Kulturhauptstadt 2008: Stavanger – Alles in Öl

Norwegen, sagen die Einheimischen, hat vier Hauptstädte: das politische Zentrum Oslo, die Hansestadt Bergen als Kulturkapitale, Trondheim als historisches Herz – und Stavanger, die Öl-Metropole. Die mit knapp 120.000 Einwohnern viertgrößte Stadt des Königreichs präsentiert sich in diesem Jahr gemeinsam mit Liverpool als „Europäische Kulturhauptstadt“.

Stavanger bereitet sich damit auf die Zeit nach dem Boom als Öl- und Gasmetropole vor – denn die Vorräte des Ekofisk, einst größtes Ölfeld Europas, neigen sich dem Ende zu. Die meisten der knapp 20 Förderplattformen sind schon „kalt“, außer Betrieb, und werden an Land verschrottet. Längst zieht die Petro-Industrie weiter gen Norden und dringt in arktische Regionen vor: Bei Hammerfest wurde das Snøvit-Ölfeld erschlossen, in den Tiefen der Barentssee weitere fossile Energievorkommen entdeckt. Zudem wurden beim Zusammenschluss von Statoil und Hydroil Verwaltungsbereiche des Staatskonzerns nach Oslo verlegt. Stavangers Monopolstellung wackelt – doch Bürgermeister Leif Johan sieht dies als Chance. Diversifikation statt Monopol heißt seine Devise.

Die 1125 gegründete Stadt ist den Wandel gewohnt. 16 Mal wurde sie Opfer verheerender Brände, und auch die Wirtschaft musste sich immer wieder neu orientieren. Die Menschen auf dem Festland und den 16 Inseln im Nordatlantik lebten zunächst vom Seehandel und Fischfang. Als im 19. Jahrhundert die Heringsschwärme ausblieben, verlegten sie sich auf das Eindosen von Sprotten – und machten Stavanger von 1870 bis 1930 zum weltweit größten Standort der Konservenindustrie. 350 Millionen Dosen Fisch aus 70 Fabriken wurden jährlich in alle Welt verschifft. Als 1969 die erste erfolgreiche Ölbohrung gelang, begann das Offshore-Zeitalter mit unzähligen Plattformen auf den Ölfeldern Ekofisk, Statfjord, Gullfaks, Oseberg und Troll, mit Werften, Zulieferern und Entwicklungsbüros, mit Headquartern aus Stahl und Glas.

Auf einem Stadtspaziergang lässt sich diese Entwicklung rasch nacherleben. Die Domkirche von 1272 hat ihre romanisch-gotische Form fast vollständig erhalten und musste nur einige barocke Schnörkel hinnehmen. In „Gamle Stavanger“ säumen exakt 173 weiß gestrichene Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert die Kopfsteingassen. Malven und Hortensien, Stockrosen und Sonnenblumen leuchten hinter Staketenzäunen in den Vorgärten. Mitten in der Altstadt liegt auch das Norsk Hermetikmuseum. In dem weltweit einzigen Konservenmuseum können Besucher selbst Gummisardinen auf Räucherspieße ziehen und in Dosen verpacken.

Auffällige Architektur: das Norwegische Ölmuseum
Auffällige Architektur: das Norwegische Ölmuseum

Direkt am Wasser erhebt sich seit 1999 das Norsk Oljemuseum (Ölmuseum), ein spektakulärer Bau aus Granit. Seine Rückseite steht wie eine Bohrinsel im Hafenbecken. Erst nach einem „Sicherheitstraining“ per Video dürfen Besucher diesen „Offshore“-Bereich betreten und von der Führerkabine des Bohrraums einen Blick auf das Bohrgestänge in der Tiefe werfen – und den Ausblick auf die See genießen, wo ein riesiger stählerner Koloss wieder zu seinem Arbeitsplatz in der Nordsee zurückkehrt. Abends wandelt sich das alte Hafengebiet Vågen zum Ausgehviertel, wo sich die Mitarbeiter von BP, Exxon, Shell und Statoil zum Feierabend-Øl treffen.

