Schaubergwerke im Erzgebirge: Glück auf!

Silber und Salz, Kobalt und Kohle, Wismut und Uran, Blei und Zink: Das sächsische Erzgebirge ist eine der ältesten deutschen Bergbaulandschaften. 20 Schaustollen und die 230 Kilometer lange „Silberstraße“ erinnern hier an die Jahrhunderte lange Tradition des Bergbaus.

Bereits 1168 schürften die Bergleute bei Freiberg nach erstem Silber. Erst 1969 – fast 800 Jahre später – wurde der Freiberger Bergbau geschlossen, die Gruben, Schächte und 1000 Erzgänge zu einem Lehrbergwerk mit weltweit einmaligen Dimensionen.

Dank des Engagements eines Fördervereins können auch Urlauber die unterirdische Akademie der TU Bergakademie auf 14 Kilometer Länge „einfahren“. „Geschlägelte“ Strecken, mit Hammer und Meißel einst zwölf Meter pro Jahr in den Fels getrieben, gehören ebenso zum Programm wie die Sprengvortriebe der letzten Betriebsjahre.

Wer Glück hat, kann bei der zweistündigen Grubenfahrt Kumpel schwitzend und verschmiert live bei ihrer Arbeit erleben: Pflicht beim Studium an der Bergakademie Freiberg sind Praktika, bei denen Studenten aus aller Welt wie zu Produktionszeiten bohren, sprengen und mit Erz beladene „Hunte“ zum Schacht „Reiche Zeche“ hinaus befördern, mit 2.500 Bergmännern einst größte Grube des Reviers.

Freiberg im Erzgebirge: Obermarkt mit Petrikirche. Foto: Hilke Maunder
Freiberg im Erzgebirge: Obermarkt mit Petrikirche. Foto: Hilke Maunder

Größter Feind, aber auch größter Helfer der Bergleute war das Wasser. Einerseits drohte es, Gruben zu ersaufen, andererseits lieferte es wertvolle Energie. Mit Wasserkraft wurde Wasser gehoben, Erz gefördert und die Grubenbelegschaft „eingefahren“. Selbst die Atemluft wurde mit Wasserkraft in die Schächte gepumpt.

Wie das geschah, verrät eine in Europa einmalige Rarität: das Thurmhofer Wasserrad, ein hölzernes Pochwerksrad von 1866, das sich in zehn Meter Tiefe unermüdlich dreht.

1.300 Kilometer Stollen unterhöhlen Johanngeorgenstadt, als letzte größere Bergstadt von böhmischen Glaubensflüchtlingen gegründet. Ab 1671 begannen sie mit dem Vortrieb des „Frisch Glück Stollen“, der sich später zum größten Bergwerk der Stadt entwickelte. Um 5.000 Tonnen Metall zu gewinnen, mussten die Bergleute mehr als 300 Millionen Tonnen taubes Gestein aus bis zu 350 Tiefe abbauen.

Zur überirdischen Kontrolle des Schachts wurde im 19. Jahrhundert das „Göckl“ mit der zugehörigen Kaue errichte. Die Glocke im Holzhaus über dem Einfahrtsschaft, die die Bergmänner als Signal für den Fahrbetrieb anschlugen, wurde Wahrzeichen und Namensgeber des Schaubergwerks.

Erzgebirge, Johanngeorgenstadt: Schaubergwerk "Glöckl". Foto: Hilke Maunder
Johanngeorgenstadt: Schaubergwerk “Glöckl”. Foto: Hilke Maunder

Die Blüte des Bergbaus in Annaberg-Buchholz währte nur kurz. Sorgten 1509 rund 600 Erzgruben für Wohlstand unter den 8000 Einwohnern, überschwemmte 100 Jahre später billiges Silber aus Südamerika Europa. Das Stollensystem im Stadtberg geriet in Vergessenheit – bis ein Arbeiter bei Bohrungen im Hof des Bergbaumuseums stolperte und den alten Schacht „Im Gößner“ entdeckte. Zur 500-Jahr-Feier der Stadt 1996 wurde das Bergwerk wieder für Besucher geöffnet. Wachsfiguren in historischer Tracht säumen den 260 Meter langen Rundweg in 110 Meter Tiefe.

Eine der größten Zinnlagerstätten Europas wurde 1440 bei Altenberg entdeckt. Bis 1991 wurde insgesamt 50 Millionen Tonnen aus der Altenburger Pinge gesprengt. Die Arbeiten hinterließen den größten Krater des Kontinents – ein 440 Meter großes Loch. An seinem Ostrand erzählt ein Bergbaumuseum mit Schaustollen und historischer Zinnwäsche von den Gefahren und Veränderungen während der 551 Jahren des Zinnabbaus.

Erzgebirge, Das Bergbaumuseum von Oelsnitz ist eines der größten Deutschlands. Foto: Hilke Maunder
Das Bergbaumuseum von Oelsnitz ist eines der größten Deutschlands. Foto: Hilke Maunder

Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderte entdeckte der Maschinenführer Karl-Gottlob Wolf das erste Steinkohleflöz von Oelsnitz. Zwei Jahre später, 1846, förderten bereits mehr als 25 Schächte im Lugau-Oelsnitzer Revier das schwarze Gold. 1971 verließ der letzte Hunt den Kaiserin-Augusta Schacht. Binnen 127 Jahren hatten Bergleute aus bis zu 595 Meter Tiefe 142 Millionen Tonnen Steinkohle gewonnen.

Der 51 Meter hohe Förderturm aus Backstein bildet heute das weithin sichtbare Wahrzeichen des Bergbaumuseums, das zu den größten seiner Art in Deutschland gehört. Auch hier geht es, nach individuellem Besuch der Ausstellung, mit hellem Schutzhelm in Gruppen hinab in den Schacht.

Mal steigend, mal fallend, führt der Weg durch ein 400 Meter langes Labyrinth. vorbei an Grubenholz und Hydraulikstempeln, Maschinen und allerlei Gerät, zur Gezähkammer, der Werkzeugausgabe unter Tage.

Erzgebirge, Im Besucherstollen des Bergbaumuseums Oelsnitz.  Foto: Hilke Maunder
Im Besucherstollen des Bergbaumuseums Oelsnitz. Foto: Hilke Maunder

Hier, wo der Bergmann Schaufel und Säge, Kratze und Kaukamm erhielt, ertönt plötzlich ohrenbetäubender Lärm – als original getreue Geräuschkulisse der Abbau- und Fördermaschinen. Besucher lernen, dass Blindschächte mehrere Sohlen verbinden, aber nicht nach oben führen, und Schilder mit der Aufschrift „Keine Fahrung“ davor warnen, ungesicherte oder eingestürzte Stollen zu betreten.

Wie einst, endet auch ihre einstündige Schicht unter Tage an der Waschkaue, dem Mannschaftsbad, bevor der Förderkorb sie wieder ans Tageslicht bringt und der sich der Führer mit dem klassischen Gruß der Bergleute verabschiedet: „Glück auf!“

Die Silberstraße im Erzgebirge: die Schaubergwerke

Ferienstraße „Silberstraße“ (Zwickau – Dresden)

www.silberstrasse.de

Sächsische Schaubergwerke

Silbergwerk Freiberg

Fuchsmühlenweg 9, 09599 Freiberg, Tel. 037 31 39 45 71,  www.silberbergwerk-freiberg.de

Pferdegöpfel Johanngeorgenstadt

Eibenstocker Straße 100, 08349 Johanngeorgenstadt, Tel. 037 73 88 31 68, www.pferdegoepel.de

Bergbaumuseum Altenberg

Mühlenstraße 2, 01773 Altenberg, Tel. 03 50 56 / 3 17 03, www.bergbaumuseum-altenberg.de

Erzgebirgsmuseum mit Besucherbergwerk “Im Gößner”

Große Kirchgasse 16, 09456 Annaberg-Buchholz, Tel. 03733  23497,  www.bergbautradition-sachsen.de

Bergbaumuseum Oelsnitz

Pflockenstraße, 09376 Oelsnitz, Tel. 03 72 98  12 6 12, www.bergbaumuseum-oelsnitz.de

Dieser Beitrag ist am 29. August 2002 auf Spiegel Online erschienen. 

Erzgebirge, Bergbaumuseum Oelsnitz. Foto: Hilke Maunder
Der Turm des Bergbaumuseums Oelsnitz. Foto: Hilke Maunder

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