2012EuropaFinnland

Finnland: Zen im Schnee

Toivo Qvist beim Langlauf

Zwei Spuren im Schnee, sauber gezogen, schön parallel. Geschwind, locker und leicht sausen die Langläufer durch die tief verschneite Taiga, entschwinden am Horizont. Meine Ski hingegen entwickelt ein Eigenleben. Will ich vorwärts, ziehen sie mich seitwärts in den Spagat. Gelingen mir zwei gleitende Schritte nach vorne, rutsche ich einen zurück. Schweiß dringt aus den Poren – und friert zu Perlen auf der Haut.

Zen am Polarkreis

Langlauf ist wie Zen. Finnisches Zen, denn die Loipe verläuft mitten durch die einsamen Weiten des Berg Ylläs, einer 718 Meter hohen Kuppe unter meterdickem Schnee. 970 Kilometer von Helsinki, 170 Kilometer nördlich vom Polarkreis, erstreckt sich hier zwischen den Dörfern Äkaslompolo im Norden und Yllasjärvi im Süden Finnlands größtes Langlaufgebiet. 300 Kilometer maschinell gespurte Loipen überziehen den größten der sieben Fjällberge und seine vier Seen, verlaufen über offene Hochebenen, gefrorene Sümpfe, mäandrierende Flüsse, dichte Fichtenwälder.

Die Glieder neu ordnen, die Gedanken fest fassen, die Bewegung im Geiste noch einmal durchleben. Entspannen. Konzentrieren. Einmal tief durchatmen, dann einstechen. Das Gewicht auf nur einen Ski verlagern, kräftig nach hinten abdrücken. Gewicht verlagern, mit den Armen im Rhythmus mitschwingen, den Stock einstechen. Nicht zu weit nach vorne, sondern weiter nach hinten schwingen. Gleiten durch Stille.

Das Loipennetz: Los geht es direkt am Hotel Ylläs Humina

Nach 40 Minuten ist der dünne Skianzug klatschnass, die erste Übungsschleife geschafft: Drei Kilometer misst die kürzesten Runde. Der zweite Durchlauf gelingt in 30 Minuten mit drei Stürzen, die dritte Runde ohne Schneekontakt in persönlicher „Bestzeit“: schnellen 20 Minuten.
Langlauf ist individuell. Jeder läuft im eigenem Tempo, je nach Laune und Leistung. Die Loipen sind so angelegt, dass sie zu Rundwegen unterschiedlichster Länge kombiniert werden können. Ein Loipennetz von mehr als 1000 Kilometer entsteht durch die Anbindung an andere Wintersportzentren im Fjällgebiet wie Muonio, Levi und Hetta.

Erst Olympionike, jetzt Hotelier

Seit 1920 wird am Ylläs-Berg Ski gelaufen, trainieren hier Schweizer Langlauf-Teams neben finnischen Olympiateilnehmern. Auch Toivo Qvist gehörte zum A-Kader, galt als große Hoffnung – bis ein Unfall beim Krafttraining den Rücken schädigte und alle Medaillenhoffnungen zerstörte. Das war vor mehr als 20 Jahren. Heute führt der 42-Jährige gemeinsam mit seiner Frau Meeri das älteste Hotel vor Ort. Das Ylläs Humina, 1945 von Aaki Äkaslompolo gegründet, hat bis heute nichts von seinem ursprünglichen, rustikalen Charme verloren. Mehrere Blockhütten mit 24 Doppelzimmern, Sauna und Trockenschrank für die Skibekleidung gruppieren sich um das Haupthaus mit Karaoke-Pub und Kamin-Restaurant.

Waldromantik in Holz: Hotel Ylläs Humina

Während das Küchenteam Rentierfilets mit Multebeeren beizt, kreisrunde Kuchen aus Kartoffeln und Karotten kreiert, dringt aus einem Hinterraum der strenge Geruchs heißen Wachs. Den Paraffinriegel in der einen, das Bügeleisen in der anderen Hand, präpariert Toivo gemeinsam mit den Gästen die Ski für die Tour am nächsten Tag. Meine schmalen Bretter erhalten „grip wax“ – haftenden Wachs als Hilfe beim Aufstieg. Ohne Schuppen und scharfe Kanten, böten die Ski sonst kaum einen Halt.

Hinter dem Hotel beginnt das Loipennetz. Während morgens um acht noch die Nacht das Land in Dunkel hüllt, weisen Scheinwerfer den Weg. Gegen zehn Uhr zeigt sich die Sonne für fünf, sechs Stunden – mal als diesige Scheibe im schneeschwangeren Himmel, dann wieder strahlend hell. Der Schnee funkelt.

Eiskalter Farbenrausch: Kamoos

In der trockenen Kälte von minus 19 Grad wird die „Blaue Stunde“ zum Farbenrausch. „Kamoos“ nennen die Finnen die einzigartige Mischung aus Dunkelheit und Zwielicht, die gegen drei Uhr nachmittags das Land zum Leuchten bringt: erst Golden, dann Pink, Türkis, bis zwei schmale Streifen in Orange und Grün das dunkle Land vom schwarzblauen Himmel trennen. Nördlich des Polarkreises zeigt sich die Dämmerung als stundenlanges Spektakel.
Ab fünf Uhr abends leuchten die Sterne am Firmament, das Flutlicht auf die Loipen. Unter Wegweisern liegen Rucksäcke, Anoraks, Beutel und Taschen: Was stört, wird an zentralen Punkten deponiert – und später wieder abgeholt. Selbst Skiausrüstungen, die rasch mehrere Tausend Euro kosten, stecken im Schnee. Angst vor Diebstahl kennt hier niemand. In Finnland ist die Kriminalität noch vergleichsweise niedrig.

