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Falster: Liebe auf den zweiten Blick

Falster hat es schwer: Reiseführer reduzieren die ostdänische Insel gern auf Strand und Ferienhaus, Schwedenfans loben die gut ausgebaute Sprintstrecke nach Norden – doch wer das Badetuch gegen die Pedale tauscht, die Insel selbst zum Ziel erklärt, wird überrascht von ihren vielen Facetten.

Falster ist Dänemark im Kleinformat: Im Frühling leuchtet gelb der Raps, im Sommer wiegen sich die goldenen Ähren des Weizen im Wind, im Winter lassen Raureif und Schneekristalle das 514 Quadratkilometer große Eiland im Sonnenlicht funkeln. Die Steilküsten, die sich beim Nachbarn Møn imposant aufschwingen, bilden hier nur knapp 20 m hohe Kanten.

Gut Corselitze auf Falster

Sie säumen lichte Buchenwälder, in denen jungsteinzeitliche Großsteingräber und bronzezeitliche Hügelgräber von der frühen Besiedlung Falsters zeugen. Seine kleinen Orte mit Backsteinkirche, Kaufmann und Kro scheinen der Zeit entrückt, kaum verändert im Laufe der Jahre. Ein stiller Frieden liegt über dem Land, ein Zauber, den auch Märchendichter H. C. Andersen spürte – er war zwischen 1845 und 1852 insgesamt drei Mal zu Gast auf Corselitze gewesen und hatte sich vom Ambiente des Gutshofes zu einigen seiner Geschichten inspirieren lassen.

Das Herrenhaus von Gut Corselitze auf Falster

Andersen wohnte jedoch nicht im strahlend weißen, neoklassizistischen Prunkbau, den sich der Industrielle J. F. 1775 – 177, ganz im Stil seiner Zeit, als ländliches Refugium inmitten eines romantischen englischen Landschaftsgartens erbaut hatte, sondern im Generalens Lysthus, einem zierlichen, reetgedecken Sommerhäuschen direkt am Strand. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg fand die königliche Familie auf Corselitze Schutz, und bis heute verbringt hier Königin Margrethe gerne einige Urlaubstage – und radelt ins Fischerdörfchen Hesnaes, wo Reet nicht nur die Dächer der Katen deckt, sondern auch die Wände vor Salzwasser und Sturm schützt.

Gut Corselitze auf Falster

Als älteste Stadt der Insel gilt Stubbekøbing, wo ein Malermeister Nordeuropas größtes Motorrad und Radiomuseum geschaffen hat und die nostalgische Motorfähre Ida von Ende bis Mitte September hinüber nach Bogø pendelt. Die Hafenstadt am Grønsund erhielt schon 1354 Stadtrechte und war durch die Nähe zu Rügen vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert als Kriegshafen bedeutsam: Noch während des Englandkrieges 1807 – 1814 fanden hier Kaperer und Kanonenboote Schutz.

Heute ist es hier so friedlich, dass Jugendliche gerne flüchten – hin nach Marielyst, wo während der Sommersaison geradezu karibische Lebenslust pulsiert, oder nach Nykøbing, wo sich durch die CEUS School of Business eine kleine, aber äußerst lebendige Studentenszene gebildet hat. Zur ersten Orientierung in der Handelsstadt empfiehlt sich der ehemalige Wasserturm, der 32 m hohen Vandtårnet. Nach 146 Stufen eröffnet sich ein weiter Blick über die Handelsstadt am Guldborgsund, der Falster von Lolland trennt. Unübersehbar: der graue Klotz der Zuckerfabrik, der die Rübenernte beider Inseln verarbeitet.

Sonnengelb: Bauten beim Kloster von Nykøbing

Im Gassengewirr der mittelalterlichen Innenstadt versteckt sich das Czarens Hus, in dem Zar Peter I. im Juli 1716 abstieg. Heute beherbergt das Fachwerkhaus neben dem gleichnamigen Restaurant das Guldborgsundmuseum mit Ausstellungen zu Falsters Stadt- und Landkultur. Die 1482 am Kirkepladsen erbaute Gråbrødekirke, deren Namen an ein einstiges Kloster der Franziskaner (Graubrüder) erinnert, birgt im Innern zwei sehenswerte Grabmale: das eine ziert die „Mecklenburgische Ahnentafel“ von Königin Sophie, das andere ein von Lucas Cranach d. Ä. gemaltes Portrait von 1450. Tierpark und botanischer Garten vereint der Falster Zoo.

Die Schmiede des Middelaldercentret

Zu einer Zeitreise in die Vergangenheit lädt das Middelaldercentret im Stadtteil Sundby – ein „echtes“ Dorf aus dem Jahr 1393, in dem die Lebensbedingen jener Zeit nachgelebt und erforscht werden. Im Sommer arbeiten Schmied, Schumacher und Töpfer in ihren Werkstätten, messen sich Ritter bei Turnieren – und werden von mächtigen Wurfmaschinen schwere Geschosse in den Sund geschleudert.

