2004DänemarkEuropa

Kronjütland: Erlebnisse für Entdecker

Königliche Landsitze und Güter gaben der Region rund um Randers ihren Namen: Kronjylland. Heute lockt der Landstrich, der dänische Dichter wie Nikolai Grundtvig, Henrik Pontoppidan und Hans-Christian Andersen inspirierte, mit königlichen Urlaubsfreuden: Natursafari im Regenwald, Märchennächte im Schloss, Badefreuden im Salzmeer, Leben im Wikingerdorf und Dampfrossfahrten am Fjord.

Dunkel senkt sich die Nacht über Clausholm. 500 Kerzen erhellen die Gänge des Barockschlosses; aus einem Saal erklingen Geigenklänge. Bei den „Märchennächten“ nimmt Gutsherr Kim A. Berner, der im Westflügel wohnt, die Besucher mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1690, als Großkanzler Graf Conrad Reventlow in seinem gerade errichteten Schloss noch alle Abende im Schein der Kerze verbrachte.

Solisten und kleine Ensembles erfüllen den Gartensaal und Königssaal mit klassischen Konzerten. In der Schlosskapelle erwecken wechselnde Organisten die älteste Orgel Dänemarks zu neuen Klängen. Kurz vor Mitternacht, wenn ein farbenprächtiges Festfeuerwerk am Himmel explodiert, erwachen die Geister. Dann geht auch Anna Sophie, die jüngste Tochter des Grafen, im Schloss umher – sie war 1712 vom dänischen König Frederik IV. entführt und geehelicht worden.

Bei Tage beeindruckt besonders der barocke Garten: Er besaß als erster seiner Art in Dänemark Wasserspiele, die sich vom Schloss in mehreren Terrassen herab bewegen. Uldstrup Slot 20 Kilometer südwestlich ist ein dreiflügeliger Herrensitz mit schmuckem Sandsteinportal; die barocke Hofanlage Bidstrup Hovedgård aus dem Jahr 1760 liegt malerisch an der Lilleå.

Bereits ab 1540 entstand Schloss Fussingø, das malerisch auf einer Halbinsel im Fussingø-See thront und im Sommer wechselnde Ausstellungen zeigt.

Die Herrensitze und Schlösser Kronjütlands säumen im Halbkreis die alte Handelsstadt Randers, seit dem Mittelalter berühmt als „Stadt der 13 Landstraßen“. Hier trafen die Landstraßen aus allen Teilen Jütlands aufeinander, hier mündete Dänemarks längster Fluss – die Gudenå – in den Randers Fjord und schuf so die besten Voraussetzungen für den Warenverkehr zwischen Meer und Binnenland.

Europas größter Hallenzoo. Foto: Hilke Maunder

Als das Rathaus von 1778 dem Verkehr im Wege stand, wurde der barocke Bau kurzerhand auf Schienen gestellt und drei Meter verschoben. Über den alten Stadtwall braust heute mehrspurig der Verkehr. An dieser Ringstraße um die Innenstadt eröffnete 1999 die Top-Attraktion der Stadt: der Randers Regnskov, ein tropischer Hallenzoo unter hohen Glaskuppeln.

Besonders im Winter ist es ein einmaliges Erlebnis, vom Schnee und Matsch in die tropische Wärme von konstant 25 Grad und ein Meer der Blumen und tropischen Düfte zu treten. Auf Dschungelpfaden, über Felspartien und hinter einem Wasserfall führt der Rundgang zu mehr als 200 Tier- und 450 Pflanzenarten. Das Gros der Tiere lebt frei unter den drei Kuppeln der Regenwald-Kontinente Asien, Afrika und Südamerika.

Im Amazonas-Urwald dösen Krokodile unter einer Felsbrücke; Zwergseidenaffen klettern einen Mammutbaum empor. Kaffeesträucher und Bananenstauden säumen den Weg; Schmetterlinge schwirren dicht an den Köpfen vorbei und lassen sich auf leuchtend roten Hibiskusblüten nieder.In der Asien-Kuppel schlafen fliegende Hunde in den Baumkronen. In der afrikanischen Kuppel grasen blaue Zwergantilopen vor den Füßen der Besucher.

Als einziger Zoo Europas besitzt Randers Regnskov zudem einen Schlangenhof, in dem asiatische Rattennattern, Tiger- und Teppichpythonschlangen frei umher schleichen oder ruhig zwischen Pflanzen und Felsen ruhen. Nachtaktive Tiere zeigt der Nachtzoo, Haie und farbenprächtige Korallen das Salzwasseraquarium.

Randers Regnskov: Unter drei Kuppeln werden Flora und Fauna aus Südamerika, Afrika und Asien präsentiert. Hier: Guide mit Futter. Foto: Hilke Maunder

Randers Regnskov präsentiert nicht nur Flora und Fauna der Regenwälder weltweit, sondern setzt sich auch für ihren Erhalt ein. So arbeitet der Zoo eng mit Zuchtkooperation europäischer zoologischer Gärten „European Endangered Species Programme (EEP)“ zusammen, die bedrohte Tiere vor dem Aussterben bewahrt, und unterstützt die Umweltstiftung WWF mit einer Krone pro Besucher – 2004 wurden mehr als zwei Millionen Kronen gespendet.

