1993DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Schön schaurig: das Schweriner Schloss

Was wäre Schwerin ohne sein Schloss? Wie kein zweiter Bau prägt es das Antlitz der Landeshauptstadt, lockt die Touristen in die Stadt der sieben Seen.

Die Geschichte des Schweriner Schlosses reicht bis ins Jahr 600 zurück. Damals hatten die Obotriten als größter westslawischer Stamm auf der heutigen Schlossinsel im Schweriner See eine Burg auf Pfählen errichtet. Als 1160 Heinrich der Löwe mit seinen Mannen auftauchte, erkannte der slawische Stamm die Übermacht der deutschen Eroberer, zerstörte seine Stammburg Zuarin und zog sich ins Landesinnere zurück.

Aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage wurde die Burg rasch wieder aufgebaut. 1358 zogen die mecklenburgischen Herzöge in die Burg ein, die sich im 16. Jahrhundert langsam in ein Renaissance-Schloss verwandelte. „Ein bisschen Chambord und ein bisschen Walt Disney“, wurde das Schweriner Schloss einmal beschrieben.

Neuschwanstein des Nordens

Seine heutige Form erhielt das Schweriner Schloss im 19. Jahrhundert unter Herzog Friedrich Franz II. Ganz dem damaligen Zeitgeist der Romantik entsprechend, träumte der baulustige Herzog von einem norddeutschen Neuschwanstein. 1843 begann Hofbaurat Georg Adolph Demmler zusammen mit Baukonstrukteur Hermann Willebrand mit den Planungen des Mecklenburger Märchenschlosses. Doch erst der dritte Entwurf, an dem Gottfried Semper beratend mitgewirkt hatte, gefiel Friedrich Franz.

Als Vorbild diente das pompöse Loire Schloss Chambord, lange Zeit Residenz des französischen Königs. Die politische Tätigkeit seines Hofarchitekten – der Demokrat Demmler hatte sich nicht nur bei der Revolution von 1848 engagiert, sondern auch noch gewagt, eine soziale Absicherung seiner Arbeiter zu fordern – jedoch waren dem Herzog ein Dorn im Auge.

1851 wurde Demmler entlassen und durch Friedrich August Stüler aus Berlin ersetzt, der Demmlers Entwurf zur Stadtseite hin erneut veränderte. Am 26. Mai 1857 schließlich feierte Schwerin die festliche Einweihung des Prunkbaus, für die Friedrich von Flotow eigens eine heute nahezu unbekannte Oper komponierte.

Nach der Novemberrevolution 1918 Eigentum des Staates, kehrten 1990 die Landesfürsten zurück: Das Schweriner Schloss ist Sitz des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern. Zur Seeseite hin liegen auf drei Etagen die historischen Räume des Schlossmuseums (Eingang: Gartenportal). In der sogenannten Belétage befinden sich die Wohnräume der herzoglichen Familie.

Hinein ins Schweriner Schloss!

Im holzgetäfelten Speisesaal werden Berliner Porzellane und geschnitzte Tafeln mit Tier- und Früchte-Stillleben gezeigt. Die Rote Audienz und das Teezimmer schmücken Prunkvasen aus Russland und Japan. Vom Blumenzimmer im Turm gelangte die Großherzogin einst in den Garten. Das Winterzimmer zur Hofseite zeigt Gemälde Mecklenburger Hofmaler und Porzellane der Berliner Manufaktur.

Wandgemälde mit Allegorien der Jahres- und Tageszeiten zieren die Sylvestergalerie. Kalte Pracht prägt die darüber liegenden Festetage mit den Repräsentationsräumen. Pompöser Prunk im Thronsaal: Vom leicht zerschlissenen Rokoko-Stuhl unter den Troddeln des Baldachin regierte Durchlaucht das Land zwischen Ostsee und Elbe.

Zwischen den Säulen aus Carrara-Marmor und dem vergoldeten Pappmaché-„Stuck“ liegen die Wappen aller Städte des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin. Allegorische Figuren zeigen Berufe der damaligen Zeit. Eine lückenlose Darstellung aller Herzöge zeigt die Ahnengalerie.  Mehr als zwölf Generationen – von Herzog Albrecht II. (1348) bis zu Herzog Friedrich (1800), der Residenz nach Ludwigslust verlegte – zeigen hier Größe und Format.

In der Schlössergalerie informierten Gemälde und Zeichnungen über die großherzoglichen Schlösser, Sommer- und Jagdsitze. Das Adjutantenzimmer besitzt schöne Majolika und japanische Porzellane des 19. Jahrhundert. Sehenswert ist auch die Bibliothek: Auf den wertvollen Schränke aus poliertem Eichenholz stehen lebensgroße Büsten aus Pappmaché, Gips und Marmor.

