1986EuropaItalienSiebter Himmel

Basilikata: Berühmt im Buch, doch kaum bekannt

Italien – das steht für „Riviera“, „Rimini“, „Rummel“. Im Dickicht der Ferienkataloge scheint jedes Stückchen Erde von „Bella Italia“ vermarktet. Doch es gibt noch weiße Flecken auf Italiens Landkarte: die Basilikata. Orte, in denen das Brot im Dorfofen gebacken, der Käse 24 Stunden lang in großen Kupferkesseln gerührt wird. Orte ohne Männer, in denen die Frauen den Fluch der Armut und Einsamkeit ertragen.

Die Basilikata, wie die offizielle Bezeichnung für Lukanien lautet, ist eines der am dünnsten besiedelten Gebiete Europas. Bergig im Innern mit Gipfeln von mehr als 2.000 Metern, hügelig im Osten und nur im Süden auf einem kurzen Stück flach. Gut versteckt zwischen Apulien (Adria) und Kalabrien (Riviera), wurde die Basilikata zum Rückzugsgebiet des anderen Italiens – und konnte so seine Schätze bis heute unverbraucht bewahren: die einzigartigen Zeugen seiner griechischen Zivilisation, die Schönheit seiner Berge und Seen – und ungetrübten Badefreuden in zwei Meeren: im malerischen Maratea am Golf von Policastro und in Metaponte am Golf von Taranto.

In Metaponto, ein mystisches Refugium der Griechen von Magna Graecia, wird allerorten gebuddelt – die Ergebnisse zeigt ein archäologischer Park, rund um die Wallfahrtkirche angelegt. Altertumsforscher haben doch inzwischen nicht nur 15 von insgesamt 32 „Palatinischen Säulen“ ausgegraben, ein Theater aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhundert entdeckt, sondern es auch verstanden, durch gezielte Informationen die Anlage auch für Laien interessant werden zu lassen

Eine moderne Schnellstraße führt vorbei an Obst- und Gemüsefeldern, im Hinterland der Küste hin nach Scanzano am Eingang zum weiten Agri-Tal. Wo heute riesige Bewässerungsanlagen für eine reiche Pfirsichernte sorgen und Tabakanbau ermöglichen, lösten noch vor 50 Jahren ausgedehnte Sumpfgebiete schwere Malaria-Epidemien aus.

Aliano liegt an der Kante einer Calanche

Riesige „calanchi“, Höhenrücken aus Lehm, wie sie sonst nur in der Emilia Romagna zu finden sind. Blassgelb, mit Ginster und Gestrüpp bewachsen, schieben sie sich immer tiefer in das Tal, verwandeln es langsam in eine unwirkliche Mondlandschaft. Im Frühjahr, wenn die heftigen Regengüsse oder die einsetzende Schneeschmelze den dünnen Mutterboden fortschwemmen, sind schwere Erdrutsche häufig, begraben Schlammlawinen Mensch und Tier. In Craco geriet dabei ein ganzer Ort ins Wanken. Das Dorf, inzwischen völlig verlassen, stellte einen der bizarrsten Punkte der Basilikata dar – wie ein drohender Finger erheben sich die Ruinen auf einem Felskegel mitten in der kargen Landschaft. 1970 bebte hier zum ersten Mal die Erde, beim zweiten Beben (1980) musste auch Craco Nuevo (Neu-Craco) evakuiert werden. Die Einwohner deuten die Räumung noch heute als Strafe Gottes.

Das Grab von Carlo Levi in Aliano in der Basilikata

Vorbei an einer Welt zackig ausgebrannter Hügel, ausgetrockneter Flussarme und abgelegener Orte, geht es nach Aliano. Unter dem Namen „Gagliano“ machte es Carlo Levi in seinem Buch Christus kam nur bis Eboli weltberühmt. Der Turiner Arzt, 1935/6 wegen seiner antifaschistischen Gesinnung unter Mussolini hierher in die Verbannung geschickt, schuf mit seinem Werk eine aufrüttelnde Hommage an die Bauern der Basilikata – später von Franceso Rosi auf Zelluloid gebannt. Levi, der sich später als parteiloser Abgeordneter der Kommunisten für die Probleme des „Mezzogiorno“ engagierte, liegt auf dem Dorffriedhof begraben. Die Büste vor seinem Haus ist Pilgerziel von Busreisenden, die gegen Mittag einen Fünf-Minuten-Stopp auf ihrer Tages-Rundfahrt einlegen.

