Jersey: Moonwalking im Meer

Immer, wenn der Vollmond über der Kanalinsel Jersey leuchtet, zieht sich das Meer besonders weit zurück. An der Ostküste legt der zweithöchste Tidenhub der Welt eine Wattlandschaft frei, die sich auf Moon Walks entdecken lässt: geführten Wanderungen durch eine Wildnis voller Wunder.

Von der Rampe des Seymour Slip, gegen die bei Flut die Wellen donnern, springt Andrew Syvret (42) auf den Strand, geht in die Hocke und zieht Kreise und Quadrate in den feinen Sand. „Jersey hat sich erst vor 5000 Jahren vom Festland getrennt – und ist aus diesem Grund ganz anders als die anderen Kanalinseln: Das Wasser ist flacher, drei bis vier Grad wärmer – und wandert gegen den Uhrzeigersinn um die Insel“, erläutert Syvret, einst Börsenmakler, heute Meeresbiologe und Umweltexperte aus Überzeugung.

GB/Jersey/Watt-Landschaft beim Seymour Inn an der Südostküste, zu entdecken bei "Moon Walks". Hier: Guide Andrew Syvret erläutert im Sand die Meeresbewegungen und Gezeiten Jerseys.
Andrew Syvret erläutert im Sand die Meeresbewegungen und Gezeiten Jerseys.

Das Tempo der Tide ist beeindruckend: Drei Zentimeter pro Minute zieht sich das Meer bei Ebbe zurück. Bei Vollmond fällt die Ostküste der südlichsten Kanalinsel trocken. Mehr als 32 Quadratkilometer, so weit das Auge reicht, erstreckt sich dann der durch die Vereinten Nationen geschützte Wattbereich – und sorgt dafür, dass sich Jersey zweimal täglich verdoppelt. Zweimal im Jahr – zu den Springfluten im Frühjahr und Herbst – zieht sich der Ärmelkanal sogar so weit zurück, dass er nur als schmaler Streifen am Horizont erscheint.

An diesem Nachmittag nach Vollmond trennen Strand und See mehr als fünf Kilometer. Zerfurchte Riffe aus Granit bedecken den feinen Sand, glänzen feuchtschwarz im Gegenlicht, spiegeln sich in Wasserlöchern. Eine kräftige Brise aus Nordwest lässt das Wasser in den Prielen aufwogen. Wie Spaghetti aus Sand ringeln sich die Ausscheidungen des Wattwurms auf dem Sand.

erkrustungen durch Einzeller auf dem Granit, der kleine Gebirge auf dem Meeresboden bildet.
Winzige Einzeller bilden die Verkrustungen auf dem Granit, der kleine Gebirge auf dem Meeresboden bildet.

„Sucht ein P“, sagt Andrew plötzlich, und die kleine Gruppe, die in Gummistiefeln und Wetterjacken zu diesem Moon Walk erschienen ist, schaut irritiert auf. Ein P, hier, auf dem Meeresboden? Andrew geht auf einen senkrechten Fels zu. Trotz der kalkigen Verkrustungen ist ein großes P klar zu erkennen, eine der sechs Grenzmarkierungen des Gebietes, in dem um 1750 nur die Familie Payn während der Saison „Vraig“ sammeln durfte, Seetang.

Die Meeresalgen, die einst die Felder düngten und Häuser heizten, liegen heute auf den Tellern der Trend-Restaurants Jerseys wie Green Island oder Sumas. 240 Sorten Seealgen gibt es in den Gewässern rund um die Insel, 120 verschiedene Fische, 100 Krustentiere, Krabben & Co. sowie 165 Muschelarten. Eine seltene Spezialität ist das Seeohr, ,„ormer“ genannt. Die Muschelart, ähnlich delikat wie Abalone, darf nur zu bestimmter Zeit in begrenzter Stückzahl gesammelt werden.

GB/Jersey/Watt-Landschaft beim Seymour Inn. Hier: Seymour Tower, ein Verteidigungsturm im Meer.
GB/Jersey/Watt-Landschaft beim Seymour Inn. Hier: Seymour Tower, ein Verteidigungsturm im Meer.

Ziel der rund dreistündigen Wanderung sind die Icho und Seymour Tower, zwei trutzige Wehrtürme im Watt, die das befestigte englische Eiland vor französischen Übergriffen schützten sollten. Zwei Dutzend Mal versuchte Frankreich vom 13. bis 18. Jahrhundert, das nur 20 Kilometer von der Bretagne entfernte „Piratennest“ einzunehmen – zuletzt bei der Battle of Jersey.

An einem nasskalten Januartag 1781 war es Baron de Rullecourt gelungen, mit 700 Soldaten an der Ostküste zu landen. Auf dem Marktplatz der Hauptstadt St. Helier scheiterte er jedoch an der Übermacht der Insulaner, angeführt von Major Francis Peirson. Beide Männer starben in der Schlacht – und liegen heute friedlich vereint in der Kirche von St. Helier.

So wurden sie Symbol einer Insel, auf der sich britischer Lifestyle mit französischem savoir vivre vereint. Auf den Straßen, die französische Namen tragen, wird links gefahren, im Pub Le Portelet Inn auf „the Queen, our Duke of Normandy“ angestoßen.

Catherine's Breakwater: Kai-/Schutzmauer, die einst die britische Flotte schützen sollte. Der zweite Arm wurde nicht mehr erbaut.
St. Catherine’s Breakwater: Die Schutzmauer sollte einst die britische Flotte schützen..

