2008AsienJordanien

Jerash: Rock & Pop in römischen Ruinen

Das antike Jerash im Norden Jordaniens genießt den Ruf als besterhaltene römische Stadt der Welt. Alljährlich im Juli erwacht das Pompeji des Ostens für zwei Wochen zu pulsierendem Leben: Beim Jerash Festival of Culture and Arts (Juli/August) erleben Tausende von Festivalbesuchern ein interkulturelles Kaleidoskop – trotz aller Finanznöte inzwischen zum 28. Mal.

Jerash, das antike Gerasha, gehörte zur römischen Dekapolis, einem Verbund freier Städte. Schutz bot ein 3,5 Kilometer langer Mauerring, fünf Meter hoch und drei Meter dick, gesichert von 120 quadratischen Wehrtürmen. Gelegen in den Hügeln des biblischen Gilead, direkt an der Kreuzung großer Handels- und Karawanenstraßen, erlebte Gerasha vom 1. bis 3. Jahrhundert nach Christus seine Blüte voller Frieden und Wohlstand.

Das römische Theater

Erhoben in den Rang einer römischen Kolonie, erhielten seine Einwohner römisches Bürgerrecht – und wurden damit befreit von drückenden Steuerlasten. Der Handel mit der Provinz Syrien und dem Nabatäerreich florierte und führte zu einem intensiven Kulturaustausch.

Der Mauerring fiel längst der Bauwut späterer Generationen zum Opfer; auf dem Ostteil des antiken Gerasha entstand das moderne Jerash. Nur einem Verbot aus dem Jahr 1923 ist es zu verdanken, dass der Westteil Gerashas mit seinen römischen und byzantinischen Bauwerken erhalten blieb. Vor 20 Jahren, 1981, wagte Königin Noor und Freiwilligen der Yarmouk Universität mit der Gründung des Jerash Festival of Culture and Arts die Wiederbelebung der kulturellen Wurzeln – bereits unter Kaiser Trajan (98 – 117 nach Christus) war in Gerasha ein alljährliches Festival gefeiert worden.

Von Säulen gesäumt: eine der Hauptstraßen der antiken Stadt

Schon im ersten Jahr gelang die Renaissance. Jerash wurde zum Synonym für den kulturellen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident, das Kaleidoskop jordanischer, arabischer und internationaler Kultur zum Publikumsmagneten. Jahrein, jahraus faszinierte der Spielplan durch spannende Brüche und ungewöhnliche Begegnungen, erlaubte Entdeckungen und Ausflüge in die im Westen relativ unbekannte arabische Kultur.

Im Jahr 2000 kamen 13 Gäste aus dem nicht-arabischen Sprachraum – die Trachtenkapelle Salzburg war im vergangenen Jahr ebenso zu Gast wie der Helsingborg Chor, die Original Shakespeare Company oder das Westdeutsche Bläserphilharmonische Quintett aus Berlin. Die wachsende Einbindung internationaler Ensembles ließ die Kosten explodieren – besonders in den letzten drei Jahren. Die Eintrittspreise blieben jedoch konstant niedrig – jeder sollte es sich leisten können, das Kulturspektakel zu erleben.

2001 war der finanzielle Spagat nicht mehr aufzufangen. Doch ein Ende des Festivals im Jubiläumsjahr war nicht nur für Staatsoberhaupt König Abdallah nicht vorstellbar. Offen warb der Monarch um Unterstützung für das Fest, dass sich allein aus den Eintrittsgeldern und Spenden finanziert. Beim Programm mit dem Motto „Palästina und Patriotismus“ wurde radikal der Rotstift angesetzt, auf Einladungen ans westliche Ausland erstmals verzichtet.

Die Kolonnenstraße

Im Jubiläumsjahr präsentiert sich Jerash als Schaufenster der arabischen Welt. Mit dabei sind die bekannte palästinensische Gruppe Sabreen und der Kuforyaseef-Chor. Aus Syrien kommen der Sänger George Wasouf und das Inana Tanz-Ensemble, aus dem Libanon der Künstler Asi Hallani, aus Ägypten der Sänger Ehab Tawfik. Die türkische Tutav-Gruppe unterhält mit Sufi-Gesängen, ein tunesischer Kinderchor die jungen Zuschauer. Gastgeber Jordaniern nutzt die Gelegenheit, seine renommierten Ausbildungsstätten vorzustellen – die Jordanischen Akademie für Musik und das Staatliche Konservatorium.

Die Spielstätten zählen zu den imposantesten Zeugnissen der römischen Hochkultur. Eine ausgeklügelte Lichtführung hebt Highlights der Ruinen hervor. Das imposante Südtheater, von 90 bis 92 nach Christus unter der Herrschaft des Kaisers Domitians erbaut, bildet das Forum für die Eröffnung – die traditionelle Dichterlesung.

Römische Ausgrabungen im ovalen Forum von Jerash

4.000 Zuhörer werden am 25. Juli der Stimme von Bashar Zarkan lauschen, der ein Werk von Mahmoud Darweesh vorträgt. Das Können der römischen Architekten in tragender Akustik gibt jedem Zuschauer einen Platz in der ersten Reihe: Stehen die Schauspieler oder Sänger in der Mitte der Bühne, können sie von allen Zuschauer gut gehört werden, ohne die Stimme heben zu müssen.

Das kleinere Nordtheater, 165 nach Christus erbaut, wurde in der Antike für Dichterlesungen und Treffen des Stadtrats genutzt. Die Namen der Sippen, die dort vertreten waren, sind auf Griechisch in einige Sitze eingeritzt – ein einzigartiges Zeugnis im Mittleren Osten.

Und während die Flamme des Jerash Festivals auf einer Säule im Ovalen Forum die Nacht erhellt, zahlreiche Händler entlang der 800 Meter langen Kolonnenstraße traditionelles Kunsthandwerk wie Beduinenteppiche, Schmuck, Stickereien, Glas und Keramik anbieten, das Zirpen der Zikaden die laue Luft erfüllt, dann ist das alte Gerasha so lebendig, dass nur die römischen Gestalten fehlen, die mit wehenden Togen und offenen Sandalen von Säule zu Säule huschen, um das Spektakel ebenso zu genießen wie das Publikum von heute.

Dieser Beitrag ist am 10. Juli 2001 auf Spiegel Online erschienen.

Der Hadriansbogen von Jerash

 

 

 

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