Grönland: Zauber der eisigen Heimat

Schon die Wikinger erlagen der arktischen Anziehungskraft von gigantischen Gletschern, sattgrünen Wiesen und majestätischer Mitternachtssonne. Mit dem Expeditionsschiff MS Fram auf den Spuren Eriks des Roten von Reykjavik nach Nuuk.

Abends um sechs legt MS Fram ab. Die Leute am Kai von Reykjavik winken, auf der Uferpromenade drehen Fahrer bei, halten und beobachten, gegen den Wagen gelehnt, wie der rot-weiß-schwarze Neubau, der nach dem Polarschiff des berühmten norwegischen Entdeckers Fridjof Nansen benannt wurde, langsam aus dem geschützten Hafen gleitet. Als sie nicht mehr hinsehen, dreht das Schiff bei und fährt gen Westen – so, wie 982 n. Chr. auch Erik der Rote, der vom Thing auf Island wegen eines angeblichen Mordes drei Jahre lang des Landes verbannt worden war.

Eisige Schönheiten bei Skoldungen auf Grönland
Faszinierend, diese Skulpturen aus Schnee und Eis!

Nach vier Tagen sichtete Erik Land, das fruchtbarer schien als seine eisige Heimat. Begeistert kehrte er nach einem Winter zurück und überredete rund 1000 Isländer, seine „grüne Insel“ zu kolonisieren. Mit 25 Schiffen stachen sie 985 n. Chr. in See. Doch während sich Eriks Mannen mit ihren Drachenbooten segelnd und rudernd durch die stürmische Dänemarkstraße kämpften, muss MS Fram ihre beiden Stabilisatoren diesmal nicht ausfahren: Spiegelglatt ist die See.

Eisige Schönheiten bei Skoldungen auf Grönland
Eisige Schönheiten bei Skoldungen auf Grönland

Zum Dinner im Restaurant IMAQ setzen die ersten Eisschollen farbige Tupfer in die endlose Weite: weiß über dem Wasserspiegel, leuchtend türkis knapp unter der Wasserkante. An Deck werden die Ferngläser gezückt: Dietmar B. vom Niederrhein beobachtet die Flugkünste der Sturmtaucher, Armin S. sucht das Wasser nach flinken Wesen in den Fluten ab: Robben, Seehunden – und guck’ mal, Ingrid, das war ein Wal!

Eisige Schönheiten bei Skoldungen auf Grönland
Eisige Schönheiten bei Skoldungen auf Grönland

Die Immerbraunfraktion aus Baden räkelt sich auf dem Sonnendeck hinter Plexiglas in Liegestühlen, zwei pfeifenbewehrte Seebären aus Norddeutschland lagern backbords, steuerbords hat es sich ein Damenkränzchen aus Kanada bequem gemacht und flirtet mit dem jungen Guide, der die Gruppe begleitet. Norwegisch, Dänisch, Schwedisch, Deutsch, Englisch und Französisch schwirren durch die Luft.

Eisige Schönheiten bei Skoldungen auf Grönland
In kleinen Booten sind die Fischer vor der Küste unterwegs

Jeden Tag sorgt Cheflektorin Stine Dudda (32) dafür, das auch ein paar Brocken Grönländisch hinzu kommen. Ihr erstes Wort – Imaqa – passt zum Programm: Vielleicht lässt das Wetter es zu, in Tassilaq an Land zu sehen; vielleicht ist die See ruhig, das mit kleinen, wendigen Polarzirkelbooten in Skjoldungen das Labyrinth der skurril geformten Eisberge hautnah entdeckt werden kann, vielleicht…

Eisige Schönheiten bei Skoldungen auf Grönland
Packeis mit Eisberg bei Skoldungen auf Grönland

Am nächsten Morgen haben Wind und Wellen einen 60 Seemeilen dicken Packeisgürtel um die Ostküste gelegt, zeigt die arktische Wasserwelt ihr raues Gesicht. Bis zu drei Meter hoch schlagen die Wellen gegen das Stahlschiff. Eine lange Dünung sorgt für mulmige Gefühle im Magen. Wie leergefegt sind Salon und Sauna.

Doch am nächsten Morgen präsentiert sich Grönland als Bilderbuchlandschaft: glitzerweiß, türkis und blau die See, sattgrün die Weiden, kunterbunt die Holzhütten von Narsaq, das sich auf einer großen, grünen Ebene im Schatten des 685 m hohen Qaqqarsuag ausdehnt. Schneescooter stehen vor den Häuser, in Gewächshäusern wachsen Kartoffeln und Tomaten, auf dem Fischmarkt stapeln sich Engelwurz, Robbenfleisch und getrocknete Sardinen, und im Supermarkt gibt es großkalibrige Flinten gleich neben den Süßigkeiten.

