1991DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Schienennostalgie mit Molli & Roland

Kleine Bahnen mit großer Geschichte: In Mecklenburg-Vorpommern sind zwei Schienenveteranen unterwegs, die charmant in die Vergangenheit führen – und dabei wunderschöne Landschaften präsentieren.

Der „Molli“

Molli, die erste öffentliche Schmalspurbahn Mecklenburgs, rumpelt seit dem 19. Juli 1886 durch die engen Straßen von Bad Doberan. Manchmal nur wenige Meter von der Hauswand entfernt, dann wieder vom Autoverkehr umringt, bahnt sich der „Molli“ auf 900 Meter Spurbreite seinen Weg an die Küste.

Zunächst fuhr er nur bis zum herzoglichen Heiligendamm, ab dem 12. Mai 1910 weiter bis nach Kühlungsborn.  Nicht einmal drei Monate benötigten die Stettiner Eisenbahnbauer von Lenz Co. für die ersten 6,61 Kilometer.

Knapp zwei Jahre indes verstrichen beim Bau der restlichen neun Kilometer. Der Grund für die Verzögerung: Die Eisenbahn, zunächst als Pachtobjekt von der Rostocker Aktiengesellschaft betrieben, war 1890 verstaatlicht und vom Großherzog der Direktion seiner Mecklenburgischen Friedrich Franz Eisenbahn (MFFE) unterstellt worden.

Auf der insgesamt 15,4 Kilometer langen Strecke, heute der Bundesbahn angegliedert, braust „Molli“ mitunter mit 50 Stundenkilometer durch Wiesen und Weiden.

Seinen Namen, erzählt eine Legende, erhielt der „Molli“ von einem Mops, der sich einst standhaft weigerte, seinem adligen Frauchen in das fauchend-dampfende Ungeheuer zu folgen. Die Anekdote berichtet, einem Mitreisenden sei schließlich die Ähnlichkeit zwischen dem jaulenden Hund und der fauchenden Lok aufgefallen.

Prompt hatte der Zug seinen bis heute gültigen Spitznamen weg. Die Dampftrambahn steht seit 1976 unter Denkmalschutz. Heute bemüht sich ein Förderverein um den Erhalt des nationalen Kulturdenkmals.

Der Nostalgiezug „Molli“ . Foto: Hilke Maunder

Unterwegs mit dem „Molli“

Bad Doberan ist die Heimatstation des „Molli“. Am Bahnhof, unüblicherweise nicht aus Klinker erbaut, erinnern klassizistische Stilelemente und ein separater Bahnsteigzugang an die Ansprüche eines Großherzogs. Nach 0,9 Kilometer erreicht „Molli“ am Haltepunkt Goethestraße seine erste Station. Längs einer alten Lindenallee verlässt die Dampftrambahn die Stadt, durchquert moorige Weiden, Wiesen und Felder.

Die rot-gelben Wagen zuckeln mit 15 Stundenkilometer am stillgelegten Bahnhof Rennbahn vorbei. Hier wurde 1807, andere Quellen nennen 1822, die erste Pferderennbahn des Kontinents nach englischem Vorbild angelegt. Alljährlich ritt man hier um den Preis der Ostseeländer – bis 1948.

Kurz darauf erreicht die Bahn das Landschaftsschutzgebiet „Großer Wohld“, einen ausgedehnten Buchenwald. Nach 6,5 Kilometer schnauft „Molli“ über die Hauptstraße nach Heiligendamm hinein. Nachdem der Gegenzug aus Kühlungsborn vorbeigerattert ist, geht es parallel zur Küste, nur 250 Meter entfernt von den Ostseewellen, durch den „Kleinen Wohld“ nach Heiligendamm-Steilküste.

Die Bahnstrecke führt weiter nach Kühlungsborn-Ost (12,7 Kilometer), nach Kühlungsborn-Mitte (13, 5 Kilometer) und Kühlungsborn-West, wo nach 15,4 Kilometer Endstation der Bäderbahn ist.

Heiligendamm: Kurhaus und Haus Mecklenburg (r.). Foto: Hilke Maunder

Der „Rasende Roland“

Am 28. September 1892 trafen sich unter Leitung von Kommerzienrat Brandenburg im Hotel Becker einige gut betuchte Gutsbesitzer zu einer wichtigen Versammlung. Um die neu gegründete Rübenfabrik in Stralsund beliefern zu können, beschlossen die Herren den Bau einer Eisenbahn zwischen Putbus und Göhren. Schon am nächsten Tag informierte der „Stralsunder Anzeiger“ ausführlich über das beschlossene Großprojekt.

Ausgeführt wurden die Arbeiten von der Stettiner Firma Lenz & Co. Sie hatte sich bereits beim Bau des „Molli“ bewährt. Am 22. Juli 1895, nach knapp dreijähriger Bauzeit, ertönte das Signal der Trillerpfeife zur Jungfernfahrt – die Strecke Binz – Putbus wurde eingeweiht. Am 20. März 1896 folgte die Freigabe des Streckenabschnittes bis nach Sellin-West, am 23. Mai 1896 nach Sellin-Ost, am 13. Oktober des Jahres für den restlichen Abschnitt bis nach Göhren.

