2008DeutschlandSchleswig-Holstein

Hooge: Im Takt der Gezeiten

„Füße anheben! Ich lass das Wasser einlaufen!“ ruft Filmvorführer Andrew Eisenberg in den dunklen Saal. Sekunden später flimmern Wassermassen über die kleine Leinwand des Hooger Sturmflutkinos. Was die Aufnahmen von Amateurfilmer Thomas Diedrichsen dort alle 20 Minuten zeigen, ist besonders während der Stürme im Frühjahr und Herbst Alltag auf der „Königin der Halligen“ im Nordfriesischen Wattenmeer: Landunter.

Alltag auf Hooge: Landunter

111 Menschen, Vieh und Fahrzeuge drängen sich dann auf den Warften, die wie kleine Burgen aus der Brandung ragen. Doch wenn sich der Sturm legt, das Wasser durch die Schleuse zurück ins Meer fließt und im Innern der Hallig für wenige Stunden nur noch ein spiegelglatter See zurück bleibt, in dem sich der hohe Himmel und die Warften spiegeln – „dann ist es hier so schön, dass ich nirgendwo anders leben möchte“, sagt Eisenberg.

Die Kirchwarft von Hallig Hooge. Foto: Hilke Maunder

Das dachte sich auch Klaus-Dieter Niedorff. Er tauschte vor zehn Jahren das turbulente Leben im Rotlichtviertel St. Pauli gegen das stille Leben auf der Kirchwarft, die Fußballspiele am Millerntor gegen das Bosseln auf den Weiden, seine Hamburger Wohnung gegen den Hochsitz auf der Hallig.

Wenn er nicht predigt, ist er nicht mehr Herr Pastor, sondern in der Theatergruppe Hooger Speeldeel nur der Klaus – und genauso in dem Tourismusgeschäft involviert wie all die anderen, die auf Hallig Hooge leben. Mehr als 300 Besuchergruppen führt Niedorff jährlich durch die Halligkirche St. Johannis, die 1640 aus den Resten des Gotteshauses aus dem untergegangenen Ort Osterwohld gebaut worden war.

Muscheln in der Kirche

Die alte Hooger Holzkirche war bereits rund dreihundert Jahre zuvor in der „Großen Mandränke“, wie die verheerende Sturmflut des Mittelalters an der Westküste genannt wird, untergegangen. Das Meer hat auch im Innern seine Spuren hinterlassen.

Zwischen den blauen Sitzbänken aus Holz liegen Muscheln – damit nach einer Sturmflut eventuell eindringendes Wasser schnell wieder ablaufen kann, besitzt die Kirche kein festes Fundament, sondern ruht auf Sand. Neben der Renaissancekanzel (1743) zeigt eine kleine Tür, die ein Grönlandfahrer auf See geschnitzt hat, eine Walmutter mit ihrem Jungen.

Der Friedhof von Hooge auf der Kirchwarft. Foto: Hilke Maunder

Ebenso ungewöhnlich sind die Grabsteine des Friedhofs: Sie sind vorn und hinten beschriftet – die Toten teilen sich aus Platzgründen das Grab und den Grabstein. Die Sandsteinsarkophage, die vor Jahrzehnten eine Sturmflut im Watt vor der Hallig freispülte, widmeten die  Halligbewohner zu Viehtränken um. Doch die Kühe, die Jahrhunderte lang als „Pensionsvieh“ jeden Sommer vom Festland auf die Hallig zum Weiden gebracht wurde, sind selten geworden.

Der Fischkutter erinnert auf Hooge an die Vitalienbrüder. Diese Gruppe von Seefahrern machte im 14. Jahrhundert den Handelsverkehr in der Nord- und Ostsee zu einem gewagten Unterfangen. Foto: Hilke Maunder

Heute sorgt nicht mehr die Landwirtschaft, sondern der Tourismus für klingelnde Kassen. 90.000 Tagesbesucher besuchen alljährlich Hooge, die „Königin der Halligen“, 46.000 Gäste nächtigen hier 516 Ferienbetten, und lassen sich zur Hanswarft kutschieren, dem touristischen Herzen der Hallig. Ehrfurchtsvoll sehen sie sich den Königspesel an, eine prachtvoll gekachelte Stube mit Alkoven-Betten, in der am 2. Juli 1825 der dänische König Frederik VI. übernachtet hat.

