1993DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Der Sonntagshecht von Teterow

Nichts ist besser geeignet, die Menschen eines Landstriches kennenzulernen als ihren Sagen, Erzählungen und Geschichten zu lauschen. In Mecklenburg hat ein Mann wie kein Zweiter die Volksseele auf Papier gebannt: Fritz Reuter.

Keiner verstand es gut wie er, die Menschen zwischen Ostsee und Elbe in ihren Eigenarten zu porträtieren, große Geschichte mit kleinen Schicksalen zu verweben, tränenrührende Tragik und trautes Heim ohne falschen Pathos zu verbinden. Reuter schrieb, wie die Mecklenburger sprachen: im vertrauten Niederdeutsch, op platt.

Seine Charaktere sind bis heute lebendig geblieben. Mudder Schulten, Onkel Bräsig und Dörchläuchtig kennt in Mecklenburg jedes Kind. Der geistige Vater der Volksfiguren kam am 7. November 1810 als Sohn des Bürgermeisters in Stavenhagen zur Welt. In der beschaulichen Ackerbürgerstadt, damals eine der kleinsten Städte des Landes, verbrachte Fritz Reuter nur seine Kindheit. Dann führten ihn die Schulbesuche in Anklam und Parchim aus Stavenhagen fort.

In Jena wurde Reuter wegen “Umtrieben” in der Vormärz-Bewegung 1833 verhaftet. Nach dreijähriger Festungshaft wurde Reuter 1836 zunächst zum Tode, dann zu 30jähriger Festungshaft verurteilt. Nach sieben Jahre jedoch kam die lang ersehnte Begnadigung. Reuter fand eine Stellung in der Landwirtschaft, arbeitete dann als Hauslehrer und Redakteur.

Ob während der Jahre in Neubrandenburg oder im thüringischen Eisenach, wo er am 12. Juli 1874 verstarb, immer blieb die sanft gewellte Hügellandschaft mit ihren rapsgoldenen Feldern, den grünen Weiden und den watteweißen Wolken am strahlend blauen Himmel in seinem Herzen lebendig.

Den Menschen huldigte er in seinen Geschichten. Besonders reich an Geschichten ist Teterow, das “Klein-Berlin” der Ackerbürgerstädte. Zwei Tore umschlossen die alte Stadt: Im Malchiner Tor, im 19. Jahrhundert Stadtgefängnis, ist heute das sehenswerte Heimatmuseum untergebracht.

Schöner, wenngleich 25 Jahre jünger, ist das Rostocker Tor, im gotischen Stil mit unsymmetrischer Außenfassade errichtet. Noch aus slawischer Zeit stammt die Burgwallinsel im Teterower See, zu der noch immer ein Fährmann mit einer alten Kettenfähre übersetzt. Vor mehr als 100 Jahre geschah hier eine so amüsante Angelegenheiten, die fortan der Stadt den Beinamen “Schilda von Mecklenburg” eintrug.

Damals fingen zwei Fischer im Teterower See einen so großen Hecht, wie sie ihn noch nie aus dem Wasser gezogen hatten. Am Landeplatz angekommen, meldeten die beiden Fischer sofort ihren kapitalen Fang im Rathaus. Die hohen Herren riefen erfreut aus: “Das ist der richtige Happen für die Königstafel beim nächsten Schützenfest.”

Sie gaben den beiden Männern den Auftrag: Werft den Fisch wieder in den See – aber bindet dem Hecht eine große Glocke um den Hals, damit ihr ihn auch später wiederfindet. Gesagt, getan. Um aber völlig sicher zu gehen, den Fisch zum Festtage anzutreffen, ritzten sie mit ihrem scharfen Messer eine Kerbe in die Bootswand, genau an der Stelle, wo sie den Hecht wieder in das Wasser geworfen hatten.

Die Wochen vergingen, dann näherte sich das Schützenfest. Die beiden Fischer fuhren hinaus, ihre Kerbe als Kompass. Ddoch vergeblich, nirgendwo ließ sich der Hecht hören noch sehen. Keine Glocke bimmelte, keine kapitaler Fisch tauchte auf. Mit leeren Händen kehrten die beiden Fischer zurück. Die Enttäuschung in der Stadt war groß. Doch noch größer die Schadenfreude und das schallende Gelächter über die “Klugheit” der Ratsherrn und ihrer Fischer.

Seit 1913 erinnert vor dem Rathaus der “Hechtbrunnen” an die Begebenheit. Ein splitternackter Knabe schlingt um seine Schultern einen riesigen Hecht, die Glocke am Hals fest mit der kleinen Kinderhand umschlossen. Mit tapsigen Schritten balanciert der Junge auf einer Halbkugel.

