2009EuropaSchwedenSiebter Himmel

Nostalgie-Törn auf dem Göta Kanal

MS Juno ist das älteste Passagierschiff der Welt. Ihr Revier ist der Göta Kanal, Schwedens blaues Band. Drei bis sechs Tage braucht der 1874 erbaute Dampfer für die 390 km lange Strecke von Göteborg bis Stockholm – eine geruhsame Reise auf Flüssen, Seen und Kanälen durch die idyllische Mitte des nordische Königreiches.

Spiegelglatt ist die Ostsee, strahlend blau der Himmel, blank geputzt glänzen Messing und Mahagoni an Bord von MS Juno. Und auch Albert Håkansson strahlt: Für den ersten Offizier, der früher auf Öltankern um die Welt gereist ist, ist jede Fahrt mit der Juno trotz harter Arbeit ein Vergnügen, für das er immer wieder seinen Ruhestand in Kalmar eintauscht.

Auf der Göta Alv unterwegs (v.l.) Erster Offizier Albert Håkansson und Kapitän Lars Samuelsson

Kreuzfahrt mit 55 Gästen

Mit einem kräftigen Handschlag und freundlichem Lächeln begrüßt er am Göteborger Packhauskai jeden der 55 Gäste, die mit ihm vier Tage lang von der Hafenstadt an der Nordsee in die schwedische Hauptstadt an der Ostsee reisen werden: das Pärchen aus Sachsen auf Flitterwochen, die dänischen Lehrerinnen, die beiden Australier, die sich den Nostalgietrip zur Silberhochzeit gegönnt hat, und Diana aus Herfordshire, die mit der Reise den Spuren ihres Großonkels folgt.

Stolz zieht sie ein kleines Bändchen hervor und zeigt die kleinen, am Rand gezackten Schwarzweißfotografien: „Sehen Sie, da steht er an der Schleuse von Berg!“ Reiseerinnerungen, aufgenommen im Jahr 1932 – und noch immer wieder zu finden an den Ufern des Kanals.

Diana aus Hertfordshire unf ihr Mann Roy folgen den Spuren ihres Onkels Hans Klein, der 1932 den Götakanal bereiste.

Am Wegezoll vorbei

Vor mehr als 200 Jahren, am 24. Mai 1810, war mit dem ersten Spatenstich sein Bau begonnen worden. Schon Gustav Wasa hat mit dem Gedanken gespielt, zwischen Göteborg und Stockholm eine Wasserstraße zu schaffen. Sie sollte vor allem dem Transport von Waren dienen, ohne den Wegzoll an die Dänen im Kattegatt zu bezahlen.

Doch erst Karl XIII. nahm 1716 das Projekt in Angriff. Probleme bereiteten besonders die Wasserfälle von Trollhättan, wo die Göta Alv mit 300.000 Liter Wasser pro Sekunde 32 m tief zu Tal donnert. Die Ingenieure Swedenborg und Polhern versuchten, sie zu kanalisieren und durch Schleusen zu umgehen.

Branntwein für die Motivation

Als der Schutzdamm 1755 durch Treibholz brach, ruhte die Arbeit, bis Freiherr Baltzar Bogislaus von Platen aus Rügen, das damals zum schwedische Reich gehörte, mit Hilfe der besten Kanalbauer, derer er habhaft werden konnte, 1810 erneut einen Anlauf nahm.

58 000 Soldaten gruben und sprengten sich 22 Jahre lang durch Schwedens Mitte, sieben Millionen Tagwerk lang zu je zwölf Stunden. Der Bau war eine Schinderei, unendlich mühsam, da der gesamte Abraum von Hand abtransportiert werden musste. 14 Flaschen Branntwein pro Woche sollten die Arbeitsmoral aufrechterhalten.