Nicht nur Natur, auch Kunst und Kultur werden in Randers groß geschrieben. Das Kejsegaarden Håndvaerskmuseum zeigt in 25 Werkstätten aus der Zeit von 1800 bis 1950, wie damals Gerber, Böttcher oder Stuckateure arbeiteten.

Anerkannte Künstler und neue Talente des dänischen Kunsthandwerks wie die Keramiker Karina Skibby und Aase Kvorning oder die Glasbläser Pernille Bülow oder Peter Svarrer präsentieren ihre Werke in der Galerie Det Runde Hjørne. Werke der CoBrA-Künstler Ejler Bille, Asger Jorn und seltene Stiche von Rembrandt zeigt das Kunstmuseum.

Südlich der Stadt haben Künstler aus aller Welt mit dem Krakamarken einen skurrilen Figurenpark aus Erde, Holz und Stein geschaffen. Für Vielfalt auf der Bühne sorgt ein ehemaliges E-Werk: das Vaerket mit sieben Theater- und Musikbühnen.

Wie groß der Durst der Einwohner sein muss, zeigt das Kneipenviertel an der Store Gade: Das Bier der örtlichen Thor-Brauerei fließt durch unterirdische Pipelines direkt in die Zapfhähne – Skål!

Hobro: Blick auf den Mariager Fjord. Foto: Hilke Maunder

Am nächsten Morgen geht es gemächlich gen Norden: Mit Tempo 50 statt der erlaubten 80 zuckelt ein klappriger Kleinwagen durch die Felder von Kronjütland. Der gemütliche Däne hinter dem Steuer macht dem Hinterherfahrenden gleich klar, wo es lang geht: einen Gang runterschalten, zurücklehnen, bummelnd genießen und schauen.

Rapsgelb und Himmelblau, Grasgrün und Rot-weiß präsentiert sich das Land. Vor den Bauernkaten am Wegesrand flattert der dänische Banner Danebrog; hinter hölzernen Sprossenfenstern ruht eine Katze auf dem Sims. In Mariager säumen stockrosenumrankte Fachwerkhäuser in Goldgelb die Kopfsteingassen.

Mariager: Kirkegade, Blick auf Hotel Postgaarden (18. Jh.). Foto: Hilke Maunder

Die „Stadt der Rosen“ war vor der Gründung des Birgittinerklosters um etwa 1410 nur ein kleines Fischerdorf und Fährstelle auf der Strecke zwischen Randers und Aalborg. Das neue Kloster jedoch machte Mariager zum beliebten Wallfahrtsziel. Herbergen, Gasthöfe und zahlreiche Geschäfte entstanden, Handel und Wirtschaft florierten.

Mit der Reformation versank der Ort in einen Dornröschenschlaf – und konnte so sein historisches Ortsbild nahezu unverändert erhalten. Nostalgisch ist auch eine Fahrt mit der Museumseisenbahn, die im Sommer vom Hafen aus 17 Kilometer am Mariager Fjord entlang nach Handest rattert. Ihre drei wuchtig-schwarzen Loks wurden von Henschel in Kassel gebaut.

Ein echtes Dampfross: die Mariager – Handest Veteranjernbane. Foto: Hilke Maunder

Gleich neben den Gleisen der Museum präsentiert Danmarks Saltcenter den Rohstoff Salz als multimediales Erlebniscenter . In der Salzsiedehütte siedet der Siedemeister wie im Mittelalter das weiße Gold über dem offenen Feuer, im Laboratorium kann der Nachwuchs selbst Salz herstellen.

Ein künstlicher Salzstollen zeigt, wie früher Salz gewonnen wurde. Selbst eine Miniausgabe des Toten Meers fehlt nicht: ein 37 Grad warmer Pool mit 30-prozentigen Salzlauge, in dem die Besucher zu klassischer Musik entspannt schweben.

Hobro: Blick auf den Hafen am Mariager Fjord. Foto: Hilke Maunder

Der echte Salzstock liegt bei Hobro, am Ende des Mariager Fjords. In der einzigen Saline Skandinaviens produziert Akzo Novel Salt A/S in modernen Vacuumverdampfer-Anlagen jährlich 600.000 Tonnen dieses Salzes.

Drei Kilometer südwestlich der Hafenstadt, in der um 960 ein Mann namens Ho eine Brücke – bro – hatte errichten lassen, ist das kleinste der vier Lager aus der Wikingerzeit erhalten. Harald Blauzahn, der das Dänenreich einigte und das Christentum mit harter Hand einführte, hatte um 980 eine Ritterburg nach römischem Vorbild erbauen lassen: die kreisrunde Festungsanlage Fyrkat.

Hobro: Rund um die markante Stadtkirche hat sich alte Bebauung erhalten. Foto: Hilke Maunder

Ein mächtiger, drei Meter hoher und zwölf Meter breiter Ringwall schützt die 16 identischen Langhäuser der Burg. Auf halbem Weg zwischen Hafen und Burg liegt ein original rekonstruierter Wikingerhof. Wer mag, kann dort für Stunden oder Tage Brot backen, Bogen schießen, kämpfen, kochen oder übernachten – ganz wie die Vorfahren der Dänen.

Dieser Beitrag vom Frühsommer 2004 war eine Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark und wurde von zahlreichen deutschsprachigen Medien abgedruckt. 

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Hobro: Jolle am Liegeplatz im Mariager Fjord. Foto: Hilke Maunder
Mariager: die Klosterkirche. Foto: Hilke Maunder

 

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