Statt Spielzeug birgt das Kinderzimmer im Erdgeschoss heute Malerei aus Mecklenburg vom 18. bis 20. Jahrhundert (Zugang: Gartenportal). In der Zwischenetage ist das Museum für Ur- und Frühgeschichte mit Bodenfunden aus Mecklenburg-Vorpommern untergebracht. Aus dem ehemaligen Tanzsaal, nach dem Besuch des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV zum „Königssaal“ erhoben, dringt Kaffeehaus-Musik.

Bis auf den letzten Platz ist das Schlosscafé besetzt. Ein Blick auf die Speisekarte machte mit dem Schlossgeist bekannt. Das „Petermännchen“ wird heute werbewirksam vermarktet: Sein Name schmückt Bier und Bimmelbahn gleichermaßen.

Nach Erzählungen eines Pinnower Bauern soll der gute Geist der Stadt vor seinem Umzugs ins Schloss erst auf einem hohen, ziemlich isolierten Hügel in der Nähe des Pfaffenteiches gewohnt haben. Nur wenige haben das Petermännchen je zu Gesicht bekommen.

Die Sage vom Petermännchen

„Ein vom Alter zerfurchtes, aber nicht abschreckendes Antlitz, mit langem, weißen Barte und grauen Locken unter dem breitkrempigen Hute, den Mantel über die Schulter geworfen und mit Reiterstiefeln bekleidet“, heißt es über die Hauptfigur des größten mecklenburgischen Sagenzyklus. Sein Bildnis ist im Säulenzimmer des Schlosses zu sehen.

Die Farbe des Mantel wählte das Petermännchen dabei nach der Befindlichkeit auf der Burg – weiß für Freude, schwarz für Trauer. Das Reich des gutmütigen, wachsamen Hausgeistes sind die Kellerräume des Schweriner Schlosses. Freundlich und nett gegen die Herren im Hause, ist der kleine Kobold gegenüber Fremden ein rechter Quälgeist.

Durch Poltern und Neckereien stört er solange die nächtliche Ruhe, bis die Eindringlinge die Flucht ergriffen. Auch prüft und beobachtet Petermännchen die Dienerschaft der Burg und straft die Treulosen. Besonders die Silberkammer steht unter seiner Aufsicht. Als Hüter wacht Petermännchen über irdische und göttliche Güter.

„Dies erfuhr ein Soldat der Schlosswache, den der Burggeist, nachdem er ihn geprüft und für treu befunden hatte, um eine Dienstleistung bat. Muthig folgte ihm der Jüngling durch lange dunkle Gänge zu einem geräumigen, mit räthselhaften Zeichen geschmückten, und durch eine Lampe erhellten Zimmer, in dessen Mitte ein langer schwarzer Tisch stand.

Der Geist nahm ein altes, verrostetes Schwert vom Tische, und bat den jungen Krieger, dasselbe blank zu putzen, wie seine eigenen Waffen. Bereitwillig geht dieser an die Arbeit, die unter seinen geübten Händen rasch vorwärts geht, da kracht plötzlich ein Donnerschlag durch die unterirdischen Hallen, dass dieser betäubt zu Boden sinkt.

Als er erwacht, findet er sich auf dem Schlosshofe wieder, aber ein schwere Goldbarren in seiner Tasche, der Lohn seiner Arbeit, überzeugt ihn, daß er nicht geträumt hat.“

Quelle der Sage: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte, XXXII, 1867, Seite 83/84

Die tödliche Umarmung

Einem Gespenst gleich war auch die „Eiserne Jungfer“. 1832 und 1834 reiste der Engländer Pearsall nach Schwerin, um die letzten Überbleibsel der mittelalterlichen Hinrichtungs-Maschine aufzuspüren. Im alten Burgverlies fand er, auf der Erde liegend, fünf gewaltige, zweischneidige Schwerter, je acht Pfund schwer.

Die scharfen Eisenschwerter gehörten zu einem großen, zwei Meter hohen Holzschrank. Der Sünder musste in den Schrank hinein steigen – und wurde beim Schließen der Tür lebendig geschlachtet: Zwei Klingen durchbohrten die Augen, die anderen Spitzen zerschnitten Arm und Rumpf.

Die Werkzeuge zur „tödlichen Umarmung“, wie der Richterspruch lautete, sind heute ausgestellt im Archäologischen Landesmuseum, untergebracht in der Zwischenetage des Schlosses. Unter den Folterwerkzeugen des Schlosses ist auch das „Mecklenburger Instrument“ vertreten: Es presste Daumen und Zehen kreuzweise aufeinander. Das Schweriner Schloss ist im wahrsten Sinne des Wortes schrecklich schön.

Dieser Beitrag ist 1993 als Feature in der jährlichen Broschüre „1000 Ausflugsziele in Mecklenburg-Vorpommern“ im Peter-Dreves-Verlag Büdelsdorf erschienen. 

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