1993DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

E 9: Ostsee-Tour auf Schusters Rappen

Der 9. Europäische Fernwanderweg (E9) beginnt an der Biscaya. Er führt durch die französische Bretagne ins belgische Antwerpen, nach Amsterdam, Hamburg und weiter Richtung Baltikum. Bei Travemünde beginnt die wohl eindrucksvollste und abwechslungsreichste Strecke.

Zerklüftete Steilküsten mit windzerzausten Bäumen, einsame weiß-weite Strände, stille Bodden und schilfbewachsene Buchten säumen den Weg; Hansestädte, Badeorte, Künstlerdörfer berühren die Route. Voilà die schönsten Stationen des E9 “Atlantik-Nordsee-Ostsee” auf seinem Weg vom Priwall bis zur Peene.

Das Lübecker Holstentor. Foto: Hilke Maunder

Lübeck

Idealer Ausgangspunkt ist die alte Hansestadt an der Trave. Holstentor, Marienkirche, Buddenbrookhaus, schmale “Gänge”, Speicher und Patrizierhäuser verhalfen Lübeck zum Ehrentitel “UNESCO-Weltkulturerbe”. Wenige Kilometer flussaufwärts liegt Travemünde, berühmt für seinen breiten Strand.

Vom Strandkorb aus schweift der Blick auf die großen Pötte, die hier rege ein- und auslaufen:  Travemünde gilt als wichtigstes Terminal für den Skandinavienverkehr. Zum Priwall hinüber, dem Bindeglied nach Mecklenburg, tuckert eine alte Autofähre, vorbei an der Passat, dem Schwesterschiff der legendären Pamir.

Klützer Winkel

Spalierartig gezogene und beschnittene Linden säumen als “Festonallee” den Hohlweg zur Hauptattraktion des Klützer Winkels: Schloss Bothmer, größter Herrschaftssitz des Landes. Die 16 Hektar große Barockanlage wurde im Stil von Blenheim Castle erbaut. Zwei schöne Abstecher zum Baden liegen nur wenige Kilometer entfernt: das mondäne Ostseeheilbad Boltenhagen und die Wohlenberger Wiek, eine sanft geschwungene flachen Bucht mit Naturstrand.

Die Festonallee von Schloss Bothmer in Klütz. Foto: Hilke Maunder

Wismar

Trotz der Bomben der Alliierten, die der alten Hansestadt in einer Nacht riesige Narben zufügten, ist die Altstadt ein Kleinod mittelalterlicher Baukunst. Das Wassertor am Alten Hafen ist das einzig erhaltene Wassertor Deutschlands, das Mittelschiff der Nikolaikirche mit 37 Meter das höchste im Ostseeraum.

Am Marktplatz erinnert der “Alte Schwede”, heute ein Restaurant mit Preisen, die deftiger sind als die Küche, an die 150 Jahre schwedischer Herrschaft. Erst 1803 kehrte Wismar nach Mecklenburg zurück. Sechs Kilometer südlich liegt der Ursprung des Landes. In Dorf Mecklenburg wurde 995 durch Kaiser Otto erstmals die “Miklinburg” urkundlich erwähnt.

Erinnern an die nordischen Besatzer: die Schwedenköpfe von Wismar. Foto: Hilke Maunder
Der Südgiebel der Nikolaikirche von Wismar. Foto: Hilke Maunder

Poel

Das plattgrüne Eiland in der Wismarer Bucht weckt Nordsee-Erinnerungen. Ein schmaler Damm führt, vorbei an Salzwiesen, hinüber nach Poel, das auf kleinstem Raum Steilküste und Sandstrände, Kiefernwälder und Kopfweiden, Stille oder Trubel bietet.

Hauptort ist Kirchdorf, benannt nach der alten Backsteinkirche am Ortsausgang. Timmendorf mit seinem alten Leuchtturm ist fest in den Händen der Segler und Camper; in Schwarzenbusch säumen Sommervillen die Promenade.

