Tartu – das Oxford des Baltikums

Tartu ist das Oxford des Baltikums. Die Binnenstadt am Emajögi-Fluss ist nicht nur die älteste Stadt Estlands, sondern auch ihr intellektuelles Zentrum. 1632 hatte Schwedenkönig Gustav Adolf hier die Academia Gustaviana gegründet, die erste Universität des Landes. Ihr freier Geist – der „Tartu Vaim“ – ist seit Jahrhunderten berühmt. So war Tartu zur Zarenzeit die einzige Universität im russischen Reich, an der Korporationen, Brüderschaften und schlagende Verbindungen genehmigt waren.

Die Farben der ersten estnischen Studentenvereinigung (EÜS) wurden später zur estnischen Nationalflagge erhoben: Blau-weiß-schwarz weht der Staatsbanner vom Dach der Alma Mater. Die Aula der Universität mit ihrer spiegelnden Decke, Säulengang und Galerien gilt nicht nur als einer der besten, sondern auch prachtvollsten Konzertsäle des Landes.

Den schönsten Blick auf Tartu bietet sich bei einem Bummel über den Domberg. Der hügelige Landschaftspark bildet die grüne Lunge für die rund 115.000 Einwohner der zweitgrößten estnischen Stadt. Schlängelnde Fußwege, die Engels- und die Teufelsbrücke verbinden Denkmäler im Schatten alter Bäume.

Hinter jeder Biegung findet sich etwas Besonderes: Hier die Ruinen der Domkirche, die im 15. Jahrhundert als höchster Bau im Baltikum galt und heute als Museum die Geschichte der Universität erzählt, dort ein Opferstein, den die Esten für heilig halten. Brautpaare gehen nach Hochzeit hierher und legen Blumen nieder, Studenten verbrennen nach bestandenem Examen ihre Konzepte auf dem Fels.

Im ehemaligen Schießpulverkeller am Berghang sind ein Restaurant samt Bar eingezogen. Die Seufzerbrücke führt zum Musumägi (Kussberg), einem kleinen Hügel mit einer schattigen Bank. Wo zu Zeiten der Hanse russische Kaufleute eingekerkert wurden, treffen sich heute Verliebte. Am Fuße des Hügels liegt eine kleine künstliche Grotte, in der Liebespaare aus Protest gegen die Ungerechtigkeit der Welt schon öfter gemeinsamen Selbstmord verübt haben sollen.

Jeder Stein in Tartu erzählt Geschichten, ist Geschichte. Dabei durfte zunächst, so ein Dekret des Zaren, nur in der Hauptstadt St. Petersburg mit Steinen gebaut werden. Dieser Befehl hatte fatale Folgen: 1775 zerstörte Feuer fast die gesamte Innenstadt – und schuf so ein Stadtbild, das bis heute die Besucher begeistert. Das gesamte Zentrum wurde im Stil des russischen Klassizismus wiederaufgebaut. Doch diesmal mit dem Verbot, Häuser aus leicht entzündbarem Material wie Holz zu bauen.

Der Rathausplatz von Tartu
Der Rathausplatz von Tartu

So spendete Kaiserin Katharina II. 15.000 Rubel zum Bau der Steinbrücke – sie war Tartus Wahrzeichen, bis Bomben sie 1941 zerstörten. Der große Markt des Mittelalters bildet heute als Rathausplatz das Herz der Stadt, ist Schaufenster und Korso. Einige Cafés haben Stühle auf das Kopfsteinpflaster gestellt, an einer Straßenecke spielt ein Straßenmusikant. Die prunkvollen Häuser ringsum ruhen auf Holzflößen, schwimmen auf dem moorigen Untergrund.

Ein Haus jedoch ist bereits dabei, abzusinken: Das „Barclay-Haus“ neigt sich bereits stärker als der schiefe Turm von Pisa. Hinter der historischen Fassade zeigt die Kivisilla-Galerie estnische Kunst vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 14 Museen erinnern an vergangene Kulturepochen, an Künstler und berühmte Köpfe der Stadt.

Allabendlich hebt sich der Vorgang im Vanemuine-Theater, das estnische Kulturgeschichte schrieb. Im ältesten Theater Estlands wurde 1870 – mitten in der russischen Rege

nschaft – mit „Saaremaa onupoeg“ (Der Vetter aus Ösel) das erste estnische Theaterstück aufgeführt. Der innovative Geist des Theaters hat sich bis heute erhalten. Im Großen wie Kleinen Haus, dem ehemals deutschen Theater, bestimmen progressive und provokante Inszenierungen den Spielplan.

Dieser Beitrag ist Teil eines vierteiligen Specials, das 2002 auf dem inzwischen eingestellten Portal “Medinet” unter dem Titel “Estland, der baltische Tiger” lief.

 

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