2009DeutschlandSchleswig-Holstein

List: Aufbruch im Sylter Norden

Die nördlichste Gemeinde Deutschlands ist in Aufbruchsstimmung: Seit dem Abzug der Bundeswehr gibt es jetzt in List auf Sylt reichlich Platz und Pläne, um den längst überfälligen Ausbau der touristischen Infrastruktur nachzuholen.

Pulsierendes Wahrzeichen des neuen List ist der neu gestaltete Hafen mit seinen Buden und Boutiquen, der zu Einkaufspassage verwandelten Tonnenhalle, dem Fähranleger und der „nördlichsten Fischbude Deutschlands“, mit der Jürgen Gosch seine Karriere als „Fischkönig“ begann.

1966 war der gebürtige Eiderstedter als Maurergeselle auf Montage nach Sylt gekommen. Um seinen Lohn aufzubessern, verkaufte der 25-Jährige nach Feierabend frische Krabben und Aal an die Feriengäste, 1972 folgte ein kleiner Krabbenstand am Lister Hafen. Aus der „nördlichsten Fischbude Deutschlands“ hat sich heute eine Eventgastronomie entwickelt, die Gosch in ganz Deutschland bekannt machte.

Krabbenrührei in der nördlichsten Fischbude Deutschlands: Gosch in List. Foto: Hilke Maunder

Und so ist ein Besuch seiner „Alten Bootshalle“ für viele Sylt-Urlauber Kult – auch wenn das Ambiente mit Fischernetze, Meerjungfrauen und reichlich touristischem Rummel arg an ein maritimes Hofbräuhaus erinnert. Ebenfalls ein kulinarischer Klassiker aus List ist die „Sylter Royal“.

Die Felsenauster wird seit 1986 wieder von Dittmeyers Austerncompagnie, Deutschlands einziger Austernzucht, im Wattenmeer vor List gezüchtet. Doch seit wenigen Jahren hat die Sylter Königin Gesellschaft bekommen: Sylter Kombu Royal – mit botanischem Namen Laminaria saccharina, eine braune Meeresalge, die nach dem Willen der EU als gesundes Gemüse künftig unseren Speiseplan bereichern soll.

Delikate Muschel: die Sylter Royal von Austernmeyer in List. Foto: Hilke Maunder

In List wird die an den Felsküsten der Meere auf der Nordhalbkugel beheimatete Alge in den 2.000 l-Meerwassertanks der Sylter Algenfarm gezüchtet. Geleitet wird das Pilotprojekt, das die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit 100.000 Euro unterstützt, Prof. Dr. Klaus Lüning vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.

Von den weltweit bekannten 40.000 Algenarten sind, so der Meeresbiologe, 160 zum Essen geeignet. In Südostasien werden jährlich neun Millionen Tonnen verspeist. Dittmeyer, der die Algen während der warmen Sommermonate im Keller „überwintern“ lässt, serviert die Algen in Butter leicht angebraten, im Gemüse-Weißwein-Sud geschwenkt und mit Knoblauch abgeschmeckt oder als köstlicher Mantel um gebratene Scampis auf einem Spaghettini-Nest. Küchenchef Carsten Wulff komponiert zum herzhaft-leichten Gemüse ein Matjes-Dreierlei.

Krabbenfischer im Hafen von List. Foto: Hilke Maunder

Großen Appetit auf frische Rotalgen hat auch die Hochpreis-Meeresschnecke Abalon, die jetzt ebenfalls in den Lister Meerwasser-Gewächshäusern gezüchtet wird. Als so genanntes Sylter Meerohr wird sie im Alter von vier Jahren für 20 Euro je Kilogramm nach Südostasien exportiert.

Wie weltweit einmalig das Biotop Wattenmeer ist, präsentiert ab 2009 auf drei Themenpfaden das Naturgewalten-Erlebnismuseum am Lister Hafen. Bis zur Fertigstellung der sehr interaktiv konzipierten Ausstellung gewährt eine blaue „Infobox“ Einblicke in den faszinierenden Lebensraum.

Neben Hörnum ist List der einzige Ort auf Sylt, der zwei ganz unterschiedliche Meer-Erlebnisse bietet. Während am Morgen die Sonne das stille Wattenmeer silbrig funkeln lässt, begeistert sie nachmittags die Badegäste an der Brandungsküste im Westen: Am breiten Westrand trainieren Jogger direkt am Flutsaum für den traditionellen Sylt-Lauf, die Marathonstrecke nach Hörnum.

