2003DänemarkEuropa

Meet the Danes: Dänisch speisen ganz privat

Auf dem Tisch dampfen Karotten, Kartoffeln und Brokkoli. Søren schneidet den Rinderbraten in schmale Scheiben. Eva schenkt Rotwein und Wasser ein. Skål – und herzlich willkommen bei uns!

Neugierig beschauen sich Gast und Gastgeber – ist doch die Einladung ein arrangiertes Treffen, organisiert von dem privaten Tourismusveranstalter Meet the Danes. Im April 2001 gegründet, nehmen Inhaberin Annette Wæber (41) und ihr Vater Leif (71) den Namen ihrer Firma ernst: Sie vermitteln private Einblicke in die Welt der Dänen.

Das engagierte Servicebüro für Gäste aus aller Welt, das in einem urigen Haus von 1732 im Ausgehviertel Nyhavn residiert, bietet den direkten Draht zu Dänen. Dazu gehören ganz persönliche Stadtführungen zu Fuß oder Fahrrad abseits von Tivoli und Meerjungfrau, Segeltörns mit Oldtimern zwischen den Inseln im Öresund, Übernachtungen in Privatzimmern oder Hotels mit individuellem Charme – und Homedinner.

Für 360 Kronen (rund 48 Euro pro Person, Kinder von 6-14 Jahren 180 Kronen/24 Euro) können Besucher einen „Middag“, den zwei- bis dreigängigen abendlichen „Mittagstisch“ in einem dänisches Zuhause zu erleben – bei Paaren, Familien und Alleinerziehenden, in Wohngemeinschaften oder im Studentenwohnheim. 185 Homedinners können allein Kopenhagen vermittelt werden. Zur Saison 2003 kommt Seeland hinzu.

„Ich habe für uns einen Klassiker gekocht – so haben wir in meiner Kindheit gegessen;“ sagt Eva Gall (48). Und heute? „Da gibt es bei uns häufig Spaghetti…“, lacht die Psychologin. „Auch hier haben Pizza und Pasta die alte Hausmannskost verdrängt.“ Søren Nielsen (38) nickt, nimmt nach. „Aber mal tut es auch gut, sich an das Alte zu erinnern“, sagt der Umweltbiologe. Hinter ihm hängen zwei Stiche an der Wand. Sie zeigen Kopenhagen einst und jetzt.

Eva und Søren lieben ihre Stadt. Beide wurden in Kopenhagen geboren, kennen Geschichte und Geschichten, Skuriles, Seltenes und Schönes. So erfährt man Dinge, die nicht im Reiseführer stehen, bekommt Tipps für schöne Ausflüge und Unternehmungen. „Oder wusstest du, das es mitten in Kopenhagen noch eine andere, selbständige Stadt gibt?

Überrascht blicke ich ihn an. Da greift Søren zum Stadtplanbuch, blättert und zeigt einen Ausschnitt ganz in seiner Nähe: „Schau, siehst du die Grenzmarkierung mitten im Stadtgebiet? Am besten kannst du es an Kopenhagens Radwegen erkennen – dort, wo sie abrupt enden, beginnt Frederiksberg.“

Die 85.000 Einwohner.-Stadt zeichnet sich besonders durch ihren günstigen Steuersatz aus. Dinge wie diese gehen mir noch lange nach dem Abend im Kopf umher, haben völlig neue Eindrücke von Land und Leuten geschaffen.

Ein wenig entschuldigend öffnet Eva die zweite Flasche italienischen Wein. „Seitdem es ein paar Dänen gibt, die Wein anbauen, sind wir EU-offiziell zwar auch eine Weinbaunation, doch das wollten wir dir nicht zumuten.“ Ob sie ihn schon probiert hat? „Da müsste ich wohl mal richtig mutig sein…“ sagt sie und setzt sich wieder an den Tisch.

Völlig selbstverständlich deckt Søren ab, spült das Geschirr und sagt dann: „So, jetzt lasst uns mal in das Wohnzimmer umziehen.“ Und ein wenig erfreut stelle ich fest, dass meine Vorstellungen von skandinavischer Inneneinrichtung nicht nur in den Möbelhäusern, sondern tatsächlich auch daheim bei den Dänen zu finden sind. Ein helles Kiefernsofa, mit grauem Wollstoff bezogen.

Seitlich darüber schwebt eine LeKlint-Leuchte. Mit ihrem Scherenarm aus hellem Holz und dem handgefalteten Schirm ist sie ein dänischer Design-Klassiker: das Modell 332, entworfen von Erik Hansen. Ein anderer Klassiker steht noch bei der Schwiegermutter. „Wenn wir in unser eigenes Haus umziehen, erben wir einen echten Arne-Jacobsen-Stuhl.“

Meet the Danes: Eva Gall (48) und Søren Nielsen (38) empfangen mich. Foto: Hilke Maunder

Stolz schwingt mit in der Stimme – und die Sehnsucht, die Bauphase rasch beendet zu sehen. „Wir freuen uns auf Roskilde – auch wenn uns der Wegzug aus Kopenhagen schwer fallen wird.“ Seit zehn Jahren wohnen Eva und Søren in der Versterbrogade 132, umgeben von einem multikulturellen Ethnomix. Von Thai bis Türkisch, von Taco bis Sashimi: Kaum eine Küche der Nationen fehlt auf der Hauptachse durch das Vesterbro.

Das einstige Arbeiterviertel, noch vor wenigen Jahren verrufen als Rotlichtbezirk und herunter gekommene Schmutzecke hinter dem Bahnhof, ist heute eines der angesagtesten Vierteln der dänischen Hauptstadt. Hier werden Trends kreiert und gelebt – in der Mode und der Küche, auf der Straße und im Club.

Und doch ist das Viertel sich treu geblieben, sind bieder und Bohème kein Widerspruch. „Jetzt, wo es hier so spannend geworden ist, schmerzt es natürlich ein wenig, fortzuziehen.“ Aber das ist auch das tägliche Pendeln zum Arbeitsplatz – beide arbeiten in Roskilde.

Mittlerweile ist es weit nach zehn Uhr abends. Längst ist auch das Himbeereis verzehrt, das Eva selbst gemacht hatte, und zum Wein hat sich Schokolade gesellt. Søren beginnt, über Bücher zu sprechen, schwärmt von Umberto Eco, und zeigt mir stolz sein Arbeitszimmer: Bücher bis unter die Decke. „Schon deshalb müssen wir umziehen – hier hat selbst ein Taschenbuch keinen Platz mehr.“

Längst ist die Scheu vor dem fremden Gast verflogen, necken sich Eva und Søren wie vor guten Freunden. Dementsprechend herzlich fällt auch der Abschied aus: „Schön, dass du da warst – und schreib uns mal…“ Gewiß!

Dieser Beitrag war eine Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark. Er wurde  von zahlreichen deutschsprachigen Medien veröffentlicht, so am 31. Mai 2003 auch vom Bremer Weserkurier.

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