2002DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Heiligendamm: die weiße Stadt am Meer

Es war das erste deutsche Seebad. Und will jetzt wieder das Erste in Deutschland werden: Heiligendamm, die weiße Stadt am Meer.

Auf der Seebrücke verschmelzen Legende und Vision: In sanften Schwung säumen sich Villen, Hotel und Kurhaus die Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern und bilden ein einzigartiges klassizistisches Kleinod zwischen Kieselstrand und Buchenwald.

Zum Jahreswechsel 2002/3 soll das denkmalgeschützte Ensemble als Grand Hotel Heiligendamm zu neuem Leben erwachen. Für den Erfolg des ehrgeizigen Projektes stehen die Kölner Fundusgruppe und die Kempinski AG, die bereits beim dem Berliner Hotel Adlon Hotelgeschichte erfolgreich fortgeschrieben haben.

Der Vorschlag, nahe der herzoglichen Sommerresidenz Bad Doberan ein Seebad zu errichten, war von dem Leibarzt Samuel Gottlieb Vogel ausgegangen. Es sei bewiesen, dass das Baden im Meer für “sehr viele Schwachheiten und Kränklichkeiten des Körpers heilsam sei, hatte der Universitätsprofessor aus Rostock an seinen Herzog Franz Ferdinand I. geschrieben.

Da an Englands Küsten bereits im 18. Jahrhundert 60 stark besuchte Seebäder existierten und die „verrückten Briten“ in jedem kleinen Fischerdorf zum Baden ins Wasser sprangen, griff der Herzog den Vorschlag bereitwillig auf – ärgerte es ihn doch seit langem, dass seine betuchten Landsleute ihr Geld ins Ausland bringen, wo sie das traute Nebeneinander von Badekur und Vergnügen genossen.

Heiligendamm: Kurhaus und Haus Mecklenburg (r.). Foto: Hilke Maunder

Im Sommer 1793 entstand so aus einem ehemaligen Wagenschuppen das erste Badehaus. Kurze Zeit später rollten die ersten “bathing machines” ins Ostseewasser; hochrädrige Badekarren, in denen die Gäste zum Bade hinausgefahren wurden. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Die herzogliche Badedirektion registrierte in der ersten Saison bereits 300 adlige Besucher, während des folgenden Sommers stieg die Gästezahl auf 1200.

Als Bauherr des ersten deutschen Seebades holte der Herzog seinen Hofarchitekten Carl Theodor Severin. Über den dorischen Säulen des Kurhaus erinnert bis heute eine Inschrift an den Leitspruch des damaligen Lebens: HEIC TE LAETITIA INVITAT POST BALNEA SANUM – Freude empfängt dich hier, entsteigst du gesundet dem Bade.

Die Vergnügungen nach den Bädern waren vielfältig: Theater und Tanztees, Rasen-Bowling und Besuche in der Spielbank. Die Herren schossen auf lebende Tauben, die Damen vertrieben sich die Zeit beim Tennis und Tratsch.

1822 wagte Heiligendamm erneut eine Premiere: Etwas außerhalb der Stadt eröffnet die erste Pferderennbahn auf dem Kontinent – ebenfalls nach englischem Vorbild angelegt. Ein Hauch von Ascot zog nach Mecklenburg. Rauschende Feste gehörten zum Flair der Saison in Heiligendamm.

1873 verkaufte der Mecklenburger Hof das Seebad an eine Aktiengesellschaft, die für den weiteren Ausbau den Architekten des Schweriner Schlosses an die Küste holte: G. A. Demmler. Nach seinen Entwürfen entstanden das Grand Hotel (Haus Berlin) und der Seeflügel (Haus Mecklenburg).

Konsequent wird Heiligendamm zum „Adelsbad“ ausgebaut – bis der Zweite Weltkrieg jäh das turbulente Treiben beendet. Die weiße Stadt am Meer erhält einen dunklen Tarnanstrich. Erst 1947 kamen die ersten Gäste zurück: Heiligendamm wurde zum Sanatorium der Werktätigen.

Heiligendamm: Haus Habsburg. Hilke Maunder

40 Jahre lang schwangen sächsische Kurgäste im Einheitstakt die Hüften, atmeten Kalikumpel auf dem groben Kieselstrand die saubere Seeluft, bis die Wende für viele Jahre den Ort in den Dornröschenschlaf sinken ließ.

