandsteinschloss mit der gewaltigen, 57 Meter hohen Kuppel, Anfang des 20. Jahrhunderts vom britischen Architekten Henry Lanchester als größter privater Wohnsitz der Welt im Art-Déco-Stil erbaut, birgt heute ein Luxushotel mit 25 Zimmern und 39 Suiten.
• Jodhpur 342 006 (Rajasthan), India, 
Tel. +91 291 251-01 01,
Fax +91 291 251-01 00, www.lhw.com

Palace on Wheels

Reisen wie einst die Maharajas – acht Tage und sieben Nächte in einem voll klimatisierten Luxuszug, neu erbaut im Stil der alten Salonwagen. Abfahrt in Delhi Mittwoch Abend, Rückkehr am folgenden Mittwoch morgens.

Touristeninformation

Indisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Str. 48, 60329 Frankfurt, Tel. 069/24 29 49 0, Fax 069/24 29 49 77, www.india-tourism.com

Dieser Beitrag ist am 9. Februar 2001 auf Spiegel Online erschienen.

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