2020EuropaSpanien

Costa Brava – die wilde Küste der Katalanen

Costa Brava, benviguts! Von Portbou bis Barcelona lockt Bucht an Bucht ein Blau, das süchtig macht. Einsam still im Norden, schillernd schrill im Süden. Eine Küste der Kontraste, nur eine Autostunde von meiner zweiten Heimat im Süden Frankreichs entfernt.

Blick vom Cabo Creus auf Cadaqués. Foto: Hilke Maunder

Hundert Jahre ist es her, da gab ein Künstler der Küste ihren Namen: Ferran Agullo. In pathetischen Worten schwärmte der katalanische Dichter von seiner „Costa Brava“ – der „wilden“ Küste. Wie recht er hatte, sehen wir vom Castell Sant Salvador hoch über Port de la Selva.

Costa Brava: Cadaques. Foto: Hilke Maunder

Die Schneespitzen der Pyrenäen glitzern in der Sommersonne. Steile Bergpfade kriechen die Hügel hinauf. Verstreut einige Weinstöcke, Gemüsefelder. In der Ferne Halbmondbuchten: goldgelbe Sicheln am tiefen Blau, eingerahmt von bizarre Felsen. Dort, wo sich das Blau des Meeres mit dem Horizont vereint, hängen weiße Häuser wie Nester an der Nordküste: Cadaqués.

In Cadaqués sind im kleinen Hafen noch die traditionellen Holzboote der Katalanen vertäut. Foto: Hilke Maunder

Künstler wie Pablo Picasso, Henri Matisse oder Salvador Dalí machten den kleinen, weißen Ort weltberühmt. Im nahen Portlligat verbanden Dalí und seine Frau Gala mehrere Fischerhütten zu einem Labyrinth aus Werkstatt, Wohnhaus, Bibliothek und Garten. Ein Zuhause, ganz wild.

Dalís Haus in Portlligat. Foto: Pressebild Dalí Foundation

Noch verrückter und wilder ist das Dalí Teatro-Muséo in Figueres, dem Geburtsort des Malers mit dem Zwirbelbart. Cremeweiße Eier thronen auf dem Dach, goldene Noppen zieren die feuerrote Fassade. Surrealismus nannte Dalí seinen Stil, seinen Sinnesrausch. Skurril, bizarr, besonders.

Wilde Fantasien. Das liegt am Tramontana, meinen die Katalanen. Im Frühjahr und Herbst peitsche ihr Küstenwind nicht nur das Meer auf, sondern auch die Menschen.

Stiller Winkel in Cadaqués. Foto: Hilke Maunder

Stolz sind sie, fühlen sich nicht als Spanier – und halten doch das Erbe ihrer Ureinwohner wach: in Ullastret, einer 2.500 Jahre alten Siedlung der Iberer. Römer zerstörten die Stadt.

Und blieben 600 Jahre im Land. Ihr Zeugnis: Empúries (Ampurias) – Antike als spannendes Abenteuer. Doch statt Galeeren liegen heute elegante Jachten, schnittige Segler, 2.500 Superschiffe im Hafen: Empúriabrava ist Europas größte Ferienanlage für Freizeitkapitäne.

Empúriabrava. Foto: Hilke Maunder

Westgoten, Araber, Franken, Franzosen, Franco: 2.000 Jahre fremde Herrscher. Seit 1979 ist Katalonien autonom, weht die gelb-rote gestreifte Flagge wieder im Wind. Blut und Gold verheißen ihre Farben.

Doch die Katalanen wollen mehr: richtige Unabhängigkeit. Dafür demonstrieren sie, protestieren sie, fahren im Treckerkorso nach Madrid oder blockieren Autobahnen und Grenzübergänge.

Costa Brava: Girona ist eine Hochburg der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Foto: Hilke Maunder

Auf dem Markt von L’Escala fassen sich wildfremde Menschen an den Händen, bilden einen großen Kreis. Taschen, Tüten, Jacken werden achtlos auf einen Haufen geworfen. Am Rand, ganz in Schwarz gekleidet, mit rotem Tuch um den Hand, stehen die Musiker der Cobla.

Dann erfüllen die sehnsuchtsvollen Töne der Flaviol die Luft. Nur mit linken Hand spielt der Musiker die katalanische Flöte. Mit der rechten Hand gibt er auf dem Tambal den Rhythmus vor. Kontrabass, Flügelhorn, Posaune und Trompete fallen ein.

Und dann tanzen sie. Keinen feurigen Flamenco, sondern schreitend, still, fast andächtig: Sardana, ihren katalanischen Reigentanz.

Rot, weiß, schwarz sind die traditionellen Farben der katalanischen Tracht. Foto: Hilke Maunder

Intakte Natur. Wild und ursprünglich. Wie die Unterwasserwelt der Inselgruppe Illes Medes. Täglich fährt das Glasbodenboot von L’Estartit zur unbewohnten Inselgruppe hinüber, hält über Riffs und Höhlen. Wer Glück hat, sieht Katzenhai, Meeraal und Rochen bei der Überfahrt durch die Bodenfenster.