Am zweiten Tag werden die Stürze weniger, klappt der Stockeinsatz besser, verführt die bessere Balance zu ersten Experimenten. Jetzt einige Doppelschwünge einschieben. Aus der Loipe treten, einmal „skating“ probieren, das auf allen Loipen möglich ist. Toivo zeigt die Technik. Fast scheint er über den Schnee zu schweben.

An der Talstation des Ylläs wechseln wir Ski und Stöcke. Für Abfahrtsläufer wie Snowboarder ist dieser Berg das Beste, was Finnland zu bieten hat. Seine Südflanke bietet die längste Piste der Landes. Mit drei Kilometer Länge stellt sie einen weiteren Rekord auf – den landesweit höchsten Höhenunterschied (463 Meter). Wartezeiten an den 19 Liften sind unbekannt. Die 34 Abfahrten sind besonders am Wochenende gut besucht, aber nicht überfüllt. Schneekanonen garantieren eine lange Saison bis weit in den Mai.

1.000 Tiere reichen zum Leben

Ohne Ski erschließen 180 Kilometer Wanderwege eine Winterlandschaft mit überraschenden Begegnungen. Schneehühner, so hell, dass nur ihr schwarzer Schnabel sie im weiten Weiß verrät, kreuzen den Weg. Plötzlich kommen zehn, zwölf Rentiere aus dem Unterholz. 300.000 Tiere ziehen in Lappland umher. Brandmale im Ohr verraten die Eigentümer. Einer von ihnen ist Hannu Utterström. Der Lappe aus Luoso lacht, als ich ihn nach der Größe seiner Herde frage. „Sie würden mir doch auch nicht die Höhe Ihres Bankkontos verraten….“ 1000 Tiere sichern ein gutes Auskommen, bei 300 bis 500 Tieren, so der Züchter, ist ein Hinzuverdienst lebensnotwendig.

Wie groß meine Herde ist… Was haben Sie denn so auf dem Konto?!

So nutzen zahlreiche Rentierzüchter die Chance zu touristischen Nebenerwerb. Sie tanzen und singen in alter Tracht, laden die Urlauber zu sich ins Zelt und erzählen am Lagerfeuer von ihrer Arbeit. In handgeschnitzen Tassen mit Doppellöchern für die Finger macht Kaffee die Runde. Das Harz des Kelo-Holzes verleiht dem Getränk einen eigentümlich bitteren Geschmack.
Dicke Rentierfelle schützen bei der Hundeschlittenfahrt vor der beißenden Kälte. Vier oder sechs Huskies ziehen das Gespann, nicht langsam, aber langsam genug, um die grandiose Natur ringsum in allen Nuancen wahrzunehmen. Wer schneller unterwegs sein möchte, erhält Sturzhelm, Spezialschuhe und einen mollig warmen Thermoanzug.

Fahrtraining auf dem Fußball-Feld

Die Motorschlittensafari durch die einsamen Weiten Lapplands beginnt mit dem Fahrtraining auf dem Fußballfeld: Starten, Steuern, Bremsen, Kurven fahren, kaum weniger wackelig als die ersten Versuche auf Langlaufski. Doch die Sicherheit auf beiden Kufen kommt jetzt schneller. Bis zu mehreren Tagen dauern die Touren. Übernachtet wird in einfachen Wildnishütten, ohne Strom und fließend Wasser, aber stets mit Sauna.

Die Tagesetappen liegen zwischen 50 und 100 Kilometern, je nach Kondition und Können der Teilnehmer. Auch Kombinationen sind möglich: Hunde-, Rentier- und Motorschlitten können in sechs Tagen auf einer Tour gemeinsam erlebt werden. Bei Skiwanderungen mit Huskyschlitten spurt ein erfahrener Guide mit seinem Gespann die Loipe, während die kleine Gruppe täglich 20 bis 35 Kilometer mal in der Ebene, dann wieder bergauf, bergab, zurücklegt. Eine ausgefeilte Skitechnik ist nicht nötig, wohl aber etwas Erfahrung und Kondition.


Langlauf ist das beste Training. Der ganze Bewegungsapparat kommt dabei in Gang. Trotz aller Leichtigkeit der Bewegung vollbringt der Körper Höchstleistungen: Das Herz pumpt, die Haupt pulsiert. Tief füllt die Kälte der Luft die Lunge. Muskeln, von deren Existenz man nie etwas geahnt hat, machen sich bemerkbar.

Das beste Mittel gegen Muskelkater bildet für die Finnen der traditionelle Abschluss jeden Tages: der Saunabesuch. Geschwitzt wird streng getrennt, schweigend. Erst draußen im Schnee treffen sich die Geschlechter wieder, reiben sich gegenseitig mit den kalten Kristallen ab. Dann packt Toivo seine Birkenrute und peitscht auf seinen Körper ein, bis er rot ist, und springt in das Tauchbecken. Die dünne Eiskruste bricht. Nicht Sekunden, sondern Minuten bleibt er im Wasser, taucht unter, trocknet sich ab und verabschiedet sich: „Die Ski warten – morgen machen wir mal eine große Runde.“

Dieser Beitrag ist im Handelsblatt erschienen.

 

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