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Waldwunder: Levi

Schneemangel ist im finnischen Sirrka ein Fremdwort. Bereits am Ende Oktober verwandeln dort die ersten Flocken die waldreiche Fjäll-Landschaft Lapplands 170 km nördlich des Polarkreises für sechs Monate in Finnlands größte Spielwiese im Schnee: Levi.

Zwei Spuren im Schnee, sauber gezogen, schön parallel. Geschwind, locker und leicht sausen die Langläufer durch den tief verschneiten Wald, entschwinden am Horizont. Meine Ski hingegen entwickelt ein Eigenleben.

Will ich vorwärts, ziehen sie mich seitwärts in den Spagat. Gelingen mir zwei gleitende Schritte nach vorne, rutsche ich einen zurück. Schweiß dringt aus den Poren – und friert zu Perlen auf der Haut.

Wald, nichts als Wald umgibt die Hüttel am Levi-Fjäll. Foto: Hilke Maunder

Langlauf ist wie Zen. Finnisches Zen, denn die Loipe verläuft mitten durch die einsamen Wälder am Levi-Fjäll, einer 531 m hohen Granitkuppe unter meterdickem Schnee. Knapp 1000 Kilometer von Helsinki erstreckt sich hier zwischen Fjällbergen und Seen ein Loipennetz, das scheinbar niemals endet.

Immer wieder gibt es Verbindungen – quer durch Lappland könnte man hier laufen, über offene Hochebenen, gefrorene Sümpfe, mäandrierende Flüsse, dichte Fichtenwälder.

Kaamos – die Zeit der Dämmerung auf dem Levi-Fjäll. Foto: Hilke Maunder

Die Glieder neu ordnen, die Gedanken fest fassen, die Bewegung im Geiste noch einmal durchleben. Entspannen. Konzentrieren. Einmal tief durchatmen, dann einstechen. Das Gewicht auf nur einen Ski verlagern, kräftig nach hinten abdrücken. Gewicht verlagern, mit den Armen im Rhythmus mitschwingen, den Stock einstechen. Nicht zu weit nach vorne, sondern weiter nach hinten schwingen.

Gleiten durch Stille. Nach 40 Minuten ist der dünne Skianzug klatschnass, die erste Übungsschleife geschafft: drei Kilometer, drei Stürze. Die dritte Runde gelingt ohne Schneekontakt in persönlicher „Bestzeit“: schnellen 20 Minuten.

Ein Rausch der Farbe…. Foto: Hilke Maunder

Längst ist es Mittag. Auf einer Lichtung steigt Rauch aus einer Kote, einem großen Zelt aus grünem Tuch. Im Kessel köchelt heiße Suppe mit geräuchertem Rentierfleisch. In Holztassen, handgeschnitzt mit zwei Grifflöchern für die Finger, dampft Kaffee, auf einem Tablett liegen „Ohrpfeifen“, süße Hefeteilchen mit Zimt. Satt und warm, könnte ich mich hier auf dem Rentierfell lang legen… „Ihr müsst los!“ unterbricht der Wirt, „es ist schon gleich drei!“

Und Zeit für die „Blaue Stunde“. In der trockenen Kälte von minus 20 Grad ist sie ein einziger Farbenrausch. „Kamoos“ nennen die Finnen die einzigartige Mischung aus Dunkelheit und Zwielicht, die 60 Tage lang im November und Dezember nachmittags das Land zum Leuchten bringt: erst Golden, dann Pink, Türkis, bis zwei schmale Streifen in Orange und Grün das dunkle Land vom schwarzblauen Himmel trennen. Die Dämmerung: ein stundenlanges Spektakel, das ich auf keinen Fall verpassen will!

Was für ein Licht auf dem Levi-Fjäll! Foto: Hilke Maunder

Ab fünf Uhr abends leuchten die Sterne am Firmament. Nordlichtern flackern. Am Horizont wandert eine Lichterkette den Himmel hinauf – Flutlicht für die Alpin-Pisten des Levi-Fjälls, die Finnlands einzige Gondel erschließt. Auf der Weltcup-Piste mit 52 Prozent Gefälle stürzt sich die Ski-Elite hinab ins Tal: So steile Hänge sind selbst in den kanadischen Rockies nicht zu finden.