Über Holzbalken im Sand werden die hölzernen Fischerboote bei Pineda del Mar auf den Strand gezogen. Foto: Hilke Maunder

Mehr als 40 Vulkane schlafen zwischen Banyoles und Olot. Mitten im Kraterland von La Garrotxa entführt Santa Pau in eine Zeitreise. Mittelalter pur: schmale Gassen, in denen selbst Minis Probleme bekommen. Dicke Steinmauern, hölzerne Balkone, Bogengänge, ein wuchtiges Schloss.

Allerorten zu sehen – die Farben Kataloniens. Foto: Hilke Maunder

Das Herzen des Dörfchens bildet die Praça Merced, Markt, Festplatz, von Arkaden gesäumt. Im Café Carlos trinken wir „Horchata“, eiskalte Mandelmilch. Der Kellner kommt zurück, stellt eine ovale Schale als „tapa“ hin: Butifarra, Blutwurst mit Zimt und Zucker. Ziemlich wild und eigenwillig…

Im Montseny-Massiv tragen Wanderer Steine in der Hand, um Wildkatzen und Wildschweinen zu verscheuchen. Korkeichen und quirlige Bäche mit Schmelzwasser säumen ihren Weg.

Flamingos sind Zugvögel. Nur von Ostern bis Oktober könnt ihr sie im Aiguamolls-Nationalpark beobachten. Foto: Hilke Maunder

Im Parc Naturel dels Aiguamolls de l‘Empordà braucht man Ferngläser unsere Begleiter. Flamingos, Reiher und andere Wasservögel brüten in Spaniens größtem Sumpfgebiet. Doch jene sieht man nur in der warmen Jahreszeit. Im Winter sehen wir nur ein paar Möwen auf Wiesen und Weiden, die an meine heimatliche Wilstermarsch erinnern.

Und die Pferde, die im riesigen Gattern des Pferdeclubs beim NationalparkzentrumEl Cortalet das ganze Jahr hindurch draußen stehen und abends Reitkunststücke  zeigen. „Grand Show“ verspricht grell ein Plakat. Wilde Kontraste.

Costa Brava: Auch solche einsamen Stellen finden sich dort. Foto: Hilke Maunder

Natur und Kultur im Norden, historisches Mittelalter im Herzen. Und im Süden? Sun & Fun. Wildes Leben, genannt Urlaub. Sangria-Schenken, Burger-Buden, Bettenburgen. Party People, rastlose Action, rund um die Uhr.

Stereotypen, die das Bild der hässlichen Costa Brava prägten. Sicher, es gab Sünden. Doch was die einen für scheußlich halten, lockt andere: Manhattan am Mittelmeer.

Schmuckes Ferienhaus an der Costa Brava. Foto: Hilke Maunder

Besonders junge Urlauber genießen das ungezügelte Leben hier. Sie lieben Lloret de Mar, die Stadt mit der höchsten Diskotheken-Dichte der Welt. Grenzenlos international, voller sportlicher Superlative.

Ihre Stierkampf-Arena ist gigantisch, ihr Marineland mit Wildwasser, Wellenbad, Rutschen und Delfinschau ein Themenpark voller Wasserspaß.

Eintauchen, abtauchen, wohlfühlen. Erholen. Und für jedes Feriengefühl etwas finden: Das macht glücklich – und süchtig nach der Costa Brava, der wilden Küste. Wild wie das Leben.

Sonnenaufgang an der Costa Brava. Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Nicole Biarnés, Reisehandbuch Costa Brava und Girona*

Seit 20 Jahren lebt die Hamburgerin Nicole Biarnés in Katalonien. Gemeinsam mit ihrem Mann Michael entdeckt sie die schönsten Ecken der Welt und bloggt darüber auf Freibeuter-Reisen.org.

Die schönsten Ecken ihrer Wahlheimat hat sie in ihrem Reisehandbuch Costa Brava und Girona* vorgestellt. Versammelt sind lauter Geheimtipps, handverlesen und persönlich getestet.

Anders gibt sich das Reisehandbuch auch beim der Gestaltung: Modern, luftig und aufgelockert wie bei einer Zeitschrift kommen die Buchseiten mit vielen Fotos und kurzen, inspirierenden Texten daher. Ein Buch, das Appetit und neugierig macht auf die Costa Brava jenseits der Klischees. Wer mag, kann das Reisehandbuch hier* online bestellen.

* Durch den Kauf über den Referral Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du unabhängigen Journalismus  unterstützen und meine Webseite werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci!

Villenschönheit in Cadaqués. Foto: Hilke Maunder

Verwandte Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.