Wandern auf Fuerteventura: die karge Schöne

E/Kanaren/Fuerteventura/Corralejo:Zwischen Fuerteventura und Lanzarote liegt die kleine Insel Isla de Lobos.
Corralejo: Zwischen Fuerteventura und Lanzarote liegt die kleine Insel Isla de Lobos.

Gewachsener Fels, rotgoldener Wüstensand, erodierte Vulkane, kaum wahrnehmbare Vegetation: So stellt sich die sonnige Strandinsel Fuerteventura auf den ersten Blick dar. Wer wandernd die Schluchten, Täler und Gipfel der zweitgrößten Kanaren-Insel durchschreitet, entdeckt die Vielfalt der kargen Schönen.

Wandern – Ferienvergnügen in den Anfängen

Die Gäste am Pool staunen nicht schlecht, als eine kleine Gruppe mit Wanderschuhen, Wetterschutz und Rucksack in einem Jeep steigt, an dessen Profilreifen schwerer Lehm hängt. Wandern auf der Wüsteninsel Fuerteventura ist ein Ferienvergnügen in den Anfängen.

Was auf den Nachbarinseln längst eine etablierte Alternative zum Strandurlaub ist, wird auf Fuerteventura erst langsam ausgebaut. 600 Kilometer markierter Wanderwege sollen künftig die Schönheiten der zweitgrößten Kanareninsel erschließen – 23 markierte Routen gibt es bereits.

Andreas Caliman, der mit sonnengebleichtem Schopf, tiefbrauner Haut und schlaksig-lässigem Outdoor-Outfit seine Leidenschaft zum Surfen nicht verleugnet, kennt jedes Tal, jeden Berg, jeden Weg und jeden Ausweg. Der Deutsche, der als Tennislehrer auf die Kanaren kam, ist aus Überzeugung geblieben – und wird von den Einheimischen als einer der fachkundigsten Führer geschätzt.

E/Kanaren/Fuerteventura/Betancuria: Barranco de la Penitas; Wanderin.
Barranco de la Penitas: unterwegs im Flussbett

Schnell lassen wir die Dünen von Corralejo hinter uns, fahren durch flaches, weites Land, versteppt und dornig. Erodierte Vulkankegel steigen aus der Ebene auf, dann verstreute Berggruppen. Kalkweiße Hinterlanddörfer mit Terrassenfelder und Palmenhaien gleiten vorbei. Unmerklich wird das Land grüner, rücken die Berge dichter zusammen.

Unser Wegweiser: der Palmfluss

In Vega de Río Palmas, wo jedes Jahr die Inselpatronin „Nuestra Señora de la Peña“ gefeiert wird, beginnt die vierstündige Wanderung. Wegweiser ist der Rio Palmas. Der „Palmenfluss“, der noch bis ins 17. Jahrhundert ganzjährig Wasser führte, ist mit Geröll und groben Kieseln übersät.

Wie ein Netz umklammern Kanarische Dattelpalmen mit ihren Wurzeln wuchtige Felsblöcke am Ufer. Auf den terrassierten Feldern rings ums Dorf gedeihen Kartoffeln, Karotten, Kürbis, Zwiebeln und Hülsenfrüchte – das Tal des Palmflusses ist bis heute das wasserreichste Gebiet der gesamten Insel.

E/Kanaren/Fuerteventura/Betancuria/ Barranco de la Penitas:Feigenkaktus (Opuntie).
Begleiter im Barranco de la Penitas: der Feigenkaktus (Opuntie).

Gelb und weiß tanzen kleine Falter in der milden Luft. In weiten Kehren windet sich das trockene Bachbett langsam das Tal hinauf. Laut knirschen die Kiesel unter den Sohlen. Monika hat Sandalen gewählt – und flucht über die kleinen Steinchen. Zwischen den Bergen staut sich die Wärme.

Pullover wandern in den Rucksack, Sonnenmilch und Schweiß umgeben die Wandergruppe mit einem besonderen Duft. Forsch marschieren zwei Frauen voran. Winfried schlägt sich ins Gelände, sucht eigene Wege in der Wildnis. Claudia und Erika bilden die Schlusslichter, klönen, gucken und bestaunen die ungewöhnliche Vegetation, die immer mehr das Terrain erobert: knubbelige grüne Wolfsmilchgewächse, die ein wenig an Kakteen erinnern, und fleischige Agaven.