Ende August an der Ostsee bei Rerik. Foto: Hilke Maunder

Rerik

“Alt Gaarz” hieß einst der Fischerort zwischen Ostsee und Salzhaff, in dem 1897 ein geräucherter Aal noch für eine Mark zu haben war. 1938 erhielt der geruhsame Badeort mit dem Stadtrecht auch einen neuen Namen: Rerik. Doch das änderte nicht viel: Rerik ist immer noch ein beschauliches Städtchen, abseits vom Alltagsstress.

Seine Attraktion ist die 170 Meter lange Seebrücke, an alte Traditionen erinnert die kleine Heimatsammlung in der ehemaligen Schenke “Zum Seebär”. Auf dem nahen Bastorfer Signalberg trotzt seit über 100 Jahren ein rot-weißer Leuchtturm Wind und Wetter – bei klarer Sicht ein toller Aussichtspunkt.

Nienhagen

Der “Gespensterwald”: Nur 15 Hektar groß ist das Naturschutzgebiet, das sich auf 1,3 Kilometer entlang des zehn Meter hohen Kliffs entlang zieht, und doch so vielfältig: Waldhyazinthen und Knabenkraut blühen hier, Ilex, Waldprimel und Geißblatt säumen den Weg. Karmingimpel brüten inmitten der verkrüppelten Bäume, Zwergschnäpper sind im Buchenwald heimisch. Und in der Steilküste haben die Uferschwalben ihre Nester gebaut.

Dieser Findling erinnert an die Gründung des ältesten deutschen Seebades. Foto: Hilke Maunder

Heiligendamm

Es war das erste deutsche Seebad. Heiligendamm, die weiße Stadt am Meer. Und jetzt will sie wieder das Erste in Deutschland werden. Auf der Seebrücke verschmelzen Legende und Vision: In sanften Schwung säumen sich Villen, Hotel und Kurhaus die Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern und bilden ein einzigartiges klassizistisches Kleinod zwischen Kieselstrand und Buchenwald.

Zum Jahreswechsel 2002/3 soll das denkmalgeschützte Ensemble als “Grand Hotel Heiligendamm” zu neuem Leben erwachen. Für den Erfolg des ehrgeizigen Projektes stehen die Kölner Fundusgruppe und die Kempinski AG, die bereits beim dem Berliner Hotel Adlon Hotelgeschichte erfolgreich fortgeschrieben haben.

Das Kurhaus von Heiligendamm vor der Sanierung. Foto: Hilke Maunder

Der Vorschlag, nahe der herzoglichen Sommerresidenz Bad Doberan ein Seebad zu errichten, war von dem Leibarzt Samuel Gottlieb Vogel ausgegangen. Es sei bewiesen, dass das Baden im Meer für “sehr viele Schwachheiten und Kränklichkeiten des Körpers heilsam sei, hatte der Universitätsprofessor aus Rostock an seinen Herzog Franz Ferdinand I. geschrieben.

Haus Mecklenburg vor der Sanierung. Foto: Hilke Maunder

Da an Englands Küsten bereits im 18. Jahrhundert 60 stark besuchte Seebäder existierten und die “verrückten Briten” in jedem kleinen Fischerdorf zum Baden ins Wasser sprangen, griff der Herzog den Vorschlag bereitwillig auf – ärgerte es ihn doch seit langem, dass seine betuchten Landsleute ihr Geld ins Ausland bringen, wo sie das traute Nebeneinander von Badekur und Vergnügen genossen.

Das Doberaner Münster. Foto: Hilke Maunder

So ließ er nicht nur das Seebad, sondern auch eine Spielbank anlegen – im nahen Bad Doberan. Seit mehr als 100 Jahren verbindet die historische Kleinbahn “Molli” das Moorbad mit dem Kurort an der Küste, dampft im Halbstundentakt über die Kopfsteinstraßen der Kreisstadt, schnauft die 150 Jahre alte Lindenallee entlang und hält mit lautem Pfeifen in Heiligendamm.

