2010DänemarkEuropa

Geologie: der 1,2 Milliarden-Jahre-Spagat

Bornholm ist anders. Das fängt bereits bei der Geologie an. Als einzige dänische Region ruht die Sonneninsel in der Ostsee auf urzeitlichem Granit – und nicht auf Sand. Und nur hier lebten einst die einzigen dänische Dinosaurier. Interaktiv entdecken lässt sich die Andersartigkeit der Klippeninsel im Erlebniszentrum NaturBornholm, das 2010 sein zehnjähriges Bestehen mit einer Jubiläumsschau feiert.

Dicht an dicht brechen glatt polierte Felsen aus dem Erdreich. Schmelzwasser-Rinnen und Schleifspuren des Eises haben deutliche Spuren den riesigen Rundsteinen hinterlassen. Flechten und Moose überziehen Jahrmilliarden altes Grundgestein: Gneis und Granit, bunt gesprenkelt in weiß, rot, blau und grau.

Zwischen hohen Gräsern und knorriger Heide ragt windzerzaust Wacholder auf. Wild und unbändig, typisch skandinavisch ist die Landschaft am Klintebakken von Aakirkeby. Doch nur 200 Schritte nach Süden und schon erstreckt sich tief unter den Füßen eine scheinbar endlos weite Ebene, geprägt von großen Feldern und alten Gehöften.

Europa prallt auf Afrika

Zwei Landschaften, die unterschiedlicher nicht sein könnten – geschaffen vom Kräftemessen zwei riesiger Kontinentalplatten: der eurasischen und der afrikanischen Platte, die sich langsam gen Norden bewegt. Anders als in den Alpen, wo sich durch den Druck die Berge auffalteten, war die eurasische Platte auf Bornholm so solide und steif, dass sie sich nicht faltete, sondern aufplatzte.

„Und genau an dieser Verwerfung bei NaturBornholm hört das skandinavische Gebirge und beginnt Mitteleuropa“, erklärt Kristina Eriksen, Naturführerin von NaturBornholm. „In der Jurazeit vor 200 Millionen muss es hier enorm gekracht haben.“

Die Bruchstelle der fennoskandinavischen Randzone ist noch deutlich zu sehen: Im Norden liegen 1,7 Milliarden Jahre alter Granit und Gneis an der Oberfläche, im Süden bedeckt ein 540 Millionen Jahre alter Sandstein die Ebene. Beide verbindet eine geologische Treppe aus Sandsteinsedimenten, die vom Erdbeben umgekippt und in die Höhe gedrückt wurden.

Genau genommen handelt es sich dabei nicht um eine Bornholmer, sondern um eine europäische Bruchlinie. Die Bruchzone beginnt im Skagerrak, führt mitten durch Bornholm und verliert sich irgendwo im Schwarzen Meer. Doch nur auf Bornholm ist die Bruchlinie – direkt unterhalb der Erdoberfläche – sichtbar und zum Greifen nahe.

Geologie zum Anfassen

Kristina Eriksen stemmt die Arme in die Hüften und macht einen Spagat: „ Die Verwerfung ist so interessant, weil ihre beiden Seiten in Alter und Steinart so unterschiedlich sind: Hier ist die einzige Stelle der Welt, wo jeder 1,2 Milliarden Jahre Erdgeschichte überbrücken kann.“

Die Naturführerin ist vor 14 Jahren wegen der sehr abwechslungsreichen, wunderschönen und im Sommer fast „subtropisch“ wirkenden Natur von Kopenhagen nach Bornholm gezogen – ursprünglich kommt sie aus dem bayerischen Herrsching am Ammersee. Als ausgebildete Lehrerin und Naturführerin hat sie vor zwei Jahren ihren Traumjob bei NaturBornholm gefunden.

Die Architektur des Erlebnismuseums ist gebaute Geologie. Henning Larsen, der mit der Königlichen Oper in Kopenhagen weltberühmt wurde, lässt das Museum wie ein Monolith aus dem Grundgestein aufragen. Ein Mantel aus aufgeschobenem Grundgestein umhüllt die Betonstruktur. Eine schmale Glasgalerie teilt den Bau wie die steilen Spaltentäler, die Bornholm von Nordost nach Südwest durchziehen. Die dunklen Böden symbolisieren den Basalt, der einst als Magma in die Spalten im Grundgestein eindrang und erstarrte. Im Museum blubbert er noch feurig heiß unter einer durchsichtigen Gummiblase – wer sich auf sie legt, kann den Puls der Zeit am Eingang zur Zeitmaschine hautnah spüren.