Die gute Stube der Friesen: der Pesel. Foto: Hilke Maunder

Im Erlebniszentrums Meer & Watt der Schutzstation Wattenmeer entdecken sie einen faszinierend fremden und doch vertrauten Lebensraum. Ein Haus weiter statten sie dem Hallig- und Heimatmuseum einen Besuch ab, das der Postschiffer Hans von Holdt aufgebaut hat.

Nach dem Halligspaziergang stärken sie sich dann mit Matjes, Krabbenbrot oder roter Grütze in einer der vier Gaststätten, die sich im Kern der Hanswarft um einen kleinen Fething, den alten Süßwasserspeicher, drängen.

Der einzige Supermarkt auf Hooge: der Halligkaufmann. Foto: Hilke Maunder

Leben im Rhyhtmus der Tide

Für Selbstversorger gibt es einen Supermarkt, den kleinsten Deutschlands. Frische Brötchen liefert jeden Tag ein Backautomat, neue Ware kommt jeden Donnerstag. Doch dafür gilt, was der Briefkasten als nächsten Leerungstermin angibt: „tideabhängig“.

Neun Warften gibt es auf Hooge, und jede ist eine Welt für sich. Größte Konkurrentin der Hanswarft ist die Backenswarft. Sie liegt am dichtesten am Fähranleger – und hat die besten Verbindungen zu den Fähr- und Ausflugsschiffen.

Dafür sorgt Annemarie Pezzi, Besitzerin der Gaststätte „Friesenpesel“, die sich rühmt, den ältesten „Pesel“ der Insel zu besitzen. Und der ist Pezzi lieb wie teuer: Wer die original getreu erhaltene „Gute Stube“ von 1756 fotografieren möchte, muss fünf Euro als „Entschädigung“ dafür zahlen, dass er keine Postkarte gekauft hat…

Friesenkost: Labskaus. Foto: Hilke Maunder

Schon hat sich eine neue Reisegruppe angekündigt. 400 Personen versorgt Pezzi in der Hauptsaison täglich mit einem Mittagstisch, und sorgt dafür, dass in 59 Minuten alle gegessen und getrunken haben.

Noch während der Überfahrt telefoniert die 64-Jährige mit Bernd Diedrichsen, dem Kapitän des MS Hauke Haien, der aus verwandtschaftlicher Verbundenheit den Friesenpesel den Gästen an Bord empfiehlt, und lässt sich von den Reiseleitern die Bestellung durchgeben.

Wie viel mal Fisch, wie oft Fisch? Dann ruft die Wirtin ihre Kutschen an, die „Pferdebusse“, die die Gruppen einmal über die Insel führen – und dann zu ihr bringen, ehe es wieder zurück an Bord geht.

Der Pferdebus von Hallig Hooge wartet am Fähranleger. Foto: Hilke Maunder

Anleger, Hanswarft, Kirchwarft, Backenswarft heißt die klassische Kutschen-Runde durch den Osten der Hallig. Die sechs Warften im Westen kennen nur die Urlauber, die länger bleiben – und die Gäste, die sich am Anleger für wenige Euro Fahrräder leihen.

Gegen den allgegenwärtigen Wind strampeln sie vorbei an der Ockelützwarft mit der Halligschule zur Mitteltritt-Warft, wo Familie Binge als eine der beiden letzten landwirtschaftlichen Betriebe der Hallig im Hofladen neben Wurst und Fleisch Hallighonig und Schafskäse verkauft.

Per Rad oder zu Fuß, so seid ihr auf Hallig Hooge mobil. Foto: Hilke Maunder

Vorbei an der Ipkenswarft, auf der Halligarchivar Siegfried Baudewig 25.000 Dokumente zur Halliggeschichte zusammen getragen hat, und der unbewohnten Pohnswarft erreichen sie im einsamen Westen die Westerwarft, wo abends die Sonne so glutrot im Meer versinkt, dass Hooge Hawaii Konkurrenz machen könnte.