Männer vor dem Bar-Café von Aliano in der Basilikata

Kaum sind die seltenen Touristen fort, geht das Leben im alten Rhythmus weiter. Die Alten sitzen beim Averno, rauchen, spielen Karten, kippen noch einen. Seit 1979 haben zwar Telefon und Strom Einzug erhalten, seit 1981 kommt frisches Wasser auch aus der Leitung, doch noch 50 Jahre nach Levi stimmen die Szenen, wirkt der wöchentlich erscheinende Bus wie ein fremder Eindringling. Maulesel und Maserati, schwarze Kleider und kurzer Mini, alle Widersprüche scheinen hier zeitlos vereint.

Fußballspielende Jungen in Aliano

Die stille Wiederkehr des Alltags wird nur im Sommer unterbrochen. Vom 20. bis 22. Juli wird Aliano zum Zentrum der Region, feiert das gesamte Dorf rund um die Uhr ausgelassen das Patronatsfest zu Ehren von San Luigi Gonzaga. Die Männer der Musikkapelle aus Stigliano polieren Posaune, Horn und Klarinette auf Hochglanz, der Pastor lässt die festlich geschmückte Kirche nicht mehr aus dem Auge. Auf der Hauptstraße, als einzige asphaltiert, wird ein Karussell aufgestellt. Fliegende Händler bieten Nüsse, Süßwaren und Modeschmuck an.

Kupferwarenstand in Aliano in der Basilikata

Gegen Mittag beginnt die Feier. Sechs Männer stöhnen unter der Last der Heiligenfigur, die sie schweißgebadet durch das Dorf tragen. Zu Ehren des Festes haben die Frauen weiße Spitzenschleier angelegt. Still schließen sie sich der Prozession an, beten leise den Rosenkranz. San Luigi wird durch den ganzen Ort geführt, der Pastor kommentiert Geburten und Todesfälle, erzählt Luigi von den Begebenheiten des Kirchenjahres, den Veränderungen im Ort. Zurück in der Kirche, werfen die Kinder zum Abschied Blumen und Bonbons zu seinen Füßen.

Fest zu Ehren von San Antonio in Aliano in der Basilikata

Draußen hat das bunte Treiben längst begonnen. Wem es gelingt, beim Karussell fahren die Lanze durch ein hoch gehängten Ring zu schießen, erhält eine Freifahrt. Bis zum Morgengrauen dröhnt die Popmusik aus der einzigen Bar. Als die ersten Morgenstrahlen über die „calanchi“ gleiten, tauchen sie die Landschaft in ein unwirkliches Gold. Die weißgetünchten Häuser auf den Hügelkämmen, die ärmlichen Hütten am Dorfrand, alles leuchtet in der Stille.

Alianello

Durch den Morgentau wandern alte, schwarz gekleidete Frauen bergab nach Alianello, der kleinen „Schwester“ Alianos. Aus dem gemeinschaftlichen Dorfbackofen durftet es verführerisch: „Taralli“ liegen darin, große Brezeln mit Anisgeschmack, die noch heiß mit Puderzucker bestreut werden. So gestärkt, geht es auf der Landstraße 103 in engen Windungen bergauf, bergab, quer die Lehmrücken schneidend. Bei Petrizza erreicht die Straße das Sauro-Tal. Kiwi- und Tomatenfelder säumen den Weg, eine stählerne Methangas-Pipeline glänzt in der Sonne.

Von weitem grüßt die Pfarrkirche von Stigliano. Abseits, isoliert in der Einöde, ragt die Burg in den blauen Himmel. Begleitet von Mauleseln und gelegentlich vorbei knatternden Mopeds, führt die Fahrt auf der Schlaglochpiste weiter nach Accettura. Zu Pfingsten, wenn der Saft in die Zweige steigt, werden beim „Maggio“, bei einem heidnisch-heiteren Volksfest die Bäume „verheiratet“. Dazu wird die „uma“, eine buschige Baumspitze, dem 25 Meter langen „Maggio“, dem Baum“kerl“, aufgesetzt. Solide Holzzapfen sichern die solide Bindung. Mitten auf dem Dorfplatz wird das junge Paar abends aufgerichtet.

Aliano in der Basilikata: Fassade

16 Kilometer weiter nördlich, ohne den Abstecher hin zum archäologischen Gräberfeld von Monte Croccia, liegt Campomaggiore mit seinem merkwürdigen, viel zu modernen Ortsbild. Ganz anders Matera. Wer die Abgründe der Provinzstadt blickt, sieht ein Weltkulturerbe: „I Sassi“, die beiden Canyons Sasso Caveoso und Sasso Barisano. Die alten Stadtviertel mit ihren in Stufenform verschachtelter Häuser an den Hängen lockten Regisseur in die beiden gut 200 Meter tiefen Schluchten am Flüsschen Gravina.