Sommerblumen am Treidelweg zwischen Riksberg und Hajstorp

Schwedens blaues Band

Heute hat der historische Kanal keinerlei Bedeutung mehr für die Lastschifffahrt. Schwedens blaues Band ist ein Kulturdenkmal mit liebevoll bewahrten Schleusen, Klapp- und Drehbrücken und Bauwerken einer längst vergangenen Zeit, die sich idyllisch in die mittelschwedische Landschaft einfügen – und eine der größten Touristenattraktionen des Landes.

Rund drei Millionen Gäste besuchen jährlich die Häfen und Sehenswürdigkeiten entlang der Wasserstraße. Auf den alten Treidelpfaden seiner Ufer sind Wanderer und Radfahrer unterwegs, auf seinen Fluten rund 3.000 Freizeitboote, davon rund 300 aus Deutschland.

Nostalgisches Dampfer-Trio

Hinzu kommen die Kreuzfahrtgäste, die den Kanal mit den historischen Schiffen der Göta Kanal Reederei bereisen. Die „Juno“ ist schon seit 1874 auf dem Göta Kanal unterwegs und steht wie ihre etwas jüngeren Schwestern „Wilhelm Tham“ (1912) und „Diana“ (1931) unter Denkmalschutz.

Der nostalgische Dampfer ist das älteste Passagierschiff der Welt, 31,45 m lang und 6,68 breit. Entsprechend klein sind die Kabinen. Die Betten, auf den schon Henrik Ibsen und Märchendichter Andersen nächtigten, sind nur 1,85 lang. Eine Mahagoniklappe macht die Waschschüssel zum Mini-Tisch.

Weite auf dem Väner-See

Hinter winzigen Bullaugen gleiten Kanalwärterhäuschen in sattem Geld vorbei, Kühe, die im Kanal baden, spielende Kinder, und immer wieder neue Wasserlandschaften: Seen wie Vättern und Vänern, die in ihrer Weite Meeren gleichen, der warme Roxen und der inselreiche Mälaren.

Und auch die Ostsee, unterbrochen von Kanalpassagen durch urwüchsige, wilde Waldsümpfe, Kleewiesen, Kornfelder und Weiden, und ehrfurchtsvollen Schleifen vor Schlössern wie Läckö und Drottningsholm.  Das stete Stampfen der Dieselmotoren mischt sich mit dem Rauschen der Gräser, dem Gesang der Vögel und dem Abendkonzert der Frösche.

Mit zehn Knoten durch Sommerschweden

Von Mai bis Mitte September schippert MS Juno mit maximal zehn Knoten so gemächlich durch eine Landschaft, die genauso der Zeit entrückt zu sein scheint wie das Schiff. Statt Hektik dominiert Gelassenheit, statt Animation und Entertainment bietet der Flusskreuzer Zeit zur Muße und zur Einkehr, zum Gespräch oder Spiel, zum Schauen und Träumen beim ruhigen Dahingleiten. Sportliche gehen beim Schleusen von Bord und joggen bis zur nächste Schleuse, mal wenige hundert Meter, mal mehrere Kilometer.

Zusammen mit dem Trollhätte-Kanal und der Göta Alv, dem längsten Fluss des Königreichs, bildet der Göta Kanal eine 390 km lange Wasserstraße, die zwischen Nord- und Ostsee 91,5 m Gefälle überwindet 58 Schleusen säumen dazu den eigentlichen Göta Kanal zwischen Sjötorp am Westufer des Vänernsees und Mem am Eintritt zur Ostsee.

Präzision an der Schleuse

Jede Schleusenpassage, die die Schiffsklingel ankündigt, bedeutet Präzisionsarbeit: Viel zu klein scheinen die Schleusenkammern für das Schiff, nur eine Hand breit ist beiderseits Platz. Während Schaulustigen das Spektakel kommentieren, winken und fotografieren, ist Kapitän Lars Samuelsson die Ruhe in Person. Wie vor 130 Jahren manövriert der hagere Mann in den hohen Siebzigern vom Außen-stand auf der Brücke mit nur einer Schiffsschraube. Meterlange Fender aus Birkenholz schützen die stählerne Schiffswand – und bersten laut krachend bei einer Berührung mit der Schleusenwand oder Kaimauer.

