Nimis: Skulpturenstreit am Kullaberg

Mit riesigen Wurzeln klammern sich die Buchen am Steilhang fest, Moos bewachsen blockieren Granitfelsen den Weg, fast transparent leuchten weiße Pilze an regennassen Rinden: Schroff, wild und urtümlich ist der Kullaberg im Südwesten von Schonen. Doch die Wanderer, die vom Himmelstorp Hof aus dem gelben N folgen, lockt nicht die Flora und Fauna des Naturschutzgebietes, sondern die Kunst.

1980 begann Lars Endel Roger Vilks (61) hier am abgelegenen Steinstrand von Håle Stenar, der die Nordwestküste der Kullaberg-Halbinsel säumt, mit dem Bau von „Nimis“ (lat. „zu viel“). Zwei Jahre lang hämmerte und nagelte der Künstler aus Helsingborg aus Treibholz, Wurzeln und alten Ästen seine riesige Interpretation einer Ritterburg ungestört zusammen, bis der Landeigentümer den Bau entdeckte, die Behörden reagierten und ein langwieriger Streit seinen Anfang nahm.

Gerichtsverhandlungen, Bußgelder und Forderungen, Nimis sofort zu entfernen, konnten den streitbaren Kunstprofessor nicht bewegen, den Bau zu beenden; Vandalismus, Feuer oder Motorsägen-Attacken seine Stadtutopie am Strand nicht zerstören.

Schwedens größte Land Art

Mit Nimis schuf Vilks das wohl prominenteste Beispiel schwedischer Land-Art. Diese Landschaftskunst, die Ende der 1960er-Jahre in den USA aufkam, birgt bis heute eine explizit gesellschaftskritische Komponente. Um zu verhindern, dass Kunst zum Konsumgut oder Spekulationsobjekt wird, entstehen die Projekte der Land-Art-Künstler an abgelegenen Orten und in einer solchen Größe, dass sie in keinem Museum, in keiner Galerie ausgestellt werden können.

Wenn jemand die Kunstwerke sehen wollte, dann musste er sich auf eine innere und äußere Reise begeben und die Skulptur direkt in der Landschaft unter freiem Himmel bei Wind und Wetter mit all seinen Sinnen erleben.

Die Besucher, die den steilen Hang hinabklettern, interessiert nur wenig die Theorie, die Nimis transzendiert. Für sie ist das Kunstwerk Kult – und mit mehr als 30.000 Besuchern pro Jahr eines der bekanntesten und meistbesuchten Ausflugsziele der südschwedischen Provinz Skåne.

Das Land-Art-Projekt "Nimis" am Kullaberg
Für Kinder ist das Kunstwerk ein Kletterturm

Kunst, die Kinder lieben

Kinder klettern in den „Wehrgängen“ und „Türmen“ umher, im „Burghof“ picknickt eine japanische Reisegruppe, und Sprachfetzen aus aller Welt flirten mit dem Plätschern der Wellen, dem Rauschen der Bäume, den Schreien der Möwe. Wild und ungestüm wie die Natur ringsum, ist Nimis kein Fremdkörper, sondern Interpretation, Vision, Provokation.

Mehr als 6.000 Mal ist Vilks den Hang hinauf und hinab geklettert, hat Material gesammelt und verbaut und nicht nur künstlerisch, sondern auch körperlich Grenzen gesprengt. Und statt vor Justizia zu kapitulieren, baut Vilks geradezu besessen weiter – und umgeht kreativ alle bürokratischen Hürden.

Denn für den hageren, hartnäckigen Schweden ist Kunst nicht beendet, wenn das Objekt in die Welt gesetzt wird, sondern beginnt erst dann. Und damit ist auch der Streit um das Kunstwerk Teil dessen Inszenierung, ist Nimis ein Happening, das alle Genres, alle Grenzen sprengt.

Beuys & Christo

Um der schwedischen Gerichtsbarkeit zu entgehen, verkaufte Vilks 1984 sein „Nationalmonument“ aus 75 Tonnen Holz und 160.000 Nägeln an den damals ebenso umstrittenen wie streitbaren deutschen Aktionskünstler Joseph Beuys. Ob der Kauf nur auf dem Papier stattfand, oder der Kaufpreis von 1.500 US-Dollar tatsächlich gezahlt wurde, gehört zu den Mythen, die sich um Nimis ranken.

Nach dem Tod von Beuys ging das Kunstprojekt 1986 in die Hände von Jeanne-Claude, die Frau des Verpackungskünstlers Christo, über. Längst steht Nimis auch nicht mehr auf schwedischem Grund und Boden, sondern erhebt sich in Ladonia“, einer „Mikronation“, die Vilks 1996 am Strand ausgerufen hat. In ihrem einen Quadratkilometer großen „Staatsgebiet“ schuf Vilks auch von 1991 bis 1998 auch Arx, ein „Buch“ aus 150 Tonnen Steinen und Zement – und wurde nach einem Lokaltermin mit der örtlichen Polizei für den Bau mit einer Geldstrafe von 10.000 SEK belegt.

50 m hinter Arx beginnt die Farstuhålet, eine höhlenähnliche Schlucht. Früher war sie vom Strand aus zu sehen, jetzt hat sie der Wald erobert. Unten in der Schlucht gibt es eine kleine Höhle, die Vilks vor Jahren freigegraben hat. Die Treibholzstücke, die er dort fand, nagelte Vilks an einem geschützten Ort in Nimis an – und stilisierte sie dem Sammelband „Min Plats i Skåne („Mein Platz in Skåne“) zum Mythos.

Das Land-Art-Projekt "Nimis" am Kullaberg.
Das Land-Art-Projekt „Nimis“ am Kullaberg.

Happening mit Explosionskraft

Als jüngstes Projekt realisierte Vilks 1999 die 1,60 m hohe Betonstatue Ompfalos. Als auch dieses Werk angezeigt und mit Bußgeld belegt wurde, verkaufte es Vilks an den schwedischen Künstler Ernst Billgren, der kurz darauf ankündigte, den Betonklotz zum 100. Geburtstag von Alfred Nobel mit Dynamit in die Luft zu jagen.

Am Sonntag Morgen des 7. Dezembers 2007 kam die Polizei mit einem Schiff samt Hydraulikkran diesem explosiven Happening auf der Halbinsel zuvor. Auf der Halbinsel erinnert heute nur noch ein 8 cm hohes, von Vilks entworfenes Memorial im Kullaberg-Badeort Mölle an die Skulptur, die heute, so Vilks, als „Kriegstrophäe“ in Schwedens Hauptstadt ausgestellt wird – im Moderna Museet von Stockholm.

Monarchischer Mikrostaat: Ladonia

Vilks Mikronation Ladonia indes ist inzwischen auch in der virtuellen Welt präsent – als Königreich mit eigener Währung, Flagge, und einer kuriosen Ministerriege, die die rund 12.000 Einwohner regiert. Die Nationalhymne führt Vilks bei offiziellen Anlässen gerne selbst am Strand vor: das Plumpsen eines Steines, der ins Meer geworfen wird. Jüngst jedoch sah sich der Künstler, der bis 2003 in Bergen Kunsttheorie unterrichtete, mit konkreten staatspolitischen Problemen konfrontiert: 300 Pakistani hatten – ganz offiziell – die Einbürgerung seinen Freistaat beantragt.

Der Beitrag wurde von Visit Denmark beauftragt und im Herbst 2007 als Pressetext an deutschsprachige Medien versandt. 

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