Tallinn: Hanseatischer Zwiebelturm

Wer kennt Stockholm? Wer Helsinki? Aber erst recht: Wer hat schon irgendeine Vorstellung von Tallinn, dem alten Reval? Noch ist die estnische Hauptstadt ein Geheimtipp für Städtereisende.

Ein Ring monotoner Plattenbausiedlungen, bewohnt von zwangsumgesiedelten Russen, umgibt die gründerzeitliche Neustadt; ein trutziger Mauerring verbirgt das mittelalterlich-hanseatische Zentrum: Tallinn, das alte Reval, verbirgt seinen Charme all den Reisenden, die über Land die Stadt erreichen.

Auf dem Seeweg jedoch zeigt es sich von seiner schönsten Seite. Wenn am Horizont die schlanken Kirchtürme, die mächtigen Festungstürme und die roten Ziegeldächer der alten Hansestadt auftauchen, wird verständlich, warum Tallinn mit Toompea (Domberg) und Vanalinn (Unterstadt) als wohl schönstes – und geschlossenstes – Ensemble einer mittelalterlichen Stadt gilt. Und dabei durchaus modern ist: Die Nähe zu Finnland, binnen zwei Stunden per Schnellboot zu erreichen, hat Tallinn schneller als andere Städte im Baltikum in die westliche Welt katapultiert. Und West meint meist skandinavisch – vor allem schwedische und finnische Unternehmen beherrschen die estnische Wirtschaft, so, wie einst zur schwedischen Zeit (1561 – 1710).

allinn: Uus tanäv, Häuserreihe Höhe Nr. 18
Altstadtflair in der Uus tanäv auf Höhe Nr. 18

Ausgangspunkt für Entdeckungen ist der zentrale Platz viru väljak. Das gleichnamige Hotel „Viru“ bildete vor der Unabhängigkeit Estlands 25 Jahre lang das inoffizielle Zentrum der Stadt. Nur in der einstigen Intourist-Herberge mit ihrer Ladengalerie, den Restaurants und Bars, dem Nachtclub und Saunakomplex, hatten sich Ost und West vor der Wende nahezu ungestört treffen können. Mit dem schöneren Blick beim Schwitzen wartet das Hotel Olümpia auf: Die Dachsauna, aus Glaswänden erbaut, bietet einen einmaligen Rundblick über die Altstadt.

Tallinn: Rathausplatz
Der Rathausplatz von Tallinn

Die Struktur der Stadt verrät ein Blick von Aussichtsplattform „Kohtu“: Hier oben die prachtvollen Paläste des Dombergs, Zentrum der geistigen und weltlichen Macht, dort unten die engen Gassen der Altstadt, Quartier der Bürger, Handwerker und Kaufleute. Die einzige Verbindung – die steile Kopfsteingasse Pikk Jalg – wurde Jahrhunderte lang allabendlich unterbrochen. Pünktlich um neun schloss das Untertor seine Pforte bis zum nächsten Morgen. Oder manchmal für länger.

25 Wehrtürme des mächtigen Mauerrings, der einst die ganze Stadt umschloss, sind bis heute erhalten – und werden vielseitig genutzt. Im Neitsitorn, einst ein ungemütlicher Kerker, ist in der zweiten und dritte Etage ein gemütliches Café eingezogen, in der „Dicken Margarethe“ residiert ein Meeresmuseum, im Aussauweturm ein Schau zur Musik- und Theaterkunde. Andere Wehrtürme sind Wohnung, Atelier, Galerie.

Tallinn: Viru-Straße, Bakaalkaubad
Die Viru tanäv mit dem Bakaalkaubad

Die „Vanalinn“, die Altstadt innerhalb des Mauergürtels, ist nahezu vollständig für den privaten Autoverkehr gesperrt. Mittelalterliche Gildehäuser, restaurierte Speicher, zahlreiche Kirchen, Kapellen, kleine Krämerläden, Hallen und Hütten säumen die Kopfsteingassen. Abends leuchtet fahl das Licht der Gaslaternen. Jetzt, außerhalb der Saison, lässt sich der Charme der Stadt besser entdecken als in den Sommermonaten, in denen eine Bimmelbahn Touristen laut ratternd vom Raekoja Plats (Rathausplatz) durch die Altstadt hinauf zum Domberg kutschiert.

Tallinn: Touristenzug auf dem Rathausplatz
Touristenzug auf dem Rathausplatz

Schnell zum Schloss, hinein in die Toomkirik (St. Marien-Dom), das Denkmal von Weltumsegler Krusenstern bewundert, ein kurzer Blick auf die Alexander-Newski-Katheldrale, zum Abschied noch schnell zum ältesten Haus, das dicht am Abhang steht, und schon saust die Bahn hinab in die Altstadt, hin zu Maiasmokk. Estlands erster Schokoladen- und Marzipan-Produzent, 1806 als Café Stude gegründet, ist bis heute Treffpunkt am Tage. Abends beweist das Restaurant Vanaema Juures (Rataskaevau 10/12) überzeugend, dass nicht nur Elch zur estnischen Küche gehört.

Die Nikolaikirche (Niguliste Kirik)

In spannungsreichem Kontrast zu benachbarten Altstadt steht das „neue“ Zentrum, das der finnische Eliel Saarinen für Tallinn entwarf: monumentale Plätze und breite Boulevards kontrastieren dort mit pittoresken Plätzen, gemütlichen Hinterhöfen und lauschigen Gassen. Den traumhaften Generalplan zerstörte die Realität des Ersten Weltkriegs: Nur die Kreditbank von 1911/12 ist als Bau Saarinens erhalten. Außerhalb der denkmalgeschützten Altstadt hat der Sozialismus manche Narben ins Stadtbild des Zentrums geschlagen – so das zwölfstöckige Hochhaus des einstigen Zentralkomitees der Kommunistischen Partei.

Doch das russische Erbe kennt auch schöne Seiten: Kadriog – Katharinental. Der schönste und größte Park der Stadt erstreckt sich zwischen der breiten Bucht und dem steilen Lasnamägi. Das erster Sommerhäuschen von Zar Peter wich schon bald einer prachtvollen Residenz. Heute residiert im ersten Barockschloss Estlands das nationale Kunstmuseum, reicht der Park von Kadriorg bis an die Küstenpromenade.

Das bäuerliche Erbe Estlands präsentiert das Ethnografische Freilichtmuseum im Vorort Rocca al Mare: Scheunen, Ställe, Windmühlen, aufgebaut auf 70 Hektar Wald und Wiesen. Schafe und Ziegen grasen frei umher, Bauern flechten Weidenzäune, hier beschlägt ein Schmied die Hufe, dort wird frisches Brot gebacken. Und am Horizont grüßen die Kirchtürme von Tallinn über die Kopli-Bucht.

Dieser Beitrag ist am 20. November 2000 auf Spiegel Online erschienen. 

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