Der Nostalgiezug “Molli” hält auch in Kühlungsborn-West-Foto: Hilke Maunder

Rostock

Rostock ist anders: Hanse und Hafen brachten schon früh Fremde in die größte Stadt Mecklenburgs, Freigeist und Forschung die Universität. Das Leben pulsiert in der Stadt an der Warnow. Boutiquen, Cafés, Kaufhäuser und Krimskramsläden säumen die Kröpeliner Straße zwischen Rathaus und Torturm.

Mitten im dichten Gedränge: Straßenmusiker, Zauberkünstler, Akrobaten. Nur am Sonntag ist die Stadt wie leergefegt – dann zieht es die Hanseaten hinaus nach Warnemünde. Mit Kind und Kegel spazieren sie am Alten Strom hin zum Leuchtturm, lassen sich die steife Brise um die Nase wehen, kaufen frisch geräucherten Fisch am Kai oder lassen sich im Spa des Hotel Neptun so richtig verwöhnen.

Warnemünde: Leuchtturm am Alten Strom. Foto: Hilke Maunder

Ribnitz-Damgarten

Heute gehören sie zusammen: das einst mecklenburgische Ribnitz und das pommersche Damgarten. Durch das wuchtige Rostocker Tor führt der Weg zu den “Ribnitzer Madonnen” in der Ribnitzer Kirche.

Hauptattraktion der 750 Jahre alten Stadt am Bodden ist das Bernsteinmuseum mit Schaukästen zur Entstehung, Herkunft und Verarbeitung des fossilen Harzes. Besonders schön: die goldgelben Prachtstücke mit Einschlüssen von Insekten und Kleinstlebewesen

Unbedingt sehenswert ist auch das Freilichtmuseum Klockenhagen. Schafe grasen vor dem Backhaus; Wurst und Schinken hängen zum Räuchern in der Diele des alten Hallenhauses, dessen Reetdach sich tief über das helle Fachwerk zieht. Vorbei an den alten Landarbeiterkaten führt ein Feldweg, alte Apfelbäume blühen am Rain, eine Lerche singt.

Wunderschön: die alte Kate auf der Halbinsel Wustrow. Foto: Hilke Maunder

Fischland/Darß/Zingst

Reetgedeckte Ferienhäuser, die sich hinter den Dünen ducken, und überall Schilf – das ist Fischland. Dort, wo sich die Insel aus dem Meer hebt, die Küste beim “Hohen Ufer” steil zum Strand abfällt, liegt Ahrenshoop. Um die Jahrhundertwende machten Maler den idyllischen Ort zwischen Bodden und Ostsee als Künstlerdorf berühmt.

Riesige alte Kiefern, vom Wind geboren, ein erst am Horizont endender Gründeich, dazu ein ausgedehntes Netz an Wanderwegen: Dar· ist fest in der Hand der Bundschuh-Touristen. Mit Karohemd und Kniebundhose geht es zum Darßer Ort.

Besonders bei Sonnenuntergang herrscht am Backsteinleuchtturm Hochbetrieb. Pensionen mit Patina prägen Zingst, den Hauptort der gleichnamigen Insel, deren Marschlandschaft recht friesisch anmutet.

Ahrenshoop: abends am Bodden. Foto: Hilke Maunder

Stralsund

Der schönste Blick über die Hansestadt am Strelasund bietet sich vom Turm der Marienkirche: Mächtige Bastionen, von denen noch wehrhafte Reste erhalten sind, schützten nicht nur die vier Kirchen der Altstadt, sondern auch die prunkvollen Patrizierpaläste, die schmalen Bürgerhäuser und die kleinen Katen der Handwerker und Seeleute. Mitten in der Altstadt liegt das weltberühmte Meeresmuseum mit dem Hiddenseer Goldschmuck, einem riesigen Finnwal-Skelett und dem beeindruckenden Aquarium.