An der Oberschleuse von Hajstorp weihte König Karl XIV Johan 1822 den Västgöta-Teil des Kanals ein, in Mem feierte der Monarch zehn Jahre später am 26. September 1832 die Vollendung des Mammutwerkes. Bei Borensberg und Tåtorp werden die Schleusen noch von Hand betrieben.

An der Schleuse Forsvik wird MS Juno seit 30 Jahren mit Musik und einem Ständchen begrüßt.

Ein Ständchen fürs Schiff

In Forsvik wird das Schiff an der Schleuse von Familie Kindbom mit Blumen und einem frommen Ständchen empfangen. Die Carl-Johans Schleusentreppe ist mit ihren sieben miteinander verbundenen Schleusen die längste des Kanals, das Schleusensystem von Berg mit seinen 15 steilen Schleusen das imposanteste der Strecke.

Fast zwei Stunden braucht MS Juno, um die fast 20 MeterHöhenunterschied zu überwinden. „Zeit für einen Landgang!“ ruft Cruise Managerin Kjerstin Lundwall und marschiert mit wetterfest vermummten Gästen zum Kloster Vreta: Ein kräftiger Wolkenbruch lässt die Welt dampfen – und die Ruinen des ersten Nonnenklosters Schwedens noch mystischer erscheinen.

MS Juno bei Riksberg

Um 1100 wurde es einst angelegt. Mit dem Bau des Klosters der Heiligen Birgitta in Vadstena verlor es jedoch an Bedeutung. Erhalten sind nur noch die ins Grün eingebettete Grundmauern – und die Klosterkirche mit ihrem mittelalterlichen Hagioskop, einer Mauerspalte, durch die Leprakranke der Messe beiwohnen konnten.

Mit Gleichmut indes gleitet die Juno durch Industriestädte wie Töreboda, wo der Kanal die Bahnlinie kreuzt und die Lina als kleinste Fähre Schwedens über den Göta-Kanal übersetzt, Festgemacht wird nur, wo es schön ist. In Söderköping ist eine Stunde Zeit für eigene Streifzüge und das berühmte Eis, in Motala bleibt MS Juno über Nacht.

Der Spetsnäskanalen auf der Spetsnäset-Halbinsel

Die Hauptstadt des Göta Kanal

Die Hafenstadt an der Mündung des gleichnamigen Flusses in den Vättersee gilt als „Hauptstadt des Göta-Kanals“ – hier legte Baltzar von Platen 1822 die Motala Verkstad als Werft und Hersteller für Dampfmaschinen an und begründete damit den schwedischen Maschinenbau, hier hat die Kanalgesellschaft ihren Sitz, hier fand von Platen am Kanal seine letzten Ruhestätte.

Zum Landprogramm gehört auch ein Ausflug zur Festung Karlsborg, die Baltzar von Platen ab 1819 zum Schutz des Kanals auf einer Halbinsel im Vättern anlegen ließ. Als sie 1869 eingeweiht wurde, war die Doktrin der Zentralverteidigung schon überholt. Trotzdem wurde weiter gearbeitet. 1909 wurde Bau endlich fertig gestellt, als Relikt einer vergangenen Epoche, der modernen Artillerie schutzlos ausgeliefert.

Die Archäologen von Birka auf der Insel Adelsön im Mälarsee

Bei den Wikingern

Letzter Landgang auf der Route ist Birka, wo Wikinger bereits die „Juno“ erwarten, der eine barfuss, der andere in Ledergamaschen. Den ganzen Sommer über leben die jungen Archäologiestudenten auf dem Birkeninsel im Mälarsee, re-konstruieren mit authentischem Werkzeug die erste Stadt Schwedens und präsentieren Besuchern auf einem 3 km langen Rundweg den einstigen Handelsplatz der Nordmänner, der heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Zurück an Bord, kurbeln Malin und Maria bereits am ratternden Aufzug, der aus dem Schiffsbauch kulinarische Köstlichkeiten nach oben hievt: Hummercremesuppe mit Nordseekrabben, Entenbrust mit Kartoffelküchlein und gebackenem Apfel, geräuchertes Rentierfleisch mit Feigen-Meerrettich-Mousse, Schokotrüffeltorte und Birne Helene.