E/Kanaren/Fuerteventura/Betancuria/ Barranco de la Penitas: ausgetrockneter Stausee des Rio Palmas.
Barranco de la Penitas: der ausgetrocknete Stausee des Rio Palmas

Nach knapp einer Stunde ist der Embalse de la Peñitas erreicht. Generalissimo Franco ließ den Stausee 1941-46 oberhalb des Ortes anlegen, um das Wasser der seltenen, aber heftigen Regenfälle des Winters für eine ganzjährige Wasserversorgung zu nutzen. Der Versuch schlug fehl, weil die reißenden Fluten des Palmenflusses zu viel Sand und Geröll mit sich führten.

Heute wirkt der See, der zuletzt für wenige Wochen im Jahr 2003 Wasser führte, wie eine Fata Morgana in der kargen Gebirgslandschaft. Schlanke Tamarisken wiegen sich im Wind, Graureiher und Blässhühner huschen über den platten, rotbraunen Seeboden, der zunehmend verlandet.

Der Wanderweg ist jetzt ein schmaler Steig. Fußbreit schlängelt er sich am steilen Nordufer entlang. Fast senkreich steigt eine Felswand aus Tiefengestein am anderen Ufer aus und taucht hinter der Staumauer den Barranco de la Peñitas in kühle Schatten. Riesige Granitkolosse türmen sich hinter der Staumauer im Bachbett. In ausgewaschenen Felsbecken ruhen algig grüne Regenreste. Steil fällt die Schlucht nach Westen ab.

E/Kanaren/Fuerteventura/Betancuria/ Barranco de la Penitas.
Steil und schmal: die Pfade im Barranco de la Penitas

Die Heilige aus Frankreich

Mitten in diesem Felschaos leuchtet ein kalkweiße Kapelle: die Wallfahrtskapelle Ermita Virgen de la Peña, geweiht der Statue der Inselpatronin, die hier wieder entdeckt wurde. Die nur 23 Zentimeter hohe Statue aus Alabaster soll einst der Insel-Eroberer Jean de Béthencourt aus Frankreich mit gebracht haben. Bei einem Piratenangriff im Jahr 1593 auf die alte Hauptstadt Bétancuria konnte die Statue zwar nach Vega de Rio Palmas in Sicherheit gebracht werden, bliebt aber Jahrzehnte lang verschollen. Erst im 17. Jh. wurde sie in der Felshöhle wieder entdeckt – und ihr zu Ehren die heutige Kapelle erbaut.

E/Kanaren/Fuerteventura/Betancuria/ Barranco de la Penitas:Kapelle Virgen de la Pena.
Barranco de la Penitas: die Kapelle Virgen de la Pena

Die Madonna wurde vor allem in Zeiten der Dürre anrufen, um Regen zu spenden. Alljährlich in der dritten Septemberwoche ist sie Ziel einer großen Wallfahrt, zu der Gläubige aus allen Richtungen über das Gebirge nach Vega de Río Palmas pilgern. Auf der schmalen Bank vor der Kapelle picknicken Wanderer aus Wien. Ihr Proviant: handgeschöpfter junger Ziegenkäse, Bauernbrot, Tomaten und Quellwasser, genossen mit einem Fernblick bis zur Westküste von Fuerteventura.

In der Kapelle tragen sich Winfried und Erika in ein abgegriffenes Gästebuch ein, das aufgeschlagen zwischen Blumenvasen und Dankesgaben liegt. Visitenkarten, Heiligenbildchen, Schnappschüsse und Familienfotos schmücken die weiß gekalkte Wand. Der Abstieg zur Westküste erfordert Trittsicherheit.

Andreas wählt nicht den Saumpfad, sondern klettert barfuß das Bachbett hinab. Doch nach wenigen Meter sieht der Guide ein: zu gefährlich – die Granitkolosse sind spiegelglatt. Erst unterhalb der Schlucht folgen wir wieder dem Flussbett, das sich nun breit und fast schnurgerade der Küste zuwendet.

Die Sonne sticht vom Himmel, die zahlreichen Kiesel machen das Wandern zur schweißtreibenden Angelegenheit. Die Gruppe marschiert jetzt weit auseinander gezogen vor sich hin. Die Gespräche sind verstummt, jeder merkt die Müdigkeit, spürt, wie abweisend und lebensfeindlich die nun ausgetrocknete, versteppte Landschaft sein kann. Plötzlich unterbricht lautes Gemecker die Stille. Hunderte Ziegen meckern und springen hinter den Gattern einer Ziegenfarm hin und her.

E/Kanaren/Fuerteventura/Betancuria/ Barranco de la Penitas:aufgegebenes Wohnhaus eines Großgrundbesitzers aus dem 18./19. Jh..
Barranco de la Penitas: das aufgegebene Wohnhaus eines Großgrundbesitzers (18./19. Jh.)

