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Gran Canaria: kanarische Kontraste

Kreisrund liegt die drittgrößte Insel der Kanaren im Atlantik. Der Archipel ist berühmt für Bettenburgen und Massentourismus. Doch wäre es ein Riesenfehler, damit gleich die ganze Insel zu verurteilen. Gran Canaria bietet beides: Ruhe und Rummel, City-Life und Dorf-Romantik, traumhafte Dünen und bizarre Berge.

Muskelkater werde ich bekommen. Immer wieder rutschen die Füße im goldgelben Sand ein wenig zurück. Die Dünen, die von weitem so niedrig und niedlich aussahen, treiben den Schweiß aus den Poren. Endlich! Der erste Kamm ist erklommen. Ringsherum: Wellen aus puderweichem Wüstensand. Las Dunas de Maspalomas: ein Meer aus Gold.

Geradezu magisch ist ihre Anziehungskraft. Täglich pilgern Tausende zur Sahara an der See, wandern durch den Wüstensand, klettern hinauf, rollen hinunter, laufen, lachen, lieben sich. Wer ein einsames Fleckchen entdeckt, genießt Natur pur. Die Dünen: eine Traumlandschaft, eine Landschaft zum Träumen. Unwirklich, unendlich. Weite, in der man sich näher kommt. Ruhe findet. Nur wenige Meter entfernt vom Rummel.

Dort, wo die Dünen das Meer berühren, säumt eine schier endlose Menschenkette den zehn Kilometer langen Sandstrand. Massen schlendern hier entlang, die eigenen Massen nur spärlich verhüllt. Gen Süden lockt Maspalomas mit seinem markanten Leuchtturm – gen Norden St. Agustín. Doch wohin der Weg auch führt, dieser Marsch am Meer ist der Klassiker der Costa Canaria.

Das Wahrzeichen der Insel jedoch erhebt sich im Innern, bizarr, felsig und zerfurcht: als 60 Meter hohe Basaltspitze des Roque Nublo. Für die Altkanarier war dieser Monolith heilig. Der niedrige Felsen daneben heißt „Rana“ – Frosch. Fast scheint er sich vor dem monumentalen Nublo zu verneigen.

Jenseits von Dünen und Strand: wilde Berge

David und Goliath, denke ich, und lasse den Blick über die Bergwelt schweifen, blicke staunend über einst feurige Vulkanschlote. Zikaden zirpen – oder sind es Grillen? Seit 1998 schützt der 20.000 Hektar große Parque Natural de Pilancones die kaum bekannte Bergwelt der Insel: gewaltige Bergrücken, tief erodierte Täler, Höhlen in hellem Tuff, dann wieder Felsspitzen aus schwarzem Stein, Barrancos aus Basalt.

Enge Haarnadelkurven führen zum höchstgelegenen Dorf der Insel. Der alte Saumpfad für Esel und Mulis dorthin ist längst asphaltiert, doch Vieh und Fahrzeug teilen sich bis heute die Straße. Die Hand an der Hupe, wird jede Kehre, jede Kurve mit einem etwas quäkenden Signal „entschärft“. Eine letzte Serpentine, dann hat die wilde Strecke ein Ende: Artenara, Höhlendorf in 1.250 Meter Höhe. Die Eingänge zu den Felswohnungen leuchten strahlend weiß zwischen den grauen Mauern der terrassierten Felder.

Grandiose Höhlen

Selbst die Kirche „Virgen de la Cuevita“ wurde in den weichen Fels gehauen, all ihr Inventar aus rotem Tuff gemeißelt: Altar, Beichtstuhl, Taufbecken; selbst Lesepult und Priesterstuhl sind aus Stein. Eine andere Höhle setzt auf irdische Genüsse: Kaninchen, nachts in „Mojo“-Soße mariniert, tags darauf im Tontopf geschmort – „conejo salmorejo“, das Nationalgericht der Kanaren. Schlemmen ohne Schnörkel, deftig-delikat, dazu ein frischer Rosé, und eine atemberaubende Sicht: So sitze ich auf der Terrasse des Höhlenrestaurants Méson La Silla.

Ich schaue auf die grandiose Bergwelt, erkenne die Spitzen des Südostens: die dreizackige Cuevas del Rey vor der Bentaiga, daneben Nublo und Pozo de las Nieves. Der Rückweg führt vorbei an Fataga. Schroffe Felsen keilen das Bergdorf ein. Entrückt in eine andere Welt, bummle ich zwischen alten Steinhäuschen. Im Tal leuchtet grün ein wahrer Garten Eden, voller Dattelpalmen, Mangos, Avocados und Papayas.

