2005DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Mecklenburg im Hausboot: einfach treiben lassen

Ein elf Meter langer Stahlkoloss und ein Labyrinth aus 1000 Seen, Flüssen und Kanälen: Wer als Freizeitskipper nach einer Stunde Theorie ohne Führerschein auf der Mecklenburger Seenplatte schippert, gerät bei aller Ruhe ringsum durchaus ins Schwitzen.

Die „Schleie“ ist ein richtiges Schiff, elf Meter lang, acht Tonnen schwer und ziemlich breit. Ihre gedrosselten Dieselmotoren lassen die Stahljacht vom Typ Kormoran mit acht bis zehn Kilometer pro Stunde gemächlich durch die Fluten gleiten – nur jetzt scheint das Hausboot selbst im Rückwärtsgang auf die hohen Stahltore der Schleuse Mirow zuzurasen.

Doch diese Empfindung ist wohl subjektiv. Gelassen winken andere Skipper auf Zeit zu Gesche Harm (42) am Oberdeck hinüber, auf deren Stirn sich kleine Schweißperlen bilden. „Legen wir erst einmal an – vielleicht ist die Schleuse dann leerer…“ Der Wartekai für Sportbootfahrer entpuppt sich als schmaler Steg aus Gitterrost mit Pollern, die dem Miniaturwunderland entsprungen zu sein scheinen.

Zu dritt unterwegs: unser Hausboot-Törn in Mecklenburg. Foto: Hilke Maunder

Die Schleuse Mirow ist das erste Nadelöhr auf dem Weg in das weit verzweigte Labyrinth der Mecklenburger Seenplatte. Kajaks und Kanus, Segel- und Schlauchboote, Kajütjachten und Binnenschiffe drängen sich in der 50 Meter langen Schleusenkammer.

„Richtig zu schleusen ist eure Reifeprüfung“, hatte am Nachmittag Konrad Apel (62) im Hafendorf Müritz seine kleine Gruppe nach dem einstündigen Schnelldurchlauf durch das Revier und seine Tücken verabschiedet. Und geraten: „Vergesst die Müritz – fahrt lieber gen Süden durch die Kanäle, kleinen Seen und Flüsse: Das ist viel idyllischer.“

Ein Haarklammer hält unsere Gewässerkarte… Foto: Hilke Maunder

Die Müritz, mit 117 Quadratkilometern größter Binnensee in deutschen Grenzen, darf ohne einen Sportbootführerschein nur am Westufer von Rechlin via Röbel nach Waren befahren werden. Alle Müritzfahrten müssen im Hafenbüro an- und abgemeldet werden – sonst rückt Wasserschutzpolizei zur Rettung aus. Wie gefährlich die „Moracze“, das „kleine Meer“ der Slawen sein kann, zeigt sich bei mäßigen Wind.

Bereits ab Windstärke drei entstehen steile Wellen, ist der See für kleine Boote nicht mehr befahrbar. Das Ostufer der Müritz, schon zu DDR-Zeiten als Jagdgebiet von Willi Stoph und Genossen gesperrt, bildet heute die Kernzone des 318 Quadratkilometer großen Müritz-Nationalpark. 400 Kilometer Rad- und Wanderwege erschließen seine Wälder und Wiesen, Moore und Seen.

Bei Rechlin: Natur pur am Sumpfsee. Foto: Hilke Maunder

Doch vor der Abfahrt wartet noch Jorge Valdivia (42) am Bootssteg. Der Kubaner ergänzt die Theorie mit praktischen Fahrübungen im plötzlich arg engen Claassee: Mann über Bord, Wenden mit und ohne Bugstrahleruder, „bremsen“ und anlegen – erst seitlich, nach rückwärts mit dem Heck an den Steg und fest vertäuen. Als Nachweis für die insgesamt dreistündige theoretische und praktische Einweisung gibt es eine Charterbescheinigung.

Sie gilt für die Dauer der Mietzeit und berechtigt, mit einem höchstens zwölf Kilometer in der Stunde schnellem und maximal 15 Meter langen Boot ein Revier zu befahren, das von Dömitz an der Elbe über Schwerin und die Müritz bis nach Mildenberg an der Havel reicht: 371 Kilometer Wasserwege für Entdecker und Genießer.