Mehr Erfolg als die Franzosen hatten die Deutsche im Zweiten Weltkrieg. Die Kanalinseln waren das einzige britische Gebiet, das Hitlers Armee besetzten konnten – von Juni 1940 bis zum 9. Mai 1945, der alljährlich als „Liberation Day“ gefeiert wird. Fünf Jahre lang gruben sich deutsche Ingenieure wie Maulwürfe ein, hoben unterirdische Räume für Mensch und Munition aus und säumten die Küsten mit Bunkern aus Beton.

Gorey: Promenade entlang der Bucht, im Hintergrund Mont Orgueil Castle.
Gorey mit Mont Orgueil Castle

In exponierter Lage mit bestem Meerblick errichtet, sind nur wenige mit Moos und Gras überwuchert und stehen leer. Etliche werden an Feriengäste vermietet. Am Nordende der St. Ouens Bay werden von Faulkners Fisheries Hummer und anderes Meeresgetier für die lokale Küche verkauft. In St. Lawrence im Landesinnern erinnern die mehr als 100 Meter langen Gänge des „Deutschen Unterirdischen Spital“ als Jersey War Tunnels eindrucksvoll mit O-Tönen und Original-Mobiliar an die Zeit der Okkupation.

La Mare Winery: Jersey Cows.
Die Jersey Cows – sie liefern die Milch für köstlichen Käse.

Der Weg dorthin führt durch sanft gewelltes Binnenland. Meterhohe Hecken auf üppig bewachsenen Granitmauern säumen die schmalen Straßen, verdecken die Sicht in den „Green Lanes“, verkehrsberuhigten Wegen mit Vorfahrt für Reiter, Radfahrer und Spaziergänger. Dahinter erstrecken sich Felder mit Frühkartoffeln.

La Mare Winery: Pferd auf einer Koppel im Orchard, dem Apfelgarten des Weinguts, das auch Cider und Apple Brandy produziert.
Ländliche Idylle im Inselinnern: ein Pferd auf einer Koppel

Die Jersey Royals sind das wichtigste Agrarprodukt der Insel – nierenförmige Knollen, je kleiner, desto begehrter. Was in den Augen der Briten zu groß geraten ist, wird nach Belgien exportiert. „Jersey Belles“, rotbunte Kühe mit Rehaugen, grasen auf winzigen Weiden.

Ab und zu lugt zwischen den Hecken ein altes Herrenhaus hervor, ragt eine Kirchturmspitze in den Himmel, führt der Weg in Kehren steil wieder zur Küste zurück: Kunterbunt liegen die Fischkutter in der Bucht von Bonne Nuit auf den Kieseln, mit langen Stahlketten gut zehn Meter höher an der wuchtigen Hafenmauer vertäut.

Die Bucht von Bonne Nuit
Die Bucht von Bonne Nuit

Jersey: Info

Auskunft

Jersey Tourism

Liberation Square, St. Helier, Jersey JE1 1BB, Tel. +44 (0)1534 448877, Fax +44 (0)1534 448898, E-Mail: info@jersey.com, Web: www.jersey.com

Jersey Prospektversand

Postfach 30 02 60, 63089 Rodgau, Tel. 06106/71718, Fax: 06106/870414

Hinkommen

Fähren

Von St-Malo, Granville und Cap Carteret in Frankreich sowie Poole/Bournemouth und Weymouth setzen Autofähren und Ausflugsboote nach Jersey/St. Helier über.

Flug

Direktflüge nach Jersey werden von Deutschland kaum angeboten; VLM hebt von Mönchengladbach vie London auf die Kanalinsel ab, aus der Schweiz fliegt Crossair ab Zürich direkt nach St. Helier. Die gängigsten Verbindungen von Deutschland nach Jersey laufen über die Londoner Flughäfen Heathrow und Gatwick.

Schlafen

Longueville Manor Hotel

Verborgen hinter hohen Mauern, mitten im eigenen Park, versteckt sich die beste Adresse auf der Insel: ein Herrenhaus aus dem 13. Jahrhundert. Malcolm Lewis und seine Frau Patricia haben es in ein luxuriöses Kleinod verwandelt, das mit behaglich-edlen Zimmern, kreativer Küche und herzlich-höflichem Service die Gäste verwöhnt.
• Longueville Road, St. Saviour, Jersey JE 2 /WF, Tel. + 44 15 34 72 55 01, www.longuevillemanor.com

Schlemmen

Jerseys Küche kennt zwar auch Fish & Chips – doch das Gros der Lokals setzt auf die kulinarischen Gemüse, die die Insel unter Gourmets zur Schlemmeroase machen. In der Fisch-Markthalle begeistert die Atlantic Bar mit frischestem Fisch. Über die Landesgrenzen berühmt ist das auch Jersey Pottery Restaurant in Grouville mit seinem üppigen Meeresfrüchte- und Dessertbüffet. Beim Gourmet-Festival alljährlich Mitte Mai kochen die besten Chefs der Insel um die Wette – und küren ihren Meisterkoch.

Dieser Beitrag ist am 9. Juni 2003 auf Spiegel Online erschienen, am 6. April 2004 veröffentlichte das Online-Reisemagazin Schwarzaufweiss.de eine leicht veränderte und aktualisierte Fassung.

Die Bucht von Bonne Nuit
Die Bucht von Bonne Nuit

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