Alte Fahrzeuge: So war man einst mobil

Alte Fahrzeuge werden auf Seeland, Lolland und Falster gleich in mehreren Museen vorgestellt – Sportwagen und Straßenbahnen, Traktoren und Traumschlitten. Allen gemeinsam ist eines: die Leidenschaft ihrer Betreiber am fahrbaren Untersatz.

Geradezu süchtig nach Fahrwind im schütteren Haar ist Per Mikkelsen. Mit Begeisterung saust der 74-jährige Landwirt aus Væggerløse im offenen weißen Morgan von 1969 über den 2,5 km langen Parcours, den er als Oldtimerstrecke inmitten seiner Raps- und Weizen-Felder angelegt hat. „Als ich noch jünger war, arbeitete ich in Køge in einer Kfz-Werkstatt und kaufte mir jeden Winter einen neuen Wagen, den ich dann restaurierte.“

Jeden Sommer testeten Per und seine ebenso automobilbegeisterte Gattin Marna das neue Gefährt bei Oldtimerrallyes – 1977 standen beide in Travemünde auf dem Siegertreppchen, 1978 durchfuhren sie als eine der ersten die Zielgerade in Soltau. Pech und Pannen unterwegs – längst vergessen. Die Siegesplaketten fürs Gefährt jedoch schmücken bis heute die Wand seiner Werkstatt.

Ihre technische Ausstattung ist so nostalgisch wie die vier Fahrzeugen, die auf ihre Restaurierung warten – Mikkelsen erbte den nostalgischen Arbeitsplatz, als die örtliche Tankstelle schloss. Eine riesige Scheune inmitten der Rapsfelder von Falster diente heute als Showroom für seine eindrucksvolle Sammlung.

Ausgestellt sind vor allem Sportwagen aus der Zeit von 1913 bis 1970, darunter ein Adler mit Klappverdeck von 1913, ein schwarz-eleganter Citroën 7 B (1934), ein Opel Captain mit imposantem Kühlergrill (1939), ein schnittiger Jaguar MKI (1956), eine elegante MG Magnette Variotone (1957), ein weißer Austin Healey 3000 MKI (1961), ein roter Jaguar-Roadster von 1971 sowie zwei Kult-Klassiker: ein VW Käfer von 1959 und eine „Ente“, Citroëns legendärer 2 CV von 1987.

Falster: Per Mikkelsen im Morgan des Oldtimermuseums Væggerløse
Falster: Per Mikkelsen im Morgan seines Oldtimermuseums Væggerløse. Foto: Hilke Maunder

Ein Rolls-Royce von 1911 bildete einst den Grundstock des Aalholm Automobilmuseum auf Lolland, das heute in vier Hallen rund 200 historische Automobile von 1886 bis heute zeigt. Erinnerungen an die Zeit, als Chrom und Lack noch richtig strahlten, werden auch im Væstsjællands Bilmuseum wach.

Zum Automuseum von Westseeland gehören 140 Oldtimer aus den Jahren 1908 bis 1978, alte Motorräder, zahlreiche Modellautos und eine beeindruckende Sammlung selbstgebauter Modellflugzeuge, die unter der Decke schwebt.

Eine der schönsten und größten Sammlungen Europas von historischen Motorrädern trug auf Falster der Malermeister Erik Nielsen zusammen – sie bilden heute den Kern des Motorradmuseums Stubbekøbing. 150 Maschinen aus den Jahren 1897 bis 1985 hat Nielsen bis zu seinem Tod im Jahr 2001 gesammelt und restauriert, darunter eine „Gito“ von 1908, eine Harley-Davidson von 1915, zwei Maschinen des US-amerikanischen Herstellers Pope von 1916 und 1917, eine englische Scott von 1936 – und sogar neun dänische Maschinen.

Deutschland ist vertreten mit mehreren NSU-Maschinen von 1910 bis 1956, D.K.W-Modellen von 1919 – 1956, BMW-Rädern von 1928 bis 1955, einer Adler von 1954, einer Triumph von 1938, sechs Zündapp-Maschinen von 1939 bis 1955 sowie chromblitzenden Motorrädern von Victoria, Wanderer, Maico, Standard Rex und Cito.