Im Sockel des Brunnens erinnert ein plattdeutscher Vers an die Sage:

“Weck Lüd sünd klauk, un weck sünd daesig/Un weck, dei sünd wat aewernäßig/Lat`t ehr spijöken, Kinnings lat`t/Dei Klock hett lürrd/dei Häkt is fat`t.” Auf Hochdeutsch heißt es dort: “Manche Leute sind klug, und andere sind dumm/Und andere sind etwas überheblich/ Lasst sie spotten, Kinder, laßt sie/Die Glocke hat geläutet, der Hecht ist gefangen.”

Zum Schmunzeln ist eine Geschichte, die in Parchim an der Elde passierte. In “Pütt”, wie es die Einheimischen einst nannten, besuchte Reuter von 1828 bis 1831 das Gymnasium. In der Buchhandlung der Kreisstadt, erzählt Reuter, wollte einst ein Bauer einen Globus kaufen. Der Verkäufer reicht eine bunte Kugel hinüber. Der Bauer schaut sich Australien an, blickt auf Grönland und fragt dann zaghaft: “Haben Sie nicht einen kleinen, nur von Mecklenburg?”

Mit “Ut mine Stromtid” machte Reuter die Mecklenburger mit Onkel Bräsig bekannt. Zacharias Bräsig, der Inspektor: untersetzter Mann mit großem Kopf und kurzen Beinen, dickem Bauch und Knollennase. Seine Philosophie: “Dass Du die Nas` ins Gesicht behälst.” Die “Stromtid” hat nichts mit den mehr als 1000 Mecklenburger Seen oder Gewässern zu tun.

Ein “Strom” meint im Volksmund einen Landmann. Reuter schildert in seinem bis heute populärsten Roman seine Eindrücke und Erfahrungen als Landwirtschaftsvolontär in Demmin, verarbeitet darin seine späteren Erlebnisse als Redakteur des “Unterhaltungsblatts für beide Mecklenburgs und Pommern” in Treptow. Reuter hat nicht nur die Sonnenseiten des Lebens geschildert.

Recht nachdenklich, in Papieren blätternd, blickt er überlebensgroß vom Denkmal vor seinem Geburtshaus auf die Menschen hinab. Die Schatten über dem Land, die noch heute länger sind als in allen anderen Bundesländern sind, schilderte Reuter damals in “Kein Hüsung”. Kein Hüsung, etwas schlimmeres kann es für die Menschen nicht geben, keine Heimstatt, Wohnung, kein Zuhause.

“Kein Hüsung” ist die qualvolle Strafe für eine tiefe Liebe, die sich gegen die Konvention stemmt. Marie Brand, die Tochter eines Tagelöhners, liebt den Knecht Johann Schütt. Doch der Gutsherr fordert, wie damals durchaus üblich, das “Recht der ersten Nacht”. Als Marie sich dem Herren verweigert, wirft der Gutsherr die beiden hinaus, gibt ihn “kein Hüsung”.

Er ist nicht der einzige, der das Tor vor den beiden zuschlägt. Überall im Herzogtum wird den beiden das Wohnrecht verweigert. Marie erwartet inzwischen ein Kind von Johann. Als letzte Rettung winkt Amerika. Doch Marie, ganz treue Tochter, will ihren alten Vater nicht zurücklassen. Als der alte Tagelöhner im Sterben liegt, rächt sich der Gutsherr erneut und verbietet, einen Arzt zu holen. Stattdessen solle ein Eimer mit Wasser und ein Bündel Heu ans Sterbelager gestellt werden.

“Friss oder Stirb”. Johann protestiert. Der Gutsherr lässt ihn auspeitschen. Zornentbrannt greift der gedemütigte Knecht zur Heugabel, sticht seinen Herrn nieder. Während Johann fliehen kann, wird Marie, angetrieben von der bigotten Gutsherrin, langsam wahnsinnig. Sie begeht Selbstmord und wird an der Gutsmauer verscharrt.

Auf dem Grabstein der Gutsherrin werden indes mit Gold unterlegter Schrift ihre Tugenden gelobt. Einzig das Kind überlebt. Es wird, zehn Jahre später, von Johann in die neue Welt geholt. Denn: “Fri sall hei sin!”. Frei sind sie nun, die Mecklenburger, befreit von Plan und Zaun, aber auch von staatlich verordneter Sicherheit.

Enttäuscht von all dem Neuen, wenden sie sich ihren alten Werten und Wurzeln zu. Heimatliteratur, Trachtenvereine, Volkstanzgruppen erleben eine unerwartete Renaissance. 1995 wollen sie das 1000-jährige Bestehen ihres Landes feiern.

Und was meint Reuter dazu? Stolz lässt er seine “Urgeschichte” beginnen: “As uns` Herrgott de Welt erschaffen ded, fung hei bis Mecklenborg an.”

Dieser Beitrag ist 1993 als Feature in der jährlichen Broschüre „1000 Ausflugsziele in Mecklenburg-Vorpommern“ im Peter-Dreves-Verlag Büdelsdorf erschienen. 

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