Vor der Mirower Schleuse. Foto: Hilke Maunder

Vom Steuerstand dirigiert Gesche die „Schleie“ aus dem Hafendorf Müritz, das Kuhnle-Tours seit 1991 auf dem Gelände der ehemaligen Bootswerft Rechlin angelegt hat. Kaum hat das Schiff den geschützten Stichkanal zum Claassee verlassen, fegen steife Brisen über die südliche Müritz. Dicht unter Land stampft die Schleie Richtung Vipperow, wo ein Fischer am Ufer Aale, Forellen und Heringe räuchert.

Eine weiße Tafel ragt aus dem dichten Schilfgürtel. Der Blick durch das Fernglas und auf die Karte des Bordbuchs bestätigt: Das müsste die Einfahrt zur Müritz-Havel-Wasserstraße sein. Vor der engen Brücke der B 198 lässt Gesche das Horn blöken. Achtung, Gegenverkehr. Und eine Kurve, nicht einzusehen vor der Durchfahrt. Ein Meter trennen Boot und Schilf. Erschreckt flüchtet eine Wasserralle mit ihrem Jungen, einer Kugel aus Federn.

Doch jetzt wartet die „Schleie“ vor der Schleuse von Mirow. Das Licht wechselt auf Grün. Kein weiteres Schiff ist zu sehen. „Schnell rein und los, dann rammen wir wenigstens niemanden.“ Die Schleusentore schließen sich. Wasser gurgelt. Leinen, an Heck und Bug hinter gelb markierte Stangen an der Spundwand gezogen, halten die „Schleie“ auf Position. „Mit unserer Muskelkraft“, ergänzt Gesche, „ich spür’s schon in den Armen“.

Beim Aufwärtsschleusen in der Mirower Schleuse. Foto: Hilke Maunder

Bei der Ausfahrt drücken Strömungen die Stahljacht wie eine Feder nach links oder rechts. Erst viele Meter hinter der Schleuse reagiert das Ruder wie gewohnt auf die Steuerbefehle vom Oberdeck. Von der Schlossinsel winkt Horst Rick (67) zum Hausboot hinüber und zeigt auf seine Liegeplätze. Einen Euro pro Meter, lautet sein Tarif, Dusche und Toilette an Land inklusive. „Und am Morgen gibt’s auf Wunsch auch Brötchen an Boot.“

Ein kurzer Abstecher zum Stadthafen, der nach einer engen Zufahrt direkt an einer viel befahrenen Durchgangsstraße liegt, lässt uns sein Angebot annehmen. Rick, als junger Mann in Malchin zum Bootsbauer ausgebildet, hatte sich bereits zu DDR-Zeiten mit einem Werftbetrieb auf der Mirower Schlossinsel selbstständig gemacht. Jetzt baut er gemeinsam mit seinem Sohn Jens (41) am nördlichen Stadtrand von Mirow eine neue Marina mit 40 Liegeplätzen und Hebekran.

Das Mirower Schloss auf der Schlossinsel. Foto: Hilke Maunder

Während Gesche am Gasherd in der Kombüse das Abendessen brutzelt, entdeckt Lara (3) das Schiff: zwei Bäder mit Dusche und Pump-WC, zwei Schlafräume mit Doppelbetten und Stauraum, zwei Steuerstände, eine Badeplattform und ein Sonnendeck, mit Tisch und Stühlen für’s maritime Dinner.

Spät am Abend verabschiedet sich die Sonne backbord durch das Bugfenster und versinkt im spiegelglatten See. Am Morgen steigt sie steuerbord über dem Mirower Barockschloss (1749-60) auf, das leuchtend weiß in einem Teppich blauer Blüten ruht.

Bereits 1227 ließ sich der Johanniter-Ritterorder nieder und errichteten ihre wuchtige Kirche, auf deren Dach heute 108 Photovoltaikmodule Sonnenenergie erzeugen und ins Stromnetz einspeisen. Wie viel, verrät ein Großdisplay im Kircheneingang.

Viele der Fischerhütten wurden inzwischen umgebaut zu Ferienwohnungen. Foto: Hilke Maunder

Während die Sonne die letzten Wolkenfetzen vertreibt, tuckert die „Schleie“ vorbei an ausgedehnten Auwäldern über den Zootzensee und Mössensee in den Vilzsee. Fischerhütten, zu Ferienwohnungen umgebaut, säumen auf Stelzen das Ufer.

Kraniche trompeten im Schilf, auf einer Reuse trocknet ein Kormoran seine ausgebreiteten Flügel. Ein Rotmilan gleitet in der Thermik, Libellen schwirren über die Wasserfläche.