Die einzige Klausel im Konzessionsvertrag: Um eine sichere Fahrt zum Jagdschloss der Fürsten auf der Granitz zu gewährleisten, musste der Fahrplan jeweils mit Rittmeister von Veltheim abgestimmt werden. Für die 24,4 Kilometer lange Strecke mit 700 Millimeter Spurbreite braucht der Traditionszug der Rügenschen Kleinbahn eine gute Stunde. Kaum jemand der rund 2000 Passagiere, die jährlich mit der Bimmelbahn unterwegs sind, ahnen, das dabei „Spitzen“geschwindigkeiten von 30 Kilometer in der Stunde erreicht werden.

Um die Jahrhundertwende gab sich die Bahn besonders kulturfreundlich: Von 1901 bis 1916 verkehrten zwischen Binz und Putbus „Theaterzüge“ – sie brachten die Theatergäste zur Vorstellung ins Putbuser Theater und wohlbehalten wieder nach Hause. Etwas Besonderes ist auch der Küchenwagen.

Der „Rasende Roland“, wie die Schmalspurbahn liebevoll im Volksmund genannt wird, war die einzige Kleinbahn Deutschlands, in der während der Fahrt warme Mahlzeiten serviert wurden. Heute besteht die Möglichkeit, den Traditionsspeisewagen zusätzlich zu den fahrplanmäßigen Zügen für Sonderfahrten zu mieten.

Unterwegs mit dem „Rasenden Roland“

Elf Stationen liegen auf der Strecke zwischen Putbus und Göhren. Sieben Mal rattert der „Roland“ im Sommer, fünf Mal außerhalb der Saison die Strecke entlang. Mit auf die Reise kommen nur Passagiere. Der Güterverkehr wurde Ende der 1960er-Jahre eingestellt. Gerade im Winter hat die Fahrt etwas Familiäres.

Wenn die Kälte Eisblumen auf die Scheiben zaubert, kommt jemand vom Personal mit einem Eimer Kohlen zum Waggon, um die alten Kanonenöfen so richtig einzuheizen. Den Putbuser Bahnhof, der am Fuße des 61 Meter hohen Tannenberges liegt, verlässt die Rügensche Kleinbahn Richtung Nordwesten.

Vorbei an den Sendeanlagen von Radio Mecklenburg-Vorpommern (RMV), das von hier als Landesprogramm des NDR im Sommer die beliebte „Ferienwelle“ ausstrahlt, geht es an Feldern und Weiden vorbei, bis nach 3,8 Kilometer die Station Posewalk erreicht wird. Seelvitz folgt bei Kilometer 6,1.

Wer schon hier aussteigen möchte, sollte dem Wanderweg zur Stresower Bucht folgen, einem Badeplatz mit Camping. Hinter Serams (8,1 Kilometer) durchfährt der Zug Bruchwald und schnauft dann zur Linken am breiten Schilfgürtel des verlandenden Schmachter Sees vorbei. Rechts sind die Höhenzüge der Granitz mit dem 107 Meter hohen Tempelberg zu sehen, auf dem das ehemalige Jagdschloss der Fürsten von Rügen thront.

Der Zug fährt nach insgesamt elf Kilometer in Binz-Ost ein. Nach der Kreuzung mit der Landstraße liegt das steilste Stück der Strecke vor der kleinen Lok. Langsam arbeitet sie sich in großen Bögen den Südhang der Granitz hinauf bis zum Haltepunkt Jagdschloss, 50 Meter hoch gelegen. Der Prunkbau, für den Schinkel den Rundturm entwarf, birgt heute ein Museum.

Rechts der Station Garfitz (Kilometer 14,6) liegt der Neuensiener See, dahinter Lancken-Granitz. Den schönsten Blick auf den See hat man jedoch vom Bahnhof Sellin-Ost. Parallel zur Bundesstraße 196 nähert sich der „Rasende Roland“ dem Ostseebad Baabe (20,4 Kilometer).

Hier überquert die Schmalspurbahn den Mönchgraben, einst die Grenze zwischen dem Fürstentum Rügen und der Halbinsel Mönchgut, die zum Greifswalder Zisterzienserkloster Eldena gehörte. In Philippshagen hält der Zug zwei Kilometer außerhalb des Ortes.

Durch eine Waldschneise erreicht die Rügensche Kleinbahn ihren Zielbahnhof Göhren. Von hier sind es nur wenige Minuten bis an den Strand, wo im Wasser der „Buskam“ ruht – ein 1.600 Tonnen schwerer Findling, von den Slawen einst als „Gottesstein“ verehrt.

Dieser Beitrag ist  1991  in „1000 Ausflugsziele in Mecklenburg-Vorpommern“ erschienen. 

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