Die Wurfmaschine des Mittelalterzentrums Sundby

Mit dem Bau der ersten drei Ferienhäuser in der ehemaligen Künstlerkolonie Marielyst begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts Falsters Karriere als Urlaubsinsel. 1914 verbrachte hier auch Franz Kafka mit seinem Schriftstellerfreund Ernst Weiß und dessen Lebensgefährtin Johanna Bleschke einige Urlaubstage im Ostseebad, das heute das quirlige Herz eines der größten Ferienhausgebiete Dänemarks ist. Rund 6.000 Sommerhäuser stehen einzeln oder in kleinen Siedlungen hinter dem 18 km Gründeich.

Die Küste von Falster bei Corselitze

Der Strand ist weit, breit und sauber – und bietet bestes Baumaterial für die Bildhauer, die daraus seit dem Jahr 2000 für das alljährliche Sandskulpturenfestival Ritter, Feen und andere Märchenfiguren formen, während über ihnen die blaue Flagge im Wind flattert – als EU-Qualitätssiegel für hervorragende Wasserqualität.

Für Abwechslung vom Strandleben sorgt das Marielyst SportsCar Museum, in dem man schnittige Veteranen nicht nur in der Scheune bewundern, sondern sogar auf einem 2,5 km Parcours mitten durch die Felder steuern kann.

In der Glaspusteri neben der Mühle von Stovby formt Line Boye Jacobsen aus einem heißen, flüssigen Klumpen Schalen, Schüsseln und Gläser formt. Im Golf & Fun Park wird anders als üblich abgeschlagen – mit Frisbeescheiben oder Fußbällen. Ein klassischer Green entstand beim Ekilstrup auf dem Skjørringe Gut – Loch 18 endet direkt am Restaurant, wo Küchenchef Thorsten Rohrbeck aus Zutaten der Region mittags und abends Hochgenüsse kreiert.

Die Mühle von Stovby auf Falster

Die Dämmerstunden sind die beste Zeit für einen Ausflug zum 110 ha großen Vogelschutzgebiet Bøtø Nor, in dem neben Falken, Mäusebussarden und anderen Raubvögeln vor allem Zugvögel nisten. Mit zwei Metern unter Normalnull ist ab 1860 trockengelegte Lagune der tiefste Punkt der Insel, die sich im Nordwesten bis zum 44 m hohen Bavnehøj aufschwingt – der damit der achthöchste Hügel Dänemarks ist… Nur wenige Kilometer weiter in der Nähe sammelt der Sensenmann die Seelen der Verstorbenen ein.

Die Kirche von Nørre Alslev birgt eine der beiden heute noch erhaltenen Darstellungen des Totentanzes in Dänemark. Die nur wenige Kilometer entferne Kippinge Kirke gehörte im Mittelalter zu den berühmtesten Wallfahrtsorten des Landes. Die Pilger kamen von weit her, um mit den fließenden Tropfen Christi Bluts geheilt zu werden. Als das Blut versiegte – sprich, die Reformation 1536 den Katholizismus verbot – wurde stattdessen das Wasser der Quelle Skt. Sørens Kilde verwendet.

Große Höfe und Güter wie hier bei Corselitze seht ihr überall auf Falster

Ganz im Süden von Falster liegt Gedser, das im Schatten der Fährhafenzufahrt ein fast vergessenes Dasein führt – und doch so manch ein Kleinod besitzt. Die Stadtkirche an der Langgade wurde vom Architekten der Grundvigskirke in Kopenhagen entworfen, in der einstigen alten Schule präsentiert Det sorte Museum geologische Fundstücke der Region, und im Gamle Købmandsgaard verkaufen Kunsthandwerker Weidenkörbe, Schmuck, Kerzen und Keramik aus dem nahen Radbjerg. Handgedrechseltes gibt es im Drejergaarden, eine der letzten beiden Werkstätten Holzdrechslereien in Dänemark.

Zum „Pflichtprogramm“ von Gedser gehört ein Spaziergang zum Sydstenen. Der fünf Tonnen schwere Granitkoloss markiert die Südspitze Dänemarks, an der immer noch deutsche Bunkeranlagen der Ostsee trotzen, die hier beständig am Land nagt. Auf einem Schild sind die Koordinaten 54 Grad 33 Minuten und 31 Sekunden nördlicher Breite eingraviert – damit liegt das Südkap des Königreichs auf dem gleichen Breitengrad wie Schleswig.

Großartige Fernblicke über die Stadt und ihr Umland bieten der 1801 errichtete Leuchtturm und der Wasserturm: Von dort droben lassen sich bei klarer Sicht nicht nur die Seehunde im Rødsand-Reservat, die Kirche von Nysted/Lolland und die 72 Windräder des bereits 1956 angelegten Seewindparkes erkennen, sondern auch das Hotel Neptun in Warnemünde oder das Kraftwerk von Rostock.

