2019Schleswig-Holstein

Ein Winter-Wochenende in Büsum

Nur eine Autostunde trennt Hamburg von Büsum. Doch wer als Hanseat etwas auf sich hält, rast für den Nordsee-Spaziergang nach Sankt Peter-Ording, das Hamburger nur SPO nennen, fährt mit dem Sylt-Shuttle auf die Insel oder hat ein Ferienhaus in Henne-Strand, dem Hamburger Hotspot an Jütlands Westküste.

Nach Amrum oder Föhr verirren sich auch immer mehr Hanseaten. Aber Büsum? Das trifft man den Ruhrpott, heißt es böse, nur denen kann man Hochhaus mit Grünstrand als Urlaub am Meer verkaufen. Verschlafener Sixties-Charme kommt gleich danach…

Das Wahrzeichen von Büsum: das Hochhaus am Grünstrand. Foto: Hilke Maunder

Hallo, Hanseaten: aufwachen! Und schnell mal alle Vorurteile über Bord werfen! Im dritten Jahrtausend ist Büsum aufgewacht und erfindet sich neu. Das Nordseeheilbad, wo man bislang über Betontreppen ins Watt oder Meer steigen musste, hat sich mit der Familienlagune Perlebucht 2012 einen Sandstrand mit tideunabhändigem Badestrand geschenkt, feinsandig und familienfreundlich. Wer mag, kann hier in kuscheligen Strandschlafkörben einmal ein Nacht draußen direkt am Meer verbringen. Schlafen unter dem Nordseehimmel – das kommt sofort auf die Wunschliste!

Die Badelagune Perlebucht – baden unabhängig von der Tide. Foto: Hilke Maunder

Das im Herbst 2018 eröffnete Watt’n Hus birgt nicht nur die Touristen-Info, sondern auch Kino und Tobeland für Kids, Lesesaal und weitere Eventräume. Für die Deichpromenade  mit Weitblick übers Meer gab es neue, gemütliche Bänke, neue Kassenhäuschen und Windschutz, für den Büsumer Pesel einen neuen Wirt: Nisret Peci.

In St. Peter Ording  betreibt er bereits das Restaurant „Arche Noah“. In Büsum eröffnete der Gastronom zu Pfingsten 2018 das Restaurant und Strandcafé Osteria bei Peci. Die Sturmflutwelten wurden zur Phänomania verjüngt und sind als solche wieder ein Besucherhit wie die Krabbenfischerflotte am Hafenkai und das Weltnaturerbe Wattenmeer, in dem Büsum „mittenmang“ liegt.

Die neuen Strandaufgänge am Gründeich. Foto: Hilke Maunder
Das Watt’n’Hus am Deichaufgang – Info und erleben unter einem Dach. Foto: Hilke Maunder

Direkt am Museumshafen hat im Sommer 2019 das Lighthouse Hotel & Spa als Vier-Sterne-Plus Haus eröffnet – an drei Seiten von Wasser umgeben. Gleich nebenan soll das Erlebnisbad Piratenmeer bis 2021 umfangreich modernisiert werden. Dazu gehört besonders die Senkung des Energie- und CO2-Verbrauches.

Direkt neben dem Wellenbad, das energetisch saniert wird, eröffnet im Sommer 2019 die neueste Viersterneanlage von Büsum. Foto: Hilke Maunder

Dafür gibt es Mittel der EU und des Landes – denn Büsum gehört zum Kreis der „Perlen der Westküste“ (Integrierte Territoriale Investitionen Tourismus- und Energiekompetenzregion Westküste). Die Meereswelten, die seit 1967 im Wellenbad-Bau mit integriert sind, müssen dafür wohl weichen. Seine 39 Aquarien bergen rund 180 Arten – Schildkröten und Leguane, bunte Tropenfische und die Meerestiere der Nordsee. Wo und ob sie eine neue Heimat in Büsum finden, ist ungewiss.

Die Krabbenkutter von Büsum: Hoffnung ist die Maxime. Nicht mehr handgemalt, sondern mit Plastik genagelt auf Holz. Foto: Hilke Maunder

Vom Auf- und Umbruch in Büsum kündet auch die Seemeile. Auch die traditionsreiche Shoppingmeile des Seebades erlebt einen tiefgreifenden Wandel. Herzklopfen ist in der Hohenzollernstraße angesagt. Die Lifestyle-Boutique von Birgit Hagenah könnte auch glatt im Hamburger In-Viertel Eppendorf oder auf Sylt zu finden sein: edle Wohnaccessoires, Luxusmode, die nur auf den ersten Blick casual wirkt, und edle Abendkleider bringen dort bereits seit 2014 die gehobene Lebensart nach Büsum. Der Ehemann hat in eine ehemalige Werfthalle auf der alten Hafeninsel mit Deichgut befüllt: Massivholzmöbeln im maritimen Shabby Chic, Wohnaccessoires und Herrenmode.