In einem alten Fabrikgebäude direkt an den Bahngleisen von Ekilstrup, 1918 zweigeschossig aus Backstein errichtet, lassen sich auf Falster Veteranen der Feldarbeit bestaunen: Rund 200 Traktoren von 1880 bis 1960 stehen hier dicht an dicht auf den alten Dielen, darunter ein Lokomobil von 1880, ein Dampftraktor von Ellehammer (1920), ein mit Gasgenerator betriebener Fordson (1935) sowie seltene Modelle von Bukh, Ferguson und John Deere. Ferner ausgestellt sind eine komplette Sammlung von Sigvardt-Motoren sowie diverse Traktor- und Motormodelle.

Als längstes Museum im Königreich gilt das Sporvejsmuseet Skjoldenæsholm südlich von Roskilde auf Seeland, wo alte Straßenbahnen über die Schienen rattern. Rund 100 Bahnen sind rund um einen alten Gutshof ausgestellt, 25 von ihnen, alle TÜV-geprüft, verkehren auf der zweigleisigen Museumsstrecke mit Meter- und Normalspur.

Drei dieser Wagen waren einst auch in Hamburg unterwegs: der berühmte „Samba-Triebwagen“ Nr. 3657 aus dem Jahr 1952 mit Original-Lackierung und Werbefläche (“Idee Kaffee bekommt”), der auf der Linie 15 durch die Hansestadt ratterte; ein amerikanischer PCC, der 1952 bis 1957 in Hamburg fuhr, und ein ehemaliger “Salzwagen”, der beim Winterbetrieb den Streudienst übernahm. I

In Dänemark verkehrten Straßenbahnen bis Anfang der 1970-er Jahre in Kopenhagen und Århus. In Odense wurde die Straßenbahn bereits 1952 abgeschafft. Die Melbourner Tram kam als Geschenk für das dänische Kronprinzenpaar anlässlich der Geburt von Prinz Christian zum Museum.

Wie einst bläst ein Schaffner mit Trillerpfeife zur Abfahrt. Vom Eingang geht es zunächst zum Vorplatz, wo Mitgliedern der Sporvejshistorisk Selskab in einer Halle historische Bahnen restaurieren. Eine zweite Remise zeigt blitzblank geputzte Straßenbahnwagen und Busse von 1901 bis 1954.

An der Station Flemmingsminde informiert eine Ausstellung im Wartesaal über die ehemalige Eisenbahn von Mittelseeland, deren Trassen heute das Straßenbahnmuseum nutzt. Mit Tischen, Bänken und Sonnenschirmen lädt die Station Gammel Sparegodtvej zum Picknick.

An der Endstation Eilers Eg besteht die Möglichkeit, durch den umliegenden Wald zum Hundevad Sø oder Seelands höchsten Gipfel, Gyldenløves Høj (126 m), zu wandern – und später in der Tram-Schleife in einem aus Rostock stammenden Beiwagen der Bauart Gotha dem Hunger oder Durst im Café zu stillen.

Auf Lolland verkehrt Dänemarks älteste Privateisenbahn. Schnaufend setzt sich die kleine „Kjøge“ am Bahnhof von Maribo in Bewegung – fast wirkt es, als könnte die schwarze Lokomotive ihre hölzernen Personenwaggons nicht von der Stelle bewegen.

Doch Dänemarks älteste Dampflokomotive hat schon schwerere Lasten gezogen, seit sie 1879 ihren Dienst antrat. Seit 1962 transportiert sie nur noch Ausflügler mit Tempo 30 über die idyllische, acht Kilometer lange Strecke Maribo über Grimstrupvej, Maglemer und Merritskov bis zum Hafen von Bandholm.

Mit dabei sind vor allem Großeltern, die sich ein wenig sehnsüchtig an das Reisen in der „guten alten Zeit“ erinnern, und viele Kinder, die ehrfurchtsvoll den schwarzen Koloss bestaunen, der dicke Rauchschwaden ausstößt, rund um die Räder zischt und dampft – und sich langsam in Bewegung setzt.

Dieser Beitrag wurde 2008 als Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark verfasst und von zahlreichen deutschsprachigen Medien abgedruckt.

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