Hofstelle bei Nybye auf Falster

Falster: die Info

Hinkommen

Ganzjährige Verbindung mit Scandlines-Fähren:

  • Puttgarden – Rødby (45 Min.) nach Lolland, auf der E 4 bis Nykøbing Falster
  • Warnemünde – Gedser (2 h)

www.scandlines.de

Ansehen & erleben

Middelaldercentret

Ved Hamborgskoven 2- 4, DK – 4800 Nykøbing, Tel. +45 54 86 19 34, www.middelaldercentret.dk

Guldborgsundmuseum

Langgade 2, DK – 4800 Nykøbing, Tel. +45 54 85 26 71, www.aabne-samlinger.dk/guldborgsund

Den Gamle Købmandshandel

Langgade 9, DK – 4800 Nykøbing F, Tel. +45 54 85 26 71

Nykøbing Falster Zoo

Østre Allé 97, DK – 4800 Nykøbing, Tel. +45 54 85 20 76, www.nyk-f-zoo.dk

Marielyst SportsCar Museum

Stovby Tværvej 11, DK – 4873 Væggerløse, Tel. +45 54 17 75 89, http://home3.inet.tele.dk/jenscm/museum.htm

Stubbekøbing Motorcykel- og Radiomuseum

Nykøbingvej  54, DK – 4850 Stubbekøbing, Tel. +45 54 44 22 22, www.stubbekoebingkom.dk/museum/d/bike.htm

Danmarks Traktormuseum

Nørregade 17 B, DK – 4863 Eskilstrup, Tel. +45 54 43 70 07, www.traktormuseum.dk

Stovby Glaspusteri

Stovbyvej 19B, DK – 4873 Væggerløse, Tel. +45 21 63 78 77, www.stovbyglas.dk

Bøtø Nor Gl. Pumpestation

Møllesøvej, Marrebæk, DK – 4873 Væggerløse

Die alte Atlas-Dampfmaschine von 1901 lieferte bis 1967 die Energie für die Pumpstation.

Det sorte Museum

Gedser Bibliotek, Skolegade 2b, DK – 4874 Gedser, Tel. +45 54 17 92 84, www.oekomuseum.dk

Hotels

Sam Hotels

Vibehaven 500, DK – 4800 Nykøbing F., Tel. +45 54 88 27 00, Fax +45 54 88 27 01, www.samhotels.dk

Viersternehaus mit Wellnesscenter, das auch Shiatsu, Thai-Massagen und Hilot anbietet

Hotel Falster

Skovalleen, DK – 4800 Nykøbing F., Tel. +45 54 85 93 93, Fax +45 54 82 21 99, www.hotel-falster.dk

alteingesessenes Familienhotel

Hotel Liselund

Lundevej 22, DK – 4800 Nykøbing, Tel. +45 54 85 15 66, www.hotelliselund.dk

Hotel Nørrevang

Marielyst Strandvej 32, DK – 4873 Væggerløse, Tel. +45 54 13 62 62, www.norrevang.dk

mit Minibadeland, Tennisplatz und Diskothek

Højmølle Kro

Nykøbingvej 112, DK – 4863 Ekilstrup, Tel. +45 54 43 63 06, www.hojmolle-kro.dk

Königlich priviligierter Kro seit 1863

Skelby Gammel Praestegaard

Gl. Landevej 59, Skelby, DK – 4874 Gedser, Tel. +45 54 178 178, www.praestegaarden.dk

Das alte Pastorat (1863) inmitten von Obsthainen bietet stimmungsvoll-stilvolle Zimmer und Ferienwohnungen

Restaurants

Køllegaarden

im Falster Golflclub, Virketvej 44, DK – 4863 Eskilstrup, Tel. +45 54 43 81 43

Haute Cuisine von Küchenchef Thorsten Rohrbeck

Czarens Hus

Langgade 2, DK – 4800 Nykøbing, Tel. +45 54 85 28 29

1716 speiste hier Zar Peter, 1989 Königin Margrethe II.

Den Gyldne Svane

Das Lokal des Middelaldercentret bei Nykøbing bietet authentische Küche aus der Zeit von 1300 bis 1500 in mittelalterlichem Ambiente bei Kerzenschein.

Auskunft

Nykøbing/Falster Turistinformation

Østergågade 7, DK – 4800 Nykøbing, Tel. +45 54 85 13 03, Fax +45 54 85 10 05

Stubbekøbing Turistinformation

Vestergade 43, DK – 4850 Stubbekøbing, Tel. +45 54 44 13 03

Marielyst Turistinformation

Marielyst Strandpark 3, DK – 4873 Væggerløse, Tel. +45 54 13 62 98, Fax +45 54 13 62 99

Gedser Turistinformation

Molzaugade 2, DK – 4874 Gedser, Tel. +45 54 17 90 41

www.visitlollandfalster.dk

www.visiteastdenmark.com

Dieser Beitrag war eine Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark, der ihn im Mai 2007 veröffentlichte. Was sich an der Slotsbryygen von Nykøbing getan hat, erfahrt ihr hier

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