„Herzklopfen“ : bei so viel schickem Lifestyle bleibt es nicht aus. Foto: Hilke Maunder

Modern, frisch und zeitgeistig, und doch traditionsverbunden und lokal verwurzelt, so haben Andra Hansen und Patrick Kebekus das Hotel Zur Alten Post verwandelt. Andra  führt mit ihrem Partner in vierter Generation die alte Poststelle gegenüber der St. Clemens-Kirche, die ihr Urgroßvater erwarb – und 1889 als Hotel eröffnete.

Die Alte Post von 1889. Foto: Hilke Maunder
Die St. Clemenskirche von Büsum. Foto: Hilke Maunder

Wo einst die Pferde im Stall standen, schmücken heute dunkles Holz, Delfter Kacheln und typisch Dithmarscher Textilkunst den ältesten Speisesaal der Gaststätte. Mit Seeschlachten, Kanonenkugeln und anderen Andenken von einst versprüht sie so viel Nostalgie, dass auch die wöchentliche Stadtführung in der Alten Post Halt macht.

Andra Hansen und Patrick Kebekus Foto: Hilke Maunder
Der älteste Bereich der Gaststube. Foto: Hilke Maunder

„Ich habe es geliebt, bei meinen Eltern im Hotel helfen zu dürfen, Betten aufzuschütteln oder in der Küche zuzugucken“. Andra ist eine gebürtige Dithmarscherin, Patrick stammt aus Baden-Württemberg. Beim Studium haben sich beide kennen- und lieben gelernt. Und auch beruflich ist es ein perfekter Match.

Zur Alten Post – der Speisesaal. Foto: Hilke Maunder

Patrick liebt, nein, schwärmt, von deutschen Wein – und hat Herzblut investiert in die „minibar“, die Vinothek der Alten Post. Naturweine und Weine von kleinen Produzenten aus Deutschland dominieren die Karte. Beide haben sichtlich Spaß daran, neue Tropfen für die Karte zu entdecken. Und das sind am liebsten… Riesling-Weine. Als Großes Gewächs, als Premier Cru, als Spätlese, vom Rhein, der Mosel oder aus dem Elsass.

Die minibar: Genuss, ganz entspannt. Foto: Hilke Maunder

Unter den Roten ist der Pinot Noir der Star im Keller und beweist, wie gut Spätburgunder nicht nur in Baden, sondern auch in der Pfalz gedeiht – zwei Landstrichen, die Jahrhunderte lang die Franzosen geprägt haben. Frankreich und Italien sind mit je zwei Tropfen, Spanien mit einem Wein des Münchners Dominik Huber vertreten.

Auch Obstbrände aus Deutschland serviert die minibar. Foto: Hilke Maunder

Lokal, saisonal und kreativ, ist die Maxime in der Küche, in der Uwe Büsing am Herd steht. Mit ihm soll die Alte Post feinheimisch werden. Feinheimisch ist ein Netzwerk von Bauern und Manufakturen, Küchenchefs und Caterern, überzeugten Einzeltätern und Gewerbebetrieben in Schleswig-Holstein, die eine Vision teilen: frische, qualitativ hochwertige Lebensmittel ohne Zusatzstoffe lokal zu produzieren und zu verarbeiten. Industrielle Fertigprodukte sind tabu. Verwendet werden Sorten und Arten, die im Land heimisch sind. Und so kommt die Scholle direkt vom Büsumer Kutter.

2014 kam Andra Hansen zurück nach Büsum. Und übernahm nach nur zwei Wochen das Hotel. Ihre erste Handlung: Sie beschloss, zwei alte Gebäude an der Ecke Hafenstraße durch einen Neubau zu ersetzen. Unter den Balkonen findet für jedes Zimmer ein Fahrzeug Platz. Drinnen birgt der Annex  34 „Wohnzimmer“, moderne Komfortzimmern mit 23-30 qm Größe.

Vorne der Neubau, dahinter das Stammhaus: Zur Alten Post. Foto: Hilke Maunder

Sie sind so geräumig und mit Sitzecke oder Sofa am Fenster so einladend, dass die Gäste nicht in Lokale flüchten müssen, sondern es sich bei ungemütlichem Nordseewetter auch gerne im eigenen Zimmer gemütlich machen können – Lesestoff für Regentage gibt es in großer Auswahl an der Rezeption. Sauna oder Spa fehlen im Haus. Doch diesen Nachteil macht der Hotelstempel auf der Gästekarte wett: Er gewährt kostenlosen Eintritt in das Erlebnisbad Piratenmeer.

