2007DänemarkEuropa

GeoCenter Møns Klint: die Geburt Dänemarks

Königin Margrethe II. eröffnet am 29. Mai 2007 auf Møn eine einzigartige Ausstellung, die die Entstehung als interaktive Zeitreise zu Kultur und Natur der letzten 65 Millionen Jahre spannend präsentiert: das neue GeoCenter Møns Klint in unmittelbarer Nähe der weltbekannten Kreideklippen.

Mit der Eröffnung ist ein Projekt vollendet, dessen Vorbereitung und Bau mindestens ebenso spektakulär wie die Ausstellung war. Allein die Planung hatte sieben Jahren gedauert – denn der Bau erhebt, nein, versteckt sich mitten in einem EU-Biosphärenreservat, das zudem der Favorit unter den sieben Anwärtern auf den Nationalparkstatus ist.

Ob Møns Klint der erste Nationalpark im Königreich wird, will Umweltministerin Connie Hedegaard ebenfalls Ende Mai bekannt geben.Zur Realisierung des GeoCenters wurde 2002 ein internationaler Architektenwettbewerb ausgelobt, an dem 292 Büros aus aller Welt teilnahmen.

Doch keiner verstand es so gut wie Søren Mølbach vom Kopenhagener Büro PLH Arkitekten, die besondere Topographie der Region im Design aufzugreifen – ob’s daran lag, dass der Zeichner selbst auf Møn daheim ist?

Im Oktober 2005 begannen die Bauarbeiten. 14.000 Kubikmeter Erde wurden bewegt, um das große Erlebniszentrum so winzig wie möglich wirken zu lassen. „Wir erzählen die Geschichte der Erde dort, wo sie passiert ist – in der Erde“, sagt Nils Natorp (47), Direktor des GeoCenters Møns Klint.

So ragt der zweigeschossige Bau nur eine Etage empor. Zum Buchwald hin säumt präsentiert sich die Fassade als lang gestreckter Bogen, verkleidet mit Panelen sibirischer Kiefer, die im Vergleich zu heimischen Hölzern einen entscheidenden Vorteil hat: Sie imprägniert sich selbst. Zur Seeseite hin greift die Architektur die Farben der Kreideklippen auf: als helle Front aus Aalborger Kreidezement.

An der Nordseite des Baus führt eine breite Freitreppe hinauf zur Café-Terrasse, die mit Holzplanken ausgelegt ist. An der Südseite wurde das neue GeoCenter mit dem historischen Badehaus verbunden, in dem jetzt Schulklassen perfekte Voraussetzungen für den Unterricht vor Ort finden: zwei moderne Klassenräume – und 30 Mountainbikes für Ausflüge.

Vom lichten Foyer geht es in den dunklen Bauch der Erde – jede Stufe der Treppe führt 2,5 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit. Alternativ führt auch ein Fahrstuhl ins Untergeschoss. Inszeniert wurde spannende Zeitreise durch die vier Hauptepochen der dänischen Geologie vom dänischen Filmregisseur und Drehbuchautor Ole Borndedal („Nightwatch”).

Die Zentralachse bildet ein „Path of Wisdom“, der die wichtigsten Ereignisse der jeweiligen Epoche schlaglichtartig beleuchtet. Links davon lassen sich in einer separaten Kammer Zeugnisse aus jener Zeit und andere Aspekte der Naturgeschichte betrachten, rechterhand der Hauptachse spiegeln sich die Erdzeitalter in Installationen von Künstlern in märchenhaften Höhlen.

Am Møns Klint gibt sich die Ostsee ganz karibisch. Foto: Hilke Maunder

Kreidezeit: riesige Reptilien und winzige Algen

Die Ursprünge waren Furcht erregend: Mit geöffnetem Maul, aus dem unzählige scharfe Zähne ragen, begrüßt „Mozza“ die Besucher. Der Schlangensaurier war der T-Rex des mächtigen Kreidemeers, das vor 65 Millionen Jahren ganz Europa bedeckte. Tintenfische, Muscheln, Schnecken, Seeigel und Schwämme, heute als Fossilien erhalten, lebten in der Tiefe; Milliarden Mikroorganismen in den oberen Wasserschichten.

Die Kalkschalen dieser Kokkolithen, die unter dem Saurier über den Bildschirm schweben, heute die Kreide; die Skelette primitiver Schwämme die schwarzen Flintschichten der Klippen. Wie lange es dauerte, um den 700 m dicken Kreidesockel Dänemarks zu schaffen, verrät die benachbarte Säule: Eine Handbreit Kreide entspricht 10.000 Jahren. Während der Nachwuchs staunt, bewundern die Eltern das erste Kunstprojekt: Thorbjørn Lausten hat die Kreidezeit als „Geologische Lichtshow“ aus Kreisen, Quadraten und Dreiecken interpretiert.

Tertiär: Dänemark hebt sich aus dem Meer

Im Tertiär vor 65 bis 4 Millionen Jahre vor Christus hebt sich die Kreide aus dem Meer. Die Plattentektonik schafft neue Kontinente, die zu wandern beginnen; das Klima wird kälter, binnen 20.000 Jahren kommt es zu einer grundlegenden Änderung von Flora und Fauna. Ein Google-Satellitenbild als Aufsicht, zeigt ein Modell, wie Dänemark auf Kreide ruht. „Und gut davon lebt“, sagt Nils Natorp.