Heckenrosen – sie blühen überall auf Sylt. Foto: Hilke Maunder

Kinder bauen in Deutschlands größter Sandkiste Burgen und Tunnel; ältere Gäste legen immer wieder das Buch aus der Hand und blicken vom Liegestuhl auf den Horizont, wo Himmel und Meer verschmelzen.

„Wie Gletscher eines Hochgebirges“ empfand der Dichter Gerhart Hauptmann die Dünen rings um List, die seit 1923 unter Naturschutz stehen. Besonders imposant ist die Große Wanderdüne, ein rund 30 Meter hoher und ein Kilometer langer Sandberg, den der kräftige Westwind immer weiter gen Osten treibt.

Um diese Wildnis so ursprünglich wie möglich zu erhalten, darf das Naturschutzgebiet nicht betreten werden. Auch die unberührte Natur der Dünen am Lister Ellenbogen, der sich komplett in privater Hand alteingesessener Lister Familien befindet, lässt sich zu Fuß oder per Fahrrad nur auf der mautpflichtigen Zufahrtsstraße, entlang der Übergänge zum Strand sowie vom Strand aus erkunden.

In den Dünen von List. Foto: Hilke Maunder

Die „Große Runde“ (15 km) um Sylts Nordspitze dauert rund drei Stunden. Während der Saison lädt zudem die Kurverwaltung List zu geführten Dünenwanderungen, bei denen auch die Entstehung der Insel, der Küstenschutz und natürlich über die Vegetation in Deutschlands größter zusammenhängender Heide bei Panoramablicken zur Wanderdüne erläutert werden.

Mitten in der Düneneinsamkeit hat 1977 auch Lists Ehrenbürger seine letzte Ruhestätte gefunden: Wolfgang von Gronau. Er hatte 1930 vom Seefliegerhorst List aus als einer der Ersten mit einem Wasserflugzeug den Atlantik überquert und zwei Jahre später erfolgreich die Welt umrundet.

Blick auf List aus dem Dünenland. Foto: Hilke Maunder

Was mit den einstigen Standort der Marineversorgungsschule (MVS) geschieht, in der ab 1958 Schiffsköche, Sanitäter, Zahlmeister und Stabsoffiziere ihren letzten Schiff bekommen hatten, ist noch unklar – die einen möchten hier universitäre Forschung ansiedeln und mit einem Campus List als Standort der Wissenschaft stärken, andere auch hier ein touristisches Angebot schaffen.

Nach vier Jahren Wartezeit erfolgte im März jetzt erst einmal der erste Spatenstich des A-Rosa-Hotels. Finanzielle Probleme, Änderungswünsche der Betreiber, baurechtliche Themen und höhere Baukosten als geplant hatten für die Verzögerung gesorgt – und die Lister warten lassen, während an der Südspitze in Hörnum im Sommer 2008 mit dem Golf & Spa-Hotel Budersand ein Fünfsternehotel eröffnete.

Umso größer ist nun die Freude, das in List Ende 2009 ein edles Wellness-Hotel eröffnen wird: das Grand Spa A-Rosa mit 193 Zimmer von Standard-Doppelzimmern bis zur Präsidentensuite, Gourmetrestaurant und 4.000 qm großem Spa-Bereich.

Krabbenkutter im Hafen von List. Foto: Hilke Maunder

List auf Sylt: Gut zu wissen

Hinkommen

Auto

Zwischen Niebüll und Westerland Autozug über den Hindenburgdamm (www.sylt-shuttle.de).

Bahn

mit der Deutschen Bahn (www.bahn.de) oder der NOB (www.nordostseebahn.de) bis Westerland, weiter per Bus. Flug: Flughafen in Westerland (www.flughafen-sylt.de). Schiff: Autofähre List – Rømø (www.sylt-faehre.de)

Auskunft

Kurverwaltung List, Am Brünk 1, 25992 List, Tel. 01805 / 54 78 00 (14 Cent/Min.)
, www.list.de, www.list-sylt.de

Dieser Beitrag ist Anfang 2009 erschienen. 

Hinweis: Die Dünen von List sind als Naturschutzgebiet gesperrt. Bei meiner Recherche durfte ich mit einem Mitarbeiter der Bundeswehr das einstige militärische Sperrgebiet im Dünenland betreten. Dort entstanden 2009 meine Aufnahmen. 

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DuMont-Bildatlas Sylt-Amrum-Föhr*

Sabine Lubenow als Fotografin, ich als Autorin: Gemeinsam stellen wir euch die nordfriesischen Inseln in sechs Kapiteln vor. Und anders als der Titel vermuten lässt, findet ihr darin nicht nur Sylt, Amrum und Föhr, sondern auch noch Pellworm und die Halligen.

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Sonnenuntergang am Roten Kliff auf Sylt.

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