In der Nähstube von Eskimopels fertigen zwei Frauen Handschuhe, Jacken, Mützen und Hauspuschen aus Robbenfell; im Greenland Brewhouse werden aus Jahrmillionen altem Gletscherwasser süffige Ales gebraut, die in Dänemark Kult sind – aber in Grönland nicht verkauft werden dürfen.

Am nächsten Tag wird „getendert“. Von Bord geht es nicht an die Pier, sondern in die Boote. Mit je acht Passagieren sausen die philippinischen Fahrer durch den Eriksfjord. Kleine, kurze Wellen schlagen gegen die dicke Bordwand aus Gummi. Manchmal spritzt Gischt auf. Dann fischt Hurtigruten-Lektor Stefan einen Eisblock aus den Fluten, hält ihn John aus Neuseeland hin und sagt: Try this!

Der Obstbauer leckt, verzieht erst das Gesicht, und grinst dann: Nach der äußeren, salzigen Schicht schmeckt der Brocken plötzlich wie bestes Bergwasser. „Er ist ein Stück Inlandeis, vom Gletscher da hinten ins Meer gekalbt“, erklärt der studierte Geologe. Grönland, mit 2,1 Millionen Quadratmetern die größte Insel der Welt, ist hinter seiner gebirgigen Küstenlinie eine riesige Schüssel unter dem Meeresspiegel, angefüllt mit bis zu drei Kilometer dickem Eis – würde es tauen, stiege der Meeresspiegel weltweit um sechs Meter.

Am Holzsteg von Qassiarsuk wartet bereits ein Grönländerin, die für die Touristen ihre Nationaltracht angezogen hat: Perlenumhang, bestickte Robbenfelljacke und Kamicks, helle hohe Beinstiefel aus Leder, die ebenfalls blumenreich bestickt sind. Auf einer Plastikdecke breitet sie 20 cm hohe Schnitzwerke aus Walrosszahn mit furchterregenden Grimassen aus: Tupilaks – magische Geisterwesen, die es auf Grönland bereits seit mehr als 4.000 Jahren gibt.

Hoch über ihr thront, der Sohn Erik des Roten. Um 1000 n. Chr. war er von Brattalið, so der alte Name von Qassiarsuk, mit 35 Gefährten weiter nach Westen vorgedrungen und hat das Vinland, einen Küstenstrich im heutigen Neufundland, entdeckt. Wie bei der dortigen Wikingersiedlung sind auch vom väterlichen Hof Brattalið nur noch einige spärliche Fundamente erhalten.

In Qassiarsuk zu sehen sind die Grundmauern eines Langhauses und der ersten Kirche von Grönland, die auf Bestreben von Eriks Frau Þjóðhildur erbaut worden war. Repliken beider Gebäude zeigen, wie geschickt die Wikinger aus den Materialien der kargen Natur ihre Behausungen bauten – mit anderthalb Meter dicken Torfwänden, Grasdach und niedrigen Eingängen.

Am Sonntag macht MS Fram in Qaqortoq fest. In seinen beiden Kirchen wird Konfirmation gefeiert: Die Männer tragen weißen Hemden mit Kapuzen und schwarzen Hosen, die Frauen ihre handgenähte Tracht, die Mädchen und Jungs knallenge Jeans mit ultramodischen T-Shirts. Die Gäste überreichen rote Rosen. Für ein Erinnerungsfoto gruppieren sich einige Gäste, die auf dem Schiff Freundschaft geschlossen haben, um den ältesten Springbrunnen Grönlands, der seit 80 Jahren das Herz des alten Zentrums von Qaqortoq bildet.

Der 700 Jahre alte Brunnen von Quaqortoq
Der Brunnen von Quaqortoq

Danach lädt ein optionaler Ausflug zum „Taste of Greenland“ ins nahe Restaurant. Geräuchertes Walfleisch, Rentier, Lamm und Lodden, die wie Sprotten schmecken, können im Schein der Kerze verkostet werden. In der Great Greenland Gaveri, der einzigen Gerberei Grönlands, entdeckt eine zweite Gruppe, dass Pelz auch äußerst modisch sein kann.

Gruppe Nummer drei folgt dem Projekt „Stein und Mensch“. Grönländer und internationale Künstler haben dabei 1993/94 30 Skulpturen in die Granitklippen und Felsen gemeißelt, die sich allerorten zwischen die Häuser drängen: hier ein Mammut, dort ein rätselhaftes Fabelwesen.