Seichte, geschützte Familienabfahrten säumen den Südhang; lang gezogene Tempoabfahrten finde ich am den Osthang. Die Pisten am Nordhang führen direkt zurück ins Herz von Levi, wo nachmittags um vier der „After Ski“ mit Livekonzerten beginnt – selbst kleinste Kinder sind ganz selbstverständlich mit dabei.

Eiskaltes Winter-Wunder-Land: das Levi-Fjäll. Foto: Hilke Maunder

Mich hat der Tag im Winterwald so verzaubert, dass ich den Trubel meide und im Flutlicht durch das jetzt völlig einsame Weiß gleite. Schneehühner, so hell, dass nur ihr schwarzer Schnabel sie verraten, kreuzen auf einer Lichtung meinen Weg. Plötzlich kommen zehn, zwölf Rentiere aus dem Wald heraus.

Ich halte, schaue und staune. Frei und ungebunden ziehen rund 300.000 Rentiere so in Lappland umher. Nur die Brandmale im Ohr verraten, dass sie nicht wild sind.

Levi:  Nicht verpassen x 3

Koiravaljakot

So nennen die Finnen ihre Hundeschlitten. Reijo Jääskelainen holte höchstpersönlich seine Huskys aus Alaska nach Levi. Vier bis sechs Hunde ziehen ein Gespann, nicht langsam, aber langsam genug, um – eingemummelt in Rentierfellen – den grandiosen Wald ringsum in allen Nuancen wahrzunehmen.

  • Levi Husky Park, Inarintie, Sokka Drill, 99140 Köngäs, Tel. +358 405 70 65 72, www.polarspeed.fi
Das Zelt des „Weihnachtsmannes“  – auch mitten im Wald. Foto: Hilke Maunder

Joulupukki

Die Werkstatt des Weihnachtsmanns liegt in Luoso. Mitten im Wald, umgeben von Rentieren, erhebt sich sein Zelt. Mit rotem Mantel und Rauschebart lädt er ein, sich im Innern seiner „Kota“ am Lagerfeuer aufzuwärmen. Während er den Kaffee in Holztassen schenkt, erzählt „Santa Claus“ von seinem Hauptberuf: Er ist Rentierzüchter.

Das Reidar Särestoniemi-Museum zeigt die schönsten Werke des finnischen Malers (1925-1981). Foto: Hilke Maunder

Reidar Särestöniemi

Direkt an Ounasjöki-Fluss liegt das Kunstmuseum von Kaukonen, Wohnhaus und Werkstatt des 1987 verstorbenen Malers Reidar Särestöniemi. Nicht nur Kunst, sondern auch Kammermusik machte das Atelier des „Alchemisten der Farben“ landesweit berühmt. Hier gastieren internationale Musik-Stars wie Vladimir Ashkenazy – und spielen ohne Gage.

Dieser Beitrag ist 2018 als Beitrag des Sammelbandes Waldwunder erschienen.

DuMont Waldwunder 2018

Die Wälder vor unserer Haustür stecken voller Schönheiten und Überraschungen, die darauf warten, entdeckt zu werden. Nach dem Meeresrauschen* nimmt euch das Waldwunder* mit in die faszinierenden Wälder Europas, vom hohen Norden bis zum Mittelmeer.

Ich entführe euch nicht nur  in die Fjälls von Lappland  und die Hohe Tatra, sondern auch in die Pyrenäen. Über meine Wahlheimat im Süden wacht die südlichste Spitze der Grenzberge zu Spanien, der Canigou.  Wen wundert es da, dass ich auch die anderen Gipfel und Täler erkunden musste?

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Taivaanvalkeat – eine typische lappländische Hofstelle. Foto: Hilke Maunder

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