Gemütlich: die Lese- und Arbeitsecke von Zimmer 214 im Neubau. Foto: Hilke Maunder
Zimmer 214 im Neubau: Boxspringbetten sind Standard. Foto: Hilke Maunder

Die Farbgebung des Neubaus nimmt die Umgebung auf: Wie das Meer changieren die Textilien in ihren Blautönen von Dunkelblau über Smaragd bis Türkis und sandigen Gelb- und Goldtönen von Strand und Düne. Alle Zimmer haben eine Fußbodenheizung, die individuell geregelt werden kann – wie auch die Lüftungsstärke der Wärmerückgewinnung. Hingucker im sonst angenehm unaufdringlichen Design sind die Leuchten, die mir schon an der Rezeption aufgefallen sind.  LED, warm und trendy – sehr schick! „Es darf nicht zu modern sein, wir sind die 130 Jahre Alte Post. Aber der Mix von Tradition und Moderne, das gefällt uns.“ Am 1. April 2019 ist Geburtstag. Für die Gäste gibt es Sekt.

Nachhaltig und trendbewusst: die Beleuchtung im Hotel Zur Alten Post. Foto: Hilke Maunder

Oder, wenn das Wetter sich kalt und ungemütlich zeigen sollte, vielleicht das Getränk, dass angeblich in der Alten Post erfunden wurde: Eiergrog. „Meine Urgroßmutter war bei schlechtem Wetter mit Pferd und Wagen nach Schafstedt zu meiner Tante unterwegs gewesen“, erzählt Andra. „Als sie völlig durchgefroren dort auftauchte, wärme meine Tante sie mit Eiergrog auf. Es muss geholfen – und geschmeckt – haben, denn meine  Urgroßmutter führte ihn daraufhin in Büsum ein…“ Hochprozentig erhalte ich ihn zum Abschied. Bis heute bereits ihn Andras Mutter zu: aus Eigelb, Zucker, etwas Eiweiß, heißem Wasser und Rum. 4 cl stehen im Rezept, 5 cl dürfen es auch gerne sein. Draußen stürmt Eberhard. Büsum im Winter … urgemütlich!

Eiergrog wärmt so richtig durch bei Schietwetter. Foto: Hilke Maunder

Offenlegung

Stromberger PR  unterstützte meine Reise nach Büsum mit einer Nacht samt Abendessen und Frühstück in der Alten Post. Dafür möchte ich mich bei der Agentur und bei meinen Gastgebern herzlich bedanken. Einfluss auf meine Berichterstattung hat dies nicht.  Ich berichte subjektiv, wie ich es erlebt habe, mache kein Merchandising und werde erst recht nicht für meine Posts bezahlt. Diese Reise war Teil meiner Recherche für den neuen DuMont-Bildatlas „Nordseeküste Schleswig-Holstein“, der 2020 im Handel erscheinen wird.

Himmelfahrt ganz praktisch: Der Altar von St. Clemens zeigt, wie es geht. Foto: Hilke Maunder
Luther in Holz. In St. Clemens hat der Katholizismus in aller Freundschaft dem Protestantismus Einzug gewährt. Rechts und links vom Altar ruhen einträchtig der letzte katholische Priester und erste evangelische Pastor, verraten die steinernen Grabplatten. Foto: Hilke Maunder
Solidarischer Lesespaß: die Büchergarage neben St. Clemens. Foto: Hilke Maunder
Das Restaurant von außen. Foto: Hilke Maunder
Aufgang zum Strand: Das geht nicht nur modern, sondern auch ganz retro in Büsum. Foto: Hilke Maunder
Nicht nur oben auf der Deichkrone, sondern auch direkt am Wasser führt eine Promenade am Meer entlang – von Büsum sind dann nur die Dachfirste zu sehen. Foto: Hilke Maunder
Mit jede Tide erfindet es sich neu: das Wattenmeer – eine Urlandschaft voller Magie. Foto: Hilke Maunder
Abschied von Büsum. Foto: Hilke Maunder

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4 Gedanken zu „Ein Winter-Wochenende in Büsum

  1. Toller Artikel und super Tipps in Büsum. Wir haben dort im Jess…am Meer übernachtet und fanden es richtig klasse, da ein kleines und sehr persönliches Haus mit superleckerem Frühstück, kann ich sehr empfehlen!

    1. Hallo Anneliese, danke für den Tipp! Hab gerade mal auf die Webseite geguckt und im Slider ein Foto mit einem netten Spruch entdeckt: Manches sollte man einfach liegen lassen… mich im Bett zum Beispiel. Dass muss ich da dann mal ausprobieren :-).
      Herzich, Hilke

  2. Hallo Hilke,
    Dein Beitrag macht richtig Lust auf Büsum! Ich habe das Glück, ganz in der Nähe zu leben – und genieße es, mich auf dem Deich durchpusten zu lassen bei diesem Wetter. Wenn Du von Hamburg kommst, mach doch auf dem Weg mal Pause und guck im Kanal 33 vorbei. einer- schönen Pension mit Biergarten und Café direkt am Nord-Ostsee-Kanal!

    1. Hallo Meike, das ist ja witzig – den gleichen Tipp hat auch eine Freundin mir gerade per WhatsApp geschickt. Scheint ja richtig Kult zu sein, die Location. Merci!

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