Steile Klippe: die Kreideküste von Rügen.
Foto: Hilke Maunder

Rügen

Rügen, mit 926 Quadratkilometer größte deutsche Insel, ist zum Träumen schön: platt und weit der Süden, sanfte Hügel im Innern, strahlend weiße Kliffs im Norden. Und mittenmang: Binnenseen und Bodden, umgeben von Schilf und Rohr. Durch die Orte weht noch immer ein Hauch von Gestern. In Putbus jagte Graf Malte, nach Binz kam die bessere Gesellschaft zur Kur.

Am Markt von Greifswald, 1992. Foto: Hilke Maunder

Greifswald

Ein mutiger Entschluss bewahrte Greifswald vor den Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg: Der damalige Stadtkommandant Oberst Rudolf Petershagen übergab die beschauliche Unistadt kampflos den Alliierten.

So beherrschen noch heute die “dicke Marie” (St. Marien) und der “lange Nicolai” (Dom) statt Betonklötze die Stadt, laden Kopfsteingassen zum Bummeln ein, trifft man sich auf Plätzen und Brücken, flanieren jung und alt am Sonntag über den Wall.

Beeindruckende Backsteingotik: der Turm des Greifswalder Domes Foto: Hilke Maunder

Berühmtester Greifswalder ist Caspar David Friedrich. Der Romantiker verewigte nicht nur die historische Stadtsilhouette auf seine Gemälden, sondern auch die vier Kilometer entfernte Klosterruine Eldena, der Greifswald sein Entstehen verdankt.

Wolgast

Die alte Herzogsstadt am Peenestrom, heute von einem Hauch Tristesse umgeben, erlebte ihre große Zeit im 18. Jahrhundert: 65 Segler zählte damals die stattliche Flotte. Heute dümpeln im Hafen Ausflugsschiffe: über das Achterwasser führt die Fahrt nach Usedom, der “pommerschen Riviera” im Oderhaff.

Doch “Leinen los” heißt es später: Zunächst zur “Kaffeemühle”, dem ältesten Gebäude der Stadt, mit dem Peenemünder Goldschatz aus dem 10. Jahrhundert, dann zum Rathaus mit seiner fast südländischen Fassade, weiter zur wuchtigen St. Petri-Kirche, und rasch noch hinaus nach Freest, wo in der Heimatstube die alten handgeknüpften Fischerteppiche zu sehen sind, verziert mit Fischen, Schiffen, Möwen und Wellen.

Das Rathaus von Wolgast. Foto: Hilke Maunder

Ahlbeck

“Badewanne von Berlin” hieß Ahlbeck einst im Volksmund – heute kommen die Besucher selbst aus Hamburg zum Sonntagsspaziergang. Angelockt von den bunten Fischkuttern, die malerisch auf dem knapp 100 Meter breiten Strand ruhen, marschieren sie hin zur Seebrücke, dem Wahrzeichen des Ortes.

Die strahlend weiße Pier mit ihren vier verspielten Türmchen, 1899 ganz aus Holz gebaut, inspirierte Filmer und Werbeleute: Loriot drehte hier zum Beispiel Szenen für “Ödipussi”. Wunderschön: Ein Bummel auf der zehn Kilometer lange Strandpromenade von Bansin über Heringsdorf nach Ahlbeck, vorbei an altehrwürdigen Grandhotels und prachtvollen Pensionen, deren Pracht das fahle Abendlicht völlig der Zeit entrückt.

Kurz hinter Ahlbeck endet der Weg am Schlagbaum: Bei Kamminke beginnt Polen. Ein gültiger Reisepass genügt für den Besuch im nahen Swinoujscie (Swinemünde).

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4/1993 der Zeitschrift “Reisefieber” aus dem Hayit-Verlag Köln erschienen. 

Startklar für den nächsten Törn: das Fischerboot aus Warnemünde. Foto: Hilke Maunder

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