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Hvide Sande: schwimmenden Ferienhäuser

Der westjütländische Fischer- und Badeort Hvide Sande bietet seinen Gästen seit Sommer 2004 ein einmaligesErlebnis: Feriebhäuser auf dem Wasser – ein Novum in Dänemark.

Nur manchmal ist ein leichtes Schwanken zu spüren. Dann schlagen Wellen gegen die Hauswand, und Möwen gellen im Wind. Doch meistens liegt „Goliath“ ruhig in den flachen Fluten des Tysker Havn von Hvide Sande.

Das Kopfkissen im Nacken, die Daunendecke um die Körper gewickelt, fällt der Blick durch die bodentiefen Panoramafenster am Heck. Im fahlen Licht des Morgens tuckern Fischerboote Richtung Ringkøbing Fjord. Auf zwei Pollern trocknen Kormorane ihre Flügel; leise raschelt das Schilf. Immer neue Bilder lassen sich nicht nur vom Bett aus entdecken.

Auf dem Weg ins Bad fällt der Blick durch einen langen schmalen Sehschlitz auf die Silhouette von Hvide Sande, einer quirligen Hafenstadt der jütländischen Westküste mit der fünftgrößten Fischereiflotte Dänemarks – und einer Werft mit Visionen.

Hausboot 789 “Goliath”: Diesen Ausblick habt ihr Blick vom Schlafzimmer im Heck. Foto: Hilke Maunder

Vor rund zehn Jahren begann die Hvide Sande Skibs- & Bådebyggeri, neben Fischkuttern, Fähren und Schiffen für die dänischen Marine spektakuläre Schiffe zu bauen, die fest vor Anker lagen – die Fregatte Sct. Georg III. für die Tivoli-Parks von Kopenhagen und im japanischen Kurashiki. Mit der Gründung der Tochterfirma Seasight begann die Werft 2002 den Bau von fest verankerten Hausbooten.

Sprichwörtlich einmalig in Dänemark sind die sechs schwimmenden Domizile, die diesen Sommer ihren Liegeplatz im „deutschen Hafen“ Tyskerhavn erhalten haben: zweistöckige Ferienhäuser auf dem Wasser, die luxuriöse Ästhetik mit amphibischem Lebensgefühl verbinden. Die Entwürfe für das völlig neue Feriengefühl lieferte die dänische Designschmiede CUBO-Arkitekter aus Århus.

Die unangefochtene Nummer eins trägt im Katalog die Nummer 789. Von außen gibt sich „Goliath“ kühl, fast ein wenig abweisend: ein strenger Quader mit Stufenheck, eingehüllt in eine schwarze Haut aus gewelltem Roh-Aluminium. Das Innere jedoch badet das dank der vielen Fenster in Licht.

Hausboot 789 “Goliath”: der Essplatz. Foto: Hilke Maunder

Weiß, Sand, lichtes Grau und andere helle Naturtöne dominieren die moderne skandinavische Inneneinrichtung, die immer wieder maritime Elemente aufgreift: Die Holztreppe zum Obergeschoss ist einer Reling nachempfunden; das Parkett im dunklen Ton von Deckplanken gehalten.

145 Quadratmeter Wohnfläche – ohne die drei Terrassen – machen Goliath zum geräumigen Idyll für Robinsonaden, sei es zu zweit, mit Freunden oder als Großfamilie mit vielen Kindern. Acht Betten mit Ausblick bergen Bug und Heck – breite Elternbetten im Erdgeschoss, kindgerechte Einzel- und Etagenbetten im Obergeschoss; allesamt mit watteweichen Daunendecken und Kissen aufgebettet.

Die offene Küche ist das Herz des Erdgeschoss: kommunikativer Mittelpunkt und kreativer Kochtreff, ausgestattet mit trendigem High-Tech, das sich meist von selbst erklärt: Der Herd gehorcht auf Sensordruck, der Kühlschrank taut sich selber ab, der Geschirrspüler verrät per LED, wie weit er ist.

Ferien-Hausboot 789 “Goliath”: das Wohnzimmer im Obergeschoss. Foto: Hilke Maunder

Nur die Mikrowelle mag’s etwas komplizierter – doch der Berg an Betriebsanleitungen, die sich in einer Schublade stapeln, löst auch dieses Problem. In den Schränken steht kein Sammelsurium an Geschirr, sondern ein italienisch inspiriertes Steingut-Service in Weiß; ergänzt mit Schüsseln, Platten, und einer großen Auswahl passender Gläsern.

Korkenzieher, Flaschenöffner, scharfes Messer und anderes wichtiges Zubehör sind vorhanden, selbst Kaffeefilter, Spülmittel und Mülltüten fehlen nicht. Für romantische Stunden am Esstisch aus echter Buche sorgen Kerzenständer mit Teelichtern, die sämtliche Fensterbänke des Hausbootes schmücken. Zwei Weidenkörbe im Wohnzimmer bergen nahezu unbegrenzten Nachschub.

Hausboot 789 “Goliath”: unser Sonnendeck im OG. Foto: Hilke Maunder

Für Unterhaltung sorgen eine High-End-Musikanlage und Satelliten-TV; ein Local-Area-Network (WLAN) bietet einen schnellen Internetzugang. Meist jedoch spielt sich das Leben auf der 30 Quadratmeter großen Terrasse ab.

Während langsam die Sonne hinter der Silhouette von Hvide Sande versinkt, genießen die Bewohner des Nachbarbootes ihren ersten Schluck Wein. Auf dem Barbecue grillen Schaschlik, Steak und Würstchen; in den Kohlen garen Kartoffeln. Bodenleuchten aus dunklem Metall, mit Teelichtern bestückt, werfen sanftes Licht auf die Gäste am Teakholztisch.

Aus dem Erdgeschoss dringt Kinderlachen. Der Nachwuchs hat den Whirlpool als Mini-Meer entdeckt und lässt nach Herzenslust die Wellen blubbern. Später am Abend genießen die Großen die Sauna – ihre Handtücher hat der Wäscheturm bis zum nächsten Morgen längst gewaschen und getrocknet.

Unser Nachbar-Hausboot im Gammel Havn. Foto: Hilke Maunder

Ein angenehmes Detail: ein zweites, separates WC. Gelegentlich beginnt „Goliath“ einige Sekunden lang tief zu brummen – dann arbeitet die Wasserpumpe im Bauch des Bootes. Frischwasser liefert eine Leitung unter dem Steck, Strom eine Steckdose am Kai. Die Fernwärme für die Heizkörper und die Fußbodenheizung kommt vom Kraftwerk Hvide Sande.

„Goliath“ ist ein Unikum, das größte und einzig schwarze Hausboot am Steg. Die restlichen drei Ferienhausboote wurden nach dem kleineren, knallroten Prototyp „Westwind“ gefertigt. Sein Name verrät den Besitzer: Für 2,4 Millionen dänische Kronen erwarb der Inhaber der gleichnamigen Surfschule im Süden der Stadt das 105 Quadratmeter große Wohnboot. Ebenfalls im Privatbesitz ist Nummer sechs, das in Zusammenarbeit mit einem Architekten aus Kopenhagen entstand: eine Hausbootvilla in Himmelblau, der traditionellen Farbe dänischer Fischkutter.

Dieser Beitrag war eine Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark. Er wurde 2004  versandt und von zahlreichen deutschsprachigen Medien abgedruckt. 

Blick auf den Gammel Havn mit seinen Fischerbooten und Arbeitshütten. Foto: Hilke Maunder

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Blick über den Gammel Havn auf zwei Ferien-Hausboote. Foto: Hilke Maunder

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