Im Reich der wilden Ziegen

Ziegenzucht gehört zu den traditionellen Wirtschaftszweigen der Wüsteninsel. 70.000 Milchziegen bevölkern Fuerteventura, 20.000 wilde Ziegen streunen umher und fressen, was sie finden – damit gibt es auf der Insel gut doppelt so viele Ziegen wie Einwohner. Seit alters her produzieren sie aus der Milch den „Queso majorero“ oder auch „Queso blanco“: Ziegenkäse in verschiedensten Reifestufen, weich und cremig, fest und bröckelnd, mit Gewürzen versetzt und auch geräuchert. Nur eines schätzen die einheimischen Majoreros mehr als ihren Ziegenkäse: Gofio, eine traditionelle Mehlmischung aus geröstetem Weizen und Mais – einfach in frisch gemolkene Ziegenmilch einrühren und noch warm verzehren.

Später tauchen verfallene Herrenhäuser am Wegesrand auf, letzte Zeugnisse der Großgrundbesitzer, die hier im 18. Jahrhundert eine blühenden Landwirtschaft betrieben. Minuten später endet der Weg vor einer Treppe: Ankunft in Ajuy. Schwarz leuchtet der „Playa de los Muertos“ im Gegenlicht, laut tosend brandet der Atlantik gegen die steilen Klippen der Westküste, meterhoch spritzt die Gischt. Bunt bemalte Fischerboote, leuchtend weiße, verschachtelte Fischerhäuser und der Fernblick aufs Gebirge: Ajuy belohnt mit einer Bilderbuchidylle. 1402 sollen Gadifer de la Salle und Jean den Béthencourt hier am Lavastrand an Land gegangen sein. Die Eroberer marschierten den Palmfluss hinauf, besiegten die Guize und Ayoze, die beiden Könige von Fuerteventura, und gründeten die Hauptstadt Betancuria mit Puerto de la Peña, wie Ajuy auch genannt, als Hafen. Bis ins 19. Jahrhundert wurde von hier aus Kalk verschifft.

E/Kanaren/Fuerteventura/Betancuria/Ajuy: 1402 soll hier der Eroberer Godifer de la Salle an Land gegangen sein.
Ajuy: 1402 soll hier der Eroberer Godifer de la Salle an Land gegangen sein.

„Erst 1986 wurde das Örtchen ans Stromnetz angeschlossen“, endet Andreas seinen historischen Rückblick, lässt den Blick über das Meer schweifen und greift zur Vorspeisenplatte, auf der sich Tomaten, Ziegenkäse, grüner Salat und Oliven unter einem Berg von Garnelen verbergen. Dann serviert der dickleibige Wirt in weißer Schürze den Hauptgang: gegrillte Vieja, eine fangfrische Papageienfisch-Art aus den Küstengewässern, weich, zart und milde im Innern…gäbe es nicht die Soßen: helles Aioli aus Knoblauch, Öl und Ei, grüne mojo verde mit Kräutern und feurige “mojo rojo”, hausgemacht aus roten Pfefferschoten. Wie gut, dass in der großen Schüssel „papas arruda“ dampfen, Schrumpfkartoffeln in runzlig-salziger Schale, und auch ein Tonkrug mit kühlem Rosé nicht fehlt.

E/Kanaren/Fuerteventura/Betancuria/Ajuy: schwarzer Lavastrand mit Klippenküste.
Ajuy: schwarzer Lavastrand mit Klippenküste

Fuerteventura: meine Reisetipps

Reiseziel

Fuerteventura ist mit rund 1.700 Quadratkilometern die zweitgrößte Insel der Kanaren. Die Hauptstadt ist Puerto del Rosario; die Landessprache Spanisch. Auf den Inseln, die einen Sonderstatus als autonome Region Spaniens besitzen, gilt der Euro.

Schlafen

Luxus am Strand: Gran Hotel Atlantis Bahia Real, Tel. +34 928 53 61 51, www.atlantisbahiareal.com. Fünf Sterne-Resort zwischen Stadt und Strand von Corralejo.

Hotel Rural Mahoh, Sitio de Juan Bello, Villaverde, Tel. +34 928 86 80 50, www.mahoh.com. Rustikal auf dem Lande: Unverputzte Steinwände und ein liebevoll arrangierte Mobiliar von antik bis originell prägen die neun gemütlichen Zimmer.

Schlemmen

Casa Santa Maria, Plaza de la Concepción, Betancuria, Tel. +34 928  87 82 82, http://casasantamaria.net. Der Deutsche Reiner Loos hat das Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert hervorragend restauriert – heute locken hier nach vorzüglicher Kanarenküche Kunstausstellungen im Nebengebäude.

Dieser Beitrag ist im Weserkurier und im Rheinischen Merkur erschienen. 

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