2014DeutschlandSchleswig-Holstein

Lübecker Bucht: Hanseflair & Ostseefluten

Hanse, Holstentor, Marzipan und Thomas Mann heißt das Quartett, das Lübeck weltberühmt machte. Doch die kleine Metropole an der Trave bietet mehr als Tradition und Nostalgie: ein lebendiges Kulturleben und Kreative, die Trends setzen. Auch das einst kaiserliche Seebad Travemünde ist aufgewacht und zeigt sich im neuen Glanz, während die Society am Timmendorfer Strand Champagner schlürft. Oder ganz unerkannt in Sierksdorf und Scharbeutz urlaubt.

„Mein kleines Lübeck, du große Stadt…“. Mit diesem Refrain haben sich Andi Klüver, Matze Langer und Gerrit Böttcher vom Projekt Caramba in die Herzen der Lübecker gesunken. Der Song der Band, die mit ihrem Stilmix aus Rock, Pop, Soul und Acapella-Rap die Kneipen fühlt, avancierte binnen Wochen zur inoffiziellen Hymne, streichelt sie doch das Selbstwertgefühl mit Parolen wie „Lübecker sind die Geilsten“.

Ein Schuss Lokalpatriotismus tut der Stadt gut, die zum 1. Januar 2013 in die Metropolregion Hamburg integriert wurde. Die einstige Königin der Hanse als Teil des Hanse-Konkurrenten Hamburg? Nicht jedem Lübecker gefiel diese geopolitische Entscheidung, zu dem sich die Ratsherren angesichts des harten globalen Standortwettbewerbs durchgerungen hatten.

Rund um den Globus ist Lübeck seit Jahrzehnten immer gleich „gebranded“: als UNESCO-Welterbe, weltbekannt mit Holstentor und Hanse, Marzipan und Thomas Mann. Doch das Klischee kneift. Hinter den Backsteinfassaden vibriert ein junges, kreatives, modernes Lübeck.

Backstein-Idyll

Eingerahmt von Wakenitz und Trave, Mühlen- und Krähenteich sowie den Resten der Wallanlagen drängt sich das alte Lübeck mit engen Gassen und Gängen, Kirchen und Kontoren auf einer 100 ha großen Insel. Ein Welterbe, wie gemacht für Flaneure.

Stockrosen lehnen sich an weiß verputzte Fassaden, Kopfstein, blank gelaufen über Jahrhunderte, glänzt im fahlen Licht der Laternen. Torbögen, bei denen man sich demütig bücken muss, trennen den Trubel der geschäftigen Innenstadt von kleinen Oasen mit einstöckigen Häuschen und winzigen Gärten. Am 28./29. März 1942 versank dieses Lübeck bei Bombenangriffen der Royal Air Force in Schutt und Asche.

Betroffen war besonders der Westen der Altstadt. Von den Stadtkirchen überlebte nur St. Jacobi das Bombardement unversehrt. Marienkirche, Dom und Petrikirche hingegen waren eingestürzt, das Gründerviertel fast völlig zerstört.

Dass sich Lübeck heute wieder als die mittelalterliche Königin der Hanse präsentieren kann, verdankt die Stadt in vielem dem Engagement der Possehl-Stiftung.

Vor allem in der Mengstraße, wo Thomas Mann mit seiner Familie lebte und die Buddenbrooks schrieb. Ganz unten, wo schon die Trave in die Straße schimmert, steht das Schabbelhaus, in dem einst die Pfeffersäcke tafelten und Rotspon tranken.

Der Rotwein aus Bordeaux, an der Trave verfeinert, machte Lübeck zu Hansetagen zur Weinhandelszentrales des Nordens. Gewürze und Mandeln vom Mittelmeer verarbeiteten einst 130 Manufakturen zu Marzipan. Überlebt haben heute nur drei – zwei kleinere und ein weltberühmtes Haus, das ein junger Mann aus Ulm mit Vornamen Johann Georg 1806 in Lübeck gründete: Niederegger.

Das Stammhaus von Niederegger in Lübeck. Foto: Hilke Maunder

Im Stammhaus an der Breiten Straße stapelt sich sein Marzipan in allen Variationen – als Hansekogge und Holstentor, Herz, Obstkorb und süßes Glücksschwein. Im nostalgischen Café genießt Björn Engholm, Ex-Ministerpräsident und passionierter Lübecker, beim Kännchen Kaffee gern Niedereggers Kuchenklassiker: Marzipantorte mit feinster Walnusssahne.

Marzipan kommt auch stets auf den Tisch, wenn Bernd Saxe Besucher empfängt. Zum dritten Mal wurde der Sozialdemokrat als Bürgermeister wieder gewählt. Menschen mit Charisma sind eine Lübecker Spezialität.

Drei Nobelpreisträger – Thomas Mann, Günther Grass und Willy Brandt – hat die Minimetropole hervorgebracht, und viele eigenwillige Geister. Dichter wie Emanuel Geibel, Anarchisten wie Erich Mühsam oder Franziska zu Reventlow, geboren als „höhere Tochter“, gestorben als Skandalgräfin.

Berühmt: die Marzipan-Torte von Niederegger, die das hauseigene Café in der Breiten Straße serviert. Foto: Hilke Maunder

Auf dem Burgklosterfriedhof fand eine Mutter eine letzte Ruhestätte, die Lübeck immer wieder in die Schlagzeilen der Presse brachte: Marianne Bachmeier. Im Saal des Lübecker Landgerichts hatte sie den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter Anna 1981 aus Selbstjustiz erschossen. Ihre Tat machte ihre Kneipe über Nacht weltberühmt: Das Tipasa wurde Kult, sein Ofenbrot ein Klassiker. 1996 starb „die Bachmeier“ an Krebs.

Das Tipasa hat sein besonderes Flair verloren. Die Szene ist weitergezogen, statt großer Worte wird Musik gemacht. Im Irish Club Mac Thomas wird abends auf der Klampfe gezupft und ins Mikro geröhrt, im Funmbules zu Rock und Root Reggae geschwoft, auf dem Cargo Schiff im Klughafen zu House bis in den Morgen abgehottet. In den Lyrics übt sich der Nachwuchs beim Poetry Slam. Frech, frivol und punkig, aber auch leise, still und nachdenklich präsentieren Jugendliche im Kinderkulturhaus erste Gedichte. Applaus !

An der Untertrave: die MUK. Foto: Hilke Maunder

Kaiserliches Travemünde

Gegenüber der MUK, wie die Lübecker ihre Musik- und Kongresshalle nur nennen, schippern in der Saison Barkassen auf der Trave 20 Kilometer hinab zum Seebad Travemünde, das seit fast 700 Jahren zu Lübeck gehört. Wo Kaiser Wilhelm 1882 den Seglern bei der ersten „Travemünder Woche“ zusah und 1902 selbst urlaubte, geht es bis heute hanseatisch gediegen zu.

Im Winter führen die Hamburger, die das ganze Jahr über heuschreckenartig am Wochenende einfallen, im Pelz oder dicker Daune ihre Retriever und Dobermänner an der Vorderreihe Gassi, im Sommer nippen sie, nautisch gestylt, am Apéro Spritz, Hugo oder anderem angesagten Sommerdrink. Travemünde ist für sie die Ostsee-Alternative zu Sylt. In  Timmendorfer Strand, so lästern sie gerne, protzen die Neureichen. In Travemünde regiert der Stil.

Im Winter sind die Strände der Ostsee auch für Vierbeiner geöffnet. Foto: Hilke Maunder

Und die Natur. Am Ende der Promenade und der schmucken Strandvillen weicht der breite Sandstrand einer Urwelt aus Geschiebe und Geröll, schwingt sich die Küste vier Kilometer lang steil zum 20 m hohen Brodtener Ufer hoch. Oben leuchtet der Raps hellgelb, wiegt sich der Weizen im Wind.

Unten verstecken sich zwischen riesigen Findlingen Hühnergötter am Strand – Feuersteine, in die Wind und Wellen ein Loch gewaschen haben. Die Glücksbringer tragen Norddeutsche stylish im Lederband am Hals – größere Exemplare werden vor der Hauswand als Kette aufgehängt, die im Winter mit Schnee und Frost zauberhaft magisch wirkt.

Der Hafen von Niendorf an der Ostsee. Foto: Hilke Maunder

Voller Magie ist auch der Wald, der hinter Timmendorfer Strand bis Scharbeutz die Küste säumt: ein Staatsforst voller Eichen und Buchen, nicht duster und dunkel, sondern lichtdurchflutet. Im Schwarzwildgehege von Kellenhusen ziehen Keiler und Bache ihre Frischlinge auf, einige Kilometer weiter kraxeln Jung und Alt im Hochseilgarten durch die Baumwipfel. Urlaubstrubel an der Küste, ländliche Idylle im Hinterland: Das lockt Urlauber. Sanfter Tourismus brummt. Wellness und Nordic Walking ist bei Gästen beliebt – Tendenz steigend.

Dorsch auf Schlemmerkurs

Stärkung danach bringt der herzhafte Biss ins Fischbrötchen. Matjes, Aal, Krabben oder Bismarckhering, mit Salatblatt und Remoulade ins Rundstück gelegt, fehlen auf keiner Karte, bei keinem Imbiss. Besonders nicht am 12. Mai – dann feiert die Ostseeküste den Weltfischbrötchentag mit Schauräuchern, Frischfisch vom Kutter, Livemusik und Lütter Lage, dem Bier-Korn-Duo des Nordens.

Raffinierter waren die „Die fesche Äsche“, der „Ostseekuss“, das „Muschelgetuschel“, der „Piratenschmaus Störtebecker“ und das „Holsteiner Schwentine-Päckchen“, mit denen 19 Küchenchefs von der Ostseeküste und aus dem Nachbarland Dänemark beim *ostseegericht um den Sieg kämpften.

Der traditionsreiche Kochwettbewerb, den der Ostsee-Holstein-Tourismus e.V. zusammen mit dem Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA Kreisverband Ostholstein seit 1982 ausrichtet, gilt als kulinarischer Saisonauftakt an Schleswig-Holsteins Ostseeküste. Für die Köche gibt es eine verdiente Medaille, für die Urlauber seitdem jedes Jahr ein regionaltypisches Gericht, das zwischen Travemünde bis Glücksburg zum Einheitspreis serviert wird. D

Hintergrund: Der Geist der Hanse

Nur im direkten Austausch, ohne Zwischenhändler, blüht der Handel. Davon waren die seefahrenden Kaufleute überzeugten und gründeten im 12. Jahrhundert ein Netzwerk, das sich zum Städtebund entwickelte und zur stärksten Wirtschaftsmacht Europas aufstieg: die Hanse. Zu ihrer Blütezeit gehörten Kaufleute in 200 Städten dazu: eine geschlossene Gruppe, ein Machtfaktor, der zwischen London und Lissabon, Niederrhein und Nowgorod die Regeln der Wirtschaft diktierte, günstige Handelsverträge erzwang und sogar seine eigene Gerichtsbarkeit mitbrachten – nur in Streitfällen mit Einwohnern eines Gastlandes mussten sich die Hanse-Kaufleute vor Ort verantworten.

Vier große Kontore und 44 kleinere Niederlassungen bildeten das wirtschaftliche Rückgrat des Hansehandels; „Ratssende-Boten“, Bürgermeister und Ratherren, die im Auftrag der Hanse ab 1359 an so genannten Hansetagen in Lübeck teilnehmen, sorgten dafür, dass politisch alles glatt lief. Bis 1400 repräsentierte die Hanse die geballte politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht der Kaufleute, war Lübeck ihre Königin. Mit der Entdeckung Amerikas schwand der Einfluss. Der internationale Handel verlagerte sich von der Ostsee in den Atlantik, Hamburg lief Lübeck den Rang ab. 1669 tagte der letzte Hansetag in Lübeck. Heute hält das Europäische Hansemuseum in Lübeck das Erbe der Kaufleute wach.

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DMBA-Ostsee-Schleswig-HolsteinDuMont-Bildatlas Ostseeküste Schleswig-Hostein

Deutschland hat viele reizvolle Landschaften. Eine besonders schöne versteckt sich im hohen Norden. Wer Sonne und Meerluft genießen möchte, wer Gefallen findet an endlosen Stränden und hübschen Promenaden, und wem auch gelegentlich schlechtes Wetter nichts ausmacht, der hier an der Ostsee genau richtig aufgehoben.

An Regentagen kommt keine Langeweile auf, denn auch die Städte haben viel zu bieten: interessante Museen, schöne Lokale, Flair und historische Bauten – allein in Lübeck stehen mehr als 3000 Bürgerhäuser. Die Altstadt ist Weltkulturerbe.

Die Bilder der Fotografin Sabine Lubenow zeigen faszinierende Panoramen und ungewöhnliche Nahaufnahmen. Ich gebe in sechs Kapitel, gegliedert nach regionalen Gesichtspunkten, einen Überblick über die maritime Region. Zu jedem Kapitel gehören Hintergrundreportagen, Aktivtipps und Specials, die aktuelle und interessante Themen aufgreifen. Wer mag, kann den Band hier* online bestellen.

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Timmendorfer Strand mit seiner Seebrücke. Foto: Hilke Maunder

 

 

 

 

 

 

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