Und immer wieder begleiten Graugänse die Fahrt: im Formationsflug hoch am Himmel, am Schilfsaum, auf den abgeernteten Rapsfeldern. Auf einer Buche, in die der Blitz eingeschlagen war, horstet ein Raubvogel, der im Westen Deutschlands längst ausgestorben ist: ein Fischadler.

Rund achtzig Paare leben noch in Mecklenburg-Vorpommern, denn nur hier findet der Stoßtaucher für seinen Beutezug noch Seen von einer Sichttiefe mit mehr als zehn Metern.

Im dabei: das eigenen Boot. Hier auf einer Hofstelle in Buchholz. Foto: Hilke Maunder

Vor der Schleuse Diemitz drosselt Gesche die Fahrt und sucht einen Steg für die Nacht. Wer nicht nur ein Wochenende Zeit hat, kann von hier aus weiter ins Land Brandenburg schippern.

Dort könnte er Fürstenberg mit seiner Wasserburg, dem Schloss und der neubyzantinischen Stadtkirche ansteuern. Oder bis nach Rheinsberg tuckern, wo Kurt Tucholsky einst sein humorvolles „Bilderbuch für Verliebte“ schrieb.

Am nächsten Morgen ist das Aufschleusen an der Mirower Schleuse plötzlich kinderleicht. Die Leinen gleiten an gelben Stangen hinauf, das Boot bleibt dicht an der Spundwand und gleitet schnurgerade aus der Schleusenkammer.

Auch das Rückwärts-Anlegen im Hafendorf Müritz gelingt nach zwei Tagen Bordpraxis problemlos. Hatten solche Manöver vor zwei Tagen noch Angstschweiß ausgelöst? Bei zarter Piccata Milanese auf der Terrasse des Captain’s Inn im Hafendorf streitet Gesche dies entschieden ab.

Das Hafendorf Müritz: Marina und Ferienhäuser direkt am Claassee. Foto: Hilke Maunder

Hausboot-Urlaub in Mecklenburg: die Infos

REISEZIEL

Das führerscheinfreie Hausbootrevier der Mecklenburgischen Seenplatte erstreckt sich auf 371 Kilometer.

ANREISE

Autobahn A24 Hamburg-Berlin, beim Autobahnkreuz Wittstock auf die A19 Richtung Rostock bis zur Abfahrt , der B 198 Richtung Neustrelitz folgen, in Vietzen nach Boek abzweigen. Ab dort ist das Hafendorf Müritz bei Rechlin ausgeschildert.

BOOTE & PREISE

Es gibt inzwischen etliche Vermieter schwimmender Feriendomizile. Die größte Flotte hat Kuhnle-Tours im Hafendorf Müritz (Claassee) bei Rechlin. Die Bootsmiete beginnt ab 540 Euro/Woche, ein Elf-Meter-Kormoran kostet, je nach Saison, 1.100 – 2.100 Euro/Woche. Hinzu kommen zum Teil erhebliche Mehrkosten durch Gebühren für Liegeplätze (1-1,80 Euro je Meter), Treibstoff, Endreinigung (50-60 Euro), Charterversicherung (8-11 Euro/Tag), Haustiere an Bord (40 Euro) oder zusätzliche Ausrüstung wie Angelzeug, Beiboot oder Fahrrad. Bei der Anmietung muss eine Kaution von 1.000 Euro per Kreditkarte hinterlegt werden.

KLIMA UND REISEZEIT

Die Hausbootsaison beginnt Mitte April und endet im Oktober; Hauptsaisonpreise gelten im Juli und August.

INFORMATIONEN

Region: Tourismusverband „Mecklenburgische Seenplatte“ e.V., Turnplatz 2, 17207 Röbel/Müritz, Tel. 039931/53 80, Fax: 039931/53 8-29, E-Mail info@mecklenburgische-seenplatte.de, Internet: www.mecklenburgische-seenplatte.de

Hausboote: Kuhnle-Tours GmbH, Hafendorf Müritz, 17248 Rechlin (Müritz), Tel. 03 98 23 / 2 66-66, Fax 03 98 23 / 2 66-26, www.kuhnle-tours.de

Diese Beitrag ist Nr. 33/2005  des Rheinischen Merkur erschienen. 

Mirower See: Sonnenuntergang am Bootssteg. Foto: Hilke Maunder

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