1991DeutschlandMecklenburg-VorpommernSiebter Himmel

Unterwegs im Klützer Winkel  

Der Klützer Winkel beginnt gleich hinter Lübeck. Das Dreieck zwischen Ostsee, Dassower See und Wohlenberger Wiek gilt als „goldene Aue“ von Mecklenburg. Einheimische reden scherzhaft vom „Speckwinkel“.

Seine sanft gewellte Endmoränenlandschaft mit Rapsfeldern und alten Schlössern, Reetdachkaten und Bauernkirchen lockt als Nordwest-Mecklenburger Hügelland immer stärker die Urlauber an.

Maß aller Dinge ist der Turm von St. Marien. „Was man vom Klützer Kirchturm sehen kann, gehört zum Winkel“, meinen die Einheimischen. Aus fast 70 Metern Höhe liegt die Schlossstadt Klütz zu Füßen, flankiert von ihren beiden Wahrzeichen – gen Nordwesten die Klützer Mühle, gen Südosten die imposante Anlage von Schloss Bothmer, mit 16 Hektar größter Herrensitz im Bundesland.

Schloss Bothmer mit seiner Feston-Allee im Winter. Foto: Hilke Maunder

Bauherr der Barockanlage war Hans Caspar Graf von Bothmer, der durch Künnecke 1726 bis 1732 den Gutsitz nach Vorbild des englischen Blenheim Castle errichten ließ. Ein mächtiger Wallgraben umschließt die Anlage; ein Spalier aus hohen Linden säumt die Zufahrt von der Stadt.

Wandert man jedoch vom Dörfchen Hofzumfelde zum Schloss Bothmer, säumt eine in Europa einzigartige Festonallee den Weg. Die Linden, deren Zweispitzen miteinander verwachsen sind, schmücken den 300 langen Sandweg wie eine Girlande (frz. „feston“).

Die Festonallee von Schloss Bothmer in Klütz. Foto: Hilke Maunder

Besonders britisch gibt sich auch Kalkhorst, dessen Dorfkern samt Schloss und Pfarrhaus las Gesamtanlage im letzten Jahrhundert nach englischem Vorbild entworfen wurde. Das Kalkhorster Schloss ließ der Engländer Thomson von Biel im neogotischen Stil 1852 bis 1870 errichten.

Schöner als der Backsteinbau ist der Landschaftspark, mit seinen seltenen Gehölzen eine dendrologische Schatzkammer. Die riesige, wohl 140 Jahre alte Schwarzkiefer wurde vor 50 Jahren von Forstspezialisten bewundert, ebenso die 135 Jahre alte Zeder, der Mammutbaum oder die 135 Jahre alte Tanne mit ihrem riesigen Stamm.

Im Dorf, unweit der denkmalgeschützten Kirche, erinnert ein Findling an einen berühmten Besucher: Heinrich Schliemann, der Entdecker von Troja, lebte vom Frühjahr 1832 bis Herbst 1833 aus familiären Gründen bei seinem Onkel, dem Pastor Christian Friedrich Ludwig Schliemann.

Im Garten des Pfarrhauses steht recht verfallen ein achteckiger Pavillon. Dort soll der Zehnjährige vor mehr als 170 Jahren Latein gebüffelt haben.

Kirche und Kate in Kalkhorst. Foto: Hilke Maunder

In Stellshagen hat die Heilpraktikerin Gertrud Cordes das idyllische gelegene Gutshaus ihres Großvaters in eine Wellness-Oase verwandelt, in der heute vor allem stadtmüde Großstädter auftanken.

Einmal alles loslassen. Seele und Körper entspannen, das Gleichgewicht wieder finden und gesund werden – dabei helfen, untergebracht in baubiologisch renovierten Räumen, ganzheitliche Heilmethoden und eine köstliche vegetarische Küche.

An der Wohlenberger Wiek. Foto: Hilke Maunder

Die Krönung des Klützer Winkels ist seine unverbaute Ostseeküste. Die weit geschwungene Wohlenberger Wiek ist für Kinder ideal: Stets zwei bis drei Grad wärmer als am Nachbarstrand im turbulenten Boltenhagen, ist das seichte Wasser flach genug für kleine Badenixen und Wassermänner.

Der Kastanienplatz von Boltenhagen. Foto: Hilke Maunder

Ganz anders zeigt sich die Küste wenige Kilometer weiter westlich: Zwischen Brook und dem Klützer Ortsteil Steinbeck erstreckt sich eine Steilküste, die teilweise bis zum Strand bewaldet ist. 40 Jahre lang durch den Grenzzaun geschützt, konnte sich die Natur unberührt und einzigartig entfalten. Wer Ruhe und Einsamkeit sucht oder FKK schätzt, wird diesen Naturstrand lieben.

Eine Besonderheit sind die Salzwiesen zwischen Hohen Wieschendorf und Zierow. Gelegentlich vom Meer überflutet, besitzen sie eine einzigartige Vegetation, die seltene Bodenbrüter anlockt. Das Schloss von Zierow beherbergt in seinem Anbau das Dorfmuseum und die Galeriescheune des Heimatvereins Zierow. Liebevoll zusammen getragene Exponate zeugen von der Geschichte des Gutsdorfes seit der Steinzeit.

Die Geschäfte am Kastanienplatz von Boltenhagen. Foto: Hilke Maunder

Gewölbe und Wandmalereien – manche mehr als 700 Jahre alt – schmücken die frühgotische Dorfkirche von Elmenhorst. Das Gotteshaus aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert besitzt einen markanten Westturm: Seinen in sich gedrehter Turmhelm bedecken dünne Holzschindeln.

Sehenswert sind auch die alten gusseisernen Grabkreuze auf dem Friedhof. Lautes Gemecker sollte niemanden hindern, die Straße hinaufzugehen. Dort, wo Geiß und Bock aus dem alten Fachwerkstall springen, gibt es handgemachten Ziegenkäse, lecker mit Knoblauch und Kräutern gewürzt.

„Klützer Klumpen“ oder „Kleine Brunos“ verkauft Peter Bruno auf seinem Öko-Hof im nahen Borkenhagen. Für Naschkatzen gibt es Honig: Als „Immenschiet“ lässt sich die schwere Süße des Klützer Sommers mit nach Hause nehmen.

Klützer Winkel:  Gut zu wissen

Essen & Trinken

Klützer Mühle

An der Mühle 35, 23948 Klütz, Tel. 03 88 25 22 102, www.kluetzer-muehle.de

Die Galeriemühle, 1902 erbaut, serviert seit 1985 in behaglich-bürgerlicher Atmosphäre zeitgemäße Küche mit regionalen Spezialitäten. Schön: die Aussicht von der Galerie.

Übernachten

Schloss Lütgenhof

Ulmenweg 10, 23942 Dassow, Tel. 03 88 26 82 50, www.schloss-luetgenhof.de

Wellness

Gutshaus Stellshagen

Lindenstraße 1, 23948 Stellshagen, Tel. 03 88 25 4 41 00, www.gutshaus-stellshagen.de

Dieser Beitrag wurde im Weserkurier veröffentlicht. 

Den Klützer Winkel habe ich auch in dem kompakten Taschenbuch „Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommern“ vorgestellt

Es ist ab 1991  in mehreren Auflagen im Hayit-Verlag Köln erschienen und wurde dazu kontinuierlich erweitert und aktualisiert. 

Die Lindenallee von Schloss Bothmer. Foto: Hilke Maunder

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