In San Bartolomé de Tirajana, einem winzigen Dorf mit engen Gassen und schneeweiß gekalkten Häusern, wird das angebaute Obst in kleinen Destillerien zu Hochprozentigem verarbeitet. Ob ich probieren möchte? Ehe ich zustimmend nicken kann, halte ich ein Glas „Guindillo“ in der Hand, Sauerkirschlikör, ölig, süß, süffig.

Das Feuerwasser der Insel

In Arehucas wird Zuckerrohr zu Feuerwasser. In der dortigen Destillerie wurde schon lange, bevor die Canarios das Rezept nach Südamerika und Kuba exportierten, Rum gewonnen. In der Bodega No. 1 hat es der Prominenz besonders gut gefallen: Willy Brandt, César Manrique, Plácido Domingo und König Juan Carlos verewigten sich nach ihrem Besuch auf den dickbäuchigen Fässern aus Eichenholz.

Sanfteres sprudelt in Firgas nicht nur aus Brunnen, sondern plätschert in Kaskaden munter über Treppen, die bunte Azulejos-Kacheln schmücken: Mineralwasser. Abgefüllt, wird es überall auf der Insel angeboten.

Auch in Teror lebt das alte, das ursprüngliche Gran Canaria weiter. Patrizierhäuser aus dem 16./17. Jahrhundert, herausgeputzt, geschmückt mit holzgeschnitzten Erkern und Balkonen, säumen die Calle Franco General. Die kopfsteingepflasterte Straße führt schnurgerade auf die Basilika „Nuestra Señora del Pino„. Alljährlich am 8. September strömen Pilger aus allen Orten hierher und feiern die Schutzpatronin Gran Canarias bei der größten Wallfahrt der Insel.

Jeden Sonntag lockt ein bunter Wochenmarkt Tausende von Menschen an. Das Messer in der Hand, preisen Verkäufer lauthals ihre „chorizo de teror“ an, eine leuchtend rote Paprika-Wurst mit Schweinefleisch und noch mehr Speck. Nur im Norden gibt es den berühmten queso de flor. Wild wachsende Artischocken verleihen dem Blütenkäse von Guía sein unnachahmliches Aroma.

Cran Canaria ganz großstädtisch

Las Palmas ist die einzig wirkliche Großstadt der Kanaren. Eine Metropole zwischen Tradition und Moderne, mit Silos, Schnellstraßen, Hoteltürmen und Bettenburgen. Doch der erste Eindruck täuscht: Jedes Stadtviertel, jedes Barrio, besitzt seinen ganz eigenen Charakter, überrascht, begeistert, verzaubert.

Pastellfarbene Patrizierhäuser säumen die Einkaufsmeile Calle Mayor de Triana. Sie endet am Parque San Telmo. Vor dem Jugendstilkiosk, mit seinen taubenblauen Kacheln und dem Kuppeldach aus Messing eher ein kleiner Tempel, stehen einige Tische vor der Tür. „Un Cortado“. Der Koffeinkick kommt im Glas, stark, hell und süß. Am Nachbartisch spielen alte Männer Domino. Selbstvergessen, der Zeit entrückt.

Anders als in der museal wirkenden Altstadt, sind in Santa Catalina die Kanaren kosmopolitisch. Hier, ganz in der Nähe des Hafens, mischen sich Afrikaner, Inder, Chinesen ins Straßenbild; genießen Matrosen wie Manager gemeinsam das quirlige Leben. Ein Hauch von Rotlicht schwebt über diesem Viertel voller Kneipen, Karaoke-Clubs, Peepshows, Bars und Diskotheken.

Morgens treffen sich die Männer im Trubel der alten Markthalle in der Calle Mendizábel. Erst wundere ich mich, doch dann erklärt sich vieles: Nicht nur der Einkauf steht hier auf dem Zettel. Ein Gläschen Weißwein am Morgen gehört zur Tradition, manchmal auch ein Brandy, dazu stets ein paar Tapas, eine Portion Mariscos, Meeresfrüchte. Klönschnack, Zeitung und Zigarre, so wird in der Hauptstadt von Gran Canaria der Tag begonnen.

Und wie er enden könnte? Mit einem Mahl in Puerto de Mogán. Die Brückenstadt, vor 20 Jahren noch ein Fischernest, gilt heute als bester Beweis für die Zukunft der Kanaren. Gassen und Bögen; Kanäle und Brücken verbinden die weißen Ferienhäuser.

Blau, rot und grün die Rahmen um Fenster und Türen, davor blühende Büsche, lila leuchtende Bougainvillea. In seiner Bodeguilla Juanaña garniert der deutsche Küchenchef Stefan Emmerich Blumenkäse mit Seeigeleiern, serviert Schwertfischfilet mit Palmhonig, Avocado und Senf, verbindet Küchen-Traditionen aus Gran Canaria mit einem kreativen Kick.

Dieser Beitrag ist am 4. Januar 2001 auf Spiegel Online erschienen. 

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