Die Kulisse zum Frühstück am nächsten Morgen heißt Nuuk. Die kleinste Hauptstadt der Welt ist mit 15.000 Einwohnern Grönlands größte Stadt – und die älteste der Insel. Voller guter Hoffnung hatte der dänisch-norwegische Pfarrer Hans Egede am 29. August 1728 am einstigen Sommertreffpunkt der Inuit die Handelsstation „Godthåb“ gegründet – und damit die dänische Kolonisation Grönlands eingeleitet.

Die Altstadt von Nuuk - hier: die Erlöserkirche
Die Altstadt von Nuuk – hier: die Erlöserkirche

Jetzt bläst ein eisiger Wind um die Statue des Missionars, die auf einem Granithügel über dem Kolonihavnen thront. Im Windschatten erhebt sich Grönlands Dom, an der Bucht stapeln sich Kajaks in einem offenen Regal, das Nationalmuseum lockt mit gut erhalten Qilakitsoq-Mumien von 1475. Wenige Schritte weiter hat hinter einem riesigen Weihnachtsbaum aus Holz der Weihnachtsmann seine Poststation.

Grönländerinnen in Nuuk bei der Arbeitspause
Grönländerinnen in Nuuk bei der Arbeitspause

Als am nächsten Nachmittag MS Fram den Polarzirkel erreicht, wartet Neptun in silbrig-schrillem Gewand und Dreizack in der Hand auf dem Achterdeck. Mit fester Hand greift der Gott des Meeres nach dem ersten Passagier und tauft ihn nach nordischer Tradition: Mal gibt es eine Kelle Eiswasser in den Nacken, mal werden die Eiswürfel vorn, mal hinten in den Hosenbund gesteckt.

Lautes Lachen – und ein Kamerakonzert an Klicks und Klacks – erfüllt die Luft bis zum Abend. Dann bittet Kapitän Trond Holten (47) zum Abschiedsdinner. Und hinter den Panoramascheiben des Restaurants übertrumpft die Mitternachtssonne im Eismeer mit ihrem stillen Schein das Funkenspektakel der Eisbombe Alaska.

Info: Grönland

Fahrten mit Hurtigruten

„Expedition Südgrönland“, „Expedition Diskobucht“ und „Expedition Thule“ heißen die drei Grönlandfahrten im Programm von Hurtigruten. Über Preise und Fahrtermine informiert Hurtigruten online unter www.hurtigruten.de. Auskünfte erteilt auch das Hamburger Büro: Hurtigruten GmbH, Kleine Johannisstraße 10, 20457 Hamburg, Tel. 040/ 37 69 30, Fax 040/ 36 41 77, E-Mail: info@hurtigruten.de

An-/Abreise

Von- und nach Grönland fliegt Air Greenland via Kopenhagen. Der internationale Flughafen liegt in Kangerlussuaq an der Westküste. Im Sommer gibt es Charterflüge ab Frankfurt/Main.

Einreise

Für Grönland gelten die gleichen Einreise-, Pass- und Visabestimmungen wie für Dänemark. Für EU-Bürger genügt daher ein Personalausweis zur Einreise. Zollrechtlich jedoch gehört Grönland nicht zur EU.

Unterwegs

Da Grönland außer in Nuuk und anderen größeren Orten kein Straßennetz besitzt, sind Flugzeug und Schiff einzige Verkehrsmittel im Land. Der (teure) Inlandsflugverkehr erfolgt mit Maschinen von Air Greenland; Anschlussflüge mit kleinen Helikoptern erfolgen mit Air Alpha. Die Schiffsverbindungen zwischen den grönländischen Städten und Siedlungen bedient die Umiaq Line.

Krachendes und tösendes Naturschauspiel: Der Gletscher kalbt.

Geld

Offizielles Währungsmittel ist die dänische Krone; aufgrund der hohen Transportkosten ist das Preisniveau deutlich höher als in Dänemark.

Zeit

Grönland umfasst vier Zeitzonen; offiziell gilt jedoch GMT – 3 Stunden.

Auskunft

Greenland Tourism

P.O. Box 1615, Hans Egedesvej 29, DK – 3900 Nuuk, Tel. +299 / 34 28 20, Fax +229 / 32 28 77, www.greenland.com

Dieser Beitrag ist am 16./17. April 2008 im Rheinischen Merkur erschienen.

Zauber der eisigen Heimat - ein Beitrag von Hilke Maunder über Grönland für den "Rheinischen Merkur"
Grönland: Zauber der eisigen Heimat – meine Reportage im Rheinischen Merkur.

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