Im Labyrinth der Gassen und Treppen, in ihren versteckten Grottenkirchen und den mehr als 3000 Höhlen im weichen Tuff, die noch nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus „normale“ Wohnungen armer Süditaliener bildeten, drehte Pier Paolo Pasolini 1964 „Das Evangelium des Matthäus“. Die Sassi entstanden im Verlauf des achten Jahrhunderts vor Christus, als eine Gruppe verfolgter Mönche aus Syrien und Kappadokien sich hierher flüchteten. Unterdessen haben Künstler die suggestive Kraft der Schlucht entdeckt und ihre Ateliers hierher verlegt. Die Einwohner indes lieben ihr „modernes“ Matera, die Oberstadt.

Typische Feldsteinhäuser aus der Basilikata

Ungewöhnlich wie der Ort gibt sich auch die Umgebung. Verstreut im graugrünen Felsgewirr liegen versteckt 120 Grottenkirchen. Die Kirche San Giovannis Battisti bildet ein eindrucksvolles Beispiel süditalienischer Gotik. Die Burg auf einem Hügel außerhalb der Stadt, im 16. Jahrhundert von Giancarlo Tramonta errichtet, wurde nicht vollendet – der Burgherr war während der Bauarbeiten ermordet worden.

Kaum weniger dramatisch ist der Roman, den ich auf der Rückfahrt in die „Zivilisation“ lese. Während die lukanische Kleinbahn vorbei an Hügeln der Murchetta entlang ruckelt, höre ich im Geiste die kehlige Stimme des Alten, den Tommaso di Ciaula in „Das Bittere und das Süße“ 1982 von seinem Leben in der Basilikata erzählen lässt: „Hier, in Altamura, wurde ich auf dem Markt verkauft“.

Maulesel an der Tränke in Aliano in der Basilikata

Basilikata: Info

Hinkommen

Bahn

Von Bari aus mit der „Calabra Lucana“, der lukanischen Kleinbahn, über Altamura nach Potenza. Eine Stichstrecke führt nach Avigliano Città. Oder: Mit der Ferrovie Statale (FS) ab Potenza über Metaponte nach Taranto.

Bus

Von Potenza aus verkehren Schnellbusse, zwei bis drei Fahrten täglich führen zu den Orten der Basilikata.

Auto

Die Autostrada nach Sizilien streift die Basilikata an ihrer Westflanke, ein Zubringer führt mitten hindurch bis nach Potenza. Drei Schnellstraßen durchziehen die Basilikata in Nord-Süd-Richtung, sie verlaufen in den Flusstälern von Agri, Sauro und Basento. Die Straßen in Ost-West-Richtung erfordern nicht nur Erfahrung, sondern öfters auch Ersatzreifen.

Junge Männer aus Aliano in der Basilikata

Feste

Neben den unzähligen Volksfesten, die das Jahr begleiten, hat sich der „Luglio Materano“ als bedeutendes Kunst- und Kulturfestival einen Namen auch außerhalb der Region gemacht. In den 1970er Jahren vom Potenzer „Piccolò Teatro“ gegründet, nehmen Theatergruppen, Kulturclubs, und freie Ensembles an diesem Open-Air Spektakel teil, das in rund 30 Kommunen alljährlich im Juli gefeiert wird.

Unbedingt sehenswert, noch sehr ursprüngliche Folklorefeste findet statt in:

Accettura: Pfingsten „Il Maggio“, Baumhochzeit,

Aliano: Juni: San Luigi Gonzaga-Patronatsfest

  1. Sonntag im Oktober: Madonna del Rosario-Kirchenfest

Matera: Karneval, 17. Mai

S.- Antonio Abate (Segnung der Tiere)

Juli: Fest der „Bruna“ (Ernte-Kirchweih)

September: S. Eustachio

Dezember: Lebende Krippe

Aliano in der Basilikata

Informieren

Italienische Zentrale für Tourismus

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Dieser Beitrag ist in der Zeitschrift „Reisefieber“ aus dem Hayit-Verlag, am 26. März 2001 auf Spiegel Online erschienen. Erstmals in diesen faszinierenden Landstrich reiste ich während des Studiums. Carlo Levis Buch hatte mich so gefesselt, dass ich mir seinen Verbannungsort ansehen musste – und nach der letzten Seite den Nachzug von München nach Rom nahm.

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