Genauso vielfältig wie das Stadtbild ist das Programm der „Europäischen Kulturhauptstadt“ mit dem Titel „Open Port“ – was ins Norwegischen übersetzt sowohl „Offener Hafen“ wie „offene Tür“ bedeutet und damit programmatisch die Weltoffenheit Stavangers symbolisieren soll. Dazu gehörte auch die Bürgerbeteiligung bei der Programmplanung: Aus den 700 Ideen, die die Öffentlichkeit im Mai 2005 bei einem „Open Call“ eingereicht hatte, wurden 121 Konzepte ausgewählt.

Vorzeigeprojekt der Norweger sind vier innovative Künstlergruppen, die jeweils vier Wochen lang in der Stadt leben und auftreten: das Musiktheater Transparant (Belgien), die Gruppe Inbal Pinto Dance (Israel), das Oskarus Korsunovas Theater (Litauen) und die Puppenspieler von Handspring Puppets (Südafrika). Das Spektrum der anderen 120 Veranstaltungen ist ebenso breit gestreut und reicht von den europäischen Blechblasmeisterschaften über Installationen in der City bis zur „Bocuse d’Or“, bei der Chefköche aus 20 europäischen Ländern mit Lamm- und Lachsgerichten um den Einzug ins internationale Finale des renommiertesten Profikochwettbewerbs der Welt kämpfen. Als Gruß an Stavangers Co-Partner Liverpool trägt eine Architekturausstellung den Beatles-Titel „Norwegian Wood“. Bis zum Herbst zeigt sie, wie sich nachhaltiges Bauen mit Holz und zeitgemäßes Design elegant verbindet.

Das Programm ohne teure Stars oder spektakuläre Projekte lässt Zeit und Raum, auch die Natur ringsum zu erkunden. An der Schnittstelle zwischen den Schären der Südküste und dem Fjordland der Westküste gelegen, können Kaltschwimmer hier an den längsten Sandstränden des Landes ungetrübte Badefreuden genießen. Naturfreunde klappern die zahlreichen Leuchttürme ringsum ab, lassen sich per Boot vier Stunden lang durch die Fjorde schippern oder erklimmen den Preikestolen, die berühmte Felskanzel in Rogaland. 604 m fällt ihre dunkle Kante senkrecht in den tiefen, blauen Lysefjord.

Stavanger: Info

Informieren

Destination Stavanger, Rosenkildetorget 1, 4001 Stavanger, Tel. 0047/51 85 92 00, www.regionstavanger.com; Open Port-Programm: www.stavanger2008.no

Ansehen

Norsk Oljemuseum, Kjeringholmen, Tel. 0047/51 93 93 00, www.norskolje.museum.no

Hinkommen

mit SAS oder Lufthansa ab Frankfurt/Main, mit Welcome Air ab Hannover, mit Norwegian von Berlin-Schönefeld und Hamburg nach Stavanger

Schlafen

Victoria Hotel, Skansegaten 1, Tel. 0047/51 86 70 00, www.victoria-hotel.no. Klassisch-edle Zimmer. Berühmt: die Whiskey-Auswahl der Holmen-Bar.

Charlottenlund, Kongsgaten 45, Tel. 0047/51 91 76 00, www.charlottenlund.no. Idyll für Nostalgiker und Genießer

Schlemmen

Straen Fiskerestaurant, Nedre Strandgate 15, Tel. 0047/51 84 37 01, www.herlige-stavanger.com. Exzellente Fischküche.

N.B. Sørensen’s Dampskibsexpedition, Skagen 26, Tel. 0047/51 84 38 20, www.herlige-stavanger.com. Urig und typisch „norsk“.

Messe-Tipp

Seit 1974 ist die Fachmesse „ONS – Offshore Northern Seas“ alle zwei Jahre Treffpunkt der internationalen Öl- und Gas-Branche. 26. – 29. August 2008, www.ons.no

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