Und gleichzeitig ein wohliges Gruseln weckt. Denn unter dem Namensschild der Warft erhebt sich frech ein kleiner Kobold: Ekke-Nekkepenn. In der norddeutschen Sagenwelt ist er eine Art Rumpelstilzchen, das bis heute auf den Halligen sein Unwesen treibt – und bei Vollmond die Glocken der sagenumwobenen Stadt Rungholt läutet, die bei der ersten „Groten Manndränke“, der Sturmflut von 1362, untergegangenen war.

Im Watt vor Hallig Hooge. Foto: Hilke Maunder

Von den Betonplatten des Sommerdeichs, der seit 1914 die Hallig vor Landverlust schützt, führen einige Treppen hinab zum „Strand“, einem schmalen Streifen aus Muscheln, Kieseln und Treibgut. Das Vorland im äußersten Westen ist Spaziergängern vorbehalten.

Klee und Halligflieder haben die Fennen (Weiden) in ein lilafarbenes Blütenmeer verwandelt. An den Abbruchkanten der Priele rasten Küstenseeschwalben; im Hafen kämpfen Lachmöwen, Silbermöwen und Mantelmöwen um die Reste, die Hooges einziger Fischer vom Kutter zurück ins Meer wirft.

Frühling auf Hallig Hooge! Foto: Hilke Maunder

Ringelganstage als Urlaubsevent

Von einem Pfosten schaut ein Austernfischer dem Spektakel zu: Orangerot leuchtet sein spitzer, langer Schnabel in der Sonne. Im Frühjahr und Herbst machen mehr als 20.000 Ringelgänse auf ihrer Wanderung zwischen Sommer- und Winterquartier Rast auf Hooge, das dieses Ereignis sogleich als touristisches Potenzial entdeckt hat.

Seit zehn Jahren lädt die Hallig alljährlich im Frühjahr gemeinsam mit Naturschutzverbänden und der NationalparkService gGmbH Urlauber und Tagesgäste ein, das eindrucksvolle Naturschauspiel des arktischen Vogelzuges vor Ort live zu erleben.

Seehunde auf einer Sandbank vor Hooge, Foto: Hilke Maunder

Seehunde und mit Glück auch Kegelrobben lassen sich auf dem Japsand beobachten. Als sie Kind war, war die Hooger Karen Reelmann mit ihren Freunden oft noch von der Hallig zur fünf Kilometer westlich gelegenen Sandbank geritten, Kuchen, Cola und Kofferradio im Gepäck.

Solche Partys sind heute hier Tabu. Der kleinste und nördlichste der drei Außensände im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer darf inzwischen nur noch auf geführten Wattwanderungen betreten werden. Ein Klassiker ist auch die Wattwanderung zur unbewohnten Hallig Norderoog.

Engagierte Jugend

Dass das Mini-Einland nicht länger Land verliert, ist dem Verein Jordsand zu verdanken, der jeden Sommer hier internationale Jugendworkcamps veranstaltet. Seit 1977 waren mehr als 2.000 Jugendliche aus 25 Nationen auf Norderoog im Uferschutz tätig. Ohne ihre Hilfe wäre Norderoog schon längst ein Opfer der Sturmfluten geworden.

Abschied von Hallig Hooge … Foto: Hilke Maunder

Dieser Beitrag ist 2008 im Rheinischen Merkur erschienen. Mehr zu Halligwelt und dem nordfriesischen Inselreich findet hier:

DuMont-Bildatlas Sylt-Amrum-Föhr*

DMBA Sylt-Amrum-Föhr-HalligenSabine Lubenow als Fotografin, ich als Autorin: Gemeinsam stellen wir euch die nordfriesischen Inseln in sechs Kapiteln vor. Und anders als der Titel vermuten lässt, findet ihr darin nicht nur Sylt, Amrum und Föhr, sondern auch noch Pellworm und die Halligen.

Specials und Themenseiten, Aktivtipps und Features zu den einzelnen Inseln lassen euch schon daheim von den Inseln träumen, die mit seit meiner Kindheit begleiten. Sabine hat meine Leidenschaft für die Eilande wunderschön fotografisch umgesetzt; ein dickes Merci dafür. Und nun: träumt euch hin. Und plant die nächste Reise!

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