Die Zeitreise durch Bornholms Erdgeschichte beginnt im Schwarzen Topf. In einer rekonstruierten Höhle der Heiligtumsklippen regieren die vier Elemente: Feuer, Erde Wasser und Luft. Mit welcher Kraft sie Bornholm folgten, zeigt der cineastische Schnelldurchlauf durch die Erdgeschichte – beim Erdbeben wackeln die Stühle. Dann wird es tropisch warm. Palmen wachsen am Sandstrand, Kaimane und Schildkröten leben in der Lagune der Kreidezeit. Und wird er angeblickt, zwinkert sogar der einst auf Bornholm heimische Dromaeosaurides bornholmensis zurück.

Dänemarks Dino-Insel

Der rund 50 kg schwere, rund drei Meter lange Raubdinosaurier lebte als Ahne der Vögel vor rund 144 Millionen Jahren auf der Insel. Dass er wirklich existierte, bewies im Sommer 2000 die damals 17-jährige Eliza mit einem sensationellen Fund: In einer Kiesgrube bei Rønne fand einen zwei Zentimeter langen Zahn des Sauriers.

Seitdem tauchen immer mehr Saurier-Spuren auf Dänemarks einziger Dino-Insel auf: nicht nur ein zweiter Zahn, sondern auch Fußabdrücke von einem 15 m langen Sauropoden und des etwas kleinerer Stegosaurus.

Gefunden wurden auch andere urzeitliche Lebewesen: Graptolithen, winzige marine Kolonietiere, und versteinerte Abdrücke von 540 Millionen Jahre alten Quallen –2006 nur wenige Schritte von NaturBorholm im Strøby-Steinbruch vom deutschen Forscher Prof. Dolf Seilacher entdeckt. Solche Funde waren bislang sonst nur aus Indien und den USA bekannt.

Auf die Wärme der Kreidezeit folgt Kälte: Blau glitzernd überzieht Eis die Stahlbögen. Im Quartiär, das vor 1,8 Millionen Jahren begann, bedeckten vier große Eiszeiten Nordeuropa. Kilometerdicke Gletscher schoben Gesteinsmaterial als Geschiebe vor sich her, schufen mit ihrem Schmelzwasser Strudeltöpfe und schleiften vor allem im Inselinnern die Landschaft flach.

In der Bronzezeit dienten die glatt geschliffenen Gesteinsflächen als natürliche Leinwand: Die in den Fels geritzten Abbildungen – Schiffe mit Doppelsteven, Sonnensymbole und Strichmännchen – am Bornholmer Madsebakken bilden die größte Ansammlung von Felszeichnungen in Dänemark.

Bornholms typische Biotope

In der Gegenwart wird’s laut und lebendig: Nachtigallen singen, Frösche quaken, Enten schnattern, Dorsche, Heringe, Furcht einflössende Störe und bunt schillernde Barsche ziehen vor felsigen Klippen des Aquariums durch die Fluten. Für jedes typische Landschaft der Insel – Felsküste, Moore und Seen, Spaltentäler, Bauernland sowie Düne und Steilküste – haben der NaturBornholm-LeiterJens Kofoed und sein Team eigene, kleine Biotope mit typischer Flora und Fauna geschaffen. Dort zu sehen ist auch die Nationalblume der Insel, eine blassblaue Anemone – sie wächst nördlich der Alpen nur auf Bornholm.

Die Zeitreise endet an der Aktivitätsinsel, wo der Nachwuchs tagtäglich neu die Inselnatur spielerisch erleben kann. Jesper zeigt, wie Schollen gefangen und gehäutet werden, um die Haut für Pfeile zu verwenden. Kristina bastelt mit den Kindern kleine Dinos. Am nächsten Tag wird mit Pflanzen gefärbt, draußen auf dem Naturspielplatz getobt oder in einen Fuchsbau gekrochen.

Zwar sind die Füchse sind seit Ende der 1980er-Jahren auf Bornholm offiziell ausgestorben, doch kürzlich fand Jens Kofoed wieder Fuchsexkremente – und zeigt sie jetzt in der der Jubiläumsausstellung. Wer wie er die vielgestaltige Natur der 587 qm großen Insel vor Ort entdecken möchte, findet auf www.naturbornholm.mobi mehrere GPS-Touren zum kostenlosen Download, leider zurzeit noch nicht auf Deutsch. Und einen Klingelton, der so typisch wie die Insel ist: ein Hering, der gegen den Fels geschlagen wird.

Dieser Beitrag war eine Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark und wurde im Frühjahr 2010 an deutschsprachige Medien versandt.

Geologie zum Anfassen: Die Fennoskandinavische Randspalte lädt zum 1,2-Milliarden-Jahre-Spagat.

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Baedeker Dänemark

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