MS Juno: Heringshappen als Vorspeise

Kulinarisches aus der Kajüte

Morgens um acht kündigt der Gong das ausgiebige Frühstück an, Kaffee für Frühaufsteher steht ab sechs an Deck bereits. Das Mittagsmenü ist zweigängig, das abendliche Dinner dreigängig. Für Getränke zwischendurch gibt es eine „Honesty Bar“, eine Kühlbox mit Bier, Wasser, Softdrinks und einer Schale als Kasse, zu den Mahlzeiten serviert die Crew Weine aus aller Welt. Der Speisesaal ist gemütlich wie ein Wohnzimmer, mit kleinen, kreisrunden Tischen, die weiß eingedeckt sind, Landschaftsgemälden und sanftem Licht.

Mit einem Cognac in der Hand, geht es zurück an Deck. Den Korbstuhl Richtung Reling gerückt, eine warme blaue Decke als Reserve, in der Hand ein Buch aus der Bordbibliothek, das Pflichtlektüre ist viele der Passagiere, sind doch Kanal und Schiffs Stars des Krimis vom schwedischen Erfolgsduo Sjöwall/Wahlöö: „Die Tote im Göta Kanal“.

Maria beim Eindecken des Speisesaals

Die Tote im Göta Kanal

Im Schleusenbecken von Borenshult war sie einst aufgefunden worden, ermordet nach schwerem sexuellem Missbrauch. Wer ist sie und warum wurde sie ermordet? Aufklären soll dies Martin Beck, erster Kriminalassistent bei der Stadtpolizei Stockholm, ein introvertierter nachdenklicher Mann, im Privatleben frustriert von der erdrückenden Fürsorge seiner Frau, im Berufsleben resigniert. Auch diesen Fall legt er erstmals mangels möglicher Ansatzpunkte zu den Akten.

Erst, als im Monate später Kommissar Zufall eine Spur weist, fügen sich langsam die Puzzleteile zusammen, kann Beck dem Täter erfolgreich eine Falle stellen. Der Fall ist gelöst, die Fahrt beendet. Zum letzten Satz legt MS Juno am Skeppsholmen in Stockholm an. Kapitän und erster Offizier ziehen ihre Uniform glatt und verabschieden jeden Gast mit Handschlag.

Prickelnd, so eine Kanalfahrt!

Info: Unterwegs auf dem Göta Kanal

Die Kanalgesellschaft AB Götakanal gehört zur Strömma-Reederei, wo die Reisen direkt gebucht werden können: Pusterviksgatan 13, SE – 41301 Göteborg, Tel. + 46 31  80 63 15, www.gotacanal.se/de

Tatort Göta Kanal

Der „Who-done-it“-Roman, der bereits 1965 erschien, ist ein zeitloser Klassiker. Doch trotz des riesigen Erfolges für das Autorenpaar stand für die beiden Schweden schon nach dem zweiten Krimi fest: „Wir beschlossen, eine Serie von insgesamt zehn Büchern zu schreiben – und kein einziges mehr. Finito“.

Abgeschreckt hatte sie Ed McBain, dessen Krimis Maj Sjöwall und Per Wahlöö ins Schwedische übersetzt hatten. Denn McBain, das glaube Sjöwall erkannt zu haben, sei beim 25. Band nur noch ein müder Mann gewesen und des Krimischreibens Leid.
• Maj Sjöwall / Per Wahlöö: Die Tote im Göta Kanal, rorororo: Reinbek, 2008, 8,95 €

Dieser Beitrag ist im Rheinischen Merkur erschienen. Mehr zum Region findet ihr in meinem Baedeker-Reiseführer „Südschweden„.

Am Packhus-Kai von Göteborg vereint: MS Juno und MS Diana

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