Investoren kamen und gingen, bis endlich Konzept und Kapital zusammen fanden. Finanzierte Herzog Franz Ferdinand I. 1793 den Bau des ersten Seebades noch aus dem Verkauf von 1000 Mecklenburger Soldaten, später aus den Erlösen der ersten Spielbank auf dem europäischen Festland, machte Fundus das Mammutprojekt für Anleger interessant und legte dazu den Fonds 34 auf.

Das Unternehmen hatte 1996 den größten Teil von Heiligendamm aus Bundesbesitz erworben. 171 Millionen Euro beträgt das Investitionsvolumen. Bund, Land und Europäische Union fördern den Wiederaufbau mit 26 Millionen Euro. Die Pläne für die Revitalisierung der Bauten, in denen einst Feldmarschall Blücher und Königin Luise logierten, lieferte der New Yorker Architekt Robert A. M. Stern.

Fünf alte Villen, innen entkernt, bilden das neue Grand Hotel. 15 Meter lange Stützpfähle sichern die Luxusherberge im feuchten Untergrund, ein Stahlkorsett stabilisiert die klassizistische Fassade. Dahinter verbergen sich 220 geräumige Doppelzimmer – mehr als die Hälfte werden als Suiten realisiert. Für höchste Feinschmeckerfreuden soll ein prominenter Sternekoch sorgen: Eckard Witzigmann.

Das Ensemble ergänzt ein Neubau: der Severin Palais. Die Pläne für den Wellness- und Beauty-Tempel, der die historische Badearchitektur postmodern zitiert, stammen vom Büro Hentrich, Petschnigg und Partner (HPP).

Weiter östlich werden sollen sieben kleine Villen entlang der Bucht nach Plänen des Hamburger Büros von Bassewitz, Hupertz, Limbrock in 40 hochwertige Eigentumswohnungen umgewandelt werden. Weitere Wohnungen sind in der zweiten Ausbaustufe vorgesehen.

Die Wiesen und Weiden im Hinterland von Heiligendamm sollen einer Gartensiedlung im Stil des „New Urbanism“ weichen, so die Pläne von Stern, der hierzu den Masterplan erstellte. Nahezu sämtliche Sportarten sollten im Seebad möglich sein, wirbt ein Faltblatt: Surfen, Segeln und Schwimmen, Ballon fahren, Tennis und Golf.

Haus Mecklenburg vor der Sanierung. Foto: Hilke Maunder

Die 1996 eröffnete Neun-Loch-Anlage des Golfresorts Wittenbeck wird zurzeit erweitert; die 18-Loch-Anlage des Golfplatzes von Heiligendamm ist noch im Bau. Das Gut Vorder Bollhagen wurde zum Reitsportzentrum ausgebaut. Seit 1993 ist auch Deutschlands älteste Rennbahn wieder in Betrieb.

Die Doberaner Rennwoche gehört wieder zum festen Bestandteil des deutschen Turfs – in diesem Jahr mit der Jubiläumsversanstaltung „180 Jahre Galoppsport in Deutschland (31. Juli bis 4. August).

Ausruhen und Atem schöpfen: Bereits 1990 kehrten die ersten Kurgäste zurück, zunächst in die neue Ostseeklinik, ab 1997 auch an die Medianklinik. Beide Häuser setzen auf die Heilkraft des Meeres: Das milde Reizklima und die fein zerstäubten Meeresaerosole lindern die Leiden von Allergikern, helfen bei Atemwegs- und Hauterkrankungen und stärken das Immunsystem.

Tradition und Zukunft lassen sich auch bei der Anreise verbinden: Die neue Ostseeautobahn A 20 bringt Gäste aus den Großstädten Hamburg und Berlin binnen zwei Stunden nach Bad Doberan. Die restlichen zehn Kilometer zur Küste legt die historische Kleinbahn „Molli“ zurück.

Seit mehr als 100 Jahren dampft der Zug im Halbstundentakt über die Kopfsteinstraßen der Kreisstadt, schnauft die 150 Jahre alte Lindenallee entlang und hält mit lautem Pfeifen in Heiligendamm.

Dieser Beitrag ist am 22.2.2002 im Handelsblatt erschienen. 

Der Nostalgiezug “Molli” hält auch in Heiligenddamm Foto: Hilke Maunder

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