Dank der Kreide besitzt Dänemark große Öl – und Gasvorkommen, bestes Grundwasser und gefragte Rohstoffe. Bis heute steckt in vielen Produkten Kreide, auch wenn sie nicht sofort als solche erkannt wird – zum Beispiel als Calciumcarbonat selbst in Gummistiefeln! In der Künstlerhöhle von Jeppe Heins verbindet sich die prägenden Elemente der Tertiär – Feuer und Wasser – zur „Waterflame“: Auf einer Wassersäule lodern die Flammen.

Die Eiszeiten: Zeugnisse der Gletscher

Bis 10.000 v. Chr. erlebte die Erde insgesamt acht Eiszeiten. Landschaftsprägend für Møn wurde vor allem die letzte Weichseleiszeit – ihre Gletscher drückten den Kreidesockel zu den markanten Klippen empor. Anhand der Granitsteine am Strand – und ihren Stellvertretern in der Ausstellung – lässt sich die Herkunft der Gletscher eindeutig feststellen, denn jede Granitart gibt es in Skandinavien nur an einer einzigen Stelle. Die Reise der Steine hat auch den Künstler Bjørn Norgaard inspiriert: Er kleidete die Wände seiner „Höhle“ mit einem Steinmosaik aus, über das Wasser in das „Meer“ am Boden rinnt.

Gegenwart: die Kraft der Erosion

Durch eine Kältesperre mit echtem Eis und künstlichem Nebel geht es in die Gegenwart, in der die Erosion beständig an den Klippen nagt. Interaktiv können Besucher mit Meereswellen am Fuße der Klippenküste nagen, von oben mit Regenwasser die weiche Kreide fortspülen – oder per Knopfdruck am Modell von Møns Klingt einen Erdrutsch auslösen. Welche Ausmaße er haben kann, zeigte sich zuletzt im Januar dieses Jahres. 450.000 Tonnen Kreide – und mehr als 200 Bäume – rutschen damals in die Ostsee und rissen eine 150 m breite Narbe in die Steilküste.

Workshop Zone, Kino & Café

Ein schwarz gefleckter Blauschmetterling, der in Dänemark nur am Møns Klint zu finden ist, schwebt über der Workshop Zone, in der der Nachwuchs die einzigartige Natur der Klippenlandschaft spielerisch entdecken kann. Zwei Mädchen bemalten Papierschmetterlinge und lassen sie im Windkanal fliegen, ein Junge reitet auf einer großen roten Ameise, andere Kinder versuchen zu erraten, wo im Fühlkasten versteckt ist.

Für Ältere gibt es ein Kino, dass die Naturgewalten in DolbySurround präsentiert – mit Blick auf den Buchenwald, dessen lichtes Grün Vorbild für die Sesselstoffe war. Sobald die Vorstellung beginnt, senken sich Vorhang und Leinwand simultan über die bodentiefen Panoramafenster, und ein Wechselspiel von historischen Fotos und Aufnahmen aus der Gegenwart zeigt, wie sich die Geologie der Küste allein in den letzten 100 Jahren verändert hat.

Das Panoramacafé mit großer Terrasse ist jetzt genau der richtige Ort, um alle Eindrücke noch einmal Revue passieren zu lassen – bei Kaffee und Kuchen oder biodynamischen Gerichten mit französischem Einschlag von Küchenchef Maurice Khayam (44), der in den letzten zehn Jahren bei den führenden Restaurants Kopenhagens in der Küche gewirbelt hat und nun im GeoCenter Møns für Finesse am Herd sorgt.

Doch nun: hin zu den famosen Felsen! Am schönsten präsentieren sie sich am Vormittag, wenn das Sonnenlicht sie zum Leuchten bringt. Hinab zum Strand führen mehrere Holztreppenwege. mit Rastplätzen. Auf dem Rückweg – hinauf sind es 500 Stufen – wird die Verschnaufpause zur Schaustunden, denn ungewöhnlich wie die Geologie ist auch die Flora ringsum.

Selbst im Hochsommer bewahren die Blätter der Buchen hier die hellgrüne Farbe des Frühlings, weil der hohe Kalkgehalt des Bodens die Aufnahme von Eisen und Mangan erschwert, was die Bäume für die Bildung des grünen Farbstoffes der Blätter benötigen. Im Unterholz blühen wilde Orchideen: Pyramiden-Orchis, Purpur-Knabenkraut oder gelbblütige Primeln – 18 der 40 Orchideen-Arten von Møn sind hier vertreten, drei Arten sogar endemisch, sprich, weltweit nur hier zu finden.

Überall rauscht und gurgelt es, graben sich kleine Bäche in den Fels, verändern die Klippen ihr Gesicht, deren Kreide sogar die Ostsee ein geradezu karibisches Gepräge gibt: Nicht tiefblau, sondern aquamarin funkeln die Fluten. Dann schießt plötzlich ein Wanderfalke mit Tempo 350 an den Klippen vorbei. Nach 30-jähriger Abwesenheit ist er nach Møns Klint zurückgekehrt, wo er seit 2002 auch wieder nistet.

Dieser Beitrag wurde im Mai 2007 als Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark verfasst und von zahlreichen deutschsprachigen Medien veröffentlicht. 

Blick auf die Steilküste Møns Klint. Foto: Hilke MaunderWeiterlesen

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