2003AsienIndien

Vijayanagar: das vergessene Imperium

Hinter den Bergketten der Westghats beginnt eine andere Welt: Nur 250 Kilometer Luftlinie trennen die Traumstrände Goas vom „Goldenen Dreieck“ Karnatakas mit den einstigen Hauptstädten des alten Indiens.

Karnataka ist ein Land verlorener und wieder gewonnener Kulturen. Unter den Dynastien der Kdambas, Chalukyas und Hoysalas war das südindische Bundesstaat Nabel der zivilisierten Welt. Mit dem Ende des Vijayanagar-Reiches wurde es still um das Land. Die Spurensuche wird zur Zeitreise in die Vergangenheit.

Der Durga-Tempel von Aihole

Aihole, heute ein kleines Dorf, war vom 4. Jahrhundert an die erste Hauptstadt der Chalukyan-Könige. Sie herrschten vom 4. bis 8. Jahrhundert nahezu über das gesamte Hochland von Dekkhan. Mehr als 100 Tempel, teilweise erst 1970 entdeckt, erzählen Stein für Stein die Baugeschichte des Hinduismus: vom frühen Ladkan-Tempel bis zum fein ausgearbeiteten, späten Kunligudi-Tempel.

Völlig aus dem Rahmen fällt der Durga-Tempel: Nicht eckig, sondern rund und mit Torturm versehen, wurde er zum Vorbild für Tempel von Tamil Nadu. Außerhalb des Ortes ist den Archäologen gelungen, ihre Ausgrabungen zu schützen – im Ort hat der Alltag Oberhand behalten. Hier wohnt eine Familie in einem historischen Heiligtum, dort dienen sie als Ställe.

Badami säumen Tempel den See

Drei Stunden Schlagloch und Schotter bis Badami. Die Kleinstadt war von 540 bis 757 nach Christus Hauptstadt der Chalukya-Dynastie.Laute, rhythmische Schläge beenden die Nachtruhe. In der Kühle des Morgens schlagen hunderte Frauen ihre Wäsche unablässig auf die Steintreppen, die als breite Ghats zum künstlichen angelegten Wassertank führen. Als die Sonne sich hinter den Felsen zeigt, gehen sie im Sari bekleidet in den See und begrüßen den Tag.

Dann klemmen sie die Wäsche unter den Arm, gehen zu den Tempeln, die das Ufer säumen, legen ein paar Blüten in die Opferschale, erneuern ihr Tikka über der Stirn und verschwinden in quadratischen Hütten aus Lehm, weiß umrahmt an Fenster, Tür und Sims. Minuten später beherrschen Männer die Szenerie an den Ghats, baden und waschen sich im See.

Auf der Straße am See: hin zum Waschplatz

Hinter ihnen führt ein schmaler Pfad den steil aufragenden Felsen hinauf zu Badamis berühmtem Erbe: Hinduismus, Buddhismus und Jainismus, nebeneinander vereint in fünf Höhlen. In Höhle eins tanzt ein 18-armiger Shiva, Höhle zwei und drei sind Vishnu geweiht. Die vierte Höhle ist ein Verehrungsort der Jains, Höhle fünf eine Kultstätte der Buddhisten.

Und Badamis schönster Balkon: Weit reicht der Blick über den Ort und die Landschaft ringsum. Abend senkt sich über das Land. Tiefschwarz leuchtet die Erde im Licht der untergehenden Sonne. Baumwolle wiegt sich im leichten Wind. Wenig später säumen Felder mit Chili, dann mit Sonnenblumen die Landstraße.

Badami: Leben am See

Im 7. und 8. Jahrhundert erlebte die Chalukyan-Dynastie ihre Blütezeit. Schauplatz aller Krönungsfeierlichkeiten waren die zehn prunkvollen Tempel von Pattadakal, heute als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt.

140 Kilometer weiter auf dem National Highway, den sich Autofahrer, Ochsenkarren, Radfahrer und Fußgänger teilen, liegt Hospet, eine staubige Kleinstadt am Tungabhadra-Damm. Der größte gemauerte Staudamm der Welt schuf inmitten einer trockenen, bizarren Felslandschaft einen 370 Quadratkilometer großen See, Strom- und Wasserlieferant für den Bundesstaat und seine Nachbarn.

In der Stadt erleuchten Neonröhren die einfachen Restaurants. Die Speisekarten preisen „Thali“: eine Combo aus vegetarischen Curries, Chapati, Reis und Joghurt. „Don‘t wash your hands in plates“ warnt ein Schild an der Wand.

Auch in der Erde: tiefe Religiosität

Hospet wäre ein unbekanntes Kaff im Hinterland von Karnataka – läge es nicht in der Nähe von Hampi, die Hauptstadt der Vijayanagar-Könige. Vom 14. bis 16. Jahrhundert beherrschten die ihr Reich, entstanden aus einer Notgemeinschaft unabhängiger Hindufürsten gegen die islamischen Eroberer aus dem Norden, fast den gesamten indischen Subkontinent.

Wie mächtig und prächtig die „Stadt des Sieges“ war, bezeugen heute noch die Ruinen von Tempeln und Festungen, Siegestoren und Stallungen, Pavillons und Palästen, Aquädukten und einer Wasserversorgung, die bis heute funktioniert: 26 Quadratkilometer meisterhafte Baukunst, eingebettet in eine unwirkliche Landschaft, übersät mit riesigen Felsbrocken.

Zentrum von Vijayanagar: der Virupakshatempel

Bis heute Zentrum des religiösen Lebens ist der 52 Meter hohe Virupaksha-Tempel. An die leuchtend weiße Kultstätte schließt sich eine der vier Marktstraßen an. Breit, schnurgerade und gesäumt von vollständig erhaltenen Marktständen, führt sie zu einer Ganesha-Statue, gemeißelt in einen fast fünf Meter hohen Monolith aus Granit.

In der Nähe vom Tungabhadra-Fluss liegt der Vittala-Tempel. Seine 56 Säulen sind reich mit Steinmetzarbeiten geschmückt, die Decken zieren Blumendesigns und geometrische Muster. Auf der königlichen Waage ließt sich der Herrscher einmal jährlich gegen Preziosen aufwiegen.

Auch in Vijayanagar haben sich Alltag und Ausgrabungen miteinander arrangiert. In der Markstraße leben Zigeuner, zwischen den Ruinen bestellen Bauern Felder mit Getreide und Zuckerrohr. In den einstigen Elefanten-Ställen der Königin liegen Ziegen im Heu. Wer heute Herrscher von Vijayanagar ist, verrät die große Thronplattform. Über einem Relieffries, der Elefanten, Kamele, Pferde und andere Lasttiere zeigt, tummeln sich unzählige Affen.

Dieser Beitrag ist am 25. Januar 2003 auf Spiegel Online erschienen.

 

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