2004DänemarkEuropa

Lolland: Mittelalter zum Mitmachen

Auf der dänischen Ostseeinsel Lolland lädt das Mittelalter-Zentrum Kinder wie Erwachsene zu einer ganz besonderen Zeitreise ein.

Das Jahr: 1383. In Europa wütete die Pest, in Dänemark regierte Königin Margarethe I. Herr einer kleinen Siedlung am Guldborgsund ist der Ritter Henrik Svane. Sein Dorf „Sundkøbing“ ist ein „Versuchszentrum für historische Technologien“ und wurde 1991 auf streng wissenschaftlicher Basis samt Hafen und Turnierplatz nachgebildet.

Leiter des Zentrums sind zwei hauptamtliche Archäologen, die Bewohner rund 60 Männer, Frauen und Kinder von heute, die hier ohne Handy, Strom und Armbanduhr den Alltag des Mittelalters leben.

So ist die Open-Air-Anlage kein steriles Museum, sondern lebt: Gänse watscheln über die Kopfsteinwege, Ziegen ziehen Grashalme zwischen den Steinen heraus, Handwerker lassen sich bei der Arbeit beobachten.

Poul, der Schmied, schmiedet ein neues Werkzeug. Foto: Hilke Maunder

Poul, ursprünglich gelernter Beschlagschmied, stellt sämtliche Werkzeuge und Gerätschaften her, die das Dorf benötigt: Siebe, Suppenkellen, Nägel und allerlei Zangen – selbst solche zum Zähne ziehen.

Heiße Flammen schlagen aus dem Ofen. Rot glühend zieht Poul das Werkzeug heraus, bearbeitet auf dem Amboss. Schweiß perlt von der Stirn. Jetzt kommt eine Frau in hellbraunem Oberkleid und weißer Haube daher, spricht den Schmied leise an.

Poul nimmt das Messer entgegen und setzt mit einem Fußpedal den großen Wetzstein aus Granit in Bewegung. Minuten später ist die Klinge wieder scharf.

In der Töpferei des Mittelalter-Zentrums. Foto: Hilke Maunder

Wenige Schritte weiter steckt der Schuster seine Lederschuhe auf Zaunspitzen – sie ersetzen den Schuhspanner. Im Innern eines niedrigen Fachwerkhauses fertigt der Töpfer Krüge, Schalen und Teller auf der Drehscheibe; dort lässt die Weberin ihr Schiffchen schnell hin und her schießen.

Auf dem Hügel am Hafen schneidet die Färberin Zwiebeln, wirft die Ringe in mit siedend heißem Wasser gefüllte Kupferkessel und taucht die gesponnene Schafwolle ein. Die Trachten der Bewohner von Sundkøbing gibt es gegenüber: Kutten und Kleider, Hosen und Hauben.

Sie wurden nach gut erhaltenen Funden aus Herjolfsnaes auf Grönland sowie überlieferten Gemälden und Zeichnungen aus dem Mittalter nachgebildet. Im benachbarten Speicher hängen Pelze und gepökelte Fische unter den wuchtigen Balken des Reetdachs. Säcke mit Getreide stapeln sich auf dem Holzboden.

Die Schmiede des Mittelalter-Zentrums. Foto: Hilke Maunder

Der Weg zurück zum Dorf führt an der Bootswerft vorbei. Seit Gründung des Mittelalterzentrums werden hier in Zusammenarbeit mit der maritimen Abteilung des Nationalmuseums in Roskilde mittelalterliche Schiffe aus Skandinavien nachgebaut.

So auch das kleines Handelsschiff „Gedesby“, dessen gut erhaltenes Wrack 1989 im Süden der Insel Falster ausgegraben und in mehr als vier Jahren mühevoll rekonstruiert wurde.

Als „Agnete“ transportiert das bis zu neun Knoten schnelle kleine Frachtschiff nun die Waren des Kaufmanns. Sein zweites Schiff „Sofie“ ist der Nachbau eines örtlichen Schiffswracks aus der Zeit um 1500. Am Seilerhaus liegt die „Kalmar Jolle“. Sie wurde einer kleinen Fischer-Jolle nachgebildet, die im Hafen des Schlosses Kalmar in Schweden gefunden wurde.

Noch anschaulicher wird der Alltag im Mittelalter durch ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm. Thementage informieren über Gesundheit und Krankheit, Recht und Strafe, den Handel zur Hansezeit und das Leben der Ritter.

Dorfleben im Mittelalter-Zentrum. Foto: Hilke Maunder

An Markttagen scharen sich Bewohner und Besucher scharen um die Stände mit Töpfer- und Glaswaren, Gewürzen, Brot, Würsten und anderen Waren und applaudieren den Darbietungen der Gaukler und Musikanten.

Täglich zur Mittagszeit lässt Ritter Svane tonnenschwere Kriegsmaschinen, „Blide“ genannt, Steinkugeln über den Sund schießen. Zum 700-jährigen Stadtjubiläum von Nykøbing erbaut, war die Resonanz auf die erste Steinschleuder unerwartet groß – und die Idee eines Mittelalterzentrums geboren.

18 Meter misst die größte der mittlerweile drei Wurfmaschinen. Vier Mann sind nötig, um die mächtigen Spannräder zu drehen. Sobald der Abschussmeister die Arretierung löst, sausen die Bleigewichte in die Tiefe. Der lange Schleuderbaum schnell hoch und reißt die Leine mit dem Stein empor. Enorme Fliehkräfte entstehen.

Beim Ausklinken erreicht das Geschoss eine Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometer. Sekunden später klatscht die 15 Kilogramm schwere Kugel 180 Meter weiter in den Sund.

Im Ernstfall kann die wuchtige Kriegsmaschine bis zu 300 Kilogramm schwere Gegenstände fast 200 Meter weit schleudern – und nicht nur Steine, sondern auch Menschen- und Tierkadaver, Feuerkugeln oder Bienenstöcke.

Die große Wurfmaschine wird zum Abwurf eines 15 kg schweren Steins vorbereitet. Foto: Hilke Maunder

Höhepunkt im jährlichen Veranstaltungskalender sind die Ritterspiele. Auf dem Turnierplatz demonstrieren die Gefolgsleute von Henrik Svane ihre Geschicklichkeit mit den Waffen jeder Zeit.

Mit Helm, eisernem Handschuh und schwerer Rüstung lassen sie die Keule schwingen, Speere fliegen oder Schwerter krachen. Im Zweikampf versuchen die Ritter, den Gegner mit Lanzen vom Pferd zu stoßen, dann im schnellen Galopp ein Holztäfelchen mit der Lanzenspitze zu treffen.

Das Tageslager der Ritter liegt an einem 50 Jahre alten Forst, der vom Dorf nun in seinen mittelalterlichen Zustand rückversetzt wird. Hier stellt der Köhler Holzkohle im Meiler her, fordert der „Bachmann“ alljährlich sein Menschenopfer, können Besucher ihr Picknick verzehren.

Im Bankettsaal „Zum goldenen Schwan“ wird Kulinarisches aus dem Mittelalter bei Kerzenlicht auf Holztellern serviert: eingebackener Lachs, Rippchen mit Safrantorte und abgetropfte Dikmelk mit Rosenwasser und Beeren. Holzlöffel und Messer dienen als Besteck, aus den Tonbecher schmecken Gewürzbier oder Erdbeersaft.

Wer selbst einmal für ein oder mehrere Tage mittelalterliche Leben eintauchen möchte, ist herzlich willkommen. Doch spätestens, wenn man in der dunkeln, verrauchten Stube sitzt oder stinkige Eimer in die Gosse gekippt werden, dämmert es einem, das die „gute alte Zeit“ vielleicht nicht immer nur schöne Seiten hatte.

Dieser Beitrag wurde im Mai 2004 als Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark verfasst und in zahlreichen deutschsprachigen Medien veröffentlicht.

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