2001EuropaSchweiz

Zürich: Little Big City

Überschaubar und gemütlich, und doch voll pulsierender Urbanität: Zürich. Eine „Little Big City“, die ihre Gegensätze an den Ufern der Limmat auslebt. Hier biedere Bankenmetropole, dort schrilles Partydorf, hier streng wie Zwingli, dort innovativer Aufbruch. Und fast immer noch so sauber, wie schon James Joyce konstatierte – „dass man eine auf der Bahnhofstraße ausgeschüttete Suppe ohne Löffel wieder aufessen könnte“.

Einerseits, andererseits, und doch ganz anders: Dieses Spiel der Gegensätze, von Szene und Establishment, Aufbruch und Tradition, Großstadt und Provinz, macht Zürich zu einer der angesagtesten Städteziele. Trendmagazine weltweit feiern den einmaligen Charme der Mini-Metropole an der Limmat. Mit 376.000 Einwohnern ein Zehntel so groß wie Berlin, hat in der größten Stadt der Schweiz die Wirtschaft das Sagen.

Münsterbrücke über die Limmat

Während die Bern die Regierung sitzt, regiert am größten Goldumschlagsplatz der Welt das Kapital. Zürichs Börse liegt nach New York, London und Tokio umsatzmäßig an vierter Stelle. 350 Banken aus aller Welt, dazu unzählige Finanzinstitute und Versicherungen, haben sich am linken Ufer der Limmat niedergelassen. Der Paradeplatz sei ein einziger Tresor, sagt der Volksmund. Ob es stimmt? Zumindest oberirdisch ist augenscheinlich ausreichende Liquidität vorhanden.

Schlicht und edel vom angesagten Zürcher Designer Hannes B in Leinen, Wolle oder Seide gekleidet, kreuzen korrekt gekleidete Herren den Platz, vorbei am Hotel Savoy Baur en Ville, Zürichs älteste

m und edelsten Hotel. Im Café Sprüngli nippen die Gäste am Chüpli (Champagner), genießen ihre Schoki aus Silberkannen oder erholen sich mit einem Glace (Eis) vom Shopping auf der Bahnhofstraße, dem 1,2 Kilometer langen Boulevard zwischen Bahnhof und Bürkliplatz. Unter seinen Bäumen werden die Woche über bunte Blumen, am Sonnabend Tand und Trödel teuer zum Kauf angeboten. Der „Flohmi“ gilt als größter und feinster Flohmarkt der Stadt.

Der Bürklimarkt auf dem Bürkliplatz

Gleich gegenüber beginnt die Seepromenade, eine Kastanien gesäumte Oase mit Aussicht auf die Alpen. Jogger und Skater überholen die Spaziergänger. Paare und Passanten flanieren auf der Promenade, füttern Schwäne, lauschen den Straßenmusikern, kaufen bei fliegenden Händlern geröstete Maronen.

Der kilometerlange Corso endet an der riesigen Blatterwiese, der Spielwiese der Stadt. Ein Unikum der Stadtarchitektur erhebt sich am Rande des Zürichhorn-Parks: das Heidi-Weber-Haus, posthum nach den Plänen des Schweizer Architekten Le Corbusier 1967 errichtet.

Großmünster und Wasserkirche von der Limmat aus

Wie ein Segel schwebt ein graues Stahldach über dem Haus, dessen Fassade farbig emaillierte Stahlplatten im Stil der Zürcher Konkreten bilden. Der kleine Chinesische Garten ist ein Geschenk der Stadt Kunming. Angelegt nach den fernöstlichen Regeln der Gartenkultur, will die ausgeklügelte Komposition aus Brücken, Hügeln, Teichen, Portalen und Pavillons die Erfahrung vermitteln, dass im Kleinen das Große, im Großen das Kleine, im Realen die Illusion und in der Illusion das Reale liegt.

Limmatufer unterhalb vom Lindenplatz

Oder: in der Großstadt das Dorf, das Dorf in der Großstadt. Zürichs „Dörfli erstreckt sich rechts der Limmat, ein Gewirr von engen Kopfsteingassen, eng und autofrei, im Schatten von Zwinglis Großmünster. Proper und heraus geputzt präsentiert sich das Oberdorf, inzwischen eine der teuersten Altstadtadressen für Eigentum. Entlang der Lebensader des Niederdorfes ist dagegen nicht eine einzige Bank zu finden.

Sexshops und Striptease-Bars, Kneipen, Kinos und Cafés machen die Niederdorfstraße zum Mekka für Nachtschwärmer. Kleine Läden bieten Schrilles, Skurriles, Seltsames und Seltenes – wie das Médieval, Europas einziges Spezialgeschäft für das Mittelalter.

In der Oberdorfgasse

Anfang des 20. Jahrhundert zog es zahlreiche Emigranten in die engen, verwinkelten Gassen: Während Lenin in der Spiegelgasse sein Weltrevolution plante, deklamierten Hans Arp, Emmy Hennings, Hugo Ball und andere im „Cabaret Voltaire“ Laute, die keinen Sinn machten, kreierten Lärm-Musik, klebten Collagen und begründeten einen Stil, der im Kunsthaus Zürich heute umfangreich dokumentiert ist: Dada – die literarisch-künstlerische Revolution von 1916.

Mehr als 100 Galerien und 50 Museen im Großraum: Als Kunststadt hat das kleine Zürich weltweit einen großen Namen. Kunst bedeutet hier auch immer Aufbruch und Wandel – so auch für Zürichs Westen. Im Stadtkreis vier, früher Synonym für Drogen und Prostitution, verdrängen zunehmend trendige Bars und kleine, feine Shops die Imbissbuden und Rotlichtlokale.

Am Großmünsterplatz

Feine Seide von Fabric Frontline oder Männerröcke von Sandra Kuralte locken immer mehr Kunden in die Ankerstraße, der neuen Modemeile im einstige Schmuddelviertel. Performances, Installationen, Bilder und Bildhauerei fanden in den hohen, hellen Hallen einer einstigen Brauerei ein neues Forum.

Mit vier Galerien und zwei Museen – der Kunsthalle und dem Migros-Museum für Gegenwartskunst – hat sich das revitalisierte Löwenbräu-Gelände binnen kürzester Zeit als führendes Kunstzentrum etabliert. Dass Kunst auch im Kleinen Klasse hat, beweist seit 1994 ein Unikum in der Birmensdorfer Straße: der Kunstautomat. Werden ausreichend Münzen in den Zahlschlitz gesteckt, spucken die kleinen Schaufenster nicht mehr länger Süßigkeiten, sondern klitzekleine Kunstwerke aus.

Dieser Beitrag ist am 5. November 2001 auf Spiegel Online erschienen.

Der Zürcher Ortsteil Wollishofen

Verwandte Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.