19912007DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Wismar: Traumgesicht am Markt

Wismar, ein Kleinod der Hanse, ist Weltkulturerbe. Nirgendwo in Norddeutschland ist der Stadtkern so gut erhalten. 

Wie ein Gebirge aus Backstein ragen die Kirchen in den Himmel, erheben sich herrisch über Giebelhäuser, Stadttore und Speicher: Die Macht des Glaubens und der Handel der Hanse haben die Mecklenburger Hafenstadt Wismar über Jahrhunderte geprägt. Heute ist die gesamte Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt – nirgendwo in Norddeutschland ist ein mittelalterliche Stadtkern besser erhalten.

Über die Ostsee führt der schönste Weg nach Wismar. Rotgold leuchte die Türme von Marien, St. Georgen und St. Nikolai über der Stadt. Möwen gellen im Wind, während die Barkasse in die Wismarbucht einläuft. Die Schiffe im Hafen, die Speicherhäuser, Kräne und Kais verbreiten maritime Geschäftigkeit.

Besonders sonntags – dann ist Fischmarkt. Ob Aal oder Antikes: Die Markthändler bringen ihre Ware mit lautstarken Sprüchen an den Mann. Und wer nicht hören will, muss fühlen. Schon mancher Besucher hatte plötzlich eine Banane oder einen Hering im Mund.

Markttrubel vor den alten Hafenspeichern von Wismar. Foto: Hilke Maunder

Vor dem Baumhaus am Alten Hafen schmücken „Schwedenköpfe“ die Poller. Die bunten Holzgesichter erinnern an die Zeit schwedischer Herrschaft, die 1648 nach dem Dreißigjährigen Krieg begann. Erst 1803 hatten die Schweden das Interesse an der Stadt und der vorgelagerten Insel Poel verloren: Die Staatskasse war leer.

So wurden Stadt und Insel für 1.250.000 Taler auf 100 Jahre verpfändet. Erst 1903, als die Skandinavier den Schuldschein nicht einlösen wollten und konnten, wurden aus den Südschweden wieder Mecklenburger – ein Ereignis, das Wismar auch in diesem Jahr wieder vom 17. bis 19. August mit einem Schwedenfest in der Altstadt feiert.

Ihre Ursprünge gehen zurück auf eine kleine Siedlung, die Lübecker Bürger ab 1226 an dem kleinen Flüsschen „aqua wissemara“ planmäßig anlegten. 1250 lebten bereits 5000 Einwohner in der mittelalterlichen Stadt. 1256 verlegten Fürsten von Mecklenburg ihre Residenz nach Wismar.

Um ihren Herrschaftsanspruch zu demonstrieren, errichteten sie die beiden Häuser des Fürstenhofes – jeweils passend zu ihrer Hochzeit: Das „Alten Haus“ entstand 1512 anlässlich der Trauung von Herzog Heinrich; im Neuen Haus vermählte sich Herzog Johann Albrecht 1555 mit einer brandenburgischen Prinzessin. Als Vorbild für den Bau diente der Italienische Renaissance-Palazzo Roverello in Ferrara.

Salz und Starkbier brachten im 14./15. Jahrhundert Geld und Gold in die Hansestadt. Um 1480 lagen 148 Hopfengärten vor den Toren der Stadt. 182 Bierbrauer produzierten mehr als 400.000 Liter „Mumme“. Heute lässt sich dieser dunkle Gerstensaft im historischen Brauhaus am Lohberg genießen.

Erinnern an die nordischen Besatzer: die Schwedenköpfe von Wismar. Foto: Hilke Maunder

Die „Ernüchterung“ folgte im 17. Jahrhundert: Der Niedergang der Hanse, die Entdeckung Amerikas und die Folgen des 30-jährigen Krieges ließen Wismar in tiefste Provinzialität zurückfallen. Erst der Anschluss an die Eisenbahn und die beginnende Industrialisierung mit Eisengießerei, Malz- und Zuckerfabrik brachten Ende des 19. Jahrhundert einen erneuten Aufschwung.

Die Narben, die zwei Weltkriege und 40 Jahre DDR rissen, sind heute nahezu verheilt. Die meisten der 200 denkmalgeschützten Sakral- und Profanbauten wurden bereits mehrere hundert Millionen Euro restauriert. Seit Juni 2002 ist die Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt.

„Die beiden Punkte, wo man Wismar am besten in sich aufnimmt, sind der Hafen und der Markt. Wenn der Schleier der Dämmerung darüber fällt und das Grün des Kupferdaches der reizenden Wasserkunst kaum noch durch die silberne Luft schimmert, wenn der feste, kantige Turm der Marienkirche zum flachen Schatten wird, empfindet man die Öde des Platzes mit Grauen und glaubt ein Traumgesicht zu sehen, das in der Nacht zerfließen wird“, schrieb Ricarda Huch 1929 in ihrem Buch „Im alten Reich“.

Heute ist der quadratische Markt das Schaufenster der Stadt: groß und grandios, umgeben von gotischen und barocken Giebelhäusern. An der Nordseite thront strahlend weiß das Rathaus, ein klassizistischer Putzbau mit gotischem Keller. Mitten auf dem Markt erhebt sich die Wasserkunst. Bis 1897 wurde das Quellwasser aus der näheren Umgebung durch Holzröhren zu dem Kalkstein-Pavillon geleitet und an 220 Häuser und 16 öffentliche Pumpen verteilt.

Vor dem „Alten Schweden“ stehen Tische und Stühle. Das älteste Bürgerhaus der Stadt ist heute eine rustikale Gaststätte, das barocke Zeughaus birgt die Stadtbibliothek. Vor der Tourismus-Information lagen im Mittelalter „Hechte“ und „Kaak“, Gefängnis und Pranger.

Der Südgiebel von St. Nikolai zu Wismar. Foto: Hilke Maunder

Bauwerke gewaltigen Ausmaßes sind die drei mittelalterlichen Backsteinkathedralen der Stadt. Wie ein mahnender Finger erhebt sich der 80 Meter hohe Turm der ehemaligen Ratskirche St. Marien in den Himmel. Ihr Schiff, 1945 durch Luftminen stark beschädigt, wurde 1960 schließlich gesprengt. Der Turm indes wurde neu gedeckt, die 1647 installierte Uhr erneuert.

Jeweils um 12, 15 und 17 Uhr erklingt das Glockenspiel mit einem der 14 Choräle. Die Backsteinruine der St. Georgenkirche wird seit der Wende mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wieder aufgebaut. Sie war einst die größte Kirche der Stadt. Die spätgotische Nikolaikirche überstand als einzige unbeschadet den Krieg. Die Kirche der Seeleute und Fahrensmänner von 1370 liegt direkt an der „Grube“.

Auf dem künstlichen Bach, Waschplatz und Wasserversorgung zugleich, verkehrten früher kleine Boote, die Getreide und andere Güter vom Hafen zu den Stapeln und Mühlen der Stadt brachten. Am anderen Ufer lädt das reich geschmückte Schabbellhaus zum Besuch des Stadtgeschichtlichen Museums ein.

Wer statt Historie die frische Brise sucht, sollte zum Alten Hafen zurück schlendern. Mehrmals täglich schippern Schiffe der Reederei Clermont (www.reederei-clermont.de) in einer Stunde hinüber nach Poel, der Bade- und Ausflugsinsel der Hansestädter in der Wismarbucht. Schiff ahoi!

Details des Portals von St. Nikolai zu Wismar.

Tipps für Wismar

Schlafen

Hotel Reingard

Weberstraße 18, 23966 Wismar, Tel. (0 38 41) 28 49 72, www.reingard.de

Schlemmen & genießen

Brauhaus am Lohberg

Kleine Hohe Straße 15, Tel. (03841) 25 02 38, www.brauhaus-wismar.de

Restaurant Alter Schwede

Am Markt 19, Tel. (03841) 28 35 52, www.alter-schwede-wismar.de

Erleben

Wismarer Heringstage

21.03.2009 bis 05.04.2009; Höhepunkt zur Eröffnung: Großes Heringsbraten auf dem Markt mit Wismarer Köchen – dann servieren Wismarer Restaurants 14 Tage lang Spezialitäten mit Hering.

Info: Hanseatischer Köcheclub Wismarbucht, www.kc-wismarbucht.de

Auskunft

Tourismus-Zentrale Wismar

Am Markt 11
, 23966 Wismar
, Tel. 
(0 38 41) 1 94 33
, www.wismar.de

Dieser Beitrag ist am 25. Februar 2007 im Berliner „Tagesspiegel“ erschienen. 

Wismar im Januar 1990 – hier die Löwenapotheke